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Tageszeitung Juli 24, 2014, 13:31

Posted by Lila in Uncategorized.
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Der Kaffee bei meiner Mutter ist um Klassen besser als der zuhause, das macht das Frühstück wunderbar. Aber die Tageszeitung macht den Genuß wieder zunichte. Heute lasen die Nachbarn und Freunde meiner Mutter als Kommentar zur Lage einen Artikel von Joachim Zinsen mit der folgenden Überschrift:

Was zu kritisieren ist – Israel, der Gaza-Krieg und die Reaktionen darauf

Was zu kritisieren ist? Die Anspielung ist überdeutlich. Was gesagt werden muß. Grass läßt grüßen.

Zuerst setzt Zinsen sich scharf vom Gejohle gegen Israel ab.

Über den Charakter von Hetzparolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein“ oder „Gestern angeblich Opfer, heute Täter“ erübrigt sich jede Debatte. Sie sind antisemitisch. Jeder, der solche Sprüche skandiert, propagiert Rassenhass, gehört gesellschaftlich geächtet.

Beifall von der falschen Seite schätzt der Israel-Kritiker nicht.

Wer die Politik israelischer Regierungen gegenüber den Palästinensern scharf kritisiert, sieht sich schnell von Gestalten umgeben, mit denen er eigentlich nichts zu tun haben will. So ergeht es derzeit der Linkspartei.

Doch das ist nicht das einzige Problem, das ihn plagt.

Andererseits gibt es ein Phänomen, das ebenfalls fast jeder Kritiker der israelischen Politik schon erlebt hat. Macht er den Mund auf, schlägt die deutsche Israel-Lobby mit der Antisemitismus-Keule zu. Selbst wohlabgewogene Aussagen werden oft bewusst zu einer verkappten Form des Judenhasses uminterpretiert. Das Ziel ist offensichtlich: Zum einen soll vom Kern der Kritik abgelenkt und die öffentliche Debatte umgelenkt werden. Zum anderen sollen Kritiker eingeschüchtert werden.

Ob die wohlabgewogenen Äußerungen wirklich über jeder Kritik schweben und nicht doch Ressentiments füttern oder Äpfel mit Birnen vergleichen? Darf man das nicht untersuchen, ohne den Israel-Kritiker schwer zu kränken? Zinsen meint wohl, die gute Absicht reicht.

Um sich dann mit Wonne der Israel-Kritik zu widmen.

In diesem Spannungsfeld wird Kritik an der israelischen Regierung schnell zu einer Gratwanderung. Und doch ist sie berechtigt. Gerade jetzt, wo die Gewalt wieder einmal eskaliert. Ja, was die israelische Armee derzeit im Gaza-Streifen treibt, ist blindwütig und maßlos, hat mit Selbstverteidigung nichts mehr zu tun.

Blindwütig und maßlos? Was sind denn das für irrationale, emotional aufgeladene Adjektive, Herr Zinsen? Was die Armee dort „treibt“? Das nennt er wohlabgewogene Kritik, die man nicht kritisieren darf, ohne sofort als Keulenträger bezeichnet zu werden? Dann möchte ich Zinsen nicht in weniger wohlabgewogenem Vokabular erleben.

Weiß Zinsen nichts von der Schutzschild-Politik der Hamas, nichts von den Feuerpause-Angeboten der israelischen Regierung, nichts von den Warnungen an die Zivilbevölkerung? Ist er so weit von jedem militärischen Wissen entfernt, daß ihm überhaupt nicht klar ist, wie viele Opfer es bei blindwütigem und maßlosem Treiben der Armee gäbe? Dann wären die Zahlen nicht dreistellig, ja nicht einmal vierstellig. Doch, von der Schutzschild-Taktik weiß er, aber er glaubt es nicht. Er hält es für eine Lüge der israelischen Regierung.

Anders als Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu ständig behauptet, ist dort die Zahl der palästinensischen Opfer nicht so hoch, weil die Hamas Zivilisten als lebende Schutzschilde benutzt. Nein, die Menschen in Gaza sterben, weil sie den Angriffen der israelischen Armee nicht ausweichen können.

Und warum können sie nicht ausweichen? Weil es keine Schutzräume gibt. Weil dank Terror die Grenzzugänge geschlossen sind. Weil Ägypten die Grenze ebenfalls nicht öffnet, obwohl Ägypten nicht von Raketen aus dem Gazastreifen betroffen ist. Doch für Zinsen gibt es nur einen Schuldigen.

Auf beiden Seiten herrschen Rassisten, die sich gegenseitig in die Karten spielen. Denn auch nach diesem Krieg wird es sein wie nach den vorherigen: Aus den Gräbern der Opfern wächst neuer Hass. Hass, der immer mehr Menschen in das Lager der Radikalen, der Nationalisten, der Unversöhnlichen treibt. Die Folgen sind absehbar: Der Strudel der Gewalt wird abertausende weitere Palästinenser in den Tod ziehen. Israels Blutzoll wird angesichts seiner gewaltigen militärischen Überlegenheit zwar niedriger sein. Doch das Land wird langfristig als demokratischer Staat nicht überleben.

Was soll man dazu noch sagen? Zinsen wäre glücklich, wenn er Israel den Status als Demokratie absprechen könnte. Weiter kann man die Äquidistanz nicht treiben. Den Bombenterror auf israelische Dörfer und Städte, die Tunnel, vorher die Bombengürtel – das alles ist ihm kein Wort wert.

Auf die Spitze treibt dann für die Leser der Aachener Nachrichten Valerie Barsig mit einem im Internet nicht auffindbaren Interview, ganzseitig präsentiert. Darin äußert sich ein linker, friedfertiger israelischer Musiker, der seit Jahren in Deutschland lebt, in den genehmen Formeln: beide Seiten… beide Seiten… beide Seiten… Um nur ja das bequeme Weltbild der AN-Leser nicht zu zerstören. Wie schräg es ist, eine gesetzlose Bande von Terroristen, die seit Jahren Zivilisten beschießen, und einen demokratischen Staat, der seine Bürger schutzen muß, moralisch gleichzusetzen, ist weder den Schreibern noch ihren Lesern richtig klar, da sie diese Routine nie hinterfragen.

Viele der Tatsachen, die ich hier im Blog erwähne, sind Menschen, die sich allein aus der Tageszeitung informieren, schlicht unbekant. Sie werden nicht erwähnt. Eine ganze Seite wird den freundlichen Phrasen eines linken israelischen Musikers gewidmet, doch genauere Informationen über das Tunnelsystem z.B. fehlen ganz. Auch die ständigen Alarme in Israel, die ich per Internet verfolge, bleiben in der Zeitung, die ich seit einer Woche lese, unerwähnt.

Kurz, es wundert mich nicht, daß die Menschen hier denken, was sie denken.

Ein Gegengift:

 

Kommentare»

1. levrak - Juli 24, 2014, 15:47

Zinsen schreibt:
„…Auf beiden Seiten herrschen Rassisten, …“
womit er nicht nur die israelische Regierung, sondern Israel selbst als „Rassisten“ beschreibt, denn Israel hat sich diese Regierung gewählt.

Das ist „Israelkritik“, allerdings.
Entlarvend.
Und „normal“.

A.mOr.

2. Naomi - Juli 24, 2014, 16:20

In der taz hat Stefan Reinecke den aktuellen Antisemitismus auf den deutschen Demos gerade unter „Meinungsfreiheit“ abgebucht.

Zitatbeginn:
„Etwas anders sieht die Sache bei Demonstrationen aus. Wenn Juden als „feige Schweine“ beschimpft werden, ist die Grenze zur Volksverhetzung wohl überschritten. Wo es nötig ist, sollte die Polizei einschreiten, verhältnismäßig und ohne voreilig Eskalationen zu forcieren.

Aber es gibt Töne in dieser Debatte, die ziemlich altdeutsch klingen. Innenminister de Maizière (CDU) hat verlauten lassen, dass harte Kritik an Israel zulässig sei, auch wenn sie nicht der Linie der Bundesregierung entspreche. Es ist beruhigend, zu wissen, dass man auf Demonstrationen auch andere Meinungen als die des Innenministers vertreten darf. Was aber unter „keinen Umständen infrage gestellt werden darf“, so de Maizière, sei das Existenzrecht Israels. Muss, wo dies passiert, die Kundgebung verboten werden, Polizei aufmarschieren, muss ermittelt und verhaftet werden?

Hier liegt eine Verwechslung vor, die an die autoritären Traditionen des deutschen Staates erinnert. Angela Merkel hat das Existenzrecht Israels zur deutschen Staatsräson erklärt. Es gibt gute Gründe dafür, dass die Anerkennung und der aktive Schutz Israels eine Leitlinie der deutschen Außenpolitik bleibt.

Aber: Regierungspolitik ist kein Maßstab für Meinungsfreiheit. Es muss in einem freien Land möglich sein, straflos das Existenzrecht Israels infrage zu stellen. Im Zweifel für die Meinungsfreiheit.“ Zitatende

http://taz.de/Kommentar-Antisemitismus/!142963/


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