jump to navigation

Zum Doku-Drama Juni 15, 2017, 2:39

Posted by Lila in Presseschau.
Tags: , , , ,
trackback

Das hätte ich nicht erwartet, ich gebe es zu – als ich vor einiger Zeit las, daß eine Antisemitismus-Doku von Arte und WDR nicht ausgestrahlt wird, weil ihr Inhalt wohl zu heikel ist, zu deutlich, zu unbequem ist. Ich dachte, das ist  nur ein Kräusel auf der Oberfläche von Blogs wie  meinem, aber daß „normale“ Menschen 😉 das nicht weiter stören würde, weil sie sich ja gut informiert wähnen und sowieso immer nur die Anderen Antisemiten sind, man selbst hingegen rationale, objektive Israelkritik zu Israels Bestem übt.

Kurz, es traf mich unerwartet, aber freute mich, daß der Netzdruck stieg. Buurmann, Feuerherdt und andere taten das Ihre dazu – die Diskussion schwappte auf einmal in sog. Mainstream-Medien über, und die Neugierde stieg. Bis Bild dann (Bild!) den Film ins Netz stellte, und seitdem werden wohl die meisten die Doku gesehen haben, sich ein eigenes Urteil gebildet haben.

Ich selbst, in einer Phase intensivsten Zeitdrucks, habe etwa die Hälfte der Doku gesehen, und auch das war zu viel. Die Fakten kenne ich, die Argumentationsmuster kenne ich, die Taktik der anderen Seite – ich habe vieles selbst hier im Blog thematisiert, wie die Schulz-Rede in der Knesset und sein Beifall für die boshaft verlogene Abbas-Rede – und ich habe mich immer schon gewundert, warum das in deutschen Medien kein Thema war.

Ich persönlich hatte den Eindruck (und das zugegebenermaßen, ohne die gesamte Doku gesehen zu haben), daß man gut und gern zwei 90minütige Filme hätte machen können, mit einem gemächlicheren Tempo, denn die Fülle an Informationen ist groß. Wer in dem Thema nicht drin ist wie ich, sondern erstmal ruft, „aber hallo, das kann nicht stimmen! das wüßte ich aber!“, der braucht vielleicht mehr Zeit, die Fakten zu verdauen.

Und das Stilmittel des Sarkasmus – oh wie gut weiß ich, daß man auf manches einfach gar nicht anders reagieren kann. Aber mir ist auch klar, daß Sarkasmus auf Leute, die anderer Ansicht sind, einen unangenehmen Eindruck macht. Sie fühlen sich dadurch angegriffen und haben es einfacher, die gebotenen Informationen einfach wegzuwischen. Darum wäre ich vermutlich mit dem Sarkasmus sparsamer umgegangen.

Das sind meine zwei kleinen, blassen Fragezeichen, um sie hier gleich loszuwerden. Die Filmemacher hatten nicht die Wahl, einen Mehrteiler daraus zu machen, und bei der Masse an gequirltem Unfug, den sie sich anhören mußten, war Sarkasmus wohl schlicht die einzige Methode, nicht selbst wahnsinnig zu werden.

Ansonsten ist diese Doku wichtig, sehr wichtig und sehr notwendig. Das antijüdische Ressentiment, das Mißtrauen Israel gegenüber, die Bereitschaft, jeden Mist über Israel zu glauben und die mentale Unfähigkeit, irgendeine andere Konstellation als „Israel bösartiger Täter, Palästinenser harmlose Opfer“ aus der Realität herauszulesen, die vorurteilsbeladene, faktenarme Verurteilung des Zionismus als Inbegriff allen Übels – ich treffe sie überall, auch ein paar sehr gute israelische Dokus haben sie zutage gefördert, es ist nicht schwer, man muß nur „Israel“ sagen, und schon geht es los. Meine arme Mutter hat sehr oft, wenn sie erzählt, ihre Tochter, Israel, Israelis und so weiter, damit zu kämpfen. Es kommen die absurdesten Reaktionen, manchnmal wäre es den Leuten lieber, die Tochter hätte sich nach Nordkorea verheiratet als ausgerechnet nach Israel – und es ist ja auch eh fast dasselbe.

Ja, man kann über diese Doku auf der Ebene von „was hätte man besser machen“ diskutieren, und man wird immer etwas finden, das ist klar. (Doch wie viele Dokus mit klarer anti-israelischer Stoßrichtung, die viel weniger gut recherchiert und gemacht sind, wurden anstandslos gesendet! Ihr kennt sie, ich kenne sie, und die Reportagen der Tagesschau zum Thema Israel sind zu jedem Thema davon durchsetzt wie die Marmelade bei Großmutter Fallada von Schimmel).

Man kann auch über die Befunde diskutieren, über die antisemitischen Spuren in der Kultur, die antisemitisch angehauchten Redefiguren, die eindeutig antisemitischen Meinungen, die wieder salonfähig werden, und wie das alles von einer lügenhaften Präsentation des sog. Nahostkonflikts (als wäre der israelisch-palästinensische DER Konflikt der Gegend) immer wieder befeuert wird. (Weswegen selbstverständlich die Nahostfrage einen  Platz in einer Doku über Antisemitismus hat – sie wird dafür instrumentalisiert). Ich mache das seit Jahr und Tag, mir tun die Zähne davon weh, wie lange ich sie mir schon an dieser Pyramide der Lügen und Verdrehungen wetze.

Aber für mich ist der eindeutige Gewinn der Doku ein bitterer. Ich habe bei Twitter allzuoft die Reaktion „das habe ich nicht gewußt!“ gesehen. Es kann ein „das habe ich nicht gewußt und halte es auch für nicht möglich“ sein, es kann aber auch ein „das habe ich nicht gewußt, und WARUM habe ich das eigentlich nicht gewußt?“ sein.

Und das ist für mich der Clou bei der ganzen Geschichte und meines Erachtens der Grund, warum Arte und WDR die Doku nicht ausstrahlen wollen und wohl auch nicht ausstrahlen werden. Diese Doku spricht ein vernichtendes Urteil über die Berichterstattung der Medien. Das alles, das aus 90 Minuten an den Säumen birst und das ohne Zweifel zehn 90minütige Dokus gut füllen könnte, das alles wird normalerweise NICHT berichtet. Die Angriffe auf Israel, die Haßreden gegen Israel, die Lügen und Verdrehungen, die in Haß und Taten des Hasses überführt werden wie in andere Aggregatzustände – das alles kommt in den Abendnachrichten, der Morgenzeitung NICHT vor.

Wer nicht MEMRI guckt, MENAwatch oder Audiatur oder Gatestone liest, wer nicht Buurmann oder Feuerherdt oder Rungholt oder Elder of Ziyon liest (meinetwegen auch gern kritisch liest!), wer nicht Ynet, Times of Israel, JPost ,der Rotter.net liest oder HaOlam, wer sich also nicht aktiv auf die Suche nach Informationen begibt, die Spiegel, FAZ und Tagesschau ihm vorenthalten, der WEISS diese Dinge schlicht nicht.

Und der hat, weil ihm ein Teil der Wirklichkeit fehlt, einfach keine Möglichkeit, zu einer ernstzunehmenden Meinung über den palästinensisch-israelischen Konflikt und auch den Antisemitismus zu kommen.

Ein ganzes Rudel Kommentatoren auf diesem Blog haben, weil ihnen diese Informationen schlicht fehlten, sie sich dessen aber nie bewußt waren, daß sie nur einen Teil der Fakten kannten, immer dieselben ermüdenden Klischees wiederholt und mit Empörung reagiert, wenn ich ihnen geantwortet habe, daß sie nicht kompetent sind, eine Meinung zu haben.  Sie fühlten und fühlen sich rundherum gut informiert.

Aber eine Meinung kann man nur haben, wenn man alle Fakten kennt. Und ein Faktoid ist eben kein Fakt. Eine rhetorische Verknüpfung wie das automatische „Friedenshindernis Siedlungen“ ist kein Argument, da diese Verknüpfung bewußt von der palästinensischen Propaganda in die Welt gesetzt wurde, um den Terror unsichtbar zu machen, der das wahre Friedenshindernis bildet. Wer nicht erklären kann, warum es Terror gegen Juden VOR 1967 gab, ja VOR 1948, der hat das Problem nicht verstanden.

Es ist durchaus möglich, auch mit voller Faktenkenntnis viele Entscheidungen und Handlungen Israels kritisch zu finden und sich zu denken, man selbst hätte das alles ganz anders und viel besser gemacht, aber OHNE diese Faktenkenntnis kann man sich diese Meinung eben eigentlich nicht leisten.

Ich weiß nicht, was der Grund ist, daß in den Redaktionen bestimmt nicht nur in Deutschland alles, was sich nicht auf das oben genannte Raster reduzieren läßt, weggelassen wird. Warum über ein paar Wohnungen in Stadtteilen von Jerusalem Empörung herrscht, während Morde wie die an den Palmers einfach verschwiegen werden, die an den Fogels einfach kleingeschrieben werden. (Ich darf nicht daran denken, wie entsetzlich dieser Mord war und wie gleichmütig die deutschen Medien darüber hinweggegangen sind. Nein, ich darf nicht daran denken, sonst schlafe ich überhaupt nicht mehr. Das Baby im Arm seines Vaters, die Mutter, die wie eine Löwin gekämpft haben muß, bevor sie auch ermordet wurde.)

Ich benutze auch keine Ausdrücke wie Lügenpresse, obwohl auch schon Lügen unüberprüft von den Palästinensern übernommen wurden, immer immer wieder. Ich weiß nicht, warum Markus Rosch, Rania Salloum, Susanne Knaul, Inge Günther, Peter Münch und all die anderen unfähig sind, Fakten zu berichten, die nicht in ihr kostbares Narrativ passen. Warum der Spiegel das Bild eines riesigen Containers als Illustration bringt statt der faktisch nach Gaza geschipperten Nußschale, in der ein Erste-Hilfe-Koffer keinen Platz hätte. Warum Angriffe auf Israel, Angriffe auf Juden, Haßreden gegen Israel, Haßreden gegen Juden, einfach NICHT berichtet werden.

Ihr wart oft genug dabei, wenn ich verzweifelt bin, weil Menschen wie die Palmers oder Adele Biton* NIE in deutschen Medien auftauchen. Schicksale, die erklären, warum Israel gezwungen ist, manche Maßnahmen zu ergreifen, die dann von den Palästinensern wieder als Rechtfertigung für neuen Terror genommen werden.

Warum wird nie gezeigt, wie Gaza jubelt, wenn wir Tote begraben? Warum wird nie gezeigt, wie sorgfältig Israel vorgeht, um so wenig zivile Opfer wie möglich bei Verteidigungsschlägen zu gefährden, wie unendlich schwer sich Israel mit der Rolle tut, die uns von einem skrupellosen Gegner aufgezwungen wird, der aus Moscheen und Schulen heraus operiert? Richard Kemp kann sich den Mund fusselig reden – die Leute, die NIE ihr Leben verteidigen mußten, die sich NIE wirklich gefährdet gefühlt haben, die werden sich nie überzeugen lassen. Weil sie einfach nicht wissen, daß Israel viel weiter geht als andere Armeen, um das Leben der von Hamas oder Hisbollah zynisch benutzen Zivilisten zu schützen.

Nein, das paßt nicht ins Narrativ und wird darum nicht berichtet.

Diese Doku macht klar, wie wenig im Alltag bewußt wird, daß die deutsche Kultur antisemitisch gesättigt ist.

Diese Doku macht auch klar, daß das palästinensische Narrativ seit Jahrzehnten gegen Israel in Stellung gebracht ist, mit allen Lügen und Verzerrungen, mit dem Ergebnis, daß die meisten Deutschen tatsächlich glauben, Israel sei ein illegitimer und aggressiver Staat.

Diese Doku macht klar, daß Juden überall auf der Welt dafür mit Leib und Leben die Zeche zahlen.

Diese Doku macht klar, daß es Eure Steuergelder sind, mit denen Terror in Kindersendungen des palästinensischen Fernsehens, in Schulen und Unis verherrlicht wird, so daß nie Nachwuchsprobleme herrschen und es nie an palästinensischen Kindern mangelt, die begeistert und fanatisch mit Messern vor einer Kamera rumfuchteln. Das alles macht sie überdeutlich klar.

Und sie macht klar, daß Ihr von Euren Medien, von Ausnahmen mal abgesehen, seit Jahrzehnten absichtlich oder unabsichtlich manipuliert werdet. Darin liegt für mich die wahre Brisanz dieser Doku, und das wahre Skandalon. Alles, was dort erzählt wird, hättet Ihr in der Tagesschau sehen müssen, in der FAZ lesen müssen. Das habt ihr nicht? Warum nicht? Cui bono?

Ich ziehe alle Hüte, die ich je besessen habe, vor den Autoren dieser Doku, die sich mit sicherem Schritt in die Gülle vorgewagt haben, wo sie dick und stinkend ist. Sie haben uns allen einen Dienst erwiesen. Was ich in Jahren verzweifelten Bloggens nie erreicht hätte, ich und die ganze Blogosphäre, die an diesem Narrativ und Schema seit langem verzweifeln, das kann so ein Film natürlich in ganz anderem Umfang.

Antisemitismus und Terror gegenüber, diesen häßlichen Cousins, gibt es keine Ausgewogenheit, Objektivität oder Äquidistanz. Wer nicht dagegen Stellung bezieht, der unterstützt sie zumindest passiv. Das sollte jedem klar sein.

 

* Adele Biton ist während meiner Blogpause an den Spätfolgen des Anschlags verstorben.

ETA: Ich habe unfairerweise weggelassen, daß es sehr wohl Journalisten gab und gibt, die berichtet haben – gegen den Mainstream. Welt, Tagesspiegel und andere Zeitungen sind dabei immer positiv aufgefallen. Ja, man mußte ein bißchen buddeln, um sie zu finden, aber es ist möglich. Tut mir leid, daß ich das nicht auch berücksichtigt habe.

Kommentare»

1. Paul - Juni 15, 2017, 7:46

Liebe Lila,
danke für Deinen Kommentar. In diesen Tagen habe ich oft an Dich gedacht und an Deine Finger, die Du Dir wund geschrieben hast, um Lügen und Propaganda gegen Israel richtig zu stellen. Unermüdlich mit allen Mitteln der Schreibkunst hast Du gekämpft, kämpfst auch immer noch, wenn auch manchmal schon etwas müde und verzweifelt.
Du bist für mich eine IDF-Kämpferin. Dein Mann und Deine Kinder haben in Uniform für Israel gekämpft, ihr Leben eingesetzt. Du kämpfst als Freiwillige an der Tastatur. Du hast Verbündete. Du nanntest die Namen. Nein, Euer Kampf war und ist nicht vergeblich.

Noch etwas: Deinem Beitrag stimme ich in vollem Umfang zu. Aber, das weißt Du ja. Und noch etwas: Das ist die Lila, wie ich sie liebe. Natürlich lese ich auch Deine unpolitischen Beiträge gerne und mit Interesse, aber hiermit berührst Du mich wirklich.

Liebe Grüße,
Dein Mitläufer, Paul

2. Naomi - Juni 15, 2017, 8:21

Liebe Lila –

deine Nachtgedanken zum Film hast du so großartig und sehr eindrucksvoll beschrieben.
Du hast mit allem recht, was du sagst – und vor Allem: all das, was der Film zeigt, hätte man hierzulande jeden Tag in der Tagesschau hören müssen – oder im Spiegel, in der ZEIT, FAZ, SZ, taz usw. lesen müssen. Und natürlich halten viele User auf Twitter oder FB die boshafte verlogenene Rede von Abbas vor der EU mit seiner Brunnenvergifter-Story für wahr!

Schockierend ist es, dass die Menschen, die den Film sahen, jetzt meist die Form kritisieren und nicht etwa den Inhalt diskutieren. Das ist furchtbar. Und manche beschweren sich, dass der Film ganz sicher niemanden davon abhalte, antisemitisch zu werden und deshalb sei der Film nicht gut, nicht richtig …

Du hast recht, wenn du schreibst: „Diese Doku macht klar, wie wenig im Alltag bewußt wird, daß die deutsche Kultur antisemitisch gesättigt ist.“
Die deutsche Kultur war immer antisemitisch und ist es heute – trotz Shoah – immer noch genau so. Dazu kommt leider noch der muslim. Antisemitismus, und beides verträgt sich so „harmonisch“.

3. Tanja - Juni 15, 2017, 9:46

Liebe Lila,

danke für diese Nachlese. Ich habe die Doku gesehen und obwohl mir vieles nicht neu war, hat die geballte Schlagkraft der 90 Minuten mich kalt erwischt. Wie gerne hätte ich die Doku in dieser Form auf einem öffentlich-rechtlichen Kanal gesehen! Nicht um 03:20 Uhr, sondern zur Hauptsendezeit. Das wäre mal ein Signal gewesen, das es so noch nicht gegeben hat. Wäre. Vertane Chance.

4. Wolfgang Mann - Juni 15, 2017, 10:29

Danke für den wunderbaren Kommentar! Und nein, Lila, Du schreibst Dir nicht umsonst die Finger wund, Deine Kommentare und Beiträge werden auch hier, in dem so weiten und abgelegenen Australien regelmäßig gelesen und weiterverteilt. Ich war 1980 in Israel und auch längere Zeit in Jericho, kann nur bestätigen, was in dem Film gesagt wurde: Es war eine blühende, friedliche, schöne und aufstrebende Stadt, und aus eigener Erfahrung möchte ich nur hinzufügen, dass alle (!) Araber (damals gab es tatsächlich noch Araber und nicht ausschließlich Palästinenser), mit denen ich gesprochen habe, mit denen ich teilweise gelebt habe und bei denen ich gerabeitet habe, heilfroh waren, dass Jericho von Israel „besetzt“ war, und ich dachte stets bei mir: Wenn so „besetzte“ Gebiete aussehen, wenn sich die Menschen so wohl und sicher fühlen in „besetzten“ Gebieten, dann sollte eigentlich die halbe Welt „besetzt“sein – so ähnlich stelle ich mir das Paradies auf Erden vor.

5. jim11111 - Juni 15, 2017, 22:10

http://www.hagalil.com/2017/06/wdr/#more-46826

„Von des Kaisers neuen Kleidern“
12. Juni 2017 – 18 Sivan 5777

Der Kölner Schriftsteller Peter Finkelgruen appelliert in einem Brief an Tom Buhrow, Intendant des WDRs, sich in die Debatte um die Antisemitismus-Dokumentation „Auserwählt und Ausgegrenzt“ einzuschalten. Wir dokumentieren den Brief im Folgenden…

Sehr geehrter Herr Buhrow,…

6. G. - Juni 15, 2017, 22:45

Nee. @lila, nicht aufgrund Netzdruck. >>(Bild!)<>“wieder“<<. Wo war denn die Pause in unserem allgemein gesellschaftlichen, judenfeindlichen Tenor, der auch zweifelsfrei dazu beigetragen hat, Dich ausser Landes zu treiben? Ach ja, ich weiss! Augenzeugen, die mir persönlich Zeugnis ablegten. Die "Täter". Die Einzigen. "Ich habe nichts gegen Juden. Ich hatte nie etwas gegen sie. Was auch?" und "Sie haben mir nie etwas getan," Tatsächlich die Einzigen, vermute ich, dass Du sie nicht meinst. Welche denn? Welche Fiktion reitet Dich?

Judenfeindlich seit über tausend Jahren, gelebte Tradition, zutiefst besessen verteidigt von manchem, als wärs die eigene Seele. Und solange dies nicht eben allgemeingesellschaftlich thematisiert wird – und zwar genau so – wird ALL DAS weitergehen.

Ein allgemeingesellschaftlicher Diskurs über EIGENE Anteile an judenfeindlichen Klischees, Stereotypen, Mustern, archetypischen Bildern ist unabdingbar zum Gedeihen unserer Gesellschaft und würde darüber hinaus – im Rahmen bestehender Muster – auch andernorts zur Lösung mancher Problematik beitragen. Dazu allerdings bedarf es der Ehrlichkeit. Mit sich selbst und – andere Perspektive vorausgesetzt – mit dem anderen. Ansonsten wird das nichts. Ein Schuss in den Ofen – unsere Bemühungen um Lebensqualität.

Mein Beileid zur unbekannten, toten Studentin. Und von Herzen – Dir und den Deinen … angenehme Tage!

7. nussknacker56 - Juni 16, 2017, 0:10

Die Bürokraten von WDR und ARTE sind beim kleinlichen Fehlersuchen ertappt worden. Das muss weh tun, fühlen sie sich doch sonst als Speerspitze der niveauvollen Berichterstattung. Jetzt ist offensichtlich, was sie sind: Ganz gemeine sekundäre Antisemiten.

8. ente3 - Juni 16, 2017, 12:06

„Diese Doku macht klar, wie wenig im Alltag bewußt wird, daß die deutsche Kultur antisemitisch gesättigt ist.“

Liebe Lila, diesen Satz halte ich persönlich nicht nur für definitiv falsch sondern empfinde ihn auch als einfach -sry- dumm, was ich von Dir so plump nicht erwartet hätte.

Du weißt, das ich Deinen Blog echt gerne lese und ich halte es auch für richtig Stellung zu beziehen. Dennoch wird (wieder nur meine Meinung) durch „Ich benutze auch keine Ausdrücke wie Lügenpresse, obwohl…“ eine Stimmung erzeugt, die völlig an der Wirklichkeit vorüber zieht:
Die Verantwortlichen wollten (mal sehen) die Doku nicht zeigen, massiver Aufschrei vieler gesellschaftlicher Gruppierungen, Doku im Netz (Wahrscheinlich schon jetzt mehr Zuschauer als bei Arte um 0:30 Uhr), für mich zeugt dies von einem demokratischen, aktiven, lebendigen (ungesättigtem – was immer dies sein mag) Kulturverständnis in Deutschland.

Weiter gerne lesend!

9. Lila - Juni 16, 2017, 23:26

Ja, das ist klar, daß sich das unangenehm liest, auch für mich, bin ja schließlich selbst Deutsche.

Damit meine ich nicht, daß im Alltag ständig antisemitisch gepöbelt wird o.ä. Sondern daß man, wenn man ein bißchen auf das Thema aufmerksam geworden ist, überall Spuren findet. Ob bei Fontane oder Thomas Mann, ob im unreflektierten Weitergeben eines Scherzes, der antijüdisch angespitzt ist (mit welcher Wonne wurde vor ein paar Jahren ein Text überall im Netz kolportiert, dessen Herkunft viele einfach nicht erkannten, mal sehen, ob ich ihn noch finde). Das Wort „alttestamentarisch“, die alte viel mißbrauchte Formel „Aug um Auge“… die Befunde sind überall.

Vor ein paar Jahren war ich besonders erschüttert, als auf einen Artikel über Antisemitismus in der ZEIT unglaublich viele antisemitisch gefärbte Kommentare kamen, die alle dieselben Mechnismen zeigten.
https://rungholt.wordpress.com/2013/11/09/die-zeit-leser/

Die Unfähigkeit deutscher Gerichte, Antisemitismus als solchen zu erkennen. Der Unwille, die doppelten Maßstäbe bei der Beurteilung von Juden oder Israel gegenüber anderen auf ihren wahren Grund zurückzuführen.

Die Arroganz, mit der sich Deutsche über Israel erheben, auch ohne den Namen zu nennen – stieß mir besonders bei der Feier zur Erinnerung an den Mauerfall auf, als fast jeder Interviewte mit leuchtenden Augen sagte: „während ANDERE Mauern bauen…“, und es ganz klar war, wen sie meinten.

Wie oft habe ich abfällige Bemerkungen über religiöse Juden gehört (oft mit einem Kompliment für meinen Mann kombiniert, der ja offensichtlich keiner ist), wie oft finde ich in Artikeln als unausgesprochenes Gegenbild den Juden.

Und wie oft arbeite ich mich hier an der offen tendenziösen Berichterstattung der Medien ab. Die Nazi-Zionisten-Vergleiche, die Opfer-Täter-Verdrehung, die Weigerung, Terror gegen Juden als solchen zu bezeichnen – Du schlägst eine Zeitung auf, und da sind sie.

Wie viele Reiseführer über Israel gibt es, die „Heiliges Land“ genannt werden, weil die Autoren sich damit aus der Klemme ziehen wollen, damit aber suggerieren, daß Israel kein legitimer Staat ist? Über wie viele andere Staaten hörst Du so scharfe, emotionale, einseitige, auf Hörensagen beruhende Kritik? Die auch sofort bereit ist, in Aktion umzsuchlagen – in Boykotte, Leserbriefe, Demos etc? Wessen anderer Staat ist Zielscheibe solcher Kampagnen?

Warum wird ein Film mit Gal Gadot in arabischen Ländern boykottiert, warum werden israelicshe Sänger und Sportler und Akademiker boykottiert, und den Boykotteuren passiert nichts? Niemand verteidigt Israel dagegen.

Warum schreiben Journalisten anläßlich von deutsch-israelischen Kontakten immer davon, wie die deutschen Politiker ihre israelischen Kollegen warnen, belehren und ihnen Nachhilfe erteilen? Daraus spricht eine unbewußte Arroganz, die Frankreich oder auch dem Iran gegenüber nie benutzt wird.

Ente, es tut mir leid, daß ich das über Deine und meine Kultur sagen muß. Unsere Kultur ist misogyn, sie ist fremdenfeindlich, sie ist judenfeindlich, die meisten Kulturen sind das vermutlich. Wir Menschen sehen nun mal uns selbst als Nullpunkt der Welt, alle anderen als Abweichung. Das ist menschlich. Ich sage ja immer, eine Mutter, die 9 Monate stillt, wird eine 8 Monate stillende Mutter als vernachlässigend, hingegen eine 10 Monate stillende Mutter als verhätschelnd empfinden. Nur sie selbst macht´s genau richtig.

Ja, das ist menschlich, aber ich finde, die Menschheit könnte den Juden jetzt einfach mal eine Pause gönnen.

10. G. - Juni 17, 2017, 1:24

Der beanstandete Satz trifft so sehr in bulls eye, den Kern der Sache, die Beschreibung der eigentlichen Problematik, nüchtern, sachlich und fassbar auf den Punkt gebracht … , dass ich zustimmen muss: Das ist dumm. Und mir tut es nicht einmal leid.

So unverblümt die Wahrheit zu sagen, wer traut sich das? Wer hat so ein schnelles Pferd? Lässt während er spricht draussen den Motor laufen? Wer glaubt von solcher Wahrheit nicht eingeholt zu werden? Hierzulande? Dumm. Und … bewundernswert.

Selbstverständlich herrscht hier ein allgemein judenfeindlicher Grundtenor in der deutschen Gesellschaft! Von Europa mag ich diesbezüglich nicht einmal reden. Schauen wir uns doch selbst einmal an. Schauen wir in den Spiegel!

Jedem geistigen Einzeller dürfte schwanen, dass eine derartig fundamental judenfeindliche Prägung auf wirklich allen relevanten Ebenen über Jahrhunderte, mehr als ein Jahrtausend … unmöglich … schier undenkbar … keine Früchte in unserem Selbstverständnis zeugen konnte.

Wer suchet, der findet.

Was um alles in der Welt soll uns denn bitte davor bewahrt haben? Das Abspalten einer kurzen Epoche? Deren Ausgrenzung aus unserem, diesbezüglich gebärendem kulturell-historischen Kontext? Die traurige Sündenbockfunktion dieses Vorgehens? Oder etwa die Entnazifizierung durch die Alliierten? Irgendeine Partei? WAS?

Und mir gehts nicht um die Juden. Nicht einmal um die, die hier wahrscheinlich länger leben als das übrige Gros. Mir gehts um uns, den Rest, ungeachtet dieses kleinen Teils.

Wohlwissend, dass das Wohlbefinden der Juden hierzulande ein untrüglicher Indikator für die Lebensqualität aller darstellt. Aufrichtigkeit. Und noch einmal: Das Ganze ist nicht unmöglicher als es die derzeitige Situation bezüglich Freiheit gelebter sexueller Präferenzen zu Zeiten des § 175 war. Es war undenkbar. Die Problematik einer „latenten“ allgemeingesellschaftlichen Judenfeindlichkeit zu bestreiten bedeutet aber, den derzeitigen status quo weiterhin zu zementieren zu versuchen. Letztlich völlig sinnlos. Selbstschädigend. Und damit auf traurige Weise passend.

11. Stoff für’s Hirn | abseits vom mainstream - heplev - Juni 18, 2017, 11:56

[…] zur Unterdrückung der Dokumentation. – Die Macher des Films beziehen Stellung. – Lila hat auch ihre Gedanken aufgeschrieben – aus Sicht einer Deutschen in Israel, die sich deswegen die Nacht um die Ohren geschlagen hat. […]

12. Ludwig - Juni 18, 2017, 15:27

„Der Hass auf Juden in Europa“ – Das hätte eine überzeugende Dokumentation werden können, über Kontinuität und Aktualität antisemitischer Mythen, Stereotypen und Feindbilder in Deutschland und Frankreich bis ins 21. Jahrhundert. Passagenweise gelingt das dem Film auch, doch insgesamt verpasst er seine Gelegenheit.

Denn er berichtet zwischendurch nicht über Judenhass, sondern über Israel als den Juden unter den Staaten. Dadurch wird er zu einer Dokumentation über eine Strömung des jüdischen Nationalismus, die „Antisemitismus“ schlicht und einfach als das Gegenteil von Zionismus versteht.

Da die Doku dabei nicht transparent ist und beginnt jüdische nationale Mythen bzw. zionistische „Faktoide“ zu dokumentieren anstatt Fremdenhass in Europa, scheitert sie und verletzt dabei etliche französische und deutsche „Roten Linien“. So dokumentieren der Film und die flankierenden Debatten in der Pro-Israel-Blogosphäre nur einmal mehr, dass bestimmte Spielarten des Zionismus nicht dialogfähig sind.

Wenn ein Film stellenweise Hetze mit Hetze bekämpfen will und im Gegensatz zur europäischen Nahostpolitik steht, kann man unterschiedlich darauf reagieren. Die Franzosen bei Arte haben einfach ihr Veto eingelegt. Vermutlich weil sie meinen, dass die Doku Frankreichs nationale Interessen beeinträchtigt und gegen den Ethos der Republik verstößt.

Tendenziell scheinen mir das gegenseitige Unverständnis und die Dissonanzen zwischen Israel und Europa in den letzten Jahren zuzunehmen. Warum eine weitere Eskalation der Debatte gut für Israel sein sollte, verstehe ich nicht. Mein Eindruck ist, dass so zunächst eine Mauer der Sprachlosigkeit und des Schweigens entsteht. Mittelfristig macht das europäische Sanktionen gegen Israels Handeln jenseits der Grünen Linie wahrscheinlicher.

13. Lila - Juni 18, 2017, 16:29

Konkret, bitte. Welche in der Doku genannten Fakten sind nachweislich keine Fakten, sondern „Fakten“?

Es müssen ja mehrere sein, Du benutzt den Plural.

Aber jetzt bitte keine Phrasen aus der palästinensischen Propagandaindustrie. Sondern FAKTEN.

Wo haben die Filmemacher den Boden der Tatsachen verlassen?

14. Vor langer Zeit… | himmel und erde - Juni 18, 2017, 19:17
15. schum74 - Juni 18, 2017, 20:20

Wow!
Es hält mich nicht auf dem Stuhl. Ich kann nicht anders als mich zu melden. Du sprichst nämlich die Punkte an, die ich für einen Numeri-Kommentar schon festgehalten hatte, aber dann nicht unterbringen konnte, weil die Kommentar-Funktion inzwischen ausgeschaltet war:
1) So wohltuend die Doku auch ist, sie ist was für Kenner und damit vermutlich nicht geeignet, das Durchschnittspublikum aufzuklären; 2) jahrzehntelange Aufklärung über Israel war für die Katz.

Zu 1. Die Doku eilt nicht nur im Sauseschritt von einer Sache zur nächsten. Sie lässt Falschbehauptungen stehen, sozusagen für sich sprechen, ohne sie im Einzelnen zu widerlegen. Sarkasmus genügt nicht.

Beispiel 1: Annette Groth behauptet, dass Israel tonnenweise Chemikalien ins Mittelmeer kippt. Schröder & Hafner ordnen die Aussage richtig als moderne Variante des Brunnenvergifter-Motivs ein. Aber das reicht nicht. Man muss widersprechen. Groths Behauptung ist nicht deshalb falsch, weil sie antisemitisch ist, sondern umgekehrt: Sie ist antisemitisch, weil sie falsch ist, und zwar ungeheuerlich falsch.
Wie beweist man, dass Israel etwas nicht tut? Durch indirekte Belege:

a) Hier aus: Botschaft des Staates Israel, Berlin 2009: „Israel in Bild und Text“:

„Die Suche nach wassersparenden Techniken führte zur einzigartigen Tröpfchenbewässerung, bei der das Wasser direkt an die Wurzeln der Pflanzen geleitet wird. Als Resultat intensiver Forschung ist es inzwischen möglich, das große unterirdische Reservoir an Brackwasser unter dem Negev auszuschöpfen, um damit Erzeugnisse wie Tomaten und Melonen für den europäischen und amerikanischen Wintermarkt zu bewässern.“ (S. 41)

b) GEO, 2016 (?): „Meerwasserentsalzung: Wie Israel erfolgreich gegen die Dürre kämpft“:

„Entsalzungsweltmeister und Recycling-Champion: Israel deckt 2016 mehr als die Hälfte seines nationalen Wasserbedarfs mittels Wasseraufbereitungsanlagen

Vier Meerwasserentsalzungsstationen sind seit 2005 in Betrieb gegangen, die fünfte folgt in Kürze. Neue Technik hat die einst als Energieschleudern verschrieenen Anlagen viel effizienter gemacht. Schon 2016 soll die Hälfte des landesweiten Wasserbedarfs aus dem Meer gedeckt werden. Allein die Umkehrosmoseanlage Sorek südlich von Tel Aviv liefert ein Fünftel des für Haushalte benötigten Wassers. Zugleich führt Israel beim Recycling: 86 Prozent des Abwassers aus Haushalten werden für die Landwirtschaft genutzt. Im zweitplatzierten Spanien sind es 17, in den USA ist es ein Prozent. Optimisten hoffen, dass der neue Überfluss auch zum Frieden beiträgt – in einer Region, wo Wassermangel immer auch Streit ausgelöst hat.“

http://www.geo.de/natur/oekologie/545-rtkl-meerwasserentsalzung-wie-israel-erfolgreich-gegen-die-duerre-kaempft

Frage an die Mavi-Marmara-Kämpen: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Staat, dem Wasser so kostbar ist wie Gold, ein Weltmeer, das auch seins ist, mutwillig zerstört?

Erst nach einem ähnlichen Einschub im Off kann man dann die sarkastische Bemerkung fallen lassen: Schade um das Mittelmeer! Wie haben wir es geliebt!

Beispiel 2: Mahmud Abbas erklärt in seiner „inspirierenden“ Rede vor dem EU-Parlament, dass der Weltfrieden ausbrechen würde, sobald die palästinensischen Araber einen eigenen Staat hätten. So ähnlich sehen das das deutsche Außenministerium und der französische Quai d’Orsay. Der Jude als Kriegstreiber, als Weltfrieden-Verhinderer ist ein NS-Motiv, ja. Trotzdem muss man Abbas antworten ‒ wegen der arte-Zuschauer:

a) Wie wahrscheinlich ist es, dass der israelisch-arabische Konflikt, der von 1950 bis 2007 (neueste Angaben willkommen!) hinsichtlich der Opferzahlen an 49. Stelle aller Konflikte stand (Gunnar Heinsohn & Daniel Pipes, 08.10.2007), der Schlüssel zur Befriedung der Welt sein könnte?

http://www.danielpipes.org/4990/arab-israeli-fatalities-rank-49th

b) Wenn von der Beilegung dieses einen Konflikts der Weltfrieden abhängt, wie kommt es dann, dass die arabischen Palästinenser vier Angebote zur Errichtung eines eigenen Staates nacheinander abgelehnt haben: Ehud Barak 2000-2001; Ehud Olmert 2007; As-Sisi 2014 (Sinai-Plan); Biden-Plan 2016?

Übrigens: Die amerikanische Friedensinitiative, die US-Vizepräsident Joe Biden in Ramallah persönlich vorlegte, war nicht die knauserigste:
„Das Angebot umfasste einen Stopp des Baus israelischer Siedlungen und einen palästinensischen Staat mit Hauptstadt im östlichen Teil Jerusalems – drei Dinge, die Abbas zuvor stets als palästinensische Wünsche angegeben hatte“ (Mena Watch, 07.04.2016). Aber wieder Pech gehabt: Mahmud Abbas lehnte am 9. März 2016 auch dieses Angebot ab. Armer Obama!

http://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/abbas-weist-friedensangebot-zurueck-und-die-medien-interessiert-es-nicht/

Ein merkwürdiges Leid das, von dem der Leidende partout nicht befreit werden will. Und eine merkwürdige Öffentlichkeit, die keine Notiz nimmt.

Beispiel 3: Die mediale „Realitätsverdrehung“ (Schwarz-Friesel, TU Berlin) wird nur angetippt. Paar Schlagzeilen reichen nicht aus, sie fühlbar zu machen; umso weniger, als der naive Zuschauer ja nichts dabei findet. Wie schärft man seine Sinne? Vielleicht mit einer Schlagzeile nach eigener Fasson:

Vater von 3 Kindern von französischen Polizisten erschossen
Die Polizei erschoss den 31-jährigen Tunesier Mohamed Salmène Lahouaiej-Bouhlel, nachdem dieser am Nationalfeiertag in Nizza 86 Menschen getötet und 486 verletzt hatte.

Ihr seht schon, wie meine eigene Doku ausgefallen wäre: öde und langweilig. Das andere Extrem.
Pardon für die Beitragslänge! Und ja: Auch meine Hüte vor den Autoren dieser Doku.

16. Lila - Juni 18, 2017, 21:40

Da kann ich jedes Wort unterschreiben, genau an diesen Punkten zuckte und ruckte mein Bulldoggen-Maul, um sich dort festzubeißen und diese Lügen zu schütteln, bis das Sägemehl nur so rausfliegt!

Ja, das müßte eine Serie sein und…

Halt halt halt! Was werden sie in der Besprechung hinterher sagen? Daß Brot für die Welt alles abstreiten, die Besatzung die armen Palästinenser eben jenseits der Zurechnungsfähigkeit treibt, und daß man Terror in Europa nicht mit Widerstand gegen Israel gleichsetzen kann…. denn schließlich gäbe es ohne die Besatzung ja gar keinen Terror.

Wetten wir?

Einen Doppelzentner Frust gegen ein erleichtertes Ausatmen.

17. schum74 - Juni 18, 2017, 23:32

Zum letzten Satz in Deinem Artikel:
Der Arte-Direktor begründete seine Weigerung, „Auserwählt und ausgegrenzt“ zu zeigen, mit dem Vorwurf, die Dokumentation wäre nicht ausgewogen. Dazu zitiert Jean-Patrick Grumberg den französischen Filmregisseur Jean-Luc Godard: „Ausgewogenheit ‒ das ist 5 Minuten für Hitler und 5 Minuten für die Juden.“

Auf Wiedersehen am Mittwoch beim „betreuten Fernsehen mit Maischberger“ (Brigitte Brils)!

18. Leserin - Juni 19, 2017, 23:12

Liebe Lila,

ja, es gibt diese Leute, die – beeinflusst durch jahrelange Berichterstattung wie z.B. durch den Spiegel – Vorurteile gegen Israel hatten, und die sich, inspiriert von Blogs wie deinem (und LizasWelt und Tapfer im Nirgendwo u.a.), intensiver mit der Lage in Israel befasst haben und mit einem „Das habe ich nicht gewusst!“ ihre Meinung revidieren mussten. Ich zähle mich dazu.

Einschub: Es ist natürlich immer etwas schwierig, wenn jemand „die Wahrheit“ nicht aus der Presse, sondern aus Internet-Blogs kennt. So begründen schließlich auch Chemtrail-Anhänger und Holocaust-Leugner ihre Thesen. Das war mir durchaus immer schon bewusst, von daher habe ich mich jetzt mehrere Jahre mit den Argumenten von allen Seiten befasst. Und je länger man sich mit den Behauptungen von Antisemiten/Antizionisten auseinandersetzt, desto haarsträubender kommen sie einem vor. Aber das muss ich dir hier ja nicht erklären.

Was die Doku angeht: Auch mir ist unklar, warum die Öffentlich-Rechtlichen sie jetzt unter allen Umständen diskreditieren wollen. Es wirkt aber in der Tat, als fühlten sie sich auf den Schlips getreten. Eventuell liegt es daran, dass sich der überwiegend christliche Rundfunkrat in seinem Glauben angegriffen fühlt, vielleicht auch daran, dass dort die bisherigen Berichterstattungen kritisiert werden. In beiden Fällen scheint mir aber der Gedanke, eigene Ressentiments zu hinterfragen, dort keine Option zu sein. Dass sie jetzt unbedingt „ausgewogen“ aufzeigen möchten, dass es schließlich auch „gute Gründe“ für Juden-/Israel-Hass gibt, gibt mir den Rest.

Was mir aber am allerwenigsten in den Kopf will: Was wollen diese Sender eigentlich? Dass jüdisches Leben in „Palästina“ für sie unerträglich ist, ist mittlerweile angekommen. Wenn sie sich jetzt aber auch noch gegen eine Doku über Antisemitismus in Europa sträuben, könnte man fast meinen, sie hätten sogar etwas dagegen, dass Juden in Europa undrangsaliert leben können. Anders formuliert: Gibt es überhaupt einen Ort, wo ARTE, WDR und Das Erste jüdisches Leben akzeptieren können?

Wie du sagst: Es ist erfreulich, dass die Zurückhaltung der Doku einen so großen Protest hervorgerufen hat. Auf der anderen Seite ist es erschreckender als man annehmen sollte, wie die Öffentlich-Rechtlichen damit umgehen.

Dein unermüdlicher Kampf gegen die Doppelmoral der ach so moralischen Täternachfahren ist bewundernswert. Ich bin längst ermüdet…

19. A.mOr - Juni 20, 2017, 13:01

#15, @Schum.
Großartig!

Ersteinmal bin ich nur froh, daß es so einen Film geben kann. Jedoch einer ist keiner? Zum Thema gibt es sicher noch eine ganze Menge mehr aufzuklären an die Öffentlichkeit, bzw., frei nach dem Hinweis auf #17, „Betreuten“.

Der redaktionelle Teil ist noch nicht abgeschlossen, läßt sich lesen. Für solchen Fall würde ich Schum und Lila empfehlen zu assistieren!
Aber, wie wir nun wissen, man entschied sich (vorab?) anders:
http://www.salonkolumnisten.com/schuss-ins-knie/

20. Ludwig - Juni 20, 2017, 17:32

Lila – 13,

Wir leben gerade in einer post-faktischen Epoche, wo sich jeder das Recht auf die Auswahl eigener Fakten nimmt, um daraus geschlossene Weltbilder zu konstruieren und diese nach außen abzuschotten. Dann braucht man nur noch hundertmal „das genaue Gegenteil ist wahr“ zu sagen und schon haben sich zwei gegensätzliche Weltbilder in gegenseitige Feindbilder verwandelt.
Entsprechend finde ich einzelne „FAKTEN“ nicht so relevant.

Beispielsweise gibt es zum Thema „Wasser“ epische Propagandaschlachten zwischen Juden und Palästinensern. Klar ist, Wasser ist für beide Nationen eine oft knappe Ressource. Die Kläranlagen in Gaza funktionieren aktuell nicht richtig und verschmutzen das Mittelmeer. Das sind die unstrittigen Fakten.

Der Rest ist Auswahl, Konstruktion von Zusammenhängen und Interpretation, bis beispielsweise eine Geschichte über den palästinenserfreundlichen Antisemitismus von Annette Groth entstanden ist. Oder, je nach Geschmack, eine Geschichte über die israelische Bombardierung von ziviler Infrastruktur im letzten Gaza Krieg: https://www.icrc.org/eng/resources/documents/news-release/2014/14-07-israel-palestine-gaza-water.htm

Oder ein paar Geschichte darüber, warum die eine oder die andere Geschichte unmoralisch ist oder gelogen sein muss. Und schnell hat man ein Buch voll mit Geschichten aus dem Morgenland, die insgesamt ziemlich sinnlos wirken, wenn man den Antisemitismus in Europa besser verstehen will. Die großen Zusammenhänge dieser Dokumentation finde ich wichtiger.

Dazu eine Beobachtung: Die Mehrheit der Menschen, die sich nachhaltig für Frieden zwischen Juden und Palästinensern und einen palästinensischen Staat einsetzen, sind aus zionistischer Sicht Anti-Semiten, einige davon dokumentiert der Film. Dazu argumentiert Schum74 – 15 sinngemäß, Abbas sei ein Antisemit, weil er im Zusammenhang mit der Lösung des Nahostkonfliktes vom Weltfrieden gesprochen hat.

Wie die meisten Menschen, halte ich alle Ankündigungen über einen kurz bevorstehenden, plötzlichen Ausbruch des Weltfriedens für stark übertriebenes Wunschdenken. Egal ob sie von Mahmoud Abbas oder einer Schönheitskönigin kommen. Aber „Antisemitismus“ ist an dieser Stelle für mich – und vermutlich die meisten Nicht-Zionisten – eine nicht nachvollziehbare Interpretation dieser Aussage.

Was die regionalen Auswirkungen einer Zwei-Staaten-Lösung betrifft, glaube ich, dass dadurch Juden und Palästinenser langfristig mit mehr Sicherheit und Wohlstand leben könnten. Falls Israel einen Palästinenserstaat zulässt, könnte es mit viel Glück zu einem Verteidigungsbündnis im Stile der NATO mit den Saudis und Israel plus den USA als Hauptmitgliedern kommen. Zumindest gibt es solche Pläne. Der Nahen Osten würde dadurch etwas sicherer, zumindest vor dem Iran. Mehr „Weltfrieden“ gibt’s nicht.

Wieso also sollte Abbas Gerede von Frieden ein Ausdruck von judenfeindlicher Hetze sein?

Als plausible Erklärung, fällt mir da nur ein, dass manche zionistische Sprecher neben den gängigen und bekannten Definitionen in diesem Zusammenhang „Antisemitismus“ zusätzlich als Gegenteil von Zionismus verstehen.

Ein Palästinenserstaat würde einige Strömungen des Zionismus grundsätzlich in Frage stellen, weil der Staat Israel dann nicht mehr die Hoheit über das gesamte Land Israel hätte. Das Ergebnis wären schwerwiegende ideologische und theologische Konflikte, die prinzipiell bis zum Bürgerkrieg eskalieren könnten. So gesehen bedeutet Frieden mit den Palästinensern das Risiko eines Krieges zwischen Juden. Kein Wunder, dass aus mancher zionistischer Sicht Palästinensertum und Friedensprozess gleichbedeutend mit „Antisemitismus“ sind.

Zumindest ist das die plausibelste und rationalste Erklärung, die mir bislang eingefallen ist, für allerlei Eigentümlichkeiten, die mir bei Antisemitismus-Debatten in der Pro-Israel-Blogosphere und englischsprachigen israelischen Medien auffallen. Mal sehen, wie ergiebig die Diskussion nach dem Film morgen auf mich wirkt, mit dieser zweiten Definition im Hinterkopf.

21. Causa Augstein, Rolf Verleger und Co. – Teil des Problems? | israelkompetenzkollektion - Juni 20, 2017, 19:24

[…] Lila Rungholt zum Doku-Drama (Rungholt) […]

22. Lila - Juni 20, 2017, 20:52

Ludwig, ich weiß wirklich nicht wieso, aber ich bin kein bißchen überrascht, daß Du Fakten für nicht so relevant hältst. In Deiner Lebenswelt sind sie es vielleicht nicht. In meiner schon.

Wenn Du nicht verstehst, warum der von Abbas hergestellte Zusammenhang von „Weltfrieden“ und „Besatzung“ antisemitische Untertöne hat, dann ist halt nichts zu machen. Was impliziert Abbas´ Gleichsetzung jedoch?

Weltfrieden kann nur im Kampf gegen Israel, die israelische Besatzung (die für einen Großteil der Palästinenser nicht nur die Gebiete von 1967, sondern auch die von 1948 umfaßt) erreicht werden. Alle anderen Konflikte entstehen nur aus Israels Ur-Sündenfall und sind nach Aufhebung der Besatzung sofort lösbar. Das Weltjudentum nimmt also den Weltfrieden als Geisel.

Das sagt Abbas der Weltöffentlichkeit. Was jedoch denken seine Leute?

Guck es Dir mal an hör einfach mal zu.

Auch hier:

Vielleicht verstehst Du dann, warum viele Leute aus meiner Ecke der Blogosphäre Abbas doppelzüngig finden. Seine Wähler wollen keine Zweistaatenlösung, sie wollen EINEN Staat. Und das ist ihr Weg zur demographischen Mehrheit. Möglicherweise.

So, und nachdem Du die Stimmen der Palästinenser gehört hast, hör mal den Israelis zu.

Es gibt überall solche und solche,, aber merkst Du wirklich nicht den Unterschied????

Na ja, wer lieber seine eigenen Ideen pflegt und Fakten lästig findet…

23. jim11111 - Juni 20, 2017, 23:38

http://www.sprachkasse.de/blog/2017/06/20/ard-strahlt-antisemitismus-doku-aus/

[…] Und an anderer Stelle schrieb ich es bereits: Solange sich Juden in Deutschland nicht offen auf der Straße als solche zu erkennen geben können, hat dieses Land ein massives Problem. Der Film zeigt das und darauf sollte man seinen Blick lenken. Die Diskussion um die Erzählweise kann man führen, aber das sollten keine Nebelkerzen werden….

24. Ludwig - Juni 21, 2017, 12:35

Lila – 21

Das ASK-Projekt ist wirklich toll, herzlichen Dank für die Videos. Nur, grundsätzliche Unterschiede zwischen Juden und Palästinensern kann ich da ehrlich nicht erkennen. Da gibt es viele allgemeine Unterschiede und eine große, gemeinsame Ratlosigkeit. Der überraschenste Spruch kam von einem Mann aus Nablus in dem Clip zur Ein- vs. Zwei-Staatenlösung (1‘40‘):

„Die Palästinenser haben schon zwei Staaten. Einen palästinensischen Polizeistaat bei Tag und einen israelischen Armee-Staat bei Nacht.“

Ein „Faktum“, das sich belegen läßt. So gesehen, wäre Abbas womöglich Philosemit, weil er einen halbwegs gut funktionierenden Polizeistaat betreibt und die IDF deshalb in Nablus „nur“ die Nachtschicht übernehmen muss.

Eurer Misstrauen verstehe ich. Abbas könnte die gleichen Lügen erzählen, wie Arafat in den ersten Monaten der Zweiten Intifada. Angst ist legitim, auch Hass finde ich prinzipiell nachvollziehbar. Doch die politischen Schlussfolgerungen daraus wirken auf mich nicht stimmig, da halte ich’s – ausnahmsweise – mit Donald Trump: Ein-Staat oder Zwei-Staaten, mir persönlich ist das eigentlich egal. Letztlich ist es Israels Entscheidung, ob es sich von den Palästinensern trennt und was dafür tun oder lassen will.

Vor diesem Hintergrund enthalten die Anfangssequenzen des Filmes eine unterschwellige Portion jüdischen Palästinenserhass und sie überdecken einen ungelösten Streit innerhalb des Zionismus, was für einen Nationalismus die Juden haben wollen, wenn es um das Land Israel und die Palästinenserfrage geht. Für eine fruchtbare Debatte über Antisemitismus in Europa finde ich das nicht hilfreich.

Ein ganz anderer Aspekt: Arte hat dem Film eine „anti-protestantische“ Haltung vorgeworfen.

Das kann ich nachvollziehen, weil er zum Christentum polemisiert ohne genauer hinzuschauen. Dadurch polarisiert er so stark, dass seine eigentliche Botschaft verloren gehen kann und die Debatte über Antisemitismus hierzulande eher zerstört als befruchtet wird. In diesem Sinne verlinke ich auf einen Blog, das den Nahostkonflikt und Antisemitismus in Deutschland aus einer protestantischen, theologisch fundierten Perspektive beleuchtet.

Zur biblischen Karfreitagsgeschichte, der Mutter aller Ritualmordlegenden:
https://stuhlmannzwischendenstuehlen.wordpress.com/2017/05/12/zeuge-der-anklage/

Zum religiösen Fundamentalismus im „Heiligen Land“:
https://stuhlmannzwischendenstuehlen.wordpress.com/2016/10/28/suchen-und-fragen/

Zu einer verstörenden Begegnung mit Tuvia Tenenbom, der auch in dem Film mitspielt:
https://stuhlmannzwischendenstuehlen.wordpress.com/2013/11/20/besuch-von-einem-fremden-stern/

Diese Perspektive ist sicher nichts für militante Atheisten, aber womöglich interessant für Menschen, die den christlichen Mainstream in Deutschland verstehen wollen.

Mein letzter und für die deutsch-israelische Debatte wichtigster Aspekt:

Wie ich schon mal sagte, sieht man Antisemitismus im deutschen Mainstream meistens als eine Form von Fremdenhass bzw. als Hassideologie gegen Schwächere in der Gesellschaft, so wie auch Misogynie, Homophobie und aktuell verstärkt Islamophobie. Aus europäischer Sicht sind daher die Gerüchte von der „Verjudung“ und die Gerüchte von der „Islamisierung“ Europas zwei Seiten der gleichen, widerlichen Medaille.

Der Film dokumentiert israelfeindliche und anti-semitische Hetze durch Moslems und islamische Theologen. Moslemischer Antisemitismus ist ein vom deutschen Mainstream zu lange unterschätztes Problem. Soweit war der Film überfällig.

Wenn ich allerdings die sprachkritischen Methoden aus der Antisemitismus-Forschung und dem Feminismus auf Diskurse über Moslems anwende, die in der Pro-Israel-Community weit verbreitet sind, dann komme ich mühelos zu katastrophalen Bewertungen. Zu oft wird da israelfeindliche Hetze mit islamophober Hetze bekämpft, von denen sich die Doku, soweit ich sehe, nicht abgrenzt.

Mein „liebster“ Moslemhass-Prediger und Islamisierungs-Verschwörungstheoretiker ist der Italiener Guilio Meotti, der schreibt für das von Dir oben empfohlene Gatestone Institue und für das Leitmedium der Siedlerbewegung Arutz Sheva.

https://www.gatestoneinstitute.org/author/Giulio+Meotti

http://www.israelnationalnews.com/Articles/Author.aspx/863

Bei Leuten wie Meotti, von denen es im „Pro-Israel-Web“ viel zu viele gibt, wirkt „Zionismus“ gleichbedeutend mit Moslemhass. Das diskreditiert viele gute Argumente und Initiativen, die eigentlich dazu gedacht und geeignet sind Israels Glaubwürdigkeit zu stärken.

Beste Grüße

Ludwig

25. ente3 - Juni 21, 2017, 17:11

23.45 ARD Diskussion bei Maischberger heute. Nette Besetzung. Und die Diskussion immerhin 45 Minuten vor dem prognostizierten Filmtermin.

26. ente3 - Juni 21, 2017, 21:08

22:15 Ausstrahlung der Doku im Ersten und Arte zeitversetzt ab 23:00

„Die Verantwortlichen wollten (mal sehen) die Doku nicht zeigen, massiver Aufschrei vieler gesellschaftlicher Gruppierungen, Doku im Netz (Wahrscheinlich schon jetzt mehr Zuschauer als bei Arte um 0:30 Uhr), für mich zeugt dies von einem demokratischen, aktiven, lebendigen (ungesättigtem – was immer dies sein mag) Kulturverständnis in Deutschland.“ s.o.

Natürlich ohne Vorankündigung, aber fühle mich bestätigt.

Ente

27. jim11111 - Juni 22, 2017, 12:18

http://www.hagalil.com/2017/06/antisemitismus-dokumentation/comment-page-1/#comment-57895

[… ]Und nein, natürlich sind nicht alle Antisemiten, die Israel kritisieren (gähn!), nein, nicht der menschelnde Herr Blüm und nicht die rührige Frau Pörzgen, Gott behüte. Und nein, der Film wird keinen Oscar für die beste Doku gewinnen, und ja, er verfolgt ganz eindeutig eine bestimmte Agenda. Und das ist auch alles gut so, denn auch dem letzten Realitätsverweigerer unter uns sollte nun klar geworden sein, woher der Wind bläst. Es wird kein „normales“ Leben für Juden in Deutschland geben. Das zeigt nicht nur die Doku, sondern auch der Umgang mit ihr.

28. G. - Juni 22, 2017, 16:43

Antisemitisches Tourette.

Ein Ausdruck, geprägt in aller begrifflichen und hierzulande schlechterdings weiterhin kaum juristisch haltbaren (Un)schärfe, doch nichts desto weniger allgemein verständlich … geprägt von einem der Autoren dieser Doku.

Geeignet, manches trefflich und letztendlich verständlich zu erklären. Sowohl das handwerklich fraghafte Vorgehen der ARTE- wie WDR-Verantwortlichen, … wie ebenso die Berichterstattung junger Juden über ihr Erleben hierzulande oder eigene Beobachtungen betreffend dem Erleben junger Juden oder Jüdinnen als U-Boot an ihrem Arbeitsplatz oder eben dort nach ihrem veritablem Outing.

Antisemitisches Tourette.

Allgemeingesellschaftlich zu verstehen. Ohne Ansehen von Links- oder Rechtsextremen – um das Thema nicht für die breite Masse, die es betrifft – verwässern zu lassen.

Und werden eben jene judenfeindlichen Stereotype in persönlichem Gespräch thematisiert, diskutiert mit der Bemühung um letztendliche thematische Deutung und Eindordnung … so kommt es zwanghaft zu agitiertem, besessen erscheinendem Repetieren derselben in aggressivster Intonation und der getrieben erscheinenden Intention, den anderen „platt zu machen“. Tourette. Gesprächsbereitschaft sieht anders aus.

Es ist eben genau das, was man aus unzähligen Familientreffen, Treffen im Freundeskreis oder vom Arbeitsplatz nur zu allzu gut kennt. Doch diesmal, dies eine Mal, hat diese allgemeingesellschaftliche Krankheit, derzeit noch ohne jedwede Krankheitseinsicht, Gutes bewirkt. Nicht in Form altbekannter und erneut ausgesprochener Drohungen bei mangelnder Unterwürfigkeit, beispielsweise in Form von Sanktionen oder aufgezeigten apokalyptischen Szenarien eines Bürgerkriegs oder Weltuntergangs, nein, anstelle all dessen in Form eines noch nie dagewesenen Vorgehens der Verantwortlichen des WDR sowie von ARTE.

Antisemitisches Tourette.

Mit dazu beizutragen einen Film zur DOKU DES JAHRES zu machen angesichts der heiligen Kuh, des Fallbeils guten Journalismus, der Quote, diesen als allererste Rohfassung auszustrahlen um ihn anschliessend allgemeingesellschaftlich zu diskutieren … ist einmalig!

Wobei man auch diesem … zutiefst basisdemokratischem und somit wünschenswertem Verhalten … handwerkliche Vorwürfe machen muss. Wo waren die Autoren? Der Angeklagte gehört nun einmal zu seinem Tribunal! Und wo war der Wille des Volkes? Telefonvoting! War das Vorgehen von ARTE und WDR nun judenfeindlich? Ja oder nein?!

Der Doku-Blockbuster des Jahrhunderts liegt greifbar vor den Verantwortlichen! Schlussendliche Rechtfertigung aller steigenden Zwangsgebühren. So darf man nun hoffen auf weitere, unterhaltsam erzählte und frei von eben jenem „antisemitischem Tourette“ (und dessen Dogmen) recherchierte Dokumentationen über den alltäglichen Antisemitismus hierzulande.

Und vielleicht, nur vielleicht, gibt es bald auch ein „Ich stelle mich“,gern moderiert seitens des aktuellen WDR-Direktors, Prominente fokussierend – im Bemühen ihre eigenen judenfeindlichen Überzeugungsanteile in ihrer lerngeschichtlichen Entstehung offen zu legen! Selbstverständlich mit anschliessendem Telefonvoting. Interaktiv. Als Beginn Norbert Blüm versus Zentralrat. Zur Herstellung rhetorischen Gleichgewichts assistiert von Michel Friedmann. Bomben-Quote! Und augenscheinlich auch ohne Anwesenheit Herrn Blüms machbar.

Und da niemand weiss, wer der Nächste ist, würde sich ein jeder selbst auf Herz und Nieren diesbezüglich überprüfen. Was könnte es angenehm werden, hierzulande, für wirlich alle und jeden! Ich jedenfalls gratuliere ARTE und dem WDR. Danke. 🙂

Nur ein besserer Sendeplatz wäre noch wünschenswert. Für die wahren Quotenbringer. Nicht mitten in der Woche. Mitten in der Nacht. Da platziert man nicht die Kuh, von der man lebt. Aber bei dem radikal restaurativem Vorgehen der Verantwortlichen derzeit wird man dies vermutlich schon bei der nächsten Ausstrahlung berücksichtigen.

29. A.mOr - Juni 22, 2017, 17:28

Keine Zeit gerade, aber Danke Jim, Danke Andrea…

30. jim11111 - Juni 24, 2017, 23:50
31. Ludwig - Juni 26, 2017, 11:48

@ G. – 28

„Antisemitisches Tourette“ ist eine dieser Pathologisierungen, die manchmal nur bedeuten, dass die Diskussion zum Streit eskaliert ist. Wenn man nicht mehr weiter weiss, dann ist es am leichtesten der anderen Seite irgendwas psychomäßiges anzudichten. Sowas stimmt manchmal, ist aber in der digitalen Debatte oft genug nur ein Zeichen dafür, dass man selbst nicht mehr bereit ist, gegensätzliche Positionen nachzuvollziehen.

Ganz einfach, weil man in verschiedenen „Blasen“ lebt, wo das genaue Gegenteil richtig ist. Und das genaue Gegenteil davon zutrifft. Und das Gegenteil davon immer zweimal mehr wahrer ist. Dann haben sich „Anti-Semitismus“ und „Anti-Anti-Semitismus“ zum gegenseitigen Tourette getroffen und die Eskalationsspirale dreht sich.

Ein möglicher Startpunkt ist in meinen Augen die zweite Erzählebene der Dokumentation, wo der Film vom Krieg zwischen Juden und Palästinensern erzählt. Da entdecke ich etliche Elemente ideologischer Kriegsführung: Palästinensertum, Christentum und Islam sind Antisemitismus. Menschenrechte sind die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Nichtregierungsorganisationen sind Waffen zur Vernichtung des jüdischen Staates. Frieden bedeutet Völkermord. Daher ist Krieg gleichbedeutent mit Frieden. Und Linke sind Vaterlandsverräter…

So jedenfalls verstehe ich den Narrativ von NGO-Monitor, der den Film nach Gaza und nach Stuttgart begleitet. An diesen Stellen gilt für mich: Das genaue Gegenteil richtig. Da kann es zu Reaktionen aus meiner Deutschen-Mainstream-Blase kommen, die aus Sicht der Pro-Israel-Blase wie „Antisemitisches-Tourette“ wirken.

Noch ein realpolitischer Denkanstoß zum Umgang mit NGOs, die mit europäischem Geld für eine Zweistaatenlösung arbeiten: Der Skandal rund um den Besuch des deutschen Außenministers in Israel war nach meinem Verständnis eine diplomatische Sanktion gegen die israelische Regierungspolitik. Die Bundesregierung hat damit zum Ausdruck gebracht, dass sie Israels Politik gegen „linke“ NGOs falsch findet.

Das liegt letztlich daran, dass Deutschland und Europa einen unabhängigen Palästinenserstaat wollen und Israel nicht. Wenn sich die israelische Regierung und die zionistische Rechte entscheiden, den Handlungsspielraum von „linken“ NGOs in dieser Hinsicht weiter zu beschränken, bleibt der Interessenkonflikt natürlich bestehen und Europa kann sich entscheiden zu eskalieren und seine Interessen mit anderen Mitteln zu vertreten.

Dabei gibt es immer die Option den Staat Palästina in den Grenzen von 1967 anzuerkennen. Knapp 2/3 der Deutschen wünschen sich einen solchen Schritt:

http://www.stern.de/politik/deutschland/stern-umfrage–kritik-an-israel-darf-sein-7435842.html

Womöglich lohnt es sich darüber nachzudenken, was für eine Debatte über Antisemitismus und Antizionismus die Pro-Israel-Community führen will, wenn der Mainstream anfängt die Anerkennung Palästinas zu diskutieren.

jim11111- 30

Die drei Beiträge (irgendwie jüdisch, Levi und Chajm) über anti-israelisch begründeten Antisemitismus, die Du verlinkt hast, finde ich ausgezeichnet. Sie leisten das, was die Dokumentation phasenweise verpasst hat, weil sie aus der persönlichen Erfahrung sprechen. Da gibt es Positionen, die ich als protestantischer Deutscher nicht hören will und daher blöd finde oder wo ich zunächst impulsiv widersprechen möchte, aber das sind meine persönlichen Probleme, aus denen ich wiederum meine eigenen Schlüsse ziehen kann.

Der Respekt für die Haltung und für die Verletzlichkeit des „Anderen“ ist da.

Ähnlich gut funktioniert der Film in den Passagen aus dem Pariser Vorort und durch die in Berlin geführten Interviews mit den irren Verschwörungstheoretikern und den naiven Palästina-Aktivisten, die mich erreichen und zum Denken bringen.

32. A.mOr - Juli 3, 2017, 22:54


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s