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Spannung, Krise, Beruhigung September 1, 2019, 18:46

Posted by Lila in Land und Leute.
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Wir wußten ja, daß sich was zusammenbraut, und darum hatte ich das Radio auf leise im Hintergrund an. Gegen 16.00 gingen die Journalisten im Studio von Anekdoten und Geplänkel auf einmal zu angestrengt-nicht-nervösen Berichten von der Grenze über.

Hisbollah hatte mehrere Kornet-Raketen (gegen Panzer) auf Militärfahrzeuge gefeuert. Jetzt wissen wir, daß es sich dabei um ein Sanitätsfahrzeug gehandelt hat, und zwar ganz in der Nähe von Avivim, einem Grenzdorf (vielleicht sogar in Avivim, genaue Informationen gibt die Armee nicht raus, damit die Hisbollah nicht an ihrer Zielgenauigkeit feilen kann).

Die erste Sorge war: ist jemandem was passiert? Gerüchte liefen sofort um, ich weiß nicht mal genau, wie man sie aufnimmt, durch Osmose vermutlich, denn in den Fernsehstudios sorgen Armeeverteter dafür, daß nichts berichtet wird, was nicht stimmt oder was für fremde Ohren nicht bestimmt ist. Aber es hieß, ein Haus in Kibbuz Baram wurde getroffen, und ein Videoclip machte die Runde, von einem Hubschrauber, der im Rambam-Krankenhaus in Haifa landete. (Wer weiß, von wann der Clip ist – der Himmel ist heute viel diesiger als auf dem Bild, auch in Haifa).

Und sofort legt sich ein innerer Hebel um – was machen wir, wenn 2006 sich wiederholt? Ich habe den Schutzraum ja immer fertig, bin aber nicht reingegangen. Die Armee gab Anweisung: Anwohner der Grenzlinie, also näher als 4km an der Grenze, sollen zuhause bleiben oder in anderen Gebäuden mit Schutzraum. Aber nicht in die Schutzräume selbst. Genauso habe ich es also gemacht. Bin in der Küche geblieben, wo ich Blick auf den Fernseher im Wohnzimmer habe. Die Tür zum Küchengarten habe ich offengelassen, um zu hören, was draußen los ist. Wir wohnen ja an einem Hang in Richtung Süden, und wie erwartet habe ich nichts gehört. Nur Flugzeuge und Hubschrauber in der Luft.

Ungefähr zwei Stunden war die Spannung groß – was passiert jetzt? Es war klar: eine Eskalation ist möglich. 2006, ich erinnere mich noch genau an den Tag, wurden nicht nur Grenzsoldaten getötet und verschleppt, sondern auch Dörfer an der Grenze stundenlang beschossen (Zarit und Shtula). Es war also ein viel größer angelegter Angriff als heute.

Hätte es heute mehr als diesen einen Angriff gegeben, und hätte es israelische Verletzte oder gar, chalila, Tote gegeben, dann wären wir jetzt in einer Eskalation, und ich müßte mir überlegen, wie ich Tertia davon überzeuge, ihre ungeschützte kleine Wohnung in Nahariya zu verlassen und bei uns zu bleiben (sie hat in erreichbarer Nähe keinen Schutzraum).

Tertia, die sich um die Nachrichten nicht schert, hatte auf mein Bitten hin im Internet nachgelesen, wie man sich ohne Schutzraum bei Alarm verhält. Treppenhaus aufsuchen – hat ihr Mini-Häuschen nicht. Innenwand aufsuchen – die ist auch windig gebaut. Das Dach ist auch nicht gerade vertraueneinflößend. Aber Tertia hatte die ideale Lösung gefunden: sie hat doch einen guten, stabilen Kaffeetisch, und bei Alarm hockt sie sich darunter, wie finde ich das?

Oh, super finde ich das. Habe ihr empfohlen, sich da noch ein Stück Wellpappe oder etwas Zeitungspapier drüberzulegen, dann bin ich richtig beruhigt! Das fand sie zum Kichern, und ich dann auch, und am Ende war es alles, dem Himmel sei Dank, nicht nötig.

Die Armee hat eine ganze Weile keine Informationen über Verletzte veröffentlicht, und das ist oft ein schlechtes Zeichen – jeder in Israel weiß, daß die Armee erstmal Familien benachrichtigt, und die Medien hier dürfen keine Andeutungen machen. Hisbollah veröffentlichte wechselnde Zahlen von Toten und Verletzten und behauptete auch, sie hätten Israel großzügigerweise erlaubt, diese zu bergen. Und in Beirut gingen wohl die Parties los.

IDF feuerte zurück, und die Anwohner hörten wohl über eine Stunde lang das unerfreuliche Gewummer von Artilleriebeschuß.

Und dann kam die offizielle Bestätigung: keine Toten, keine Verletzten. Wer glaubt, IDF könnte so etwas verbergen, der kennt Israel nicht. Hier sind die meisten Leute sehr besorgt um ihre Soldaten, und Israelis sind gut vernetzt. Jeder kennt jeden. So wie nach schrecklichen Verkehrsunfällen sofort die Namen rumgehen und keiner mehr als 3, höchstens 4 Ecken der Bekanntschaft braucht, so ist es auch bei Soldaten. Wenn es Verletzte gibt, setzen sich sofort Journalisten im Krankenhaus fest und berichten, wie es ihnen geht, und geben Bitten der Familie um Gebete wieder.

Bei Todesfällen ebenso. Es werden sofort in der Umgebung des Wohnorts Todesanzeigen angeschlagen und in den Medien durchgesagt, wann die Beerdigung ist – oft noch am selben Tag, das Judentum beerdigt sofort, und dann kommt die Trauerwoche. Es wird sofort alles öffentlich gemacht, damit jeder, der will, zur Beerdigung kommen kann. Die Anteilnahme ist immer groß, sowohl  nach Unfällen als auch bei Armee-Zwischenfällen, alle kennen die Bilder der Betroffenen.

So war auch die Solidarität für die gekidnappten Soldaten immer groß. Mir fällt gerade nichts ein, was das deutsche Publikum emotional und mental so vereinigen würde wie hier die Sorge um die Soldaten und Soldatinnen.

Also, wenn veröffentlicht wird, daß es keine Verletzten und Toten gibt, dann gibt es auch keine. Und die Armee hat auch, als klar wurde, daß der Vorfall beendet ist, die Warnung aufgehoben. Kurze Zeit später fuhren hier wieder die Autos wie an einem normalen Tag, und draußen toben wieder Kinder.

Israelis sind normalerweise ein undisziplinierter Haufen. Bei Flügen nach Israel kramen die ersten Israelis schon über Zypern ihr Handgepäck aus den Klappen und zappeln in den Sitzen. In Schlangen wird geschubst und gezickt. Aber Anweisungen der Armee werden befolgt. Zuhause bleiben oder nicht – Schutzräume aufsuchen oder nicht – die vielen Übungen des Heimatfront-Kommandos tragen Früchte. Klar, es gibt immer die Abenteuerlustigen, die mit dem Handy filmen und sofort an die TV-Sender schicken, während im Hintergrund die Familie ruft: kommst du wohl in den Schutzraum! Aber insgesamt klappt das alles gut. Wir richten uns nach den Anweisungen der Armee, zu unserer eigenen Sicherheit. Wir sind lieber ein bißchen vorsichtiger, besonders Familien mit Kindern.

Jetzt ist also alles wieder normal, der kollektive Adrenalinspiegel ist wieder im normalen Bereich. (Vermutlich waren Leute in Tel Aviv auch weniger auf dem Sprung als wir hier, die betroffen sind).

Es bleibt zu hoffen, daß sich Nasrallahs Rache damit erledigt hat. Er frohlockt über Tote, die es nicht gegeben hat, und feiert seinen Sieg. Aber das tut er ja immer.

Ich wüßte gern, was Nicht-Hisbollah-Libanesen darüber denken, daß der Iran ihr Land als Sprungbrett für den Angriff gegen Israel mißbraucht. Wüßte gern, ob Hariri es fertigbringen könnte, mit internationaler Hilfe, Hisbollah unter Kontrolle zu bringen – obwohl es dafür bestimmt schon zu spät ist, das hätte in den 1980er Jahren geschehen müssen.

Hisbollah dürfte gar nicht so weit südlich sein, an der israelischen Grenze. Wir waren in den letzten Monaten öfter auf einem Berg, von dem aus man eine gute Aussicht in den Libanon hat – über den Ausflug schreibe ich später mal. Aber man sieht gut, wie Hisbollah sich dort festgesetzt hat und baut.

Wir müssen uns schützen, wir haben keine Wahl, wir haben kein Hinterland und eine kleine Armee, die sich keine Schwäche erlauben kann. Wir haben mit dem Iran einen Feind, der nicht zur Ruhe zu bringen ist, der kein Kriegsziel hat außer unserer Vernichtung. Unser einziges Kriegsziel ist, daß er seins nicht erreicht.

So sieht es aus.

Kommentare»

1. madeleine - September 1, 2019, 19:34

Seid behütet, Ihr alle da oben und überhaupt und überall. Mann, was für eine Welt, es ist zum Haarölseichen (würde mein Bapi sel. sagen)

2. Georg B. Mrozek - September 1, 2019, 20:57

„Ironiemodus ein“: Aber im Rahmen des UNIFIL-Mandats kreuzt doch die deutsche Korvette „Ludwighafen am Rhein“ vor der Küste des Libanons, um die Hisbollah an der Waffeneinfuhr zu hindern, da kann doch also gar nichts passieren… /“Ironiemodus aus“.

Sehe ich eure Ängste, Sorgen und Nöte des Alltags, schäme ich mich geradezu über unsere deutschen Luxusprobleme. Und so lange die Diskussionen um 3. Toilettenhäuschen, genderneutrale Schreib- und Sprachreglungen oder dem Ausruf einzelner Städte und Kommunen als offizielle Orte des Klimanotstandes die Schlagzeilen der Medien und die Gehirne der Menschen füllt, gehtꞌs uns in Deutschland noch unverschämt gut. Nichtsdestotrotz sind meine Gedanken oft bei euch.

3. Lila - September 2, 2019, 7:23

Oh, die schöne Korvette! 😀

Deutschland hat durchaus mehr als Luxusprobleme. Und auch das Genderklo ist keine unernste Angelegenheit – wenn sich die Stimmung ändert und Transsexuelle wahrgenommen und nicht mehr verdroschen werden, ist das gut so. Symbolpolitik kann das leisten. Und auch wenn die Minderheit klein ist, die davon betroffen ist – der Leidensdruck ist dort ziemlich groß, und ich finde, es ist kein Luxus, sich auch darum zu kümmern.

Das findet auch hier statt, allerdings weitaus pragmatischer als in Deutschland. Hier werden einfach die meisten öffentlichen Klos nicht mehr nach Männlein und Weiblein aufgeteilt, und so hat frau 🙂 das zweifelhafte Vergnügen, sich neben einem händewaschenden Mann die Wimpern nachzutuschen. Das Verschwinden der Urinale zwingt mir keine Träne ab.

Verglichen mit Syrien oder dem Jemen haben wir Luxusprobleme.

Ich bin dagegen, Probleme im Leben auf einer Skala einzutragen. Und ich glaube, Deutschland hat auch richtige Probleme. So kann ich mir nicht vorstellen, daß der Verfall der Bundeswehr KEIN Problem ist. Ich sehe die Schlagkraft der BW ähnlich wie die Goldreserve eines Staats. Auch wenn das Gold nur irgendwo liegt, ist es doch wichtig für die Kraft der Währung. Ebenfalls militärische Kraft. Ein Deutschland, das eine moderne, intelligente, gut ausgerüstete Armee im Rücken hat, fühlt sich politisch anders an als eines, das rostige Hubschrauber, geflickte Stiefel und andere Merkwürdigkeiten zu bieten hat.

In einer Welt das Machtpolitik, und so ist die Welt nun einmal, ist Bündnispartner Deutschland, potentiell stark, eine bessere Währung als Deutschland, nicht belastbar.

Der Umgang mit Zuwanderern, Flüchtlingen und allein schon die Unfähigkeit, beides auseinanderzuhalten, scheint mir ebenfalls problematisch. Brennende Flüchtlingsheime sind mir ebenso ein Gräuel wie straflos mit Identitäten jonglierende Pseudo-Flüchtlinge.

Das größte Problem in Deutschland scheint mir, aus der Ferne betrachtet, zu sein, daß alle Probleme mit Ideologie beantwortet werden. Ist das Hegels Erbe? Wer die Probleme in ein theoretisches System einordnet, meint, er hat sie gelöst. Das Ergebnis ist Symbolpolitik und, soweit ich das aus den Medien verfolge, hohle Diskussionen um Symbole.

Stichwort Hambacher Forst. Die Pläne für seine Abholzung waren seit meiner Grundschulzeit bekannt. Dörfer wurden umgesiedelt, riesige Gruben aufgerissen, meine Mutter wohnt zwischen 2 Tagebauen und die Belastung ist unbeschreiblich, und der Hambacher Forst ist schon lange weg. Ohne Pips.

Dann aber, bevor das letzte Stück abgeholzt wird, wachen auf einmal alle auf. Nicht als würde ich die Motivation der Demonstranten nicht ernstnehmen – die meisten davon haben in den 70er Jahren nicht gelebt, als der Driß anfing. Wäre ich da, würde ich mit demonstrieren. Aber wenn wir ehrlich sind – es ist Symbolpolitik. Der Wald IST schon tot, die ganze Diskussion wurde von Politik und Medien so hermetisch weggeschlossen, daß sie erst jetzt stattfindet.

Und das finde ich, aus der Ferne betrachtet, ein großes Problem in Deutschland. Und darum sind pragmatische Lösungen selten. Heilige Kühe wie Datenschutz um jeden Preis, Mülltrennung, der Glaube an deutsche Überlegenheit (Stichwort Ali Weiwei) etc führen zu rein symbolischen Handlungen. Ein Feixen Merkels in die Kameras wird zum Widerstand gegen Trump hochstilisiert. Ein reiner Symbolpolitiker wie Obama wird heiliggesprochen.

Muß packen, sorry, bin ins Räsonniere gekommen, wie der Rheinländer sagt.

All unsere Probleme sind klein verglichen mit einem einzigen Flur im nächstgelegenen Krankenhaus.

4. Rika - September 2, 2019, 13:33

Lila, wie schön, wieder ein Lebenszeichen auf Deinem Blog zu lesen.
Ich habe Deine Einschätzung so vieler (auch politischer) Ereignisse sehr vermisst, denn hier sind wir doch ziemlich reduziert auf die Sicht von ARD, ZDF und den großen Medienhäusern, die aber allesamt eine etwas seltsame Sicht auf Israel haben, um es vorsichtig auszudrücken.

Der neuerliche Händedruck zwischen Abbas und Merkel, verbunden mit der Zusage viele Millionen Euro aus Deutschland für den Fortschritt in den Palästinensergebieten an die Autonomiebehörde zu zahlen, treibt mir den Blutdruck in die Höhe… aber den meisten Deutschen ist das vermutlich entweder egal oder sie stimmen dem Deal sogar zu…

Im vergangenen Jahr war ich in Israel mit einer christlichen Gruppe – es war eine Begegnungsreise, sehr spannend und interessant. Angesichts der Lage an der Grenze zum Libanon erinnere ich mich an Fussata und besonders an Misgav Am und „die Aussicht“ so unmittelbar an / auf der Grenze.

Ich hoffe, wünsche und bete, dass es ruhig bleibt bei Euch da oben im Norden und auch sonst überall in Israel. Gaza ist ja nun auch nicht gerade eine Friedensregion.

Mit allen guten Wünschen und lieben Grüßen, Rika

5. Georg B. Mrozek - September 2, 2019, 21:16

Hehe, oh, das kenne ich gut: vonet Höcksken aufet Stöcksken kommen 🙂


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