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Was hab ich heute eigentlich den ganzen Tag gemacht? Juni 29, 2014, 23:23

Posted by Lila in Presseschau, Uncategorized.
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Den ganzen Tag wie forfera rumgelaufen, aber nichts geschafft. Die Hitzwelle dauert an.

Auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv war eine große Solidaritäts-Demo mit den Eltern der Entführten, bei der gebetet und gesungen wurde – wir waren nicht da, Tel Aviv ist weit weg, wir haben aus der Ferne mitgebetet. Wie die Eltern es durchhalten, im größten denkbaren Albtraum im Rampenlicht zu stehen und passende Worte zu finden und anderen zu danken, während sie sich vermutlich wie Nessus im Hemd fühlen, da staunen wir alle ja seit Tagen drüber. Ich kann nur hoffen, für die Jungens, daß sie das bewundernswerte Rückgrat ihrer Eltern geerbt haben, daß sie sich trotz ihrer grauenhaften Lage bewußt sind, mit wie viel Liebe sie umgeben sind, und daß sie ihr Glaube aufrecht hält.

Falls sie noch leben.

Die Eskalation im Süden hält an. Das Gesicht des Fabrikbesitzers, dessen Lebenswerk gestern durch zwei Qassam-Raketen vernichtet wurde, war traurig anzusehen. Ja, es war großes Glück, daß außer vier Leicht-Verletzten kein Schaden an Leib und Leben entstanden ist. Aber wird der Mann noch einmal den Mut haben, in Sderot eine Fabrik aufzubauen? Die Raketen sind ins Terpentin-Lager gefallen. Nur durch ein Wunder ist nicht mehr passiert. Die Armee schlägt zurück – nach wie vor hoffe ich, daß eine Eskalation a la Wolkensäule ausbleibt.

Die Weltnachrichten sind ebenfalls beklemmend, beklemmend, beklemmend. Die verschiedenen islamistischen und islamischen Kräfte sind so ineinander verbissen, daß man sich nur mit Grauen abwenden kann. Diese ISIS-Krieger hausen, wenn die Berichte stimmen, mit einer Brutalität, die ihresgleichen sucht – und findet. Ob es stimmt, daß sie ihre Opfer kreuzigen? Der Nahe Osten versinkt im Chaos, in einer Apokalypse.

Das Kalifat, seit Jahren als Schreckgespenst an die Wand gemalt – es ist tatsächlich ausgerufen. Ein Hinweis auf die weitgehenden Pläne, die diese Leute hegen. Und wir sind da so nah dran.

 

Israel hat Jordanien Hilfe versprochen.  Man darf gespannt sein, welche Koalitionen sich noch bilden werden. Guy Bechors Überlegungen zum Thema sind lesenswert, und so optimistisch er sonst ist, diesmal klingt er wirklich besorgt.

Der arabische Frühling jedenfalls gebiert Monster. Beklemmend, daß Kerry und erst recht Ashton auch in einer Situation, in der eine Welle der Gewalt und Zerstörung von Osten in unsere Richtung rollt, uns nach wie vor überzeugen wollen, daß jetzt der richtige Zeitpunkt ist, im Osten Gebiete abzugeben. An wen? In wessen Hand wären sie nach einem halben Jahr, nach einem Jahr? Wenn Jordanien wirklich das nächste Ziel der ISIS ist, dann muß der König dort seinen Hut festhalten, damit er ihm nicht wegfliegt, samt seinem Staat.

Wie wird das in hundert Jahren in den Geschichtsbüchern aussehen? Wenn ich hundert Jahre in die Vergangenheit schaue, dann steigen die beklemmenden Bilder aus Zuckmayers eindringlich geschriebener Autobiographie vor mir auf, und ganz viele andere Erinnerungen an den Ausbruch der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Der arabische Frühling, so begeistert begrüßt zu Anfang, mag eines Tages im Rückblick als Signal einer ähnlichen Katastrophe erscheinen. Die Hybris, mit der die Europäer das osmanische Reich mit dem Lineal aufteilten, scheint heute schon  im Rückblick ungeheuerlich – eigentlich erstaunlich, daß ich keinen Artikel gefunden habe (mag mein Versehen sein), der sich mit den Folgen des 1. Weltkriegs für den Nahen Osten beschäftigt. Denn in gewisser Weise platzen hier die damals gesetzten Nähte wieder auf – natürlich auch andere Faktoren, wie die tiefe Feindschaft von Sunniten und Shiiten.

Was hat Obamas Politik dazu getan, was die Linie seiner Vorgänger, was die UNO, die Europäer, und was wir?

Wie fantastisch kommt es mir vor, das sage ich nicht zum ersten Mal, daß bis vor kurzem keiner mir glauben wollte, wenn ich sagte, daß der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis keineswegs DER Konflikt des Nahen Ostens ist, nach dessen Lösung (natürlich mittels israelischer Zugeständnisse) in dieser Weltgegend Friede ausbricht. Ich blättere mal ein bißchen in alten Kommentaren hier im Blog, und da finde ich z.B. diesen, etwas über zwei Jahre alt:

Was nun den Israel-Palästina-Konflikt anbelangt: Er ist der zentrale Konflikt für die Situation in der Region. Mit der Lösung dieses Konfliktes würden sich viele andere Konflikte relativ rasch auflösen lassen. Dies ist nun einmal die Realität und da wurde nicht gesagt, Israel oder Palästina seien an der verfahrenen Situation schuld. Richtig ist aber auch, dass die Politik eines Netanjahu nicht sonderlich hilfreich ist und dies auch so dargestellt wird. Seine Reden im letzten Spätfrühling in D.C. waren alles andere als konstruktiv und dies muss auch so gesagt werden dürfen.

Die Kommentatorin ist ziemlich schnell aus dem Blog verschwunden, und ich will ihr auch nicht nachrechnen, daß sie sich geirrt hat – jeder kann sich mal irren. Sie hat einfach wiedergegeben, was noch vor zwei Jahren absolut akzeptierte Mehrheitsmeinung war.

Ein klassisches Beispiel für diese optische Täuschung findet sich z.B. hier:

Die Menschen im Gazastreifen werden bestraft für den Wahlsieg der Hamas im Jahr 2006. Seither reist kein europäischer Politiker mehr in das eigentliche Auge des nahöstlichen Sturms.

Wer noch 2012 glauben könnte, daß der Gazastreifen das Auge des nahöstlichen Sturms ist und Israel der Auslöser dieses Sturms… der muß schon voreingenommen sein bis zum Abwinken. Tja, Bettina Marx eben, die eine Lanze nach der anderen für die friedfertigen Bewohner des geknechteten Küstenstreifens bricht…

Auf den Kommentar in meinem Blog übrigens habe ich damals geantwortet:

Jenny meinte, daß der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern der zentrale Konflikt des Nahen Ostens ist, und daß, wenn er erst gelöst ist, sich andere ebenfalls lösen. Das halte ich für ein Märchen und bat um konkrete Beispiele. Ich meine auch, der sog. arabische Frühling hätte intererssierten Beobachtern zeigen können, daß der Nahe Osten nur so brodelt von Problemen, die mit uns NICHTS zu tun haben, und die existierten, ob es nun hier zwei Staaten gäbe oder einen, und ganz egal, was das für ein Staat wäre. DAs würde die Stämme Libyens nicht versöhnen, das würde Konflikte zwischen Moslembrüdern und Säkularen, Sunniten und Shiiten, Hashemiten und jordanischen Palästinensern etc überhaupt nicht berühren.

Daß der israelisch-palästinensische Konflikt andere tangential berührt, ist klar. Aber ZENTRAL? Wohl kaum.

Tja, das war jahrelang mein Mantra, und die Ereignisse zeigen mir, daß ich leider Recht hatte. Leider, denn das Gefühl der Machtlosigkeit, das sich daraus ergibt, ist nicht angenehm. Weiß Gott, es wäre viel schöner, wenn ich das Gefühl der Allmacht Israels teilen könnte. Als wären wir Herren unseres Schicksals. Leider ist es nicht so einfach.

Und da fällt mir noch was ein: was sagt eigentlich dieser Tage Bettina Marx. die Palästina-Apologetin der Deutschen Welle, zu den Entwicklungen im Nahen Osten? Sie war doch DIE Vertreterin der These, daß alle Übel dieser Weltgegend in Israel ihren Ursprung haben. Diese Theorie mutet heute ungefähr so unmittelbar einleuchtend an wie die Epizykeltheorie des Ptolemäus…

Kommentare»

1. avra - Juni 30, 2014, 10:27

„Wie wird das in hundert Jahren in den Geschichtsbüchern aussehen?“
Vielleicht so(?): „Die Nachwelt wird es nicht fassen können, dass wir abermals in solchen dichten Finsternissen leben mußten, nachdem es schon einmal Licht geworden war.“
Castellio in „De arte dubitandi“ 1562
(aus „Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt“ von Stefan Zweig)

Zu den Eltern der Entführten, allen voran Rachelle Fraenkel.Manche Menschen, können in schweren Krisen unglaubliche Kräfte entwickeln, sie gehört für mich dazu. Aus einem Interview mit ihr:

„And now let’s come to this terrible thing that happened two weeks ago. The way you’ve responded to it, to people watching from the outside, has been quite incredible, and perhaps inspiring to some people. You seem to be very strong, and I don’t know if that’s the way you feel, and how it is that you are able to be quite so strong.

R.F.:
Basically I feel that if I’ll have to fall apart, I can always do it later. If this turns out horribly, I won’t be giving any interviews then, so there will be enough time then. Right now I’m very optimistic. We have every reason to believe that they’re alive and what we need is patience. So an anxiety attack doesn’t help with patience, and neither does any other thing that would be considered more appropriate. But the truth is, I feel that we don’t have much choice. At this point, this is what we have to do.

I don’t know if anything else would be more appropriate.

R.F.:
No, just people say, “How can you be so [strong]?” So I say, do I love my kid any less because I’m not falling apart? No I’m yearning to see him. I can’t say it in so many words
http://www.timesofisrael.com/a-mothers-plea-for-prayer-positive-energy-whatever-it-takes-to-find-kidnapped-teens/

Möge sie (die Eltern), diese Kraft nicht verlassen und ebenso ihre Kinder, wo immer sie auch sind!

2. beer7 - Juni 30, 2014, 11:04

Lila,
hier eine seine gute historische Behandlung der Frage, wie sich der 1. Weltkrieg auf den Nahen Osten ausgewirkt hat. Der Titel verraet natuerlich schon das Ergebnis:
http://www.amazon.com/Peace-End-All-Ottoman-Creation/dp/0805088091

3. Lila - Juni 30, 2014, 11:10

Vielen Dank für den Tip, werde ich mir für den Kindle kaufen und dann habe ich auch gleich eine Urlaubslektüre 🙂

4. j5727 - Juni 30, 2014, 17:42

Isis zeigt jedenfalls der Welt, dass man in diesen Kreisen „Mut zum traditionellen Umgang “ mit unliebsamen Zeitgenossen hat….
In dieser Situation auch nur über eine weitergehende Machtubergabe in Judäa und Samaria. An Hamas und Co. nachzudenken ist ziemlich selbstmörderisch. Zum Glück habt ihr einen diesbezüglich vernünftigen Präsidenten…

5. caruso - Juni 30, 2014, 19:14

Ich habe eine Freundin in Israel, noch einige Jahre älter als ich (im 84-sten). Sie steht politisch links, so wie ich einst auch. Vor 6 oder 7 Jahre sahen wir uns das letzte Mal. Sie bestand nach wie vor darauf, daß man mit den PalAraber Frieden schließen kann. Das hoffe ich auch, sicher bin ich nicht. Vor allem nicht bei der jetzigen Führung. Meine Einwände waren die Dinge, die seit der „arabischen Frühling“ geschehen sind. Natürlich nicht alle, aber einige. Damit will ich nur sagen, daß man vielleicht manches von der Ferne klarer sehen kann, – wenn man s e h e n w i l l und nicht nur die gewohnten Floskel als Gipfel der Wahrheit wiederholen. Meine Hoffnung für Israel ist trotz
allem nicht erschüttert. Ihr seit stark und wißt, wofür ihr auf der Welt seit und wofür ihr kämpft. Sagt eine alte gottlose Ketzerin.
lg
caruso


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