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Wiedergelesen August 21, 2019, 12:52

Posted by Lila in Literatur und Bücher.
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Batya Gur ist schon seit fast 15 Jahren tot, und wenn ich ihre Bücher lese, erinnere ich mich heftig an die 80er und 90er Jahre. Klar. Interessant, daß ihre Krimis im Original ganz sachliche Titel haben,  z.B. „Mord am Shabatmorgen“, „Tod im Fachbereich Literatur“, „Kommunale Schlafregelung“ (jeder Israeli weiß wohl, daß damit die Kinderhäuser in den Kibbuzim gemeint waren, wo die Kinder statt zuhause schliefen) und „Tod an der Bethlehem-Straße“. In er deutschen Übersetzung wird daraus „Denn am Sabbat sollst du ruhn“, „Am Anfang war das Wort“, „Du sollst nicht begehren“ und „Denn die Seele ist in deiner Hand“.

Es scheint, als ob noch der selige Ephraim Kishon mit seinen allerdings verballhornten biblischen Titeln noch irgendwo herumspukt. „Der seekranke Walfisch“, „Arche Noah Touristenklasse“, „Nicht so laut vor Jericho“ und wie die Bücher alle hießen, die bei meinen Eltern in einer langen Reihe im Regal standen – die ich als Kind alle gelesen habe, nicht begreifend, daß Kishon eigentlich die israelische Wirklichkeit recht getreu wiedergibt. So habe ich noch die Erklärung zum Wort „nu?“ in Erinnerung, die so vieles bedeuten kann, und hielt sie für komplett übertrieben. Bis ich nach Israel kam.

Batya Gurs Kriminalfälle geben dem Leser die Gelegenheit, auf den Spuren des sensiblen, melancholischen Kommissars Ochayon in geschlossene Welten einzudringen (ich habe das Gefühl, Gur steht zu Ochayon im selben Verhältnis wie Dorothy Sayers zu Lord Peter Wimsey… der ideale Mann). Mal die geschlossene Gesellschaft der alteingesessenen Freudianer Jerusalems, alles alte Jeckes, mal die intellektuelle Atmosphäre des Fachbereichs Literatur der Uni Jerusalem (wo manche Passagen tatsächlich an Sayers´ geniales „Gaudy Night“ erinnern), mal ein Kibbuz, wo die Maßstäbe des Erfolgs „von draußen“ nicht gelten.

Der Außenseiter wird dann widerwillig geduldet, weil er die Infektion mit dem Bösen ausräumen soll, wie ein Antibiotikum, doch dann stellt sich heraus, daß es keine Infektion von außen war, sondern innere Fäulnis dieser Welt, die eigentlich nicht mehr so bleibt, wie sie war, auch nachdem Ochayon den Fall löst. Weswegen er selbst von Buch zu Buch verlorener und melancholischer wird.

Für meine Faulheit, die mich dazu verführt, diese Bücher in deutscher Übersetzung zu lesen, werde ich auch genregerecht bestraft. Ich ahne und spüre das Hebräische hinter dem Deutschen, ärgere mich ordentlich, wenn eine Anspielung nicht verstanden oder ein Wort nicht richtig transskribiert wird, und das letzte Buch ist fast unlesbar, wie eine Rohübersetzung. Die hebräischen Verknappungen sind nicht einfach ins Deutsche zu übertragen, und wer es wortwörtlich versucht, der treibt den deutschen Leser in die Verzweiflung.

Dann die gräßliche Angewohnheit, den Buchstaben yud mit einem deutschen j zu transskribieren. Dabei ist das deutsche j ein Konsonant – Jahr, Joghurt, Jacke. Im Hebräischen dagegen wird es als Konsonant geschrieben, aber nur selten ausgesprochen. Meist wird es mit einem langen i vokalisiert (manchmal auch mit ey) und klingt wie ein Vokal.

Der Name Shai zum Beispiel, in Gurs Buch konsequent Schaj geschrieben, hat mich in den Wahnsinn geschrieben. SHAI! SHAI! habe ich jedesmal gemurmelt, wenn er auftauchte. Nur als Beispiel.

(Ich bin für einen speziellen Buchstaben besonders empfindlich, weil er in meinem eigenen, nicht deutschen Namen auftaucht und von Israelis deutlich richtiger ausgesprochen wird als von Deutschen.)

Gurs Bücher geben einen Einblick in bestimmte recht versnobte Szenen in Jerusalem, und die derben Orientalen, die sich dort auch herumtreiben, sind oft geradezu karikiert. Ochayons Dilemma ist natürlich, daß er wie jeder gute Held zwischen den Welten wandert, geradezu Fanny Price als Kettenraucher in Polizeiuniform – er ist marokkanischer Jude, hat aber Geschichte studiert und würde so gern seine Dissertation über das Zunft- und Gildenwesen in der Renaissance zu Ende schreiben. Gurs ashkenasische Arroganz den Orientalen gegenüber mißfällt mir (und sie hat auch den Kibbuz-Gedanken ziemlich in die falsche Kehle bekommen, das kann ich mir nicht verkneifen). Trotzdem sind ihre Bücher lesenswert, wenn man gern Krimis liest, bei denen man sich nicht vor Spannung und Lese-Angst gruseln muß.

(Es wundert mich ja immer beim Lesen dieses Genres, wie gelassen Menschen weiterleben, denen mal eben Bruder oder Freundin ermordet wurden – aber sonst würde die Geschichte nicht weiterkommen, also müssen sie ihre Rollen mehr oder weniger weiterspielen.)

Wo Batya Gur ist, ist auch Shulamit Lapid nicht weit, Yairs Mutter. (Ich muß mal zusammenstellen, was ich im Laufe der Jahre alles über die Lapids geschrieben habe… ) Statt eines Karrierepolizisten mit Charme und Autorität, dem sich alle Türen öffnen, hat sie eine Reporterin in einem Provinzblättchen zur Protagonistin und Rätselknackerin erkoren. Lisi Badichi ist, wie man am Namen sofort erkennt, orientalischer Abstammung. Lisi ist eigentlich Lisette (ihre Schwestern heißen Georgette und Chawazelet), und Namen Lisette, Georgette und Ninette sind eigentlich typisch für marokkanische Familien, nicht jemenitische, aber sei´s drum, vielleicht ist Lisis Mutter ja marokkanischer Abstammung?

Auch Lapid lästert ein bißchen über Lisis mangelnde Attraktivität (große Füße, großer Busen, schlechte Haltung) und ihre Vulgarität (greller Lippenstift, Plastikohrringe). Eigentlich, wo ich das jetzt so hinschreibe, nervt es mich sehr, daß in international sehr beliebten Büchern, von ashkenasischen, gebildeten Damen verpaßt, die meisten Orientalen schlecht wegkommen. Allerdings kommen bei Lapid alle schlecht weg, sie hat einen ziemlich bitteren Blick auf die Welt und die arme Lisi wird von den Männern in ihrem Leben angeschnauzt und gedemütigt, daß man sich beim Lesen darüber mehr entsetzt als über die diversen, auch hier dankenswert steril abgehandelten Morde.

Lisi bekommt von ihrer Familie wenig Anerkennung (ihre Mutter sähe sie lieber verheiratet und als Mutter, und ich gestehe, daß viele meiner israelischen Freundinnen mir von diesem Druck berichtet haben, nicht nur in orientalischen Familien) und im Beruf muß sie sich von Männern unterbuttern lassen, die dann ihre Verdienste sich selbst zuschreiben. Ich hoffe, daß Lisi in einem späteren Roman die Kurve kriegt und es den ganzen fiesen Kerlen mal zeigt.

Lisis Fälle folgen nicht dem Muster des Eindringens von Verbrechen und Aufklärer in eine geschlossene Welt, und das Milieu Beer Sheva spielt keine wirkliche Rolle, außer eben als Hintergrund. Wie gesagt, bin noch nicht weit genug in der Serie, vielleicht ändert sich auch das noch. Bei Gur spüre ich Jerusalem sehr deutlich, bei Lapid mehr ein generisches „israelische Peripherie aus Tel Aviver Perspektive“.

Ich habe den Verdacht, daß ich beide Schriftstellerinnen doch mal im Original lesen muß. Ich habe im Verdacht, daß Gur ein diffizileres Ivrit schreibt und darum manche Übersetzungen stolpern, während die Lapid-Übersetzungen flüssiger und lesbarer sind, vielleicht einem einfacheren Ivrit zu verdanken?

Laßt Euch trotz meiner Mäkeleien nicht davon abhalten, Gur und Lapid mal anzutesten, wenn ihr wie ich gern mit Büchern, die im weitesten Sinne Nachkömmlinge des klassischen Landhaus-Mords sind, die Realität für ein paar Stunden verdrängt.

Eigentlich müßte ich auch all meine Bücher von Oz und Yehoshua, Grossman und M. Shalev, Keret und Z. Shalev noch mal lesen. Die sind aber ernster und weniger dazu geeignet, sich ein schönes Stündchen auf der Couch zu machen.

Batya Gur in Serie, deutsch, mit Links zu Buchläden

Shulamit Lapid in Serie, deutsch

Kommentare»

1. bobyleff - August 21, 2019, 15:35

Da ich keine Krimis lesen und also die vielen Bücher von Batya Gur
nicht kenne, habe ich nur mal geschaut, wie viele auf Deutsch erschienen sind. Allein dieser Titel:
https://www.zvab.com/buch-suchen/titel/denn-am-sabbat-sollst-du-ruhen/autor/batya-gur/

2. Lila - August 21, 2019, 16:05

Sie sind alle bei Amazon verzeichnet und müßten eigentlich im Buchhandel erhältlich sein. Bestimmt auch in Büchereien.
Ich will hier nicht alles mit langen Amazon-Links vollmüllen, aber ich setze die Titel einfach in den originalen Eintrag 🙂
Noch besser: bei Lovelybooks haben sie die Arbeit schon für mich gemacht und die Bücher sind dort in Serie aufgeführt, mit Links zu Amazon, Thalia und Hugendubel. (Ich hoffe inständig, daß es noch mehr Buchläden gibt als diese Ketten, wenn ich das nächste Mal nach Deutschland komme!)

3. David - August 21, 2019, 16:13

Kishon habe ich früher – es waren wohl die 70er und 80er Jahre – sehr gern gelesen. In diesen Jahren war ich auch oft aus familiären Gründen in Israel. Ich erkannte vieles wieder, was ich dort beobachtete und erfuhr, ohne jedoch den Iwrith-Background zu haben (leider). Damals konnte ich laut darüber lachen. So erinnere ich mich an den Film „Der Blaumilchkanal“, der den Bürokratieirrsinn sehr gut wiedergibt (und natürlich auf Deutschland ganz locker anzuwenden war bzw. ist).

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich auf ein Hörbuch (so etwas wie „Best of…“) von Kishon gestoßen, und ich nahm es für eine Autofahrt mit. Es konnte mich jedoch überhaupt nicht mehr packen, die Spontaneität des Humors bzw. Lachen war weg, und die Episoden erschienen mir etwas schal. Das hat aber natürlich nichts mit Kishon zu tun, der zu seiner Zeit seine Beobachtungen genau auf den Punkt brachte. Aber es hängt natürlich damit zusammen, daß die Zeit irgendwie darüber weggegangen ist. Ich muß gelegentlich mal eines seiner Bücher in die Hand nehmen, von denen ich einige kürzlich beim Umräumen „wiederentdeckt“ habe, und schauen, wie sie „wirken“.

Dem Rat zu Batya Gur werde ich gern folgen. Das „Am Sabbat“-Buch habe ich auch vor langer Zeit gelesen, Zeit, es wiederzuentdecken.

Ganz viele de angesprochenen Bücher gibt es antiquarisch für kleines Geld, z.B. Booklooker.com oder medimops.de (und andere).

Schön, hier wieder über israelische Literatur zu lesen!

4. Julia - August 22, 2019, 0:07

Ich hab die Krimis sehr gern gelesen, leider nur in der deutschen Übersetzung, mein Hebräisch ist wirklich zu schlecht. Aber sogar mir ist aufgefallen, dass die Übersetzung schlecht sein muß..

Und beim Lesen von „Die Musik der Könige“, da geht es um die klassische Musikszene, hab ich quasi ununterbrochen den Kopf geschüttelt, so arbeitet kein Orchester, so wird nicht unterrichtet, alles ganz falsch, welcher Dirigent wird gefeiert für die Interpretation eines einzigen Stücks- offenbar ist es gar nicht so leicht, sich in so geschlossene Milieus einzuarbeiten und realistisch darzustellen. Ich nehme fast an, ein Psychoanalytiker würde wahrscheinlich genauso den Kopf schütteln über „Am Sabbat sollst du ruhen“.

Trotzdem, ich teile deine Empfehlung, und werde mal schauen, ob ich von Shulamit Lapid auch was bekomme.

5. Lila - August 22, 2019, 0:36

Ich verstehe ja von Musik nichts, aber ich hatte auch das Gefühl, sie ist am trittsichersten in dem Buch über die Literaturwissenschaftler. Da war sie wirklich in ihrem Element. In dem Buch über den Mord unter Fernsehleuten habe ich übrigens einige Leute erkannt (obwohl die Übersetzung so grottig ist, daß man fürs Zu-Ende-Lesen Preise vergeben müßte). Habe sogar das Gefühl, Shulamit Lapids Mann Tommy springt von einer Seite 😀


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