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Eine Geschichte vom letzten Sommer August 20, 2019, 1:13

Posted by Lila in Deutschland, Persönliches.
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Wer hier länger mitliest, kennt die Geschichte von den Urgroßeltern meines Mannes, Henriette und Bernhard F. aus Essen. Letztes Jahr habe ich ihr Grab gesucht, das es in Essen noch geben müßte. Im Internet ist es eindeutig identifiziert.

Sie wurden allein begraben, ohne Gegenwart ihrer Töchter. Die eine schuftete in einem Kibbuz im Mandat Palästina, die andere war in Moskau. Sie starben allein und ich weiß nicht, wer sie begraben hat – die Gemeinde, vielleicht Verwandte oder Freunde (das werde ich aber, wenn möglich, noch herausfinden). Henriette und Bernhard jedenfalls haben und hatten, was viele ihrer Verwandten und Freunde nicht bekommen haben – Grabstätte, Grabstein und eingemeißelte Namen. Doch daß ihre Töchter das nicht wußten, kann man annehmen. Sie kehrten nicht nach Essen zurück, nur auf einen kurzen Besuch kam meine Schwieger-Oma, und der führte sie nicht auf den Friedhof.

Der Grabstein, das sah ich auf den Bildern im Internet, ist bei der Bombardierung der Stadt Essen beschädigt worden.

Nun lief ich also dort, wo der Friedhof gewesen sein sollte, an einem heißen Tag im letzten September dort herum. Und es war nicht irgendein Tag – es war ihr Todestag. Aber wo ich rumlief, waren keine Grabsteine, sondern Rasenflächen und ein Kinderspielplatz. Es war ein städtischer Park. Ich fühlte mich komplett verwirrt. Bis ich zwischen Bäumen und Sträuchern alte Grabmäler sah. Jüdische und christliche.

Ich bin lange dort rumgelaufen, sogar über einen Bauzaun geklettert, um doch noch einen Zugang zu dem alten Friedhof zu finden, der dort doch sein mußte. Mein Herz war so schwer, weil ich dachte: es darf nicht wahr sein, der Friedhof ist eingeebnet, und nicht einmal ein Grab hat man Henriette und Bernhard gelassen.

Fast hätte ich aufgegeben und hätte mich in die Bahn gesetzt. Statt dessen habe ich mich in ein Cafe gesetzt und beschlossen, ich finde raus, was mit dem Grab passiert ist. Und bin in die Synagoge gefahren, die schöne, große Synagoge in Essen.

Dort habe ich mir erstmal alles angesehen – das Gebäude ist beeindruckend, und die kleine Ausstellung oben ist sehr schön. (Ich habe von der Familie die Erlaubnis bekommen, eine Kopie von Urgroßmutter Henriettes Abschiedsbrief für diese Ausstellung zur Verfügung zu stellen.) Dann sah ich neben der Information eine kleine Schrift über diesen Friedhof – ein Teil existiert noch. Ich war so erleichtert, daß mir erstmal die doofen Tränen kamen. Die Mitarbeiter der Synagoge sind solche Tränen wohl gewöhnt, und ich lernte die „Frau mit dem Schlüssel“ kennen.

 

Denn der alte Friedhof, auf dem Y.s Urgroßeltern begraben liegen, ist unzerstört, aber stets abgeschlossen. Die Frau war sehr nett. Später stellte sich heraus, daß der Briefwechsel zwischen Y.s Oma und ihrer alten Heimatstadt noch vorhanden ist und der Name durchaus noch ein Begriff ist.

Leider schafften wir es so kurzfristig nicht, noch einen Termin für den Besuch des Grabs zu finden, der mir und ihr paßte. Es wird also bei meinem nächsten Besuch in Deutschland sein. Dann werde ich mit Grabkerzen und Steinen zurückkehren.

Wäre das Grab tatsächlich, wie viele andere, eingeebnet worden und darauf Schaukel und Klettergerüst gestellt worden – ich weiß nicht, mit welchen Gefühlen ich Essen verlassen hätte.

Grünflächen in der Stadt sind sehr wichtig, schöne Kinderspielplätze auch – aber muß man dafür auf Gräbern rumtrampeln?

Kommentare»

1. bobyleff - August 20, 2019, 12:18

Dieser Text ist für mich besonders bewegend, weil ich auch ganz persönliche Beziehung zu Essen habe. Meine Eltern sind beide dort geboren, es gab auch ein Familiengrab – nur jüdische Friedhöfe sind für „die Ewigkeit“. Meinen Vater kannte ich gar nicht (gefallen) aber unter den wenigen Dingen von ihm fand ich ein Foto von der Synagoge. Dann lebte ich von 1946 -1958 selbst in Essen. Niemand sagte mir, was das grosse Gebäude in der Innenstadt war. Ausser einer Kirche gab es nur wenige unzerstörte!
Und dann ging ich zur Kindergymnastik in die „BUNDES-Schule“ zu Lisa Jacob – sie erzählte uns, wie sie als verfolgte Jüdin überleben konnte. In 13 Jahren Schulzeit habe ich von Lehrern darüber nie etwas erfahren!!
Als ich 1988 begann, in Wiesbaden Jüdische Geschichte intensiv aufzuarbeiten, lebte sie noch und hat sich sehr gefreut, das zu hören.
ps. Mark Roseman hat soeben ein umfangreiches Buch über diesen BUND veröffentlicht!


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