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Nun ist er also tot Januar 11, 2014, 23:41

Posted by Lila in Presseschau, Uncategorized.
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Arik melech-Yisrael. Einen sehr guten Nachruf hat Ulrich Sahm geschrieben – keine Überraschungen, das war klar. Ebenfalls sehr lesenswert – Claudio Casula.

Eine gute Zusammenfassung seines Charakters gab auch Amnon Abramovitch im Channel 2, im Sinne von: „Sharon war kein ideologischer Politiker, sondern ein Pragmatiker. Wenn er General war, wurden Kriege gewonnen, wenn er Minister für Wohnungsbau war, wurden Wohnungen und Siedlungen gebaut, wenn er Außenminister war, Friedensverhandlungen geführt, und wenn er Premierminister war, Siedlungen geräumt.“

Er hat so viele verschiedene Dinge in seinem Leben getan, daß sich jetzt jeder für seine Nachrufe aussuchen kann, was ihm ins Weltbild paßt.

Durch den Libanonkrieg I, besonders die Art, wie Sharon ihn ausgeweitet und zum Dauerzustand für eine ganze Generation gemacht hat, hat er auch das Leben dieser Generation beeinflußt – nicht zum Guten. (Stichwort Waltz with Bashir.) Die äußerst skeptische Haltung, die Y. Sharon gegenüber immer eingenommen hat, hat auch mich beeinflußt. Doch dieser Krieg war nicht das Ende der Karriere Sharons. Ich erinnere mich noch gut daran, wie gedemütigt und erledigt er aussah, als er mit Müh und Not ein Infrastruktur-Ministerium zusammengeschustert bekam. Doch er machte ein riesiges Comeback.

Es wird gern spekuliert, weswegen er Siedlungen geräumt hat, nachdem er jahrzehntelang hinter den Siedlern stand. Er ist nicht der einzige Eretz-Yisrael-ha-shlema-Politiker, der seine Meinung geändert hat – auch Ehud Olmert und Zippi Livni haben mal viel „rechter“ angefangen, als sie heute sind. War es das Zugeständnis an die Palästinenser und die Welt, um sich desto besser gegen eine Räumung der Gebiete in Judäa und Samaria, der Westbank, zu sträuben? Ich glaube es nicht. Die Zeit schien damals reif, sich einseitig oder im Einverständnis von den Palästinensern loszueisen.

Im Vergleich zu jüngeren Politikern wirkte Sharon immer wie ein Riese unter Zwergen. Seine wuchtige Gestalt, dazu das leicht verlegene Lächeln, die stets nervös zuckende Nase und ein Humor, der sich gern über sich selbst lustig machte – das genaue Gegenteil jüngerer Politiker, die eine gefällige Gestalt pflegen, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle haben und deren Sinn für Humor, so überhaupt vorhanden, präzise vor der eigenen Person haltmacht.

Heute abend wurde ein Interview mit ihm noch einmal gesendet, das ich vor ein paar Jahren gesehen habe, als es noch frisch war. Yair Lapid, damals noch Journalist, heute Finanzminister, stellt ihm ein paar triviale Fragen, auf die Sharon knapp und charakteristisch antwortet.

Lapid: Gibt es etwas, das nur wenige Menschen von Ihnen wissen?

Sharon (etwas verlegen): Ich gucke gern romantische Filme…

Lapid: Was, Pretty Woman und so Sachen?

Sharon: Ja…

Lapid: Wenn Sie ein Tier wären – was für eines?

Sharon (ohne zu zögern): Ein Löwe.

Lapid: Welche Schwächen haben Sie?

Sharon (blickt an sich herab): Na, man sieht mir meine Schwäche doch an… ich werde bei gewissen Nahrungsmitteln zu leicht schwach…

Es ist unvorstellbar, daß Netanyahu solche Antworten gegeben hätte oder Bugie Herzog oder Tzipi Livni.

Er wurde geschätzt und anerkannt, auch von politischen Gegnern. Umstritten war er immer. Und er wird fehlen. Auch wenn er schon acht Jahre fehlt – jetzt ist der endgültige Schlußpunkt gesetzt.

EXCLUSIVE PICTURE : Ariel Sharon Holding Sheep

 

(Allen ist klar, warum ich dieses Bild im Unterricht zeige? Deswegen und deswegen. Ikonographie!)

Kommentare»

1. grenzgaenge - Januar 12, 2014, 19:00

Ja, nun ist er tot. Ich schaue immer wieder ins israelische TV und finde die Trauer schlicht ehrlich. Die langen Schlangen vor der Knesset gehen mir irgendwie nahe. Es ist eine ehrliche Trauer und keine Heldenverehrung. Das finde ich wirklich schön.

Schön finde ich auch das Stimmen wie von Bayit Yehudi ein Einzelfall sind. Auch wenn ich das ‚Disengagement‘ noch immer falsch finde sind solche Töne unangebracht.

http://www.jpost.com/Diplomacy-and-Politics/Bayit-Yehudi-MK-My-remark-thanking-God-for-taking-Sharon-away-was-made-too-soon-337891

(„Mein“ Rebbe hat uns immer die Achtung vor Toten und Trauernden gelehrt. Welche rabbinische Schule hat Bayit Yehudi wohl durchlaufen ?)

Wie auch immer. Es ist eine Einzelstimme …

2. Lila - Januar 12, 2014, 19:23

Es waren ein paar tausend Bürger vor der Knesset, aber keine Menschenmengen wie bei Rabin. Eher so wie bei Shamir.

Ich habe heute ein bißchen im Hintergrund die Dauersendung laufen lassen, dabei kamen schöne Geschichten ans Licht, Dinge, an die man nicht sofort denkt.

So z.B. Sharons sehr tiefe Zuneigung zu den Drusen (die ich bekanntlich teile). Er hat sie respektiert und sie ihn auch. Sein drusischer Berater, mit dem Sharon auch persönlich feste Freundschaft hielt, erzählte auch davon, daß Sharon nie ein despektierliches Wort über seine arabischen Gesprächspartner verloren hat. Er meint, es war charakteristisch für Sharon, daß er jedem Gesprächspartner mit Achtung begegnete.

Nun, ich erinnere mich noch an das abfällige Wort über Abu Mazen, vom Hühnchen, dem die Federn noch nicht gewachsen sind, und nehme an, ein bißchen Idealisierung ist an so einem Tag natürlich.

Mehrere Politikerinnen und Mitarbeiterinnen betonten, was für ein Gentleman Sharon war, wie vielfältig seine Interessen waren, daß er klassische Musik, Theater, Literatur und die Bibel liebte. Manchmal schlich er sich ins Theater, nachdem die Lichter ausgegangen waren, um nicht erkannt zu werden und nicht alles durcheinanderzubringen mit seinen Sicherheitsleuten, erzählte eine Mitarbeiterin. Und alle betonen, wie höflich und respektvoll er zu Frauen war.

Klatsch und Tratsch über den Tod seiner ersten Frau Gali, an den ich mich noch gut erinnere (von einem Mann, dessen Vater die Sharons kannte), werden heute nicht erwähnt. Wozu auch? Alle Beteiligten sind tot.

Auch interessant ist die Verbundenheit von politischen Gegnern wie Joumis Oron, Yael Dayan und Yossi Sarid, die alle mit echter Wärme von Sharon sprachen. Alter Mapainik bleibt eben alter Mapainik.

Und natürlich jede Menge Kriegsgeschichten. War er ein militärisches Genie wie Napoleon oder Wellington? Oder war er ein halsbrecherisch wagemutiger Mann, der das Glück hatte, seine Pläne aufgehen zu sehen? Ich bin nicht kompetent, das zu entscheiden.

Sabra und Shatila -viele Fragen sind noch offen. Wie viel wußte Sharon? Wie eindringlich hatte er die Phalange angewiesen, Zivilisten zu schonen? Angesichts der Kette der Massaker – war nicht ein weiteres zu erwarten? Was hätte die israelische Armee machen können? Wieder bin ich nicht kompetent zu entscheiden, welche Aussagen nun richtig sind.

Daß Sharon skrupellos war im Krieg und auch im politischen Taktieren, das kann keiner bestreiten. Vielleicht kann man nichts anderes von einem Mann erwarten, der schon als Junge mit dem Knüppel in der Hand die Felder seiner Eltern bewachte, der in Latrun schwer verletzt wurde, der viele Freunde sterben sah.

Jedenfalls nehmen wir nun vom Vorletzten Abschied. Von der Generation der Riesen leben noch Witwen – Reuma Weizmann, Ruth Dayan, auch Aura Herzog (wobei ich Herzog nicht unter die Riesen einreihen würde). Sie sind noch da.

Peter Münch hat m.E. den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er konstantiert, daß diese Generation keine Nachfolger hat.

http://www.sueddeutsche.de/politik/israel-nach-ariel-scharon-aera-der-grossen-maenner-1.1861283

3. grenzgaenge - Januar 12, 2014, 21:47
4. Ein anderer Aspekt | grenzgaenge - Januar 12, 2014, 21:52

[…] an Lila für das “Ausgraben” und den Bericht aus […]

5. Lila - Januar 13, 2014, 10:38

Ebenfalls typisch für Sharon: sein Sohn hat nicht nur den Ärzten gedankt, sondern auch den Pflegekräften, den Hilfskräften und dem Reinigungspersonal. Und seine Sekretärin spricht über seinem Sarg, nach Biden und Blair.

6. Neuköllner Botschaft - Januar 13, 2014, 11:05

Mein Rabbiner sagt: «Man kann nicht immer tun, was gerecht ist. Man muss tun, was richtig ist.»

7. Ginger - Januar 14, 2014, 2:07

^Nun ist er also tot, ein umstritterner Politiker in der Welt der Politiker, .. ..und die alle umarmen, die jeden Konsens bedienen., danken wem?
Nur keine eigene Position verlauten lassen, kann ja Gegenstimmen hervorrufen… Konsens als das ultima ratio. …hat wozu geführt?
Muß ich hier nicht diskutieren , ist allen bekannt…

Ich habe Sharon gemocht und nie an die billige Propaganda „unserer Qualitätsmedien “ geglaubt, dass er für die zweite Intifada“ oder dem Massaker im Libanonkrieg verantwortlich sei.
Aber Medien leiden immer daran, denn sogenannten „Commen sence“zu bedienen, und der scheint ja hier in Deutschland immer Israel als Aggressor zu bedienen.
Mich kotzt das an, und ich bin froh, dass Du Deinen Block wieder offen gemacht hast. Ich habe seit dieser Zeit, eigentlich seit her keine Info gehabt, um Freunde und Bekannte, über die Manipulation durch unsere „Massmedien“ aufzuklären.
Danke dafür, dass Du wieder da bist..
Und ich hoffe, solltest Du wieder privat werden, mich an Deinen Informationen teilhaben lässt. Denn sie sind mittlerweile ein notwendiges Korregetiv in der deutschen Medienlandschaft für mich. .

Und Danke für die Ikonographie von A. Sharon….

Ginger

8. Wolfram - Januar 14, 2014, 10:26

Oh, bist du wieder öffentlich? Merk ich ja nicht, als registrierter Leser…

Requiem aeternam dona ei, Domine:
et lux perpetua luceat ei.
Te decet hymnus, Deus, in Sion,
et tibi reddetur votum in Jerusalem:
exaudi orationem meam,
ad te omnis caro veniet.
Requiem aeternam dona ei Domine:
et lux perpetua luceat ei.

Einer der letzten aus der Generation Staatsmänner mit Charakter, Ecken und Kanten, die nicht nach Popularität, sondern nach Prinzipien gehandelt haben. Leute wie Churchill, de Gaulle, Adenauer, Thatcher, Mitterand, Reagan… nun bleiben noch Helmut Schmidt und der gewissermaßen Nachgeborene Helmut Kohl.

9. Lila - Januar 14, 2014, 11:15

Ich bin nicht sicher, daß es für Politiker, egal welchen Formats, möglich ist, sich nicht nach Popularität zu richten. Sie haben Entscheidungen getroffen, in denen sie sich über populäre Meinungen hinwegsetzten – aber bestimmt mindestens ebenso oft haben sie sich danach gerichtet. Ohne ein gewisses Maß an Abgestimmtheit mit der Öffentlichkeit kommt man doch gar nicht an Positionen, wo man dann unpopuläre Entscheidungen treffen kann.

Helmut Schmidt, der ja in Deutschland verehrt wird die die Sibylle von Cumä, ist mir ehrlich gesagt nicht sympathisch und ich teile die Bewunderung nicht. Das einzig Sympathische an ihm war seine Frau. Nicht nur seine unverhüllte Abneigung gegen Israel trübt mir sein Bild. Selten habe ich so ein Mißverhältnis von Leistung und Verehrung gesehen.

Er redet hier dem Volke nach dem Munde. Alle Vorurteile auf einmal. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll mit Richtigstellungen.

Ich werde jetzt wohl in den Luftschutzraum gehen, Majestätsbeleidigung, Gotteslästerung, wer weiß, welcher Blitz mich trifft. Gegen Schmidt darf man ja gar nichts mehr sagen.

10. willow - Januar 14, 2014, 12:35

“ Gegen Schmidt darf man ja gar nichts mehr sagen.“

wie Recht du doch hast … und schön, daß du es dennoch tust 😉

schön auch, daß du wieder „öffentlich“ bist

11. Lila - Januar 14, 2014, 13:37

Ja, letztendlich war der Unterschied zwischen öffentlich und privat nicht sooo groß, daß ich es auf Dauer gemacht hätte. Ich blogge eben unregelmäßig (und hab außerdem sehr viel um die Ohren im Moment, leider fast nur dämliche Sorgen). Mal bin ich da, dann wieder nicht.

Aber manche Lügen möchte ich eben doch vor größerem Publikum richtiggestellt sehen. Persönlichere Einträge würde ich lieber privat halten, nicht jedem Hasser noch das Futter hinstellen. Kurz, ich bin uneins mit mir 🙂 Wie ungewöhnlich.

12. willow - Januar 14, 2014, 14:04

wie ungewöhnlich … 😉

13. willow - Januar 14, 2014, 15:26

Ulrich Sahm hat sich der Berichterstattung aus Deutschland angenommen 😉

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_reality_show_der_ard_am_grab_von_scharon

14. Matthias Dannel - Januar 14, 2014, 15:26

Liebe Lila, ich freue mich sehr, dass Dein Blog wieder öffentlich ist. Die Art, wie Du kleine und große Dinge beobachtest, ist immer wieder ein kleiner Sonnenschein im Pressematschwetter.

15. Lila - Januar 14, 2014, 15:37

Leider ein etwas griesgrämiger Sonnenschein 🙂

Danke für die netten Worte.

Und danke, Willow, für den Link zu Ulrich Sahm.

Ich hatte Kühntoppens Erguß gelesen und konnte nichts dazu schreiben – wußte nicht, wo anfangen. Auch ein bißchen ekelpetrig das Geschreibsel. Kühntopp hat sich in Israel sehr unwohl gefühlt und seine Abneigung nie verborgen. Das ist sein gutes Recht.

Aber sollte er deswegen auch das Recht haben, Lügen zu verbreiten, Halbwahrheiten und Verdrehungen?

Gut, daß Sahm sie auseinandernimmt. Lesenswert.

16. willow - Januar 14, 2014, 15:59

Ich schätze Ulrich Sahm ja sehr … im Moment scheint er sehr aktiv 🙂

http://www.audiatur-online.ch/2014/01/14/haaretz-veroeffentlicht-geheimpapiere-zu-sharon/

17. levrak - Januar 15, 2014, 0:53

Auch sehr lesenswert, ich gebe es einfach mal als Ganzes wieder (links im Text).
– – –
Left for dead in 1948: The battle that shaped Arik Sharon
[Zum Sterben zurückgelassen 1948: die Schlacht, die Arik Sharon formte.]
Mitch Ginsburg, 12.Januar 2014, Times of Israel

[Vorwort von Ulrich J. Becker, aro1.com]
Danke an Renate fuer die Uebersetzung dieses Times of Israel Artikels von Mitch Ginsburg.

 Ich denke es ist wichtig, dass man im deutschen Medienraum mal etwas ueber den israelischen Unabhaengigkeitskrieg liesst, um zu verstehen was dort vorging (weil es mir manchmal so vorkommt, als wuerden viele denken, da waere ein paar schlecht bewaffnete Araber gewesen und hochgeruestete Juden…

~ * ~

•Zum Sterben zurückgelassen 1948: die Schlacht, die Arik Sharon formte.•

Bataillon Kommandeur Scharon, 20, wäre ohne dem Heldenmut eines 16 Jahre alten Soldaten gestorben; jener war selbst verwundet, aber er brachte Scharon dennoch durch das Schlachtfeld von Latrun in Sicherheit

Der prägende Moment in Ariel Scharons Leben trat im Mai 1948 ein; aber es war nicht die Unabhängigkeitserklärung, sondern die erste Schlacht um Latrun, 11 Tage später, bei der er zum Sterben zurückgelassen wurde. 

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Palästinenser bereits seit einem halben Jahr gegen die Juden Krieg geführt. Die arabischen Streitkräfte kontrollierten die Hänge entlang der Straße nach Jerusalem, sie blockierten die Lieferung von Waren nach Jerusalem, nur ab und zu gelang es einem Konvoi mit Nahrung und Wasser durchzukommen. Der Weg zur Hauptstadt wurde von jordanischen Truppen und palästinensischen Milizen von der strategisch wichtigen hoch über der Straße von Tel Aviv nach Jerusalem gelegenen Ortschaft Latrun und der daneben liegenden Festung kontrolliert. (Anm.: Die britische Armee hatte am 14. Mai 1948 die Festung bei Latrun den Arabern übergeben.)
Die Aufgabe (Anm.: Eroberung der Festung) wurde der 7. Brigade der Haganah gegeben, einer neu gebildeten Einheit, in der vorwiegend Holocaust Überlebende dienten, von denen einige niemals zuvor eine Waffe abgefeuert hatten. Scharon, der damals noch unter dem Namen Scheinermann bekannt war, befehligte den 1. Zug der B Kompanie des 32. Bataillons, der einzigen kampferprobten Streitmacht der Brigade.

 

Am Nachmittag des 25. Mai lagerte er im Schatten eines Olivenhains und schrieb einen Brief an seine Eltern, der Jahre später in Ram Orens Bericht über die Kämpfe um Latrun veröffentlicht wurde: “Mein Zug und ich faulenzen in einem Olivenhain, so verbringen wir die Hitze des Tages, und denken Gedanken, wie man sie vor der Schlacht denkt, unauffällig neben den vom Wasser geglätteten Steinen und der Erde, fühlen wir uns als Teil des Landes: ein verwurzeltes Empfinden, das Empfinden eines Zuhauseseins, des Zugehörens, des Besitzes. Plötzlich hielt ein Lastwagenkonvoi neben uns an und neue ausländisch aussehende Rekruten stiegen aus. Sie sahen blässlich aus und trugen Pullunder, gestreifte Hemden, graue Hosen. Ein Strom fremder Sprachen erfüllte die Luft, Namen wie Herschel und Yazek, Jan und Maitek wurden gerufen. Sie stachen hervor gegen den Hintergrund der Oliven, Felsen und gelben Getreidefelder. Sie waren zu uns gekommen durch die versperrten Grenzen, aus Europas Todeslagern.”

[Veröffentlicht in „Ariel Sharon: A Life,“ einer Biographie von 2006.]

 

Ursprünglich war den Angriff für Mitternacht geplant, doch Streitereien der Kommandeure während der dunklen Stunden der Nacht führten dazu, dass die Truppen erst um 4 Uhr Morgens auf das Feld hinaus gesandt wurden. Der 20 Jahre alte Scharon führte das Bataillon in den Kampf.

 

Die Einheit schritt durch den Nebel und die Weizenfelder und geriet prompt in Beschuss durch die Jordanier. Denn kurz nach fünf Uhr Morgens, “innerhalb eines Momentes” wich der nebelige Dunst vor der aufgegangenen Sonne “mit erstaunlicher Schnelle,” und mehrere hundert Mann fanden sich isoliert auf einem offenen Flecken Erde. Der Olivenhain oberhalb auf dem Latrun Hügel “sah aus, als ob er Feuer spucken würde.”

 

Scharon leitete den Zug Soldaten zu einer schmalen Einbuchtung in der Erde, die nur sehr wenig Schutz bot, und führte eine Bestandsaufnahme durch: sein Sergeant war verwundet worden. Das Radio der Einheit hatte eine Kugel abbekommen und funktionierte nicht mehr. Keiner von ihnen hatte Wasser, da man die Feldflaschen vor der Schlacht noch nicht gefunden hatte, und hinter ihnen brannten die Weizenfelder im Feuer der Artillerie. Vor ihnen knallte das Feuer der Maschinengewehre der jordanischen Truppen durch die Rauchschwaden.

 

Sie waren in der Falle.

 

Die geringste Bewegung von Mitgliedern der ersten Einheit bewirkte feindliches Feuer. Auf Soldaten, die sich unvorsichtig bewegten, wurde geschossen und dann wurden sie zurück gezogen zu einer kleinen Senke, wo sich ein Wasserrinnsal rot von ihrem vergossenen Blut färbte. Fliegen und Mücken stürzten sich auf die Verwundeten. Jordanische Beduinen Soldaten rannten aus dem Olivenhain und begannen mit frontalen Angriffen. Erst, wenn sie innerhalb von 40 Yard (Anm.: 36,6 Meter) Nähe waren, und erst, wenn die Haganah Soldaten die Rufe hörten: Itbah al-Yahud, Tötet die Juden, eröffneten sie Feuer, und schlugen so Welle nach Welle der arabischen Offensive zurück.

 

Um ein Uhr am Nachmittag war die Hälfte der Soldaten tot und beinahe alle übrigen Soldaten waren verwundet; und Scharon, der in die Schlacht mit einem Arm in Gips gegangen war, hatte eine Schusswunde im Unterleib. “Ich hatte mich erhoben, um zu sehen, was vor sich ging, als ich merkte, dass etwas in meinen Magen schlug und mich zurückwarf. Ich hörte meinen Mund ausrufen: ‘Imah’ – Mutter, und in dem Moment, da ich dies ausrief, schaute ich mich auch schon um, um zu sehen, ob das irgendjemand gehört hatte,” schrieb er in “Warrior.”

 

Ein wenig später an diesem Nachmittag eröffnete die israelische Seite im Hintergrund das Feuer, und Scharon, der vom Rest der Streitmacht völlig abgeschnitten war, sagte seinen Männern, dass sie sich für den Angriff vorbereiten sollten. Aber als er über seine Schulter zurückblickte, sah er, wie sehr er sich geirrt hatte; denn das Artilleriefeuer hatte der Brigade den Rückzug ermöglicht.

 

Und nun waren die Hügel hinter ihm, dort, wo zuvor das 72. Bataillon die Seitenflanke bewacht hatte, voller palästinensischer Dorfbewohner. “Ich schaute zurück und sah, dass ich die plötzliche Stille falsch ausgelegt hatte,” schrieb er 1998 in einem Artikel für

Yedioth Ahronoth, der in den Memoiren seines Sohnes Gilad, ‘Sharon: The Life of a Leader’ abgedruckt wurde. “Der gesamte Berghang war voller arabischer Dorfbewohner. Sie schlachteten unsere Verwundeten ab, diejenigen, die von den anderen Einheiten auf dem Feld zurückgelassen worden waren.”

 

“Alle um mich herum,” fuhr er fort, “die Toten und die Verwundeten, alle Freunde, alle aus der Scharon Gegend, die meisten aus einem einzigen Dorf, die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, hier waren sie, direkt vor mir, in diesem schrecklichen Feld, dem Tod nahe, und es gab nichts, das ich für sie tun konnte.”

 

Einer von ihnen, Simcha Pinchasi, war in beiden Beinen getroffen worden und konnte nicht gehen. Er hatte den ganzen Tag das Maschinengewehr bemannt. “Mit einem Blick und einem raschen Nicken, zeigte er an, dass er den Rückzug decken würde,” schrieb Scharon. “Aber Arik,” sagte er zu mir, “bevor du gehst, gebe mir eine Handgranate.” Ich reichte sie ihm mit dem Wissen, dass es keine Hoffnung gab, nicht für ihn und höchstwahrscheinlich auch nicht für den Rest von uns. Da war keiner, den ich bitten konnte, ihn zu tragen, genauso, wie niemand da war, der mich tragen konnte. Ich blickte auf meine Verwundeten. Ich wusste, ich sah sie die letzte Zeit. Ich wusste, sie würden abgeschlachtet werden. Ich gab den Befehl. Zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben als Kommandeur gab ich den Befehl: Rückzug, Rückzug und lasst die Verwundeten auf dem Feld.

 

“Da war keine andere Wahl. Ich musste die wenigen retten, die noch am Leben waren. Ich lag da, gequält von Schmerzen. Die wenigen, die sich noch fortbewegen konnten, gingen an mir vorbei. “Sollen wir dich auch hier zurücklassen?” Ja, mich auch. Ich sah die Augen derer, die flohen. Die waren voller Schock und Sorge, voll unermesslichem Schmerz. Dieser Blick begleitet mich bis zu diesem Tag, immer.”

 

Schließlich, nachdem er den Rückweg gewiesen hatte, und sich von Pinchasi verabschiedet hatte, machte sich Scharon selbst auf den Weg, indem er seinen Körper über die schwelende Erde zog. In dem Wissen, dass es ihm nicht gelingen würde, eine einzige der felsigen Terrassen zu überqueren, zog er sich weiter, wobei “die Geräusche des Plünderns und Abschlachtens, das die arabischen Zivilisten (Anm.: aus den umliegenden Dörfern) ausführten, wie Schläge gegen meine Ohren dröhnten.”

 

Yakov Bugin, ein 16 Jahre alter Soldat unter seinem Befehl, der gerade erst der Einheit zugeteilt worden war, und der selbst in den Kiefer geschossen worden war und dem ein großer Teil seines Gesichts fehlte, fand Scharon, wie dieser auf dem Rücken lag, die Augen geöffnet und zum Himmel gerichtet. Scharon, der den Namen des Soldaten nicht mehr wusste, sagte zu ihm: “Renne, flüchte, rette dich.”

 

Doch Bugin half ihm wortlos durch die höllenähnliche Umgebung, hob ihn über Terrassen und konnte sich auf Scharons unfehlbaren Ortsinstinkt verlassen, der sie zurück durch das Schlachtfeld führte.

 

“Wir hatten keine Wahl, wir mussten aufrecht durch das Feld gehen, in voller Sichtweite der bewaffneten arabischen Dorfbewohner,” Bugin berichtete dies Hefez und Bloom. “Sobald wir uns erhoben, konnten wir sehen, dass die Araber auf unsere Verwundeten direkt neben uns schossen. Sie sahen auch uns, aber sie waren beschäftigt, die Leichen zu plündern, so dass sie ihre Waffen nicht erhoben, um auf die zwei verwundeten, blutenden Soldaten zu schießen, die vorbei humpelten. … Alles, was sie hätten tun müssen, uns zu töten, wäre ihre Waffen auf ihre Schultern zu heben. Sie hätten nicht einmal zu uns herüber rennen müssen. So gingen Arik und ich auf unseren Weg durch das Feld, umgeben von Arabern, bis wir uns schließlich von ihnen entfernten. Es war günstig, dass Arik die Gegend gut kannte und dass er Ferngläser hatte, die uns halfen, das Gebiet zu finden, wo die verwundeten Soldaten sich sammelten.”

 

So ging es stundenlang weiter, bis Scharon in dem Moment das Bewusstsein verlor, als er den Jeep erblickte, der sie dann in Sicherheit bringen würde.

 

Aber er hatte diese Erfahrung nicht vergessen. Als Kommandeur der Fallschirmtruppen und der Einheit 101, Israels erster echter Eliteeinheit, machte er es zur eisernen Vorschrift, dass die Verwundeten niemals auf dem Feld zurückgelassen werden durften.

 

Als er im September 2001 als erster Premierminister des Likud sagte, dass Israel “den Palästinensern etwas geben wollte, was niemand sonst jemals für sie getan hat: die Gelegenheit einen eigenen Staat zu errichten,” sagte er dies nicht zufälligerweise in Latrun.

(A.mOr.)

18. Irene - Januar 15, 2014, 0:56

Es gibt jetzt ein Buch, das die Schmidt-Überhöhung parodiert und erfundene Interviews enthält. Es heißt „Auf ein Gläschen mit Helmut Schmidt“.

Ich habe einige Sharon-Nachrufe gelesen und mir etliche Fotos angesehen. Mir sind welche aufgefallen (mit Clinton, mit Abbas), in denen er beim gemeinsamen Auftritt nicht in die Kamera schaute, sondern zu Clinton bzw. Abbas.

Vielleicht hatte er seine Medientrainer zum Teufel geschickt 🙂

19. Irene - Januar 15, 2014, 14:00

Noch eine Frage wegen der Ikonografie: Wen stellen denn die Skulpturen mit dem Schaf und dem Kalb dar?

20. Lila - Januar 15, 2014, 14:17

Das eine ist eine archaische Skulptur, also antikes Griechenland vor der klassischen Periode. Vermutlich handelt es sich um einen Mann, der ein Opfertier zum Tempel bringt – und wiederum ist zu vermuten, daß es sich um eine Votivgabe handelt, sprich, die Götter haben dem Mann geholfen und zum Dank spendet er ein Kalb.

Das zweite ist eine Skulptur, die Jesus als Guten Hirten darstellt, in der Tradition klassischer Darstellungen wie der obigen, aber eben mit gewandelter Bedeutung. Das Motiv des göttlichen Hirten, der seine irdischen Schafe bewacht, findet sich schon in der hebräischen Bibel, u.a. in den Psalmen, und wird von Jesus in Gleichnissen (vom Schaf, das verlorengegangen ist) benutzt. Gleichzeitig ist Jesus selbst das Lamm Gottes, das geopfert wird.

Der Gute Hirte ist eine der ältesten Darstellungsarten Jesu, man findet das Motiv schon in der frühsten christlichen Kunst, d.h, den Wandmalereien der römischen Katakomben. Es ist auch das Motiv, das die längste Karriere hat – bis heute ist Jesus als der Gute Hirte ein vielbenutztes Motiv. Es ist älter als die Madonnen-Darstellungen, der Pantokrator, Maiestas Domini und viele andere Konventionen.

Stilistisch ist die Skulptur ganz römisch – darum ein typisches Beispiel für frühchristliche Kunst, die den römischen Stil benutzt, um damit christliche Inhalte darzustellen.

In der israelischen Kunst (davon habe ich kein Beispiel angeführt, hätte ich aber machen sollen) hat der Hirte ebenfalls eine besondere Bedeutung – wegen der biblischen Hirten (Jakob zB) und auch, weil die Gegend hier „Milch und Honig“ spendet, sprich: für Ziegen, Schafe und Bienen taugt, also trocken, mit Disteln bewachsen ist. Ackerbau ist hier schwierig, wegen der Steine und der Trockenheit. Von daher bedeuten Milch und Honig nicht etwas Überfluß, sondern beschreiben recht genau, was das Land mit relativer Leichtigkeit schenkt.

Arabische Schaf- und Ziegenhirten wurden deswegen von den ersten Zionisten als Nachkommen der biblischen Hirten gesehen und auch gemalt (Gutman z.B.).

Menashe Kadishman benutzt Lamm oder Zicklein auch in Zusammenhang mit dem Opfer Isaaks, einem Opfer, das heutige Israelis potentiell wieder darbringen, wenn sie ihre Kinder zur Armee schicken.

Don’t get me started 😉 ich unterrichte diese Dinge.

21. Irene - Januar 15, 2014, 15:48

Dankeschön für die ausführliche Erklärung 🙂

22. Wolfram - Januar 16, 2014, 11:03

Zugegeben: das Wichtigste, was Helmut Schmidt in den letzten 30 Jahren von sich gegeben hat, war sein beißender Spott über Gerhard Schröder. Mich beeindruckt an ihm wesentlich mehr sein Amtsgeist, der je länger je mehr absticht von dem, was eben jener unsägliche Gerhard S. aufgeführt hat, aber auch ein Sarkozy oder ein Hollande.
Die einen taten, was nötig war fürs Land (getreu dem Prinzip, das ichweißnichtwer formuliert hat: erster Diener des Staates), und wenn sie nicht die Unterstützung fanden, zogen sie sich auch zurück (wie etwa Charles de Gaulle), die anderen taten und tun, was grad populistisch dienlich ist. Unter anderem, wie Sarkozy, jedem Fait divers ein neues Gesetz hinterherwerfen, das zeigen soll, wie schwer solches Vergehen fürderhin bestraft werden soll – aber oft genug in Unkenntnis des allgemeinen Gesetzes, das bisher auch diesen Fall betraf, das Strafmaß verringert.

23. urideg - Januar 26, 2014, 11:10

Na, wo nun einige Tage vergangen sind noch mal ein kleiner, interessanter Rückblick von Deniz Yücel, ein kluger, eigensinniger taz-Schreiber: Deniz Yücel veranschaulicht die Einseitigkeit, Interessengebundenheit von „Erinnerungen“: Viele erinnern sich nur an das, was in ihren weltanschaulichen Kram passt:
„Sabra, Schatila, Lieblingsmassaker:
Die Nachrufe auf Ariel Scharon zeigen nicht zuletzt eines: Die Erinnerung an die Gräuel des libanesischen Bürgerkriegs ist ausgesprochen selektiv:

http://taz.de/!130911/

Und ist an diesem Ort schon hierauf hingewiesen worden? Avi Mograbi, linker israelischer Filmemacher, hat vor einigen Jahren ein feines, persönliches, mit einfachsten filmischen Mitteln erstelltes Filmportrait seines früheren „Intimfeindes“ Arik Sharon verfasst: How I learned to overcome my fear and love Arik Sharon (Avi Mograbi hat es kürzlich, aus Anlass des Todes von Sharon, selbst auf youtube veröffentlicht):

24. Lila - Januar 26, 2014, 12:53
25. urideg - Januar 26, 2014, 15:44

Lila, oh: SUPER! (Und Du siehst, wo ich selbst ein fleißiger Schreiber war und noch ein klein wenig, mit stark absteigender Tendenz, bin: Ich les nicht alles von Dir.. Und manches erst später – und da hab ich nicht den totalen Überblick…
Deniz Yücel, ich les ihn nur ab und zu, ist nen freier, wilder, frecher mensch. Ich glaub viele hassen ihn wegen seiner Direktheit und Tabulosigkeit. Kürzlich hat er die taz wohl ziemlich viel Geld gekostet, weil er den blöden, narzisstischen Bücherschreiber, Talkshow-Stammler und Ausländer-Verachter verbal hart angegangen ist. Und da hat die taz nen Prozess verloren…

26. urideg - Januar 26, 2014, 23:32

Und wenn wir bei der Fähigkeit zum Erinnern, zur Empörung sind: In Nordkorea lässt der Diktator Kim nun die gesamte Familie seines Onkels auslöschen. Gibt es eine wirkliche innere Empörung hierüber? Ich vermag sie nicht wahrzunehmen:
http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-01/nordkorea-kim-onkel-hinrichtung
Man stelle sich vor, in Israel hätte es ein vergleichbares Verbrechen gegeben (so wie es 1982 fürchterliche Gewaltexzesse in Sabra und Schatila gab). Ich verspreche, dass es hierzulande, unter den ewig gleichen Kreisen, die sich empören, wenn man ihnen eben deshalb antisemitische Grundhaltungen zuschreibt, 100 Jahre lang abgrundtiefe Empörung über Israel gegeben hätte…


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