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Letzte Nacht August 25, 2019, 6:31

Posted by Lila in Land und Leute.
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war wohl wieder jet loss, wie der Rheinländer sagt. Iranische Truppen in Syrien, so IDF, waren drauf und dran, wieder eine bewaffnete Drohne in den israelischen Luftraum zu schicken. Woraufhin die Luftwaffe einen Präventivschlag gestartet hat, und der muß ziemlich heftig gewesen sein. Wir sind schon seit Jahren im Krieg mit dem Iran, es geht Runde um Runde, und irgendwann, befürchte ich, wird dieser Krieg nicht mehr so relativ klein zu halten sein, wie er es jetzt ist.

Wir haben weder eine gemeinsame Grenze mit dem Iran noch irgendwelche historischen Probleme. Bis zur Mullah-Revolution waren die Beziehungen sehr gut. So waren die Iraner die besten Kunden der Kibbuz-Firma, in der Y. seine Laufbahn begann, und durch diese geschäftlichen Beziehungen blühte die Firma richtig auf.

Die Iraner behaupten zwar, daß sie das „Unrecht“ an den Palästinensern rächen wollen, tun aber wenig für die Palästinenser, außer ihnen „militärische Berater“ aller Arten an den Hals zu schicken, die die Palästinenser noch tiefer in ihre unablässigen, unproduktiven Konfrontationen mit Israel verwickeln.

Die Mullahs haben Israel zum Todfeind erklärt und versprechen uns bei jeder Gelegenheit, uns von der Landkarte zu löschen (nein, kein „Übersetzungsfehler“, sie sagen es regelmäßig und in allen möglichen Variationen, es läßt sich nicht wegerklären oder leugnen, es sei denn, man hat ein Interesse daran, zu lügen). Daß der Iran Israel umzingelt und sich im Gazastreifen, im Libanon und jetzt in Syrien festsetzt, ist eine echte Gefahr für uns.

Wir wissen viel zu wenig über die wirklichen Vorgänge, um abschätzen zu können, aufgrund welcher Informationen IDF und Sicherheitskabinett welche Entscheidungen treffen. Wir können nur hoffen, daß Bibi das Augenmaß hat, gerade so zu reagieren, daß der Iran abgeschreckt wird, aber nicht zu harten Gegenmaßnahmen angeregt wird.

Ich bin bekanntlich absolut kein Fan von Bibi (dessen Regierungszeit Bereiche wie Pflege, Erziehung, Landwirtschaft und Tourismus bis an den Rand der Lebensfähigkeit ausgehungert hat), aber ich muß ihm lassen, daß er es trotz der extrem unruhigen Umgebung geschafft hat, uns eine größere Auseinandersetzung zu ersparen. Trotzdem habe ich Sorge, daß sie sich nicht ewig wird herauszögern lassen.

Schlüsselfigur dabei ist Rußland. Solange die Russen dem Iran in Syrien freie Hand lassen und ihn sogar unterstützen, können wir es nicht verhindern, daß Syrien zum Stützpunkt für zukünftige Angriffe auf Israel wird. Bei der Gegenwehr muß Bibi sich so weit wie möglich mit den Russen abstimmen, und an diesem Spielraum für Israel arbeitet Bibi (und im Wahlkampf setzt er darauf, daß wir das wissen, und betont seine internationale politische Erfahrung, auch seine Fähigkeit, mit Putin zu einer Art Verständnis zu kommen).

Mir ist dabei unwohl, weil ich immer noch an der Illusion festhalte, man müßte sich doch irgendwie einigen können, obwohl ich weiß, daß es mit dem Iran schlicht nicht möglich ist. Es gibt keinen Streitfall, über den man sich einigen könnte. Der Iran will Israel weghaben, fertig. Da gibt es nichts, was wir ihm bieten könnten im Austausch für Frieden.

Daß dieser kompromißlose Zerstörungswunsch auf die Chancen, eine pragmatische Einigung mit den Palästinensern zu finden, katastrophale Auswirkungen gehabt hat, liegt auf der Hand. Der Einfluß iranischer und iranisch gesponserter Gruppen ist überall fühlbar, und sie stacheln selbstverständlich den palästinensischen Rejektionismus an. Für den Iran sind die Palästinenser Bauern, die vorgeschoben und geopfert werden.

In den über 30!!! Jahren, die ich hier lebe, habe ich regelmäßig Wellen der Spannung miterlebt, die ansteigen, uns alle erfassen, und die irgendwann wieder abebben. Mal ohne daß irgendwas passiert ist, aber oft genug auch, nachdem sich die Spannung entlädt, in Form von Angriffen auf israelisches Gebiet und israelische Bürger, oder einer israelischen Offensive an einer der Grenzen.

Ich habe 1991 die Fenster abgeklebt und Winz-Primus in ein angeblich gasdichtes Zelt gelegt, neben das ich mich dann mit Gasmaske gesetzt habe. Ich habe im Laufe der Jahre hunderte Male vor dem Fernseher gesessen und gehört, wie die Namen von Terroropfern verlesen werden.

Mehrere Male war ich dabei, wenn „verdächtige Gegenstände“ gesprengt wurden, bin aus Gebäuden evakuiert worden und habe an vielen kleinen Gedenk-Ecken für Terroropfer gestanden. Ich habe Militärfahrzeuge sich sammeln gesehen, Alarm gehört, israelische Artillerie in Richtung Libanon bummern hören, Batterien von Iron Dome vor unserem Dorf gesehen. Habe Secundus´ Bild in der Zeitung gesehen nach einem Zwischenfall in Hebron.

Am schlimmsten für mich und unvergeßlich ist der Moment, als Secundus mich anrief und sagte: „Mama, wir müssen vermutlich nach Gaza rein und rufen vorher noch mal an, dann müssen wir die Telefone abgeben, mach dir keine Sorgen“, und ich sagte, „alles okay, paß auf dich auf, ich mach dir dein Lieblingsessen, wenn du wiederkommst“. Und ging dann in sein Zimmer und legte den Kopf auf seine T-Shirts und wollte die Welt anhalten, einfach anhalten. (Er mußte nicht rein, er kriegte sein Telefon wieder und auch sein Lieblingsessen, der goldene Junge.)

Dabei sind mir, tfu tfu tfu, wirklich traumatische Erlebnisse erspart geblieben. Meine junge Nachbarin Riki, die hier aufgewachsen ist, hat als Mädchen gesehen, wie ihre Nachbarin von einer Katyusha in Stücke gerissen wurde, und ist seitdem so traumatisiert, daß sie bei Alarm kaum imstande ist, ihre Kinder zu beruhigen und eine Art Normalität vorzutäuschen, das muß ihr Mann machen, sie kann es nicht. Ich kenne viele Familien, die Angehörige in Krieg und durch Terror verloren haben. Ich habe nur Angst-Momente mitgemacht, und auch die in einem für Israel komplett normalen Maße. ALLE haben das miterlebt, was ich miterlebt habe, und die meisten viel Schlimmeres.

Was mein Mann als 18jähriger Soldat in fünf Jahren Libanon mitgemacht hat, immer vorne im Krieg, unter dem Kommando von „Yaya“ (Yoram Yair), war bei der Schlacht am Awali-Fluß dabei, und wäre doch eigentlich lieber im Kibbuz in der Avocadoplantage gewesen. Auch er ist so traumatisiert, daß er vieles nicht mehr in Erinnerung rufen kann und die Filme Beaufort und Waltz with Bashir nicht zu Ende sehen konnten, weil sie die Erinnerungen zu nahe brachten, weil er das miterlebt hat. Sein Vater ist ebenfalls vom Krieg traumatisiert und war bei der Schlacht um den Hermon dabei. Sein kleiner Bruder bei Defensive Shield (als Reservist).

Alle seine Onkel und Tanten, Vettern und Cousinen, Freunde und Freundinnen, Neffen und Nichten haben Erinnerungen an den Krieg. Einer der Onkel ist so traumatisiert, daß er seit Jahrzehnten unfähig ist zu arbeiten und ein normales Leben zu führen, er lebt von einer IDF-Rente (er hat im Yom-Kippur-Krieg Tote aus Panzern geborgen). Einer der Neffen, vor dem Rückzug aus Südlibanon dort stationiert, war so traumatisiert, daß er über Jahre nur in seinem Zimmer gesessen und die Wand angeguckt hat, jetzt hat er sich endlich wieder bekrabbelt und ähnelt wieder dem Jungen, den wir kannten.

Das klingt jetzt alles sehr dramatisch, aber es für Israelis absolut normal. Und auch für andere Populationen im Nahen Osten. Die meisten können sich an Kriege und Bürgerkriege, an religiöse Unterdrückung und Vertreibung erinnern. Die ganze Weltgegend hier ist ständig in Unruhe und Bewegung (und nein, die meisten dieser Probleme haben mit uns nichts zu tun).

Es ist nun auch nicht so, als würden die ganz normale Traumata der Israelis auf eine Bevölkerung treffen, die auf in Generationen angesammelte Immunität und Selbstsicherheit zurückgreifen kann. Die Großeltern- und Großelterngenerationen sind auch alle traumatisiert. Gewaltsam aus Ägypten oder dem Irak vertrieben, zu Fuß durch die jemenitische Wüste geflohen, in russischen Gulags gesessen, vor dem Holocaust geflohen, das sind hier alles ganz „normale“ Familiengeschichten. Auch die Familien, die immer hier in der Gegend waren, haben Unterdrückung und Unruhe miterlebt, z.B. das grauenhafte Massaker an den Juden Hebrons, das sich gestern zum 90. Mal gejährt hat.

Daß die Israelis es trotzdem fertiggebracht haben, eine blühende Hi-Tech-Landschaft, exzellente medizinische Versorgung und eine interessante Tanz-Musik-Literatur-Szene hervorzubringen, wird mir immer ein Rätsel sein. Das Leben geht normal weiter, die Leute denken schon an die Feiertage und bei welcher Schwiegerfamilie sie wann sein müssen, auch an Tagen wie heute, obwohl bestimmt, wie ich, die meisten Leute Armeeradio im Hintergrund hören und sich überlegen, was als nächstes kommt.

Die meisten Leute hier sind auch weitaus stoischer als ich. Nur ich mit meiner deutschen Dünnhäutigkeit denke über die Dinge so, wie ich das hier hingeschrieben habe, weil ich den Unterschied zwischen „normal deutsch“ und „normal israelisch“ so deutlich fühle. Und es mir wehtut, denn die Leute hier haben das nicht verdient. Sie sind immer noch imstande, mit echtem Mitleid zu sagen, „die Armen“, wenn z.B. im Iran ein Erdbeben ist und Menschen verletzt werden.

„Nähern wir uns jetzt einem Krieg mit dem Iran, mit der Hisbollah im Norden und der Hamas im Süden?“, fragt der Journalist gerade den Minister Israel Katz, der darauf nur beruhigende Antworten hat. Er möchte, daß wir uns auf Bibi verlassen. „Verstehe die Botschaft“, sagt der Interviewer trocken.

Und ich mach mir jetzt einen zweiten Kaffee, gebe mich an die Arbeit und hoffe, daß alles gutgeht, daß die Iraner heute aufstehen und sagen: kommt, vergessen wir die Israelis, die Welt ist so groß, laßt uns lieber zusammenarbeiten und Frieden halten, wie schön wäre das.

 

 

Kommentar dazu aus Times of Israel

Kommentare»

1. Annebarbara Döhler - August 25, 2019, 13:49

Genau das ist es, was deinen Blog so wichtig und wertvoll macht: du hast die Gabe, Gehirn und Herz anzusprechen! Durch dein Erzählen wird fühlbar, wie die Situation in Israel ist!
Danke!


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