jump to navigation

Von Schlußstrichen November 10, 2019, 23:21

Posted by Lila in Deutschland, Persönliches.
trackback

In letzter Zeit lese ich zu viel über die NS-Zeit, die Regale entlang. Dabei bin ich auf die englische Ausgabe von Stephan Leberts „Denn du trägst meinen Namen“ gestoßen (ich meine, ich hätte vor Ewigkeiten mal die deutsche Fassung gelesen). Das Buch ist 20 Jahre alt, also beim heutigen Lesen eine dreifache Zeitreise. Der Autor interviewt Kinder von Nazi-„Größen“ in den späten 90er Jahren, die sein Vater kurz nach Kriegsende bereits interviewt und zu ihren Erinnerungen befragt hatte. Also von heute in die 90er, dann in die 50er, schließlich in die 30er Jahre.

Zu den Befragten selbst kann ich nicht viel sagen – außer Niklas Frank hat sich keiner von ihnen richtig freigeschwommen, und ich nehme an, daß auch ihm es noch schwerer gefallen wäre, wenn sein Vater ihm auch nur ein bißchen Liebe gezeigt hätte. Wir kommen so liebebedürftig zur Welt, daß es vermutlich zu viel verlangt wäre von einer Edda Göring, sich rational von ihrem Vater zu distanzieren. Ich bin keine Psychologin. Lebert und viele andere Autoren haben zu dem Thema alles gesagt. (Ich weiß von Freundinnen, wie hartnäckig das innere Bild der Guten Eltern ist – selbst Kinder mit Hämatomen und Brandwunden, die sie ihren Eltern verdanken, suchen noch nach Anerkennung und Liebe dieser Menschen und finden Erklärungen.)

Aber dem Autor fiel einiges auf, das man verallgemeinern kann. Auch die Kinder der größten Schurken konnten ihre Väter exkulpieren, indem sie die wahre Schuld auf andere schoben. Sprich – selbst wenn ihnen dämmerte, daß die Bilanz der Nazizeit eine lange Reihe unvorstellbarer Verbrechen war, dann fanden sie noch einen Weg, ihre Väter davon irgendwie zu distanzieren.

Im Kleinen taten sie damit, was wir Deutschen alle im Großen getan haben und noch tun. Es waren die Anderen, die Parteimitglieder, die höheren Funktionäre, die Fanatiker. Keiner fühlt sich betroffen. Es war „die schlimme Zeit“, man hatte Angst vor Bombenangriffen nachts und Tieffliegern tags, man war ja selbst Opfer. Die Erinnerung reicht bis dahin – nicht bis an die Momente vor der Wahlurne, als man entscheiden mußte, welcher Zettel reinkommt.

Wie bequem für uns alle, daß es die Franks, die Görings, die Himmlers und wie sie alle heißen gab. Die waren es, die waren schuld, aber unsere Oma und Opa doch nicht. Die Oma hatte eh keine Ahnung von Politik, der Opa war sowieso dagegen, und was hätten sie schon tun sollen? Sie haben doch alle mit innerem Widerwillen die Flaggen gehißt, die Lieder gesungen, die Sonnenwendfeiern mitgemacht und die jüdischen Geschäfte boykottiert. Ja, daß es dann hinterher die Möbel und Bücher von Nathans so billig gab, wer hätte denn ahnen können, wieso?

Ich möchte nicht selbstgefällig über Leute zu Gericht sitzen, die sich mitschuldig gemacht haben, denn wer weiß, ob ich selbst nicht auch eine begeisterte Marmeladenköchin im Dienst der Deutschen Frauenschaft geworden wäre? Aber es gibt ja noch Möglichkeiten außer blinder Exkulpierung oder arroganter Verurteilung, mit der Tatsache zu leben, daß es vermutlich keine Familie in Deutschland gab, die nicht als Opfer oder im weitesten Sinne als Täter Kenntnis von Zielen, Methoden und Taten der NS-Regierung hatte. (Ich spreche hier zu Nachkommen der Täter, nicht der Opfer.) Bekanntlich war der Zugriff total. Er war raffiniert und primitiv zugleich. Aber das macht unsere Vorfahren nicht zu armen Verführten, denn auch die, die ganze Propagandakacke anrührten, waren Deutsche.

Wo war, wo ist das Entsetzen? Lebert zitiert Schmidbauer, Lewitan, Reich-Ranicki – viele haben mit Entsetzen gesehen, daß den Tätern, ihren Kindern und Kindeskindern das Entsetzen fehlt. Ja, es ist Schulstoff, man sieht Filme und geht in Konzentrationslager und Museen und findet es alles ganz schrecklich. Vielleicht kommt für einen Moment das Grauen hoch, aber man schiebt es weg. Es waren ja Andere, ja, auch Deutsche, ja, auch in unserer Stadt, aber je näher man die Täter in der Umgebung hat, desto mehr Entschuldigungen hat man für sie.

Ich wünsche mir oft, ich hätte die Kaltblütigkeit, die ganzen harschen Kritiker Israels, die mir ungefragt ihre Meinungen um die Ohren schlagen, wenn sie hören, daß ich aus Israel komme – daß ich sie ganz schlicht fragen könnte: sag mal, was haben deine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern eigentlich zwischen 1933 und 1945 gemacht? Wie habt ihr das in der Familie thematisiert, verarbeitet, besprochen? Was habt ihr daraus für Lehren gezogen?

Vielleicht würde dann mal jemand auf den Trichter kommen, daß dieselbe Verächtlichkeit, mit der Juden als Giftpilze und Ratten beschimpft wurden, heute andere Termini benutzt, aber immer noch komplett unverändert sich durch die Zeit gerettet hat. Daß die eigenen Urteile über den Nahostkonflikt vielleicht doch nicht so „unparteiisch“ sind. Weil wir Partei sind. Auch wenn wir es vor uns selbst ableugnen.

Ja, auch die Journalisten, die sich gern als Hohepriester der Ausgewogenheit feiern, haben zuhause noch irgendwo Urgroßmutters Mutterkreuz und ein Bild vom Urgroßvater in Wehrmachtsuniform. Über die nie jemand gesprochen hat. Was das damit zu tun hat, daß sie ständig passiv-aggressive Urteile über Israel fällen, abwertende Begriffe verwerten, die Glaubwürdigkeit israelischer Quellen grammatikalisch anzweifeln? Oh, nichts natürlich, das muß Zufall sein.

Und beim Nachdenken in einer Lesepause dachte ich darüber nach, wie oft ich schon gehört habe, wir sollten aufhören, über die Kreuzzüge zu reden, über das Römische Reich, über den 30jährigen Krieg, die napoleonischen Kriege, die russische Revolution. Schlußstrich darunter, alles olle Kamellen, keiner kann mehr was davon lernen, und es dient ohnehin nur dazu, anderen ein schlechtes Gewissen einzureden, sich moralisch über sie zu erheben und sie emotional zu erpressen!

Ach, erinnere ich mich falsch? Wird diese Aussage tatsächlich nur und ausschließlich über die NS-Zeit getan? Ist es möglich, daß jeder, der von Schlußstrichen faselt, das tut, weil die Einschläge zu nahe kommen, weil er oder sie nicht imstande oder willens ist, wie ein moralisch erwachsener Mensch vor dem Grauen der Geschichte zu stehen, ohne sich in Distanzierung, Relativierung, Schuldumkehr, Projektion und verlogenen Sündenstolz zu retten?

Einfach erstmal dastehen und fühlen, wie das schmerzt und drückt und unausweichlich ist. Dann daraus ehrliche Konsequenzen ziehen. Den eigenen Vorurteilen, Ressentiments, Verkürzungen und Heucheleien unerbittlich nachjagen. Und sie bei anderen erkennen.

Es ist nicht einfach. Heute traf ich, wie schon so oft, eine ältere Dame, die in alle meine Vorträge kommt. Sie erzählte mir hinterher von den Tagebüchern ihres Vaters, der aus Berlin kam, und daß ihr junge Deutsche beim Lesen und Übersetzen helfen. Sie selbst war nur einmal in Berlin. Vier Tage. Mehr konnte sie nicht.

Hätte ich ihr sagen sollen: ach, aber das hat doch mit dem heutigen Deutschland nichts mehr zu tun?

Das konnte ich nicht. Ich treffe oft Leute hier, die total begeistert sind von Berlin oder Köln oder dem Schwarzwald, und dann freue ich mich, bin erleichtert, daß sie keine negativen Erlebnisse hatten. Aber soll ich dieser Frau versichern, daß heute in Deutschland Juden willkommen sind, daß sie sich furchtlos bewegen können? Noch vor ein paar Jahren war das einfacher, vielleicht habe ich da noch die Augen verschlossen – aber ich habe mich auf die Urteile jüdischer und israelischer Freunde verlassen. Ich selbst bin ja schon länger weg aus Deutschland, als ich dort gelebt habe.

Aber wie bitter ist es, daß ich nur nicken kann, wenn eine alte Dame mir erzählt, daß sie Angst hat, in Deutschland als Israelin, als Jüdin erkannt zu werden, und ich kann nicht sagen: oh, ich bin sicher, daß diese Angst unbegründet ist!

Statt dessen sage ich, „es gibt so viele schöne Orte in der Welt – du hast das Haus gesehen, in dem dein Vater aufgewachsen ist, und wenn du nicht nochmal hinfahren willst, kann ich das gut verstehen“.

Und denke an den jungen Juden in Freiburg, dem niemand geholfen hat, als ihm im Fitneß-Center die Kippa vom Kopf gerissen wurde. Der danach in einem Interview nichts über die Täter sagen wollte, aus Sorge, Ressentiments zu bestärken, unter denen dann Unschuldige leiden müßten.

Hätten die Studenten, die drumherum standen und nicht eingriffen, anders reagiert, wenn einem Flüchtling eine vergleichbare Aggression entgegengeschlagen wäre? Wäre sie dann alle betroffen gewesen und aktiv geworden? Vielleicht. Gut zu Flüchtlingen zu sein ist ein hoher Wert, weil man sich dann moralisch auf der Seite der Guten fühlen kann. (Was übrigens ein recht schäbiger Grund ist, gut zu Flüchtlingen zu sein, und ich fühle mich etwas garstig, daß mir dieser Verdacht so oft gekommen ist – als ich diesen Rausch der Begeisterung sah, vor ein paar Jahren, der nichts mit den Bedürfnissen der Flüchtlinge zu tun hatte, aber alles mit den Bedürfnissen mancher Helfer.)

Das Entsetzen kam nicht in den 50ern, sondern statt dessen Freßwelle, Reisewelle, Dauerwelle. Dann kamen die 60er, zuerst war man auf der Seite der Guten im Kalten Krieg und dann im Protest gegen Vietnam und Muff unter Talaren. Wie muffig man selbst war, mußte man nicht sehen – Prilblumen draufgeklebt, mit Optimismus weiter. Dann waren es schon nicht mehr die Eltern, sondern die Großeltern, und wer nimmt sich schon zu Herzen, was die Großeltern getan haben? Gut, wir benutzen gern Omas altes Indisch Blau, aber mit Omas geschönten Erinnerungen haben wir doch nichts zu tun!

Und so sind wir immer weiter mit kaltem Herzen, Fingerzeigen auf andere und selbstgerechten Urteilen von einem Jahrzehnt ins nächste gepoltert. Die Bindung an unsere Vergangenheit ist eine unsicher-vermeidende, die sich als Unabhängigkeit tarnt und sich wie ein moralisch unreifer Jugendlicher an Vorschriften klammert als ein Gewissen entwickelt. Daher kommt vielleicht das nach wie vor oft gehörte, „das ist nun mal so, da kann ich ihnen nicht helfen, das ist die Vorschrift“, das Festhalten an den heiligen Kühen – unsere Miele, unsere Mülltrennung, unser Mettigel.

Ja ja, alles Unsinn, wer kann schon ein Volk von 80 Millionen analysieren, ohne überhaupt nur dort mehr Zeit verbracht zu haben als ein paar Jugendjahre? Das hat doch alles mit euch, mit mir, mit uns, gar nichts zu tun. Es waren doch die Anderen, die wirklich Bösen.

Kommentare»

1. David X - November 11, 2019, 11:57

In Deutschland ist Antisemitismus wieder salonfähig. Einen Schlußstrich hat es nie gegeben, es soll auch keinen geben: Denn es ist geradezu Bestandteil der allgegenwärtigen Propaganda der Blockpartei (SPD, CDU/CSU, Grüne, Linke) und der von ihnen beherrschten Medien, daß man alles tun müsse, damit sich „so etwas nie mehr wiederholt“. Dabei greift man jedoch zu den „probaten“ Mitteln, die im Unrechtsregime 1933-45 und später in der DDR angewandt wurden, also Diffamierung, Pöbeleien, Beschneidung der Meinungsfreiheit, Unterstellungen, Vorverurteilungen, soziale Ächtung, Berufsverbote – bis hin zu Rollkommandos, die morgens wegen nichtiger „Vergehen“ im Schlafzimmer stehen. Die Gesetze werden momentan Schritt für Schritt fit gemacht für eine Zeit, die der NS-Diktatur und auch dem Stasi-Staat sehr ähnlich werden dürfte. Eine Gewaltenteilung im „demokratischen Sinn“ gibt es nicht mehr, die Exekutive hat übernommen, die Legislative ist ein Abklatschorgan geworden, die Judikative arbeitet zu (geliefert wie bestellt). Das kann natürlich nicht gut gehen, die Verwerfungen sind im Alltag deutlich sichtbar.

Das Thema Juden schwingt immer mit bzw. wird ganz gezielt genutzt. Das Regierungshandeln ist zweigeteilt: Zum einen die offiziellen Gedenkfeiern, bei denen man mit Leichenbittermienen sowie neuen und alten Produkten aus der Bundesworthülsenfabrik auf die Schändlichkeit der Geschehnisse abhebt und Trauer, Betroffenheit und mehr heuchelt. Gern wird dabei auch von Staatsräson gefaselt, ein Begriff, den es im deutschen Recht überhaupt nicht gibt, der also völlig inhaltsleer ist, eine Worthülse eben. Aktiv gehandelt wird zum anderen aber anders, man sieht es beim Verhalten bei der UNO, beim Thema Iran, BDS, Hamas/UNRWA und mehr. Und man holt sich ohne Not zu Hunderttausenden Leute ins Land, die seit 1.500 Jahren schlimmste Judenhasser und -schlächter sind. Diese läßt man dann durch die Straßen ziehen mit Sprüchen wie „Juden ins Gas“ – unter Polizeischutz. Und wehe, wenn eine Israelflagge am Fenster gezeigt wird: Diese holt man dann auch gerne – wie geschehen – aus einer Privatwohnung gewaltsam heraus.

Die feine Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Israelfeindschaft ist, das wissen alle, die sich mit dem Thema ein ganz klein wenig beschäftigt haben, nur ein Deckmäntelchen. Selbstverständlich geht es um genau dasselbe.

Gerade eben ist mir dieser Link untergekommen:

https://heckticker.blogspot.com/2019/11/der-schriftzug-ist-unklug-aber-nicht.html

Man könnte mit einem Achselzucken darüber hinweggehen, sollte es aber nicht: Das ist Deutschland heute. Es erinnert fatal an vergangene Zeiten. Einen Schlußstrich gibt es daher nicht, weil die Lehren nicht gezogen worden sind. Wäre es anders, hätte es nicht so weit kommen können, wie ich es heute beobachte.

Juden sitzen in Deutschland wieder auf gepackten Koffern. Die „offiziellen“ Juden vom Zentralrat u.a. verhalten sich aus meiner Sicht schändlich, weil sie die Dinge nicht einmal beim Namen nennen, ihnen ist wohl das Sich-Andienen an die Regierenden wichtiger. Am Rande: Auch der israelische Botschafter ist leider kein Mann der klaren Worte.

2. bobyleff - November 11, 2019, 13:15

Statt eines Kommentars diesen Artikel aus der „WELT“:
https://www.welt.de/kultur/buehne-konzert/article115681747/Wagner-war-Avantgarde-als-Musiker-und-Antisemit.html
Besorgniserregend!!

3. Georg B. Mrozek - November 11, 2019, 19:28

Oh, ich stehe kurz davor, den eigenen Schreibgriffel bzw. die Tastatur endgültig in den Müll zu werfen, denn ich komme mir bei deinem an Genialität grenzenden Artikel vor wie der Student an der Kunstakademie, dem beim Anblick so mancher Meisterwerke schlagartig das Fehlen eigener Talente bewusst wird. Wie hast du es nur geschafft, den Bogen so umfangreich aber keineswegs ausschweifend, so treffend aber ohne zu verletzen und das Skalpell ohne ein noch so geringes Zittern anzusetzen, um die befallenden kranken Gewebezellen sichtbar offenzulegen? Es ist ein Meisterwerk der schreibenden Kunst und eine Konzentrationsleistung sondergleichen. Du verleihst deinem geballten Innenleben scheinbar spielerisch Form und Struktur, die es der Leserin und dem Leser ermöglichen, in deinen hell erleuchteten Gehirnwindungen an der Seite des Herrn Ratio und der Frau Emotion einen Sonntagsspaziergang zu unternehmen, der lange in angenehmer Erinnerung bleibt.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s