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Interview Juni 30, 2014, 13:51

Posted by Lila in Muzika israelit, Presseschau, Uncategorized.
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in der NZZ, mit Yali Sobol. Praktisch alle, die ich kenne, könnten jedes Wort unterschrieben. Sind wir eigentlich noch Meretz-Mitglieder? Seit wir aus dem Kibbuz weg sind, wohl nicht mehr. Aber sowohl meine Kollegen als auch Y.s Familie und Freunde – alles „Linke, die erwacht sind“, die grundsätzlich auf ihre Ideen von friedlichem Zusammenleben, guter Nachbarschaft und klarer Trennung von einem autonomen Palästinenser-Nachbarstaat  nicht verzichten wollen und können — die aber nicht sehen, wie das jetzt durchführbar ist.

Warum ist Israel nach rechts gerückt?

Der Hauptgrund ist das Scheitern des Friedensprozesses. Wir sind desillusioniert, und die Palästinenser sind es auch. Ich wuchs in einem Haus auf, in dem man an den Friedensprozess und an die Zweistaatenlösung glaubt. Aber ich bin nicht sicher, ob das noch in dieser Generation möglich ist. Als Mitglied der Friedensbewegung habe ich an vielen Demonstrationen teilgenommen. Ich hielt Banner hoch mit der Aufforderung, die Golanhöhen zurückzugeben. Wenn man aber sieht, was in den letzten zwei Jahren in Syrien passierte, muss man sich fragen: Was wäre geschehen, wenn wir den Golan tatsächlich an Syrien zurückgegeben hätten?

Was stellen Sie sich denn konkret vor?

Dann würde al-Kaida jetzt über Galiläa sitzen und nach Belieben auf die Kibbuzim und Städte schiessen. Da muss man in den Spiegel sehen und sagen: Es wäre ein schrecklicher Fehler gewesen, wenn wir die Golanhöhen zurückgegeben hätten. Wie kannst du deinem Glauben an Menschenrechte Ausdruck verleihen, wenn du von fundamentalistischen Organisationen umgeben bist, die dir dein Existenzrecht abstreiten? Da ist es eine fast logische Reaktion, nach rechts zu rücken. Insbesondere bei Menschen, die sich nicht besonders für Politik interessieren.

Die Musik von Sobols Band, Monica Sex, ist in Israel sehr populär – kennt so ziemlich jeder.

 

Kommentare»

1. urideg - Juni 30, 2014, 15:25

Danke für den Hinweis auf dieses vorzügliche Interview. Ja, auch ich kann alles unterschreiben. In seiner Wahrhaftigkeit erschütternd.

2. Lila - Juni 30, 2014, 16:04

Ja, ich gebe es zu, ich stand voll hinter der Räumung. Nicht hinter der Art, wie es gemacht wurde – hektisch und überstürzt – aber grundsätzlich war ich aus vielerlei Gründen dafür. Ich glaube, endgültig fiel in mir die Entscheidung nach dem Tod Lior Vishinskys – so viele Fronten, ich war dafür, die Fronten zu verkürzen.

Und ich habe wirklich von ganzem Herzen gehofft, daß der Gazastreifen wirklich, wirklich, wirklich einen echten Aufschwung erlebt. Daß die Palästinenser dort die Gelegenheit beim Schopf packen, eine blühende kleine Volkswirtschaft auf die Beine zu stellen, gern mit unserer Hilfe.

Modell Gaza – das war die Idee, und wie ich oft betont habe: Olmert ist gewählt worden, um das Modell Gaza im Großen umzusetzen.

Und nein, als Politiker damals vorhergesagt haben, daß Raketen bis Ashkelon und weiter fliegen würden – habe ich ihnen nicht geglaubt.

Im Bewußtsein der israelischen Linken gibt es mehrere Grabenbrüche. Für mich, die ich seit 1988 hier lebe, sind es besonders die Intifada II, also der bewußt herbeigeführte Zusammenbruch des Oslo-Prozesses und der rasante, traumatische Abstieg in eine Hölle täglichen Terrors – und die Welle der Aggression, die aus dem geräumten Gazastreifen täglich schwappt.

Ich weiß noch genau, wie ich im Kibbuz in der Wäscherei mit einer aktiven Meretz-Politikerin und guten Freundin zusammenarbeitete. Sie erklärte mir die Grundhypothesen der Linken und Rechten in Israel. (Ich weiß noch, in welcher „Straße“ der Wäscherei wir standen, und habe die Unterhaltung hinterher in mein Tagebuch nachgetragen.) Die Linke glaubt, daß grundsätzlich Frieden möglich ist, daß die Palästinenser ihn genauso wollen wie wir, und daß es darauf ankommt, flexibel und kompromißbereit zu sein und empathisch für die andere Seite. Und daß sowohl Israel als auch die Palästinenser das leisten können. Die Rechte glaubt dagegen, daß es NICHT möglich ist.

Wir kamen damals zu dem Schluß, daß man das Wagnis eingehen muß und es ausprobieren. Das muß so um 1992, 93 rum gewesen sein.

Ich erinnere mich ebenfalls an ein Gespräch mit Y., der mehrere Dinge sagte, darunter: nur ein rechter Premierminister kann Frieden machen, weil er die Oppositon auf seiner Seite hätte – was umgekehrt nie klappen würde,

Darum ist die Wahl eines rechten Premiers in Israel auch für die Linke keine Katastrophe, sondern eine Chance. Erklär das mal meinen super-linken Freunden in Deutschland!

3. utzligutzli - Juli 1, 2014, 13:59

So ähnlich wie Yali Sobol denke ich auch. Ich glaube, die 2. Intifada hat mich und sehr viele andere von uns zu einem Umdenken gezwungen. Trotzdem würde ich mich weiterhin als Linken bezeichnen, was mich als Juden hier in Deutschland allerdings in einer gewissen Weise politisch heimatlos gemacht hat. In einer Sache haben sich meine Ansichten allerdings nicht geändert: Ich war schon früher gegen eine Rückgabe des Golan. Und bin es natürlich auch heute. In Israel und natürlich noch vielmehr in der arabischen Welt sind die Stimmen für Frieden sehr leise geworden. Und so widmet man/frau sich anderen Baustellen, von denen es in Israel und sonst überall weiß G’tt eine Menge gibt.

4. Ludwig - Juli 1, 2014, 18:09

„Darum ist die Wahl eines rechten Premiers in Israel auch für die Linke keine Katastrophe, sondern eine Chance. Erklär das mal meinen super-linken Freunden in Deutschland!“

Ganz einfach: Nur ein stramm konservativer Freiherr von und zu Guttenberg konnte in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht abschaffen, bei einem SPD-Verteidigungsminister wären alle Rechten auf die Barrikaden gegangen.

Wobei ich anmerken möchte, dass manche israelische Rechte während der inzwischen gescheiterten Verhandlungen anfingen Netanjahu für einen „Linken“ zu halten, und dass die meisten deutschen Rechten, die hierzulande politische Verantwortung tragen, in Israel vermutlich zu den Linken zählen würden.

5. Lila - Juli 1, 2014, 18:18

Dazu sagt man auf Hebräisch: „was man von dort sieht, sieht man nicht von hier“. Sprich: vom Sessel des Premierministers, der langfristig und strategisch und bündnispolitisch denken muß, und der auch ein Budget halten muß…, sieht die Welt ganz anders aus als vom Platz eines hitzköpfigen Demonstranten, der leidenschaftlich dies oder das fordert. (Yair Lapid merkt das gerade in Bezug auf die Gelder).

Netanyahu muß eben lavieren mit seinen Partnern in der Koaltion und auch mit Abu Mazen (das geringste Übel – und wir haben weiß Gott kein Interesse daran, ihn zugunsten der Hamas zu schwächen!), das hat mit links oder rechts gar nicht mal was zu tun.

6. Ludwig - Juli 1, 2014, 19:24

Dieses Sprichwort scheint auch für Liberman zu gelten. Zwar hat er seinen gewohnt spröden Charme beibehalten, aber anscheinend versucht er jetzt Netanjahu links zu überholen und bastelt an einer israelischen Antwort auf die Arabische Friedensinitiative.

http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2014/06/avigdor-liberman-regional-plan-cooperation-suni-axis-iran.html

Zu Abbas und der Hamas ein andermal …


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