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Weiter, weiter, weiter August 23, 2019, 13:09

Posted by Lila in Land und Leute, Muzika israelit.
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Mein liebster Radiosender ist Galey Zahal („Galatz„), der Armeesender, die haben nämlich wirklich immer interessante Leute vor dem Mikrophon, mit eigenen Meinungen. Um 13 Uhr fing die Sendung mit Nathan Datner und Odia Koren an. Kurze Ansage nach den Nachrichten, die ja heute wirklich schrecklich sind, dann Musik. Als die Sprecher wieder dran waren, sagte Datner (aus dem Gedächtnis zitiert): „wir hatten hier, während die Musik lief, einen richtigen Streit, sogar laut. Auch ich habe jahrelang gedacht, egal was ist, Anschlag, Tod und Leid, immer weitermachen, das ist der einzige Weg, das Leben muß weitergehen. Jetzt bin ich aber nicht mehr sicher. Nach den schweren Nachrichten von heute kommt mir unser Programm für heute komplett irrelevant vor, und ich möchte es nicht durchziehen“. Seine Kollegin sagte: „Man muß auch an die Familie denken, an die Menschen, die die Betroffenen kennen. Wie muß es für die sein, wenn sie hören, daß wir hier einfach so weitermachen.“ Die Verantwortliche für die Sendung, deutlich jünger als beide, meldete sich ebenfalls zu Wort und meinte, sie sieht nicht, was man sonst machen soll außer weiter senden.

Und da meinte Datner, „wir schließen jetzt das Programm, wir senden Musik, wir wollen nicht weitermachen und ich glaube, die Hörer verstehen das“, und seine Kollegin drückte ihr Beileid an die Familie aus. Beide klangen todtraurig.

Seitdem läuft traurige Musik, an der ja hier kein Mangel herrscht.

Ich war so dankbar für diesen Austausch, der so ehrlich war. Und ich habe auch weiter nachgedacht.

Es ist ja so in Israel, nach jedem Anschlag, egal wo, egal wie schwer, geht das Leben sofort weiter. Die Toten werden schnell beerdigt, die Leute von Zaka sorgen dafür, daß der Tatort so schnell wie möglich wieder zugänglich ist, und oft werden Einkaufszentren oder Geschäfte noch am selben Tag wieder eröffnet, Busse fahren wieder, man reißt sich zusammen und sagt: der Terror wird uns nicht davon abhalten, normal zu leben. Das Herz ist schwer, das Leben geht weiter.

Aber ich habe mir schon manchmal überlegt, eigentlich ist es unmöglich, denn man trägt das immer schwerer werdende Herz so durch die Jahre, und fast täglich, mindestens aber einmal die Woche, kommen neue Steine dazu. Wir müßten eigentlich innehalten und allesamt den Himmel anschreien und die Welt. Aber wer würde es hören?

Ich höre die Traurigkeit übrigens auch in der Stimme von Meir Banai, der die nächste Stunde bei Galatz aufmacht, auch er kann sein normales Programm nicht machen. „Das Leben führt uns hin, wo wir es nicht geplant haben. Ach, wann werden wir hier in Ruhe leben können?“ Und er legt das Lied auf, das David Grossman für seinen Sohn geschrieben hat, gesungen von Yehuda Poliker, „Wie kurz ist hier der Frühling“

 

 

Kommentare»

1. Hein Tiede - August 23, 2019, 19:09

Viele Gedanken gehen durch den Kopf. Der erste muss das Gedenken sein: an die junge Frau, an ihren Vater und Bruder, an die leidtragende Mutter – an das jüdische Volk, das immer wieder heimgesucht wird. Wichtige andere Gedanken nicht jetzt und nicht hier.

2. madeleine - August 23, 2019, 19:58

Ich bewundere Dich, dass Du Deine Sprache nach all diesen langen Jahren nicht verloren hast. Möge Israel getröstet werden…..

3. Annebarbara Döhler - August 24, 2019, 12:17

Es tut weh, all diese Nachrichten zu lesen! (Ich höre kaum noch welche!) Frage mich immer wieder, wie das auszuhalten geht! Habe selbst Kinder und Enkel und ahne, was ein gewaltsamer Tod dieser bei mir anrichten würde!


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