jump to navigation

Häusliches I August 30, 2019, 21:03

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches, Uncategorized.
trackback

Ja, die Wahlen, ja, die Lage im Süden, und ja, die Lage im Norden auch. Irgendwann setz ich mich hin und schreibe was darüber, aber heute lieber nicht.

Ich achte gern auf kleine Unterschiede zwischen Israel und Deutschland. Manches fällt einem ja erst auf, wenn man weg ist und es nicht mehr automatisch wahrnimmt. So sind Läden und Cafes in Deutschland meist viel polierter und ordentlicher als in Israel. Ja, in den letzten Jahren haben auch hier die vielen neuen Einkaufszentren dieselbe Ästhetik wie überall sonst, aber in kleinen und alten Geschäften sieht man noch die offen verlegten Kabel und nicht ganz zu Ende abgehängten Decken, diese ganze husch-husch-schon-fertig-Bauweise, die israelische Handwerker wohl für die beste halten.

Allerdings, ich muß zugeben, daß sie sich allgemein in den letzten 15 Jahren verbessert haben, und in neuen Häusern kommen die krumm verlegten Fliesen, unsauber verputzten Ecken und farbbekleckerten Fußleisten nicht mehr vor, die mir früher so oft auffielen. (Wobei, klar, Kibbuz – da bekam manchmal Moishele oder Ruvkele das Werkzeug in die Hand gedrückt, mach mal, und lernte im Laufe der Arbeit).

Früher waren fast überall Terrazzo-Fliesen verlegt. Sie waren so charakteristisch für Israel, daß der Künstler Tsibi Geva ihnen ganze Serien widmete. Ich erinnere mich, als ich in den Kibbuz kam und dort lernen mußte, wie man Terrazzo am besten putzt.

Die Technik heißt sponga machen, keine Ahnung warum, denn einen Schwamm benutzt man nicht. Es ging so: man nimmt einen Eimer Wasser und schüttet ihn auf dem Boden aus. (Da Kibbuzniks keine kostbaren Teakmöbel hatten und man vorher sowieso durchgefegt und alle Stühle hochgestellt hatte, ging das). Dann nimmt man so einen Abzieher, na so ein Ding mit Gummilippe – ja, ich weiß nicht mal, wie das Ding auf deutsch heißt, denn aus Deutschland kannte ich nur Schrubber und Aufnehmer. Aber einen Schrubber besitze ich bis heute nicht, und für israelische Böden braucht man ihn auch nicht.

Auf Hebräisch heißt so ein Bodenwisch-Gummidings magav, aber nur in unserem Kibbuz heißt er magrof.

Also, man legt den Aufnehmer (smartut – so nennt man auch feige, träge Menschen) um den magrof und wischt damit in der Wassermasse rum, am besten in Richtung Ausgang. Damit wird der Schmutz entfernt.

Als nächstes zieht man mit dem magrof den Boden schön ordentlich ab. Der letzte Arbeitsgang ist dann mit dem gut ausgewrungenen, sauberen Aufnehmer. Damit putzt man den Boden blank.

Für Kindergarten, Altersheim, Wäscherei und all die andren Arbeitsplätze, die ich im Laufe der Jahre geputzt habe, war das eine sehr gute Methode. Viel Bodenfläche, zweimal am Tag so geputzt, immer frisch und sauber. Terrazzo nimmt keinen Schmutz an – nur gegen Säure ist er empfindlich, und wo das Glas Limonade mal hinfiel, das sieht man gegen das Licht jahrelang.

Mir kam diese Methode seltsam vor. Einfach so einen Eimer Wasser ins Haus kippen? Aber Judith und Lili, die mich im Kindergarten anlernten, beharrten darauf. Doch dann das Dilemma: Judith sagte, je heißer das Wasser, desto hygienischer. Lili dagegen fand kaltes Wasser sinnvoller, weil der Boden sonst in Streifen antrocknet. Außerdem ist es so schon heiß genug.

Gut, daß die beiden selten am selben Tag arbeiteten. An Judith-Tagen wurde eben heiß geputzt, an Lili-Tagen kalt.

Alle Kibbuzniks putzten so auch ihr Haus (ja, viele Männer habe ich Boden putzen gesehen), und ich habe mir sagen lassen, auch in der Stadt wurde so sponga gemacht, und bestimmt machen viele es noch immer so.

Jetzt habe ich sponga für die Jeckerei mal gegoogelt, und tatsächlich, es ist DIE Methode, in Israel Boden zu wischen. Das Wort squeegee hatte ich schon fast vergessen!

Inzwischen ist Terrazzo aber aus der Mode gekommen. Die meisten neuen Häuser und Wohnungen haben entweder Keramikfliesen als Bodenbelag, oder hochglänzenden Marmor, oder granit porzellan, keine Ahnung, ist das Feinsteinzeug? weiß es jemand?

Wir haben naturfarbenes, rauhes granit porzellan, fühlt sich barfuß wunderbar an, sieht auch schön aus, ist aber so unregelmäßig, daß es schwer zu putzen ist. Bei der sponga-Methode würden überall Pfützen stehenbleiben, ich gehe also mehrmals mit Aufnehmer und Abzieher drüber, so mittelnaß bis trocken.

Vielleicht sollte ich sogar mal einen Schrubber in Betracht ziehen? Ich weiß nicht mal, wie der auf Ivrit  heißt, vielleicht Bodenbürste? Am Ende kehre ich dann zu Omas Methoden zurück und rutsche mit der Bürste auf den Knien hier rum, um dieses verflixte Material sauberzukriegen? Die sponga-Methode hatte ihre Vorteile, es geht nämlich ruckzuck und fühlt sich prima an, weil „was naß ist, gilt als sauber“, wie der Merkspruch der Armee beim Putzen lautet 😀

Ja, das war eine Umgewöhnung.

(Ich hab noch mehr, aber das war jetzt erstmal genug 🙂 )

Kommentare»

1. Annebarbara Döhler - August 30, 2019, 21:59

Unsere älteste Tochter war ein knappes Jahr als Volontärin in Israel und erzählte uns von dieser Methode. Sie verstand den vielen Wasserverbrauch nicht angesichts des knappen Wasserhaushaltes. Aber praktisch ist es schon!

2. Lila - August 30, 2019, 22:11

Ja, wo wir doch sonst so gut im Wassersparen sind. Aber das ist wohl eine traditionelle Methode. Und auch ohne Eimer-Ausgießen brauche ich 2 Eimer Wasser, denn mit dreckigem Wasser wischen ist ja auch nicht ideal. Hoffentlich schieben alle ihr Wasser in die Kräutergärten 😀

3. David Markus Rutsche - August 31, 2019, 12:58

Vielen Dank für dieses tolle Stück Ethnografie! Es ist erstaunlich und immer wieder schön, was man aus Artikeln wie diesem alles über ein Land lernen (bzw. vermitteln) kann – ganz jenseits der politischen Dramen, die ja meistens doch eher deprimierend sind. Ich freue mich darüber, dass es diesen Blog wieder gibt.
Übrigens: Die Abzieher hießen bei uns im Behindertendorf früher einfach nur „gummi“ – ob das dann sozusagen nur ein sprachliches Entgegenkommen an die deutschen Volontäre war?

4. Lila - August 31, 2019, 13:30

Warst Du in Kfar Tikva? (neugierig…)

5. David Markus Rutsche - August 31, 2019, 15:44

Ja! Ist aber schon lange her, 2005/2006 für ein sehr prägendes Jahr. Seitdem hat sich vieles verändert… Kennst Du das Dorf gut?

6. Lila - August 31, 2019, 16:01

Nein, ich hatte da mal Kontakte, da ich Tivon ganz gut kenne. Ist aber auch schon ewig her.
Schön, daß Du da volontiert hast. Hab mich immer gefreut, wenn ich deutsche Volontäre gesehen oder gehört habe.
Ich erinnere mich z.B., daß immer Gruppen aus Kfar Tikva zu Vorführungen, Musik oder Theater, in die Halle gekommen sind, wo wir auch oft waren.

7. David Markus Rutsche - August 31, 2019, 16:17

Es war wirklich eine sehr schöne Zeit, leider hat sie aber ein zu frühes Ende gefunden mit der „Situation“ damals im Norden. Ich musste neulich allerdings schmunzeln, als ich hier im Blog von Ramat Yishai gelesen habe – da waren wir seinerzeit natürlich auch oft! Ist halt ein kleines Land… Schöne Grüße von hier nach da 🙂

8. G. - August 31, 2019, 22:27

Bin dankbar für Deine Haushaltstips! Unvergessen und erprobt, dem Chaos mittels des begrenzten Schlachtfelds eines Bügelbretts zu begegnen. Danke.

Mir klar, Dein blog hat einen ganz anderen, erheblich fundamentaleren Wert. Aber nun (endlich) Terrazzo-Böden.

Für mich … omnipräsent in den Häusern meiner Kindheit, der Südstadt. Hundert Jahre alt, gerissen durch Erdbeben, schlecht oder nicht geflickt, vom Zahn der Zeit ausgeblichen und doch ihrer einstigen Pracht wegen erhalten. Schade, zu spät, hätte es gerne versucht. Mit Wassereimern der Zeit begegnen, warum nicht?

9. kaltmamsell - September 2, 2019, 19:24

Oh, Terrazzo-Böden! Ich liebe sie auch, bin in 60-er Wohnblocks mit solchen Treppenhäusern groß geworden. Und kenne ein edles italienisches Restaurant in München, das Terrazo in Künstlerisch hat.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s