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Immer noch in der Schwebe November 5, 2019, 16:39

Posted by Lila in Land und Leute.
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Später werden wir uns mal daran erinnern, wie merkwürdig das war. Das Land hat nach zwei Wahlen keine Regierung, weil diesmal alle ihre Versprechungen aus dem Wahlkampf halten und niemand, der Netanyahu abgeschworen hat, sich auf ihn einschwören möchte. Die Situation ist nach wie vor blockiert. Gantz kann seinen Auftrag der Regierungsbildung nicht erfüllen, alle Politiker zappeln in ihren Netzen. Unterdessen sind Entscheidungen blockiert, Etats sind unklar, keiner weiß, in welche Richtung es weitergehen soll, weder innen- noch außenpolitisch. Bibi spielt unterdessen weiter PM, als müßte das so sein.

Gleichzeitig sickern Informationen über Bibis diverse Anhörungen durch, und es scheint durchaus möglich, daß es zu einer Anklageerhebung kommt, aber wann? und was sagt die Tatsache, daß Informationen überhaupt durchsickern, über die Staatsanwaltschaft aus? Es wird auch geraunt, daß die Kronzeugen gegen Netanyahu unter Druck gesetzt wurden, und niemand sieht richtig frisch und rosig aus in dieser Geschichte.

Zwischendurch rappeln und brummen alle Telefone – Red Alarm löst aus, im Süden retten sich Familien in ihre Schutzräume und Raketen fallen (immer wieder mal eine auf ein Haus, obwohl Iron Dome die meisten abschießt). Dann wird spekuliert – war es der Islamische Jihad? läßt die Hamas das zu, oder würde sie es gern verhindern, weiß aber nicht wie? Israel beschießt symbolisch ein paar von der Hamas militärisch genutzte Gebäude, die die Hamas natürlich vorher schlauerweise räumt. An einer Eskalation liegt niemandem, also ist am nächsten Tag wieder spukhafte Ruhe, als wäre nichts gewesen. Bis zum nächsten Alarm.

Im Libanon wird demonstriert, in vielen anderen Ländern auch. Nach dem arabischen Frühling, der katastrophale Folgen hatte, könnte nun ein arabischer Herbst folgen. Der Iran droht, die Türkei hat ihre Interessen gewaltsam durchgesetzt, die Falschen können sich freuen, und alle Prozesse laufen weiter ab, in dieser unruhigen Gegend.

Wie konkret die Bedrohung durch den Iran ist, der vielleicht vom Yemen aus ein paar Raketlein auf unser garstig Haupt schießen will, kann ich nicht einschätzen. Man hört es ungern, Anzeichen für De-Eskalation gibt der Iran auch nicht, andererseits – was hätten sie jetzt davon? Sie möchten doch bestimmt warten, bis sie eine nette, pummelige Atombombe haben, damit es sich auch lohnt.

Ja, Bibi ist noch am Steuer, aber einen richtigen Kurs kann er nicht einschlagen, denn er weiß nicht, wer in einem halben Jahr das Steuer übernimmt. Ich tippe darauf, daß er es nicht mehr sein wird – er hat es dreimal nicht geschafft, die benötigte Mehrheit zu schaffen, warum sollte er es nach einem CHALILA dritten Wahlgang schaffen? (Ja, dreimal: 1. nach dem Abspringen Liebermans, deswegen wurden Wahlen nötig – 2. nach dem Wahlen im Frühling und 2. jetzt).

Es ist eine Situation, wie ich sie noch nie erlebt habe, und ich habe schon einiges hier erlebt. Das Leben läuft normal weiter. Ich genieße meine Arbeit, verliere regelmäßig gegen Quarta im Mensch-ärgere-dich-nicht (wir spielen das noch immer obsessiv – auf dem Sechserfeld, jede von uns mit drei Farben, immer dieselben, und ich habe in all den Jahren nur EIN jämmerliches Mal knapp gewonnen!), trinke morgens Kaffee und abends Tee mit meinem geliebten Mann, und lebe zufrieden wie ein Eichhörnchen in seinem mit Büchern vollgestopften Kobel. Und so leben alle, die ich kenne, normal weiter, im Gegensatz zu anderen Krisenzeiten, wo die tägliche Routine deutlich gestört war. Mal durch Gasmasken und Alarme, mal durch ständige Attentate, mal durch Angst um Kinder in Uniform. Diesmal ist es nicht so.

Aber der Irrsinn, daß ausgerechnet dieses Land seit einem Jahr keine funktionsfähige, stabile Regierung hat, liegt knapp unter der Oberfläche. Egal wo die Leute politisch stehen, die ich kenne – keiner will ein drittes Mal Knesset-Wahlen. Irgendwas muß geschehen. Aber schnell.

 

 

Kommentare»

1. Georg B. Mrozek - November 5, 2019, 21:11

Das ist schon seltsam. Selbst unter völlig verschiedenen Umständen, Voraussetzungen etc. sehe ich dieses lähmende Patt beinahe überall: Bei uns dümpelt eine große Koalition, die versucht, es allen recht zu machen. In Europa gibt es seit wenigen Jahren faktisch keine Teilung in politisch klassische Lager rechts und links mehr. Neue Parteien werden gegründet und/oder alte Blöcke schließen sich zusammen und geben sich neue Namen. Gegenwärtig findet in Thüringen sogar der Versuch statt, eine Übereinkunft politischer Feinde hinzubekommen. Die Bürger merken von Wahl zu Wahl mehr, dass für ihr persönliches Wohl eine Regierung eigentlich unerheblich ist. Der Staat verteilt flächendeckend Geld und alle sind zufrieden. Auch hierzulande hofft oder unkt man, je nach persönlichem Charakter, es müsse bald etwas geschehen, denn so könne es doch nicht weitergehen (und es wird immer irgendetwas geschehen, erst im Nachhinein kommt die Bewertung, ob dies nun positiv oder negativ gewesen sei). Für den Einen bedeutet die politische Gemengelage die Ruhe vor dem Sturm, für den anderen ist sie Zeichen einer sich anbahnenden Befreiung aus morschen Strukturen, wieder andere bemerken nicht einmal etwas und leben ihr Dasein unbeeindruckt einfach weiter.

Ganz persönlich habe ich im Leben gelernt: erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Vielleicht werden die Karten für unser aller Zukunft ganz woanders neu gemischt. In Asien, in China? In Südamerika? Afrika wohl kaum aber wer weiß? Vielleicht trifft uns Morgen ein bisher unerkannter Komet, der jeden Gott gleichsam vor vollendete Tatsachen stellt. Oder es stellt intelligentes außerirdisches Leben Kontakt mit uns her. Das Wesen einer Überraschung ist bekanntlich, dass niemand vorher an sie dachte (obwohl das im Nachhinein immer irgendwelche Leute behaupten, die aber dann nicht ernst zu nehmen sind).

Also harren wir der Dinge. Warten auf Godot.


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