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Unter der Erde Mai 20, 2017, 12:37

Posted by Lila in Persönliches.
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Unser Moshav wurde Anfang der 80er Jahre gegründet und blieb viele Jahre lang, wie er war.  Wie in vielen Moshavim und Kibbuzim kam irgendwann auch hier die Idee auf, eine neue Wohnsiedlung zu bauen, eine sogenannte Erweiterung (harchava). Wer bereits im Moshav lebt, kann den Grund und Boden billiger kaufen oder hat das Vorrecht beim Kauf – oft sind diese Erweiterungen nämlich für die Kinder der Anwohner gedacht.

In unserem Moshav wurde die Erweiterung 2008 in Angriff genommen. Bei Grabungen für die Kanalisation stießen die Bauarbeiter auf einen großen Hohlraum. Sie vermuteten eine Höhle und informierten die Behörden, die sofort einen Höhlenexperten schickten. Er seilte sich ab und stellte fest, daß die Höhle mehr als 18 Meter tief ist, daß sie eine immer noch aktive Tropfsteinhöhle ist, und daß in der Erdschicht am Boden Spuren menschlicher Aktivitäten sichtbar sind.

Da es kein privater Grund und Boden war, sondern noch in Besitz des Jüdischen Nationalfonds (KaKaL),  gab es keine Schereien mit privaten Besitzern. Es wurde beschlossen, die Höhle archäologisch zu erschließen und die neue Nachbarschaft in die andere Richtung zu bauen, um die Höhle nicht zu beschädigen.

Sie wurde sofort geschlossen und ihr genauer Ort geheimgehalten, denn in anderen neu entdeckten Höhlen kam es wohl zu Vandalismus durch unbefugte Eindringlinge.

Bei der Erforschung durch einige der bekanntesten Archäologen Israels (das in Sachen Archäologie recht gut aufgestellt ist) stellte sich heraus, daß diese Höhle seit Jahrtausenden nicht betreten wurde. Irgendwann wurde der Eingang verschüttet, und 15.000 Jahre lang lag die Höhle unentdeckt. Das bedeutet: alles, was dort gefunden wird, ist mindestens 15.000 Jahre alt. Ein schwindelerregender Gedanke.

Als die Höhle geöffnet wurde und die erste archäologische Saison anlief (jedes Jahr im Juli wird dort gegraben), lud man die Einwohner ein und zeigte ihnen die Höhle, erklärte ihnen auch, wie wichtig es ist, sie verschlossen zu halten.

Als wir vor acht Jahren den Kibbuz verließen und in eines der neuen Häuser in der Erweiterung zogen (in dem wir ja jetzt wieder wohnen, nachdem wir vier Jahre in einem größeren Haus in einem anderen Moshav gewohnt habe), wußten wir von alldem nichts und unser Vermieter erzählte uns auch nichts davon. Aber vor zwei Jahren, als wir wieder hier einzogen, da fragte ich ihn. Ich hatte nämlich inzwischen in der Zeitung davon gelesen, daß in der Nähe von Manot eine Höhle entdeckt worden war – da es hier in der Gegend von archäologisch interessanten Stätten nur so wimmelt, war ich neugierig, wie nah die Höhle wirklich ist. Und da erzählte er uns die ganze Geschichte. Und Y. und ich guckten uns nur an – metoraf! Wahnsinn!

Wir zogen hier im Juli ein, und den ganzen Monat sah ich jeden Morgen Gruppen von Archäologiestudenten an unserem Haus vorbeiziehen, um in die Höhle zu gehen. Ich nahm mir vor: nächstes Jahr bin ich dabei!, und schrieb sogar den Leiter der Ausgrabung an, aber natürlich hatte ich letztes Jahr im Juli absolut keine Zeit, als Freiwillige bei einer Grabung mitzumachen. Ob es dieses Jahr klappt, weiß ich nicht. Aber ich bin oft am Eingang der Höhle vorbeigegangen und habe mir gewünscht, sie wenigstens mal zu sehen. Denn viele Menschen sind es ja noch nicht, die in dieser Höhle drin waren. Und wann hat man schon mal die Chance, einen Ort zu betreten, an dem seit 15.000 Jahren vielleicht mal 200 Leute waren?

Als ich die Plakate für das Moshav-Festival sah, kam mir nichts davon interessant vor. Kinderstar Yuval Hamebulbal, ein in meinen Augen peinlicher Mittvierziger, der sich als Kind verkleidet und gräßliche Lieder singt. Trifonas, griechische Musik, okay. Lior Narkis, ein orientalischer Sänger, auch nicht mein Fall. Aber dann kriegten wir eine SMS, ob wir Interesse hätten, an einer Führung in der Höhle teilzunehmen, nur für die Anwohner. Obwohl Y. sofort antwortete, waren schon alle Plätze besetzt. Schließlich wurden drei Führungen eingerichtet, wir waren dabei.

Ich habe vorher alles gelesen, was es nur zu lesen gab – googelt einfach mal manot cave! Und ich war so aufgeregt, als wir vorgestern dann endlich in die Höhle gehen konnten. Drei der Archäologen, die dort graben, waren dabei und gaben Erklärungen. Ich habe zwar schon überirdische aktive archäologische Grabungen gesehen, aber unter der Erde, in einer Tropfsteinhöhle, in der man das Wasser an den Stalagmiten rinnen sieht – noch nie. Das ganze Gelände ist mit Angelschnüren in ein Gittermuster unterteilt, so daß man von jedem Eimer genau weiß, woher er kommt. Auch die Tiefe wird genau gemessen. Während der Grabungen wird überirdisch ein Labor für die Erstbeurteilung eingerichtet.

Wie schön, daß diese Stätte vernünftig erschlossen wird. Wer weiß, was aus der kanaanitischen Zitadelle in Nahariya wird, in die ich nur durch den Bauzaun ein paar Blicke werfen konnte? Dort sollen Hochhäuser errichtet werden, ich weiß nicht, wie es weitergeht, noch steht ein Bauzaun. Aber hier in Manot werden sorgfältig und nach allen Regeln der Archäologie Schätze ans Licht befördert. Der berühmteste davon ist natürlich der Schädelknochen. 55.000 Jahre alt. Die Funde in der Höhle zeigen, daß dort Homo sapiens und Neanderthaler aufeinandertrafen. Homo sapiens wanderte von Afrika in Richtung Europa, der Neanderthaler kam aus Europa und war unterwegs nach Afrika. Der syrisch-afrikanische Grabenbruch verläuft ja nicht weit von hier, und vielleicht war das ein guter Weg für unsere Vorfahren.

Ich verstehe nicht genug von diesen weit zurückliegenden Epochen, aber wir waren alle fasziniert. Wir waren eine kleine Gruppe von Nachbarn, die vorsichtig über glitischige Stufen aus Erdsäckchen tief hinunter kletterten. Nach uns wurde die Höhle wieder zugeschlossen. Es war ein Privileg, diesen Ort betreten zu dürfen. Meine Bilder sind miserabel, ich habe nur eine kleine, ältliche Kamera, die der Aufgabe keineswegs gewachsen war. Wer googelt, findet Bilder in viel besserer Qualität. Ich habe die Bilder nur gemacht, um eine Erinnerung daran zu haben, daß ich tatsächlich dort war.

 

Abends bebte dann unser Haus dann von dem Krach, den Yuval Hamebulbal mit seinen Späßen machte, und noch später ging es dann richtig zur Sache mit Lior Narkis. Das Publikum bestand aus begeisterten Familien auf der Wiese, pompös „Park Manot“ benannt, während ein paar kleine Kinder heulten, daß Yuval schon weg war. Als ich schon dachte, die Hisbollah protestiert gegen den Höllenlärm, den der arme Sänger veranstaltete (was für ein gräßlicher Job – Leute auffordern, daß sie mitsingen und klatschen, und so tun, als ob man sich selbst wunderbar amüsiert), war es doch nur ein Feuerwerk. Und damit war der letzte Tag des Festivals vorbei.

Für mich war der Besuch dieser Höhle ein unvergeßliches Erlebnis. Ich hoffe, daß ich mir im Juli wenigstens zwei Wochen freischaufeln kann, um mitzugraben. Drückt mir die Daumen.

Kommentare»

1. Carmen Perez - Mai 21, 2017, 8:48

Alle Einträge sind sehr liebevoll geschrieben, aber hier spürt man einmal mehr die Begeisterung in jeder Zeile. Danke

2. jim11111 - Mai 21, 2017, 11:31

Drückt mir die Daumen.

Okay, abgemacht! 😉

3. A.mOr - Mai 22, 2017, 11:54

Daumendrück,
Jim, bin ich dabei, und ברוכים הבאים:

[Zeichnung von: mr nathaniel vargas, Glendale.]

4. Paul - Mai 23, 2017, 0:53

Beim Daumen drücken bin ich gerne dabei. Wird schon klappen.

Herzlich, Paul

5. joriste - Mai 23, 2017, 8:37

selbstverständlich drücke ich ebenfalls! Und freue mich, dass Du hier wieder schreibst und uns teilhaben lässt. Danke dafür!

6. crocodylus - Mai 23, 2017, 22:59

Oh wie toll!
Da möchte ich am liebsten auch mit.
Mich interessiert Vor- und Frühgeschichte sehr. Ich glaube, mittlerweile sind wir in fast jeder einigermaßen begehbaren Höhle in Frankreich oder Spanien gewesen, die nur irgendeine frühmenschliche Spur aufweist. Und den Hern Neanderthal besuche ich ab und an im Museum in Bonn.
Ich hoffe sehr, Du kannst mit dieses Jahr und ich freu mich sehr auf den Bericht.


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