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Sursum corda Januar 15, 2014, 20:21

Posted by Lila in Presseschau.
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Zugegeben, das hatte ich nicht erwartet – ein Bericht im SPon (und vermutlich auch in anderen deutschen Medien, die zu durchkämmen ich jetzt echt zu faul bin…) über eine Talent-Show in Israel und deren Gewinnerin.

Triumph bei „X Factor“: Philippinische Altenpflegerin erobert die Herzen der Israelis

Eine philippinische Altenpflegerin hat die israelische Version des Gesangswettbewerbs „X Factor“ gewonnen. Die nur 1,50 Meter große Rose Fostanes überraschte Millionen Israelis mit ihrer kräftigen und zugleich gefühlvollen Stimme, und die Jury-Mitglieder waren begeistert. Am Dienstagabend setzte sich die 47-Jährige unter anderem mit „My Way“ von Frank Sinatra gegen die drei anderen Finalisten durch.

Ich war überrascht. Von dieser Casting-Show hatte ich nichts mitgekriegt, außer ein paar Teasern, aber da ich Werbung aller Art auf stumm stelle, kann ich die verschiedenen Sendungen nicht auseinanderhalten. Meine Jüngste jedoch ist gut informiert, und da ich treu meinem Grundsatz „pick your battles“ nur Container- und Ekel-Shows verboten habe, wußte ich, daß sie die beste Adresse ist, um den Wahrheitsgehalt dieser Meldung zu überprüfen.

Ja, sie hat die Show bei ihrer Freundin gesehen, und sie weiß auch, daß Rose gewonnen hat und daß sie lesbisch ist und mehrere von Quartas Freundinnen haben für sie gestimmt, obwohl sie nicht jung und hübsch ist, aber weil sie so schön singt.

Solche Geschichten haben ja immer ein dankbares Publikum, auch wenn ich sehr bezweifle, daß die Welt die vielen neuen Über-Nacht-Stars braucht, die ausdauernd produziert werden. Ich habe nie so eine Sendung gesehen außer Masterchef, und auch das nur, weil ich es so schön fand, wie der deutsche Teilnehmer Reibekuchen, Quarkbällchen und Sahnehering servierte. Oh, der deutsche Teilnehmer – der hat ja sogar gewonnen (und interessiert Israelis noch immer). Gut, er kocht koscher und lebt als mitzvot-verpflichteter Jude, aber nicht deswegen ist er zum Koch-König gekrönt worden – sonst hätte seine Mitbewerberin gewinnen müssen, die alle Messer vor dem Benutzen flämmte, um sie zu koschern. Und die dritte Finalistin war, wie ich ja auch hier erzählt habe, eine moslemische Araberin.

Hm, man muß also weder Jude noch Israeli sein, um in Israel Publikumsliebling zu werden. Und war da nicht auch irgendeine Show, die von einer Araberin gewonnen wurde? Was Quarta nicht weiß, weiß Google. Gab es. Gekrönt wurde sie von dem mir unausstehlichen Eyal Golan, aber Publikumsliebling ist (war???? ist ja schon ein paar Monate her…) sie wohl trotzdem.

Gut, bei der Schwemme der Talent-, Casting-, Reality-, Reinfall- und Rausschmeiß-Shows machen drei Schwalben noch keinen Frühling und keinen Trend. Aber immerhin zeigt es, daß die Israelis, die in ihrem Ländchen ziemlich abgeschottet leben und nicht mal ausländische Autos auf der Straße sehen, trotzdem nicht so provinziell sind, wie sie manchmal wirken.

Das ist nett. Noch netter ist, daß es auch ausländischen Medien auffällt (obwohl: wenn es normal wäre, würde niemand es melden, auch ich nicht…). Und am aller-nettesten: guckt Euch noch mal die Schlagzeile an.

Philippinische Altenpflegerin erobert die Herzen der Israelis

Israelis haben Herzen!