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Wahlabend Oktober 12, 2007, 22:10

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Uncategorized.
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Heute abend war ich mal mal wieder im Wahlausschuß. Das letzte Mal, so vor zwei, drei Wochen, habe ich gar nichts davon erzählt, dabei war es die hochdramatische Entscheidung zur Frage, Struktur des Kibbuz ändern oder nicht. Nicht Privatisierung, aber so ein Modell nichtFisch-nichtVogel. Knapp-knapp hat die Mehrheit wieder nicht gereicht – es muß eine Mehrheit von 75% für so eine bedeutsame Entscheidung geben, sonst kommt sie nicht durch. Die Auszählung war wieder, wie im Frühjahr, sehr spannungsgeladen. Alle dachten, es geht durch, aber acht Stimmen fehlten an der Mehrheit.

Aber heute war nicht so eine schicksalhafte Wahl. Es wurde eine neue Vorsitzende für den Erziehungsauschuß gewählt, zwei junge Frauen standen zur Wahl. Die vorherige war in meinem Alter gewesen (wir haben Kinder im selben Alter), jetzt ist die jüngere Generation dran. Ich finde, die Richtige ist gewählt worden, eine hochintelligente, engagierte Erzieherin, die ich näher kennengelernt habe, als sie studierte. Ich freue mich immer, wenn junge Leute, die so hohes Potential für alles mögliche haben, in einen Beruf gehen, der so wenig Geld und Prestige bringt wie frühkindliche Erziehung. Na ja, im Kibbuz ist das Prestige hoch, aber das Geld ist trotzdem wenig.

Um die andere Entscheidung, ob die Arbeit am Modell, das neulich wieder abgelehnt wurde, fortgesetzt werden soll. Natürlich haben alle dafür gestimmt. Ich erwarte, daß es demnächst noch einmal zur Wahl steht, mit ein paar Änderungen, und dann durchkommt.

Dann werden wir juristisch keine Chavrei kibbutz mehr sein, keine Kibbuzmitglieder. Ich weiß nicht, ob ich die einzige bin, der das leidtut. Selbst die ältere Frau, mit der ich heute an der Urne saß, und die eine feurige Gegnerin der ganzen Veränderungen ist, meinte, sie hat darüber noch nicht nachgedacht. Ich schon. Ich empfinde es als Ehre und Statssymbol, chaverat kibbutz zu sein, egal, ob andere Leute das doof finden oder nicht. Ich habe mich entschieden, im Kibbuz zu leben, und ich sage mit Stolz, daß ich Kibbuzmitglied bin. Das bedeutet mir etwas. Es hat auch Auswirkungen rechtlicher Art und sogar finanzielle Vorteile. Der Kibbuz schließt vorteilhafte Verträge mit Firmen, Läden und allen möglichen Einrichtungen ab. Wir kriegen in vielen Läden Prozente, wenn der Kibbuz ein guter Kunde ist. Ich habe Vorteile bei der Steuereinstufung. (Fragt mich bloß keine Einzelheiten!) Nicht zuletzt bin ich stolz, daß wir wählen und abstimmen. Obwohl: das soll auch so weitergehen, wenn wir nicht mehr Kibbuz sind, sondern Yishuv kehillati… und auch da werden Mitglieder reingewählt.

Jedesmal, wenn wir mit unseren Listen und unserer Urne und den Zetteln dasitzen, kommen Gäste aus den Ferienhäusern oder Gäste von Familien, meistens auch der Arzt des Kibbuz (der hier nur Toshav ist, also resident, wie heißt das auf Deutsch? na der wohnt bloß hier). Worüber wir abstimmen, wer Wahlrecht hat, wie das abläuft, und wie wir sichergehen, daß nicht gefudelt wird.

Wir sitzen immer zu zweit im Eingang vom Dining room, immer zwei Leute aus dem Wahlausschuß. Nur wir dürfen das, wenn ich zum Beispiel nicht kann, dann darf ich nicht Y. schicken. Meine Schwiegermutter schon, die ist nämlich auch im Ausschuß. Wir haben zwei Listen mit den Namen der Wahlberechtigten, also der formellen Mitglieder – ich habe immer von aleph bis lamed, mein Partner von mem bis tav. Wer seine Zettel in die Urne geschmissen hat, den streichen wir aus. Manchmal nehmen Leute die Wahlzettel mit, diskutieren erst mal an ihrem Tisch, bringen die Zettel dann zurück. Weil sie es manchmal auch vergessen, streichen wir sie immer erst aus, wenn sie wirklich gewählt haben.

Mittags ist die erste Öffnung der Urne, abends die zweite. Abends ist netter, weil festlicher, auch wenn es da länger dauert, weil wir zählen müssen. Jeweils anderthalb Stunden. Wir führen natürlich die Listen von mittags weiter. Manchmal fallen dann Fehler auf. So blieb Rafi bei uns stehen und erzählte uns was. Ich sage, „Rafi, du hast ja noch gar nicht gewählt!“ Er meint, „doch doch, da hat der Mordechai mich wohl nicht von der Liste gestrichen! streicht mich aus, ich habe gewählt“. Wir fragen hinterher den Leiter des Wahlausschusses, der die ganze Zeit in der Nähe herumstreicht, was wir nun machen sollen. Er ruft bei Mordechai an und fragt. Hat Rafi heute mittag bei dir abgestimmt? Ja, oh weh, tut mir leid!! Wir streichen Rafi von der Liste, der Leiter des Wahlausschusses schreibt es alles im Wahlprotokoll nieder.

Es muß alles seine Richtigkeit haben, sonst passiert es schon mal, daß sich Chaverim beschweren oder meinen, es wird gefudelt. Wenn jemand nicht abstimmen kann und jemand anders die Vollmacht gibt, muß das schriftlich vorliegen. Immer ein Gedöns. Alles muß von allen unterschrieben werden.

Pünktlich um acht machen wir die Liste zu und die Urne auf und fangen an zu zählen. Der Leiter des Wahlausschusses zählt auf spanisch, ich auf deutsch, eine Kollegin auf englisch, ein anderer auf russisch. Wir hatten schon die verrücktesten Zähl-Abende. Immerhin stört man sich nicht, wenn man in fremden Sprachen murmelt… Manchmal kommt es vor, daß Chaverim auf die Wahlzettel was draufschreiben, meist aus Protest. Das sind dann ungültige Zettel. Heute war einer dabei. Jemand hat auf den Zettel mit den zwei Namen geschrieben, es ist ihm egal.

Der Leiter des Wahlausschusses hilft aber nur. Wir als verantwortliche Mitglieder müssen letztendlich die Verantwortung für die Zahlen nehmen. Alles wird am Schwarzen Brett angeschlagen. Alle Unterlagen kommen in einen großen Umschlag. Erst nach drei Monaten wird der vernichtet – bis dahin können Chaverim verlangen, ihn zu öffnen, nachzuzählen.

Und immer, aber auch immer warten draußen Chaverim und fragen, nu, wie ist es ausgegangen? Machmal rufen mich sogar Leute an. So gespannt war ich noch nie auf ein Ergebnis…

Heute abend hatte ich es besonders nett, weil Quarta bei mir saß, Secundus in der Küche arbeitete und auch mein Schwager mit seiner Familie da war. Das ist ein schöner Job, nicht zu anstrengend, aber man weiß immer, was vorgeht. Und der halbe Kibbuz, den ich ja sonst nicht sehe, zieht an mir vorüber…

Kommentare»

1. Piet - Oktober 13, 2007, 18:17

Ist das eigentlich eine allgemeine Entwicklung in Israel, dass Kibbuze (Kibbuzim?) nach und nach aufgelöst werden, oder betrifft das nur wenige und hier speziell euren?

2. grenzgaenge - Oktober 13, 2007, 22:33

schavua tov 😉


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