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Der zweite Tag Dezember 20, 2013, 12:29

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches.
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mit den deutschen Studenten war nicht weniger interessant als der erste (und ich frage mich, was nun aus ihrer Fahrt nach Jerusalem wird – Israel ächzt unter Franzl und Jerusalem ist praktisch nicht erreichbar, selbst bei uns… doch das ist schon was für einen separaten Eintrag!).

Wir waren im Drusendorf Yarka, in der Stadtverwaltung, wo uns ein sehr energischer Mann (Sohn des Dorfs und mein Kollege) über die Probleme aufklärte, die eine traditionelle, auf Stammes- und Sippenzugehörigkeit ausgerichtete Gesellschaft plagen. Wenn der Bürgermeister glaubt, die sozialen Dienste der Stadt sind als Belohnung für seine Wähler und Unterstützer gedacht, und wenn keine sachliche Erwägung stattfindet, wo wohl Ressourcen am besten hinfließen sollen.

Es war bewundernswert, daß dieser höchste engagierte Mann keine Sekunde damit zubrachte, Probleme unter den Tisch zu kehren. Er erwähnte wohl Probleme wie die Unkenntnis vieler jüdischer Israelis, was Drusen angeht (hier im Norden weniger ausgeprägt als in Gegenden, wo es kaum Drusen gibt), und wie negativ sich solche Unkenntnis auswirken kann. Aber er sang nicht das Klagelied von Diskriminierung und Unterdrückung, sondern erzählte, wie ihm aufging, daß man professionelle Anträge stellen muß und durch die normalen Prozeduren gehen muß, und siehe da, die Mittel fließen.

Er sprach von dem großen Problem der Bevorzugung von Söhnen über Töchter, was dazu führt, daß viele verwöhnte Söhne nie so erfolgreich im Leben werden wie die Töchter, die sich durchbeißen lernen und studieren gehen. Dann haben sie das Problem, daß im Dorf keiner sie heiraten möchte, weil drusische Männer gern jüngere und weniger qualifizierte Frauen heiraten möchten (was ich von einer drusischen Freundin in drastischen Worten gehört habe). Überhaupt ist die Ausbildung und Förderung von Frauen und Mädchen ein großes Thema.

Wir konnten einer Abschlußfeier beiwohnen – junge Frauen haben erfolgreich einen Computer-Kurs absolviert, mit dem sie hoffentlich leichter Arbeit finden. Unterrichtet wurden sie von jüdischen Lehrern, und der drusische Bürgermeister hielt eine Rede auf die jungen Frauen, und daß ja nun heutzutage alle arbeiten müssen…sehr begeistert schien er doch nicht zu sein… aber er meinte, alle sind stolz auf die Mädchen, und das klang herzlich. Es ist ja wirklich ein großer Schritt für traditionell erzogene drusische Mädchen, vielleicht gegen den Widerstand der Eltern ihre Arbeitsmarkts-Tauglichkeit zu erhöhen.

Dann besuchten wir ein „warmes Haus“ für gefährdete Mädchen, wo sie sich zweimal die Woche treffen, von Sozialarbeiterinnen betreut werden, die ihnen bei allen Problemen mit Eltern und Schule beistehen. Die Sozialarbeiterin, die mit uns sprach, war halb-traditionell gekleidet – dunkle Kleidung, streng geschnitten, aber ohne Kopfbedeckung (manche drusische Frauen legen sich diese durchsichtigen Tücher um den Hals, die meisten legen sie locker um den Kopf, was sehr schön aussieht, und alte Frauen verhüllen damit das halbe Gesicht – schwarz gekleidet oder nachtblau sind Männer und Frauen, wenn sie nicht sowieso westliche Kleidung tragen). Sie sprach professionell und sehr eindringlich. Die Fragen der deutschen Studenten waren ebenfalls sehr gut – man merkte sofort, daß sie alle bereits Erfahrung in ihrem Studienfach haben, als Master-Studenten wissen sie schon sehr viel.

Da niemand von ihnen vorher auch nur wußte, daß es in Israel Drusen gibt, geschweige denn, was die Drusen für ein Volk sind,war der Besuch hoffentlich interessant. Als wir durch Yarka gingen, machte ich sie auf den Drusen-Stern in fünf Farben aufmerksam und fragte unsere Begleiter nach der Bedeutung der Farben. Rot ist der Mut, grün die Erde, blau der Himmel, gelb die persönliche Reinheit und weiß der Glaube, erklärte er (aber beim Googeln findet man wesentlich komplexere Erklärungen – vielleicht wollten sie uns nicht die wahren Geheimnisse ihres Glaubens verraten, das dürfen und wollen sie ja nicht).

Die letzte Station dieses Tages war besonders schwierig. Ein Kinderdorf in Kiriat Bialik, Ahava. Ursprünglich war Ahava (Liebe) ein jüdisches Waisenhaus in Deutschland, das seine Gründerin in den frühen 30er Jahren nach Israel, damals noch britisches Mandat Palestine, verpflanzte, womit sie vielen Waisen das Leben rettete. (Wikipedia weiß auf Hebräisch mehr dazu.)

Ahava 1933 in Berlin

Das Kinderdorf ist mehr ein Campus. Die Kinder leben in Gruppen von 13 Kindern (obwohl natürlich kleinere Gruppen besser wären) mit Ehepaaren und deren Kindern in hübschen und geräumigen Wohnungen. Die Atmosphäre ist angenehm, man sieht den Kindern nicht an, daß sie schwere Vernachlässigung oder Mißhandlung hinter sich haben, sonst wären sie nicht im Kinderdorf.

Ein Pferdestall, ein Streichelzoo, eine kleine Schule für Kinder, die nicht in die Schulen außerhalb gehen können – alles sieht idyllisch aus. Doch es gibt auch Gewalt und Mißbrauch unter den Kindern. Manche Kinder haben so viel davon erlebt, daß es für sie normal ist, und daß sie selbst Gewalt einsetzen, um sich zu behaupten. Andere Kinder fallen dann in die Opferrolle, die sie ebenfalls gut kennen. Die Betreuer müssen rund um die Uhr wachsam sein. Therapien aller Art werden eingesetzt, um die Kinder aus diesen Mustern zu befreien, die sie kennen. Auch die Eltern werden betreut, ebenfalls junge Erwachsene, die Ahava hinter sich gelassen haben und nach der Armee in ein riesiges Loch fallen, weil ihre Welt leer ist und niemand auf sie wartet.

Mir fielen die vielen Mosaik-Arbeiten auf. Die Sozialarbeiterin, die uns herumführte, erklärte, daß ein Mosaik-Künstler mit den Kindern arbeitet, und daß die Kinder das sehr gern machen und stolz auf die Ergebnisse sind. Das können sie auch sein.

Doch was mich wirklich mitgenommen hat, war der Besuch in der Notaufnahme, die ein bißchen abgelegen liegt. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein normales Kinderhaus, eine große Etage mit Wohnzimmer, Küche, einem großen zentralen Spiel- und Aufenthaltsraum und vielen kleinen, hübschen Kinderzimmern. Spielzeug, Handtücher und Gummistiefel – eine Frau mit Kopfbedeckung werkelt in der Küche herum – eine junge Frau und ein kleiner Junge kommen mit einem riesigen, zottigen Hund herein.

Doch was sind das für Kinder? Wer kommt in die Notaufnahme? Die Sozialarbeiterin erklärte es uns. „Wenn ihr in den Nachrichten von der Familie hört, wo der Vater vor den Augen der Kinder die Mutter erschossen hat – dann sind die Kinder hier“. Es sind schwerst traumatisierte Kinder, die für drei Monate aufgenommen werden, bis das Jugendamt eine bessere Lösung für sie gefunden hat.

Ich bin voller Bewunderung für Sozialarbeiter und alle Menschen, die es aushalten, mit so entsetzlichen Geschichten jeden Tag konfrontiert zu werden. Ich stand in diesem zentralen Raum, verstand, daß die Etage so entworfen ist, daß die Erwachsenen jederzeit überall Einblick haben. Kein Kind ist auch nur einen Moment unbeobachtet.

Wer hier arbeitet, muß genug Empathie haben, um diese Arbeit gut zu tun, und genug Distanz, um durchzuhalten. Wer hier arbeitet, wird jeden Tag mit der Grausamkeit des Menschen konfrontiert, und muß sich doch den Glauben an das Gute bewahren, um helfen zu können. Und das mit Niedriggehalt, geringem sozialem Prestige und unter dem Damoklessschwert der nächsten Budget-Kürzung. Nein, das könnte ich nicht. Den Studentinnen merkte man genau an, daß sie alle Erfahrung mit solchen Arbeitsplätzen haben, und sie stellten wieder gute Fragen.

Dann zeigte uns die Sozialarbeiterin (die mich übrigens sehr an eine gute Freundin von mir erinnerte, mit einem vergnügten Gesicht und Lockenkopf) ein leeres Zimmer, dessen Wände mit weichen, nachgiebigen Kunststoff-Platten gepolstert sind. Wände und Decke sind mit Himmel und Wolken bemalt, ansonsten ist das Zimmer leer. Es gibt einen Haken, an den eine Schaukel oder ein Punching-Ball gehängt werden können. In der Tür ist ein Sichtfenster. Die deutschen Studentinnen dachten für einen Moment, daß das Strafzimmer ist, in dem ungebärdige Kinder durch Isolation gebändigt werden. Aber nein. Niemals geht ein Kind allein in dieses Zimmer, und nie ohne eigenen Wunsch. Aber es ist ein Zimmer, in dem man sich austoben kann oder Ruhe finden, wenn man von Eindrücken und Erinnerungen überwältigt ist.

Ich weiß  nicht, was es den Mitarbeitern ermöglicht, Kindern in solchen Extremsituationen beizustehen und ihnen zu helfen. Aber in diesem Zimmer dachte ich an die Szenen, die sich hier abgespielt haben mögen, und welche Bilder die Kinder vor sich sahen, während sie die hellen, neutralen Wände anguckten.

Welchen Eindruck mögen die deutschen Studentinnen mitgenommen haben von ihrem Besuch, der ja viel länger war als nur die paar Tage, die ich dabei war? Vermutlich waren sie genau wie ich überwältigt von ihren Eindrücken und werden sie erst zuhause in Ruhe sortieren können, wenn sie ihre Protokolle schreiben und besprechen. Immerhin haben sie das professionelle Wissen, das ihnen hilft, die Eindrücke zu sortieren und einzuordnen.

Die israelischen Gesprächspartner dachten, in Deutschland gibt es viele Probleme nicht. Doch leider gibt es sie überall. Überall gibt es Gewalt gegen Schwächere, teilweise unvorstellbar brutale Gewalt, überall gibt es Leid, und sowohl in Deutschland als in Israel gibt es Strukturen, die die Opfer auffangen und die Gewalt bekämpfen. Die Gesetze ähneln sich anscheinend, die Prozeduren auch. In Deutschland steht mehr Geld zur Verfügung, doch auch dort sind soziale Projekte oder Einrichtungen kein Schlaraffenland und die Menschen, die in ihnen arbeiten, genießen nicht das Prestige mancher anderen Branche. Im Gegenteil, für viele ist „Sozialpädagoge“ geradezu ein Schimpfwort.

Ich bin aber froh, daß ich die Gruppe begleitet habe, auch wenn ich sonst nichts weiter mit dem Austausch zu tun habe. Es hat meinen Horizont erheblich erweitert.

Kommentare»

1. bobyleff - Dezember 20, 2013, 12:55

Danke für die beiden Berichte und denden Verweis auf Ahava Berlin!
Ist es möglich, etwas mehr über diese Studis zu erfahren: welche Uni, welche Fächer, nur Frauen?

2. Lila - Dezember 20, 2013, 13:05

Eine FH in Ostdeutschland, wie viele Männer dort Sozialarbeit studieren, weiß ich nicht, aber in der Gruppe (um die 15) waren nur Frauen, allesamt Masterstudentinnen mit viel praktischer Erfahrung, eine Ausländerin dabei, alle sehr gutes Englisch und alle sehr interessiert. Das „wo ist das nächste Shoppingcenter“-Syndrom, das mache Exkursion plagt (hüstel, hüstel), gab es nicht. Statt dessen reges und allgemeines Interesse vor jedem Süßigkeiten-Stand und bei jeder Begegnung.

3. urideg - Dezember 21, 2013, 13:46

Vielleicht bzw. vermutlich waren es TeilnehmerInnen des Erfurter Studienganges für jüdische Sozialarbeit. Einige Beiträge aus der Jüdischen Allgemeinen, die sich auf diesen Studiengang beziehen:
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/3779

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12834

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/13175

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/2325

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/17227

4. urideg - Dezember 21, 2013, 14:00

Noch eine winzige Ergänzung: Beim Lesen deiner Zeilen erinnere ich mich des psychotherapeutischen Beitrages des aus Deutschland gebürtigen israelischen Psychotherapeuten Nathan Durst. Nathan Durst, 1930 in Berlin geboren, hat Amcha gegründet und mit aufgebaut, einem Behandlungs- und Begegnungszentrum für Überlebende der Schoah. Auf einer Tagung in Deutschland traf ich einmal seine Ehefrau, wir referierten beide auf diesem Treffen.
Vor einer Reihe von Jahren erlebte ich dann Nathan Durst, er referierte an einer Kölner Fachhochschule für Sozialarbeit vor StudentInnen. Eine andere Szene, die sich in mir seelisch verankert hat, war seine Beteiligung an einer Filmdiskussion in Deutschland über das seelische Erbe der Nazizeit. Wenige Tage zuvor hatte er aus dem gleichen Anlass in einem Berliner Kino diskutiert. Einer seiner Diskussionspartner war Joschka Fischer, der ihn in seiner „energetischen Ausstrahlung“ beeindruckt hat.
Nathan Durst ist im Februar 2012 in Herzliya verstorben. Zwei kleine Erinnerungen:

http://www.tamach.org/index.php?id=113

Klicke, um auf child-suvivor-web.pdf zuzugreifen

5. Lila - Dezember 21, 2013, 16:17

Nein, die hatten alle mit jüdisch nichts zu tun. Das wäre ein etwas anderer Besuch geworden, wenn die Studenten jüdisch oder jüdisch ausgerichtet oder interessiert gewesen wären. Es waren ganz normale Deutsche, die meisten, wenn ich es recht beurteilen kann, auch ohne weiteren religiösen Hintergrund.

Danke für die Links, für die ich mir Zeit nehmen werde.

6. urideg - Dezember 21, 2013, 23:23

Danke für die Rückmeldung. Ich kann ja nicht wissen, weil die Teilnehmer waren 🙂
Wenn es jüdische StudentInnen gewesen wären (es war ja die Rede von Ostdeutschland) so wären sie aus Erfurt gewesen…


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