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Tunlichst März 29, 2014, 23:19

Posted by Lila in Presseschau.
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meide ich im Moment Nachrichten aller Art, hab mich gewissermaßen auf Karenz gesetzt. Häßliches geschieht auf der ganzen Welt, ich kann es im Moment gar nicht vertragen und außerdem hab ich keine Zeit dafür. Ich gucke mir die Überschriften an und denke: ich kann sowieso nichts tun, und fühle mich schrecklich.

Jedoch möchte ich auf einen Artikel hinweisen, über die Probleme auf dem Weg zu einem Jüdischen Museum in Köln. Mir scheint, daß man da sehr wohl was tun kann, um das Museum Wirklichkeit werden zu lassen, und es ist eine lohnende Sache. Ich war mehrmals in Köln, seit die Grabungen angefangen haben, und finde es unvorstellbar, Funde diesen Ausmaßes und dieser Bedeutung nicht museal zu präsentieren. Die jüdische Geschichte Kölns ist sehr alt und faszinierend (ich finde, Köln ist überhaupt eine sehr interessante Stadt).

Das römisch-germanische Museum ist groß und bedeutend. Doch die Juden lebten gemeinsam mit Römern und Germanen in Köln. Es wäre schade, wenn wegen kleinerer Streitpunkte und Empfindlichkeiten die jüdische Geschichte Kölns keinen angemessenen Platz finden würde. Ob das Argument Geld vorgeschoben ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen – aber man fragt sich schon, wie die Prioritätenliste derer aussieht, die ein Museum überflüssig finden oder lieber ein allgemeines „Haus der Kölner Geschichte“ hätten.

Auch das Argument „es gibt doch schon so viele Museen in Köln“ halte ich nicht für sehr stichhaltig. Klar, es gibt auch ein Schokoladenmuseum, aber warum man deswegen auf ein weiteres Museum verzichten sollte, ist mir nicht klar. Gerade in einer Stadt, die wegen ihrer Museen bekannt ist, zieht ein neues Museum Besucher an. Wenn ich mir eine Stadt als Reiseziel wähle, dann gehe ich doch unter anderem danach, wie das Angebot an Museen ist. Ein embarras de richesses ist doch eher von Vorteil für eine Stadt.

Daß es ein Bürgerbegehren gegen ein jüdisches Museum in Köln gibt, finde ich erschreckend, und die Wortwahl, in der sich die Gegener des Museums gefallen, mehr als eigenartig.

Fast jedes Gebäude mit Bezug zum Judentum, wie das Jüdische Museum in diesem Fall, wird im Hinblick auf die geschichtlichen Ereignisse des letzten Jahrhunderts gesehen und ist eine Art der Wiedergutmachung gegenüber dem jüdischen Volk.
Nach unserer Meinung ist die Stadt Köln in eine solche Situation geraten. Wenn die Kölner Politiker sich gegen den Bau aussprechen, könnte deren Stellungnahme als antisemitische Handlung interpretiert werden.

Wir können uns gut vorstellen, dass eine jüdische Organisation, die immer „kritisiert und fordert, fordert und kritisiert“, sich noch intensiver in das Thema einmischt. (es handelt sich verständlicherweise um den Zentralrat der Juden in Deutschland).

Mit anderen Worten: es muß doch mal gut sein, immer diese Juden mit ihren Sonderwünschen… die fordern und kritisieren ja nur. Sprich: kritisieren, um zu fordern. Stinkt wie ein Iltisbau, diese Formulierung. (Und mit „verständlicherweise“ meinen sie wohl „selbstverständlich“.)

Um nur ja nicht mit dem Nationalsozialismus (und seinen Vorläufern in Form von Pogromen, Diskriminierung und Verfolgung) konfrontiert zu werden, retuschiert man lieber ein ganzes Kapitel der Geschichte. Dabei gibt gerade Köln die Gelegenheit, die sehr tiefen Wurzeln des Judentums in Deutschland an Ort und Stelle zu sehen.

Ein Museum, das bewußt macht, wie lange die jüdische Geschichte in Köln schon andauert – und daß Juden in Deutschland eben kein Fremdkörper sind, das scheinen gerade diese Leute zu brauchen, die sich mit Händen und Füßen gegen ein solches Museum wehren und in Juden nur unbequeme, fordernde Kritiker sehen.

Darüber hinaus: gerade orts-spezifische Museen sind durch nichts zu ersetzen, weil man durch sie gewissermaßen ins Loch der Zeit fällt, und ich persönlich kenne nichts Faszinierendes als solche Zeitreisen, wo man an Ort und Stelle spüren kann, wie viel die Steine schon gesehen haben, die man anguckt. Es ist eben ein Unterschied, ob man die Elgin Marbles in London anguckt (wo sie wiederum ein Dokument für einen bestimmten Umgang mit den Kulturgütern anderer Völkner sind) oder aber auf der Akropolis selbst steht. Der Zugang ist viel einfacher, wenn man den genius loci auf seiner Seite hat.

Ich hoffe, daß sich genügend Menschen für das Museum engagieren. Wie hilfreich Unterschriftenaktionen im Internet sind, weiß ich nicht, aber hier ist die Seite der Unterstützer. Spenden kann man übrigens auf der Website der Archäologischen Zone.

Kommentare»

1. Neuköllner Botschaft - März 29, 2014, 23:23

„Wir können uns gut vorstellen, dass eine jüdische Organisation, die immer kritisiert und fordert, fordert und kritisiert, sich noch intensiver in das Thema einmischt. (es handelt sich verständlicherweise um den Zentralrat der Juden in Deutschland) …

Unglaublich – mehr fällt mir dazu nicht ein.

2. Lila - März 29, 2014, 23:28

Aber wehe, Du kommst jetzt mit der Antisemitismuskeule!!! Sie haben doch gar nichts gegen Juden. Überhaupt nicht. Aber die Juden haben eben einfach zu viel Einfluß in Deutschland. Das muß man doch mal sagen dürfen.

Wo ist der Erbrech-Smilie, wenn man ihn braucht?

Ich hab gezögert, diese Seite zu verlinken, aber hab es dann doch getan. Sonst denkt am Ende noch jemand, ich hab diese Formulierung erfunden. Wer weiß, wie viele Leute es gibt, die so ticken. Und sie verbergen es nicht mal. Sie halten das für normal.

3. wollecarlos - März 29, 2014, 23:45

Zwar nicht repräsentativ, aber dennoch nicht uninteressant

Frage Soll das jüdische Museum gebaut werden?

Ja, wie geplant auf dem Rathausplatz
875 61.1%
Nein
291 20.3%
Ja
125 8.7%
Ja, aber nicht auf dem Rathausplatz
92 6.4%
Ja, aber wesentlich kleiner als geplant
48 3.4%

http://www.kein-juedisches-museum-koeln.de/de/component/poll/15-soll-das-juedischen-museum-gebaut-werden

4. urideg - März 29, 2014, 23:55

Raphael Ahren hat kürzlich in der englischsprachigen Internetzeitung Timesofisrael einen sehr ausführlichen Beitrag über das geplante Jüdische Museum in Köln veröffentlicht:
http://www.timesofisrael.com/1700-years-of-jewish-history-come-alive-in-downtown-cologne/

Und bei den Ruhrbaronen findet sich eine Liste der diversen Beiträge der Jüdischen Allgemeinen zum Thema aus den letzten acht Jahren:

Jüdische Allgemeine 2/2006: Standort-Poker. Kölner Stadtratsfraktionen streiten um das jüdischeMuseum
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/5244/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

6/2008: Auferstanden auf Ruinen. Köln bekommt ein jüdisches Museum – auf historischem Gelände. Lange gab es Widerstand. Die Geschichte eines Hürdenlaufs
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/2565/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

7/2008: Geschwätz von Gestern:
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/2476/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

7/2008: „Wir sondieren erst einmal“. Was die Kölner Gemeinde vom Streit um das JüdischeMuseum hält
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/2395/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

9/2008: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/2199/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/2476

7/2009: Klamm in Köln:
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/1061/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

7/2011: Köln braucht das Museum: Doch über die Frage, was gezeigt werden soll, gibt es Streit
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/10861/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

8/2012: Tief unter der Erde. In der Rheinstadt wird das jüdische Viertel aus dem Mittelalter ausgegraben
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/13742/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

1/2013: Stefan Laurin: Populistischer Protest. Initiativen machen im Internet gegen Bau desJüdischen Museums mobil
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15073/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

4/2013: Antisemitismusvorwurf kostet Job. Oberbürgermeister entlässt Projektleiter der Archäologischen Zone wegen Kritik an Grabungsgegnern
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15728/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

4/2013: Kein Spatenstich in Sicht. Das Jüdische Museum bleibt nach wie vor nur eine schöne Idee
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15610/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

7/2013: Grünes Licht für JüdischesMuseum? Stadtrat beschließt Kooperationsvertrag
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/16535/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

7/2013: Das Jüdische Museum kommt. Stadtrat einigt sich mit Landschaftsverband
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/16591/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

10/2013: Kaufhold Eine schier endlose Debatte. Dem Jüdischen Museum schien nichts mehr im Wege zu stehen. Jetzt will ein Bürgerbegehren es doch noch verhindern
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/17306/highlight/j%C3%BCdische&museum&k%C3%B6ln

Und, ganz zum Schluss: taz 2/2013: Pascal Beucker: Kampf um Jüdisches Museum in Köln. Sparen für Geschichtsvergessene. Kölns jüdische Gemeinde ist die älteste nördlich der Alpen. Ein Jüdisches Museum fehlt. Eine Initiative will, dass das so bleibt – aus Kostengründen.
http://www.taz.de/!111092/

5. Paul - März 30, 2014, 1:04

Danke für den Hinweis. Habe soeben mit Ja gestimmt.
Einen guten Sonntag und bleib gesund, Paul

6. David - März 30, 2014, 7:57

In Köln wundert mich gar nichts (mehr). Dort passieren die unglaublichsten Dinge. Dort gibt es den Herrn Herrmann (http://archive.is/9yCvU), dort ist man „fortschrittlicher“ als anderswo, dort gibt es eine starke antisemitische Fraktion, und nicht zuletzt gibt es dort einen sehr starken moslemischen Bevölkerungsanteil, den man meint bedienen zu müssen. In Deutschland verneigt man sich am liebsten vor toten Juden, aber eben nur vor denen aus der schlimmen Zeit im letzten Jahrhundert. Man braucht dies in der typisch deutschen Einäugigkeit, um politische Ziele zu erreichen („Kampf gegen rechts“). Von allen anderen Juden oder gar von Leistungen von Juden – das möchte man am liebsten nicht hören.

7. urideg - März 30, 2014, 13:00

Sogar der „freitag“ bringt einen interessanten Kommentar zum Thema: https://www.freitag.de/…/ein-schmuckstueck-fuer-die-stadt

8. urideg - April 1, 2014, 22:09

Huch, irgendwie funktioniert der Link nicht. War überrascht, dass selbst der freitag so was schreibt…: https://www.freitag.de/autoren/sebastian-koehler/ein-schmuckstueck-fuer-die-stadt

9. urideg - April 7, 2014, 20:00

Hier noch ein neues Video der Kölner Grünen mit Argumenten für den Bau des jüdischen Museums und der Archäologischen Zone: https://www.youtube.com/watch?v=24TdOPmw8-0


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