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Lage im Norden August 31, 2019, 20:08

Posted by Lila in Land und Leute.
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Bisher merken wir von der Einsatzbereitschaft der Armee nichts, außer daß alle Nachrichtensendung mit den Worten anfangen, „Im Norden  herrscht erhöhte Einsatzbereitschaft, doch die Lage ist im Moment ruhig,“ als täte es ihnen leid, daß nichts weiter zu berichten ist.

Hisbollah veröffentlicht lächerliche Videos. Der neuste zeigt einen jungen Mann, der aussieht wie Nasrallahs Lieblingsenkel, in einer generischen Uniform, die im Libanon für IDF-Uniform gelten soll, wie er in gebrochenem Ivrit durchs Feldtelefon bittet, die Patrouillen auszusetzen, weil er Angst hat.

Wenn israelische Zivilisten nach wie vor ihr normales Leben leben, auch in Dörfern, die direkt an einer Grenze leben, unter der die Hisbollah unentwegt buddelt, an der nördlichen Grenze, die immer wieder angegriffen wird und der südlichen, wo fast täglich Grenzdurchbrüche stattfinden – wenn wir trotzdem hier weiter leben, wie kommt die Hisbollah dann auf die Idee, daß ausgerechnet die Soldaten Angst vor ihnen haben? Unfug.

Nasrallahs pausenlose Drohungen gehen uns auf die Nerven, aber viel mehr geht mir auf die Nerven, daß seine Waffenlieferanten und Strippenzieher im Iran nach wie vor als internationale Partner angesehen werden, daß die Welt Sanktionen pro forma unterstützt, aber hintenrum durchbricht, egal, ob die Atomwaffen, die dort gebaut werden, gegen Israel eingesetzt werden sollen oder nicht.

Wie im Falle Palästinenser ist die Doppelzüngigkeit der Welt überwältigend.

Im Falle Hisbollah hat die internationale Gemeinschaft Israel 2006 gezwungen, den Krieg abzubrechen, mit dem Versprechen, Israels Sicherheit zu gewährleisten, die Hisbollah nicht südlich vom Litani-Fluß sich festsetzen zu lassen, und ihre Bewaffnung zu verhindern.

Seitdem sind IDF-Soldaten auf israelischem Gebiet von Scharfschützen erschossen worden, Bomben platziert worden und mehrere Male israelisches Gebiet mit Raketen beschossen worden – allerdings Einzelfälle, die sich mit der Dichte der Angriffe vor 2006 nicht vergleichen lassen. In den Jahren seither war vielleicht vier oder fünf Mal Alarm, so gesehen hat der Krieg sein Ziel erreicht.

Aber auf UNIFIL ist kein Verlaß, die haben selbst Angst vor Hisbollah und werden auch von dieser Gruppe angegriffen – ich nehme an, das deutsche Fernsehen zeigt die Bilder nicht, werde mal nach dem Film fahnden. Bitte:

Wir haben keinerlei Ansprüche mehr an den Libanon. Die südlibanesische Pufferzone, die eingerichtet wurde, um den Beschuß auf Israel, der vor 1981 alltäglich war, wurde 2000 geräumt, aber das hat keinen Frieden gebracht. Natürlich nicht, denn die Hisbollah will keinen Frieden mit Israel. Als Erfüllungsgehilfe des Iran will die Hisbollah Israel auslöschen und macht kein Geheimnis daraus. Daß in Deutschland diese Organisation noch immer nicht als Terror-Organisation erkannt wurde, ist erschreckend, aber wenig überraschend.

All das hängt wie ein Damoklesschwert, das wir nicht runterholen können, über uns. Seit Jahren und Jahrzehnten.

Und weil dem so ist, weil im Norden jeder weiß, daß wir im Zielkreuz sind und der Rest des Landes auch, deswegen geht das Leben hier normal weiter. Man könnte sagen, daß hier Nicht-Normalität normal ist.

Der Streß, den die Menschen im Süden dauernd haben, wo ständig die Sirenen heulen und Menschen ein Leben ohne die tägliche Bedrohung nicht kennen, der herrschte hier auch jahrzehntelang, nur daß es hier Katyushas waren nicht nicht Qassams. Aber das ist schon ein paar Jahre her.

Irgendwann wird es hier zu einem richtigen Krieg kommen, aber der wird zwischen Israel und dem Iran stattfinden. Ich bin keine Expertin, aber ich glaube, weder Israel noch Hisbollah wollen jetzt eine Eskalation.

Israel will überhaupt nur in Ruhe gelassen werden. Wir haben keine Forderungen an Libanon oder Iran, außer, Israelis und Juden in aller Welt in Ruhe zu lassen. Keine Bombenattentate mehr auf jüdische Einrichtungen oder israelische Touristen, auf die Grenze oder Patrouillen, einfach nur Ruhe. Auch an den Iran haben wir keine Forderungen.

Aber sie wollen uns nicht in Ruhe lassen. Der Konflikt kocht immer wieder hoch. Dann wird wie beim Töpfchen der armen Frau das Feuer wieder schwächer und der Brei sinkt wieder.

Die Konvois von LKWs mit Armeefahrzeugen jedenfalls fahren jedesmal auf, wenn hier eine Eskalation droht. Mein Mann scherzte vorhin, als er die Bilder im Fernsehen sah (und da er mehr unterwegs ist als ich, sah er sie auch auf der Straße), daß es eine extra Einheit gibt, mit ausrangierten Artilleriegschossen und nicht mehr ganz taufrischen LKWs, die rausgeholt werden, um auf die Bevölkerung beruhigend zu wirken, aber auch anzudeuten, daß wir in erhöhter Alarmbereitschaft sind. Gleichzeitig beruhigen und alarmieren, das ist nicht ganz einfach, und Bibi versucht genau  dasselbe.

Ich habe, wie schon erwähnt, die Stahlläden geschlossen und unser Schutzraum ist gut ausgerüstet (mein Arbeitszimmer). Als Tertia hier war, die in ihrer Mini-Wohnung keinen Schutzraum hat, habe ich ihr aufgetragen, sich mit den Nachbarn kurzzuschließen. Könnte mir vorstellen, die junge Mutter mit post-natalen Depressionen und der alte Mann mit Hörgerät werden froh sein, noch jemanden im Schutzraum des Hauses dabeizuhaben. Tertia hat von ihrem Vater einen sehr kühlen und überlegten Kopf geerbt.

Bin ich also besorgt oder unbesorgt? Beides. Grundsätzlich besorgt, weil es ein häßliches Gefühl ist zu wissen, daß so viele Millionen Menschen uns hassen und tot sehen wollen. Grundsätzlich unbesorgt, weil wir so bereit wie möglich sind und ich mir das Leben nicht diktieren lassen will.

Außerdem, so viel Kritik ich an Bibis Politik habe (auch an seiner Außenpolitik, die noch sein Bestes ist), er hat sein Profil als „bitchonist“ (bitachon heißt Sicherheit) seit seiner Armeezeit, sein Bruder war eine heroische Figur und er selbst hat in einer Eliteeinheit gedient, deren Aktivitäten bis heute nur teilweise bekannt sind. Und es ist immer wieder zu beobachten, daß gerade Leute wie die früheren Shabak-Chefs und frühere Generalstabschefs (von denen in der Führungsriege von Blau-Weiß drei sitzen) eher vorsichtig sind, wenn es um Krieg geht.

Gerade Olmert, der viel lieber Friedens-PM gewesen wäre und den Palästinensern einen sehr großzügigen Plan vorgelegt hat, hat sich beim klar gegebenen casus belli im Sommer 2006 ziemlich schnell in den Krieg gestürzt. Gut, er hatte keine Wahl nach den Vorfällen an der Grenze, den toten und gekidnappten Soldaten und den Dörfern Shtula und Zarit, die stundenlang unter Feuer standen. Aber vielleicht wäre ein PM wie Bibi imstande gewesen, ein Ultimatum zu stellen? Ich weiß es nicht. Im Süden arbeitet Bibi mit den Ägyptern zusammen, leider haben die keinen Einfluß auf den Libanon und Iran. (Die Deutschen könnten schon welchen haben, aber sie tun nichts… außer in der UNO mit Iran gegen Israel zu stimmen oder sich bestenfalls zu enthalten).

Ein Faktor ist Trump. Doch der ist so unberechenbar, daß er im Moment auf Tauwetter mit dem Iran setzt. Bibi, der unser Fähnchen so eifrig an Trumps Mast gehämmert hat, wird vielleicht noch merken, daß es nicht die allerbeste Idee war. Es verschreckt amerikanische Demokraten (und Juden in den USA sind treue Wähler der Demokraten), es verschreckt praktisch alle anderen Demokratien der Welt, die Trump eher wie eine Figur aus einem Albtraum betrachten, und beides ist auf lange Dauer nicht sinnvoll.

Alles Gründe, weshalb ich Bibi gern als Oppositionsführer sähe. Es ist klar, daß Israel sich nicht leisten kann, einen US-Präsidenten zu vergrätzen, und trotzdem hat Bibi das Verhältnis mit Obama fast bis zum Bruchpunkt belastet. Dabei sollte das Bündnis überparteilich sein. Und wenn Trump jetzt auf schöne Bilder mit den Mullahs setzt, so wie mit seinem kleinen rocket man, dann können wir zusehen, wie er ihnen genauso zujubelt wie 2017 die schwedischen „Feministinnen“.….

Es wäre schön, wenn wir nicht allein stünden. Unsere Erfahrung in der Vergangenheit lehrt, egal wie eklatant die Angriffe auf Israel VOR der Auseinandersetzung sind, sie werden international nicht thematisiert. Also wirkt Israel als Angreifer und wird dementsprechend unter Druck gesetzt, nicht zu reagieren. Wir kennen das Muster.

Das alles besorgt mich.

Aber die momentane Lage besorgt mich nicht. Es ist ein Kapitel in einer Saga, die anfing, bevor ich nach Israel kam. Y. hat mir von Anfang an gesagt, als wir uns gerade kennenlernten, daß die Waffen im Libanon nicht wegen ihres ästhetischen oder symbolischen Werts angehäuft werden, sondern um eingesetzt zu werden, und zwar gegen uns. Ich habe mir das gemerkt, auch weil meine innere deutsche Stimme so stark war, die diese Worte stumm abgelehnt hat.

Ich habe jetzt Y. gefragt, was er denkt. Er sagt, keiner kann genau voraussagen, was Nasrallah tun wird, aber er hat einen Schlag gegen Israel so deutlich angedroht, daß er nicht mehr zurück kann. Israel hat ja in den letzten Monaten immer öfter und letzthin auch offen Hisbollah-Ziele in verschiedenen Ländern angegriffen – seit der bewaffneten Drohne auf israelischem Gebiet Februar 2017 haben sich die Spielregeln verändert. Nasrallah wird also vermutlich reagieren, ohne es auf einen richtigen Krieg anzulegen.

Aber Israel hat eine lange Liste von Hisbollah-Zielen, besonders im Südlibanon, wo die Hisbollah gar nicht sitzen darf, eine sogenannte „Ziele-Bank“, die Bibi und die Armee bei Gelegenheit gern abarbeiten würden.

2006 wurde Israel von der internationalen Gemeinschaft zurückgehalten, derselben, die dem Bündnis Hisbollah-Iran jahrzehntelang nicht in den Arm gefallen war. Das wäre auch diesmal nicht anders. Die Mahner, die gern mit Iran gegen Israel stimmen, würden sofort auf die Propaganda der Hisbollah aufspringen, wie sie auch die Propaganda der Hamas und der Türkei schlucken, ohne auch nur zu überprüfen, ob daran überhaupt was stimmt. Ich nehme an, daß Politik und IDF daraus die Lehre gezogen haben, die „Ziele-Bank“ schnell abzuarbeiten, um den richtigen Showdown so weit wie möglich herauszuzögern. Also der Hisbollah die Waffenlager und Labors kaputtmachen.

Kleines Problem: diese Waffenlager und Labors liegen in Wohngebieten, besonders im Beiruter Stadtteil Dachiya. Warum? Um genau die Bilder von 2006 zu produzieren, die dann europäische Demonstranten auf die Marktplätze treibt, die die Schuld bei Israel suchen statt bei denen, die die Bewohner von Dachiya Geisel genommen haben.

Deswegen hat IDF die Namen und Karten veröffentlicht, damit auch die Libanesen kapieren, wer sie in Gefahr bringt.

Wir erwarten also als worst case scenario einen mittelschweren Schlag der Hisbollah in der näheren Zukunft, einen schweren, aber kurzen Schlag Israels gegen Hisbollah, und dann, daß beide Seiten wieder von dem Baum runterklettern, auf den sie raufgeklettert sind.

Der richtige Showdown wird kommen, wenn der Iran Atomwaffen hat, wenn im Libanon eine neue Waffengeneration verfügbar ist, und wenn in den USA wieder ein eher pro-iranischer Präsident regiert.

Aber wie gesagt, es ist auch möglich, daß sich alles wieder in Luft auflöst und Nasrallah uns nur im Fernsehen ein bißchen anschreit.

Kommentare»

1. Hein Tiede - September 1, 2019, 11:41

Danke für die Analyse, die es hier in Deutschland nie zu lesen geben wird. Die unfähigen und unwilligen Journalisten gehen wohl lieber in Tel Aviv an den Strand.


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