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Ein kleines Ritual beim Nachhausekommen April 18, 2013, 22:13

Posted by Lila in Persönliches, Rat und Tat.
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hat Secundus. Seine Waffe ist natürlich nicht geladen, aber er muß sie immer bei sich tragen und ist dafür verantwortlich, daß sie nicht in falsche Hände fällt. Darum baut er sie auseinander, wenn er zuhause ist, und bringt die Einzelteile getrennt und jeweils durch abschließbare Türen gesichert unter. Wenn wir am Wochenende wegfahren, muß jedes Einzelteil hinter mindestens zwei abgeschlossenen Türen liegen. Er hat mehrere Verstecke, die nur er kennt. Selbst wenn ich gefragt würde, könnte ich nicht sagen, wo die verschiedenen Teile sind.

Vermutlich besitzen hier mehr Menschen als in Deutschland private Waffen, aber wesentlich weniger als in den USA. Wer eine Waffe kaufen möchte, braucht einen Waffenschein. Um den zu behalten, muß man regelmäßig Auffrisch-Kurse machen und ihn erneuern lassen. Dazu gehörten nicht nur Übungen am Schießstand, sondern auch Überprüfungen der mentalen Stabilität (muß Y. noch mal genauer danach fragen).

Y. hatte jahrelang ein kleines Dingelchen, das er nur selten bei sich trug, und das er ebenfalls ungeladen, gesichert, getrennt von der Munition… hinter Schloß und Riegel aufbewahrte. Irgendwann wurde ihm das Ganze zu aufwändig, er ging nach Yokneam auf die Polizeiwache und sagte, daß er die Waffe spenden möchte, er braucht sie nicht. Legte sie behutsam auf den Tisch und ging.

In Israel kommen, unberufen, eher selten Amokläufe vor. Was wohl vorkommt, sind Morde, meist sog. Beziehungsmorde, bei denen Wachleute ihre Dienstwaffe gegen ihre Partnerin wenden.  Oft stellt sich dann heraus, daß diese Leute nur eine oberflächliche, rein technische Ausbildung an der Waffe hatten. Wer hingegen drei Jahre lang ständig eine Waffe mit sich rumschleppt, sie dauernd ölen, auseinanderbauen, kontrollieren und verstauen muß, wem diese ganzen Rituale der Vorsicht in Fleisch und Blut übergegangen sind, der wird sie nicht leichtfertig benutzen. Denn er begreift die volle Verantwortung, die so eine Waffe bedeutet. So scheint es mir zumindest.

Wem im Bus in Israel mulmig wird, wenn er die kindlichen Hände sieht, die sich im Bus um ihre Waffen legen, der kann beruhigt sein. Diese Waffen sind nicht geladen. Unfälle kommen vor – Y. hat einen Freund durch die Kugel eines anderen Freunds verloren, und bei aller Vorsicht ist es immer möglich, daß ein Mensch sich falsch verhält. Ja, es gibt auch Fälle, in denen eine Waffe ungesichert im Haus herumlag und Kinder oder Jugendliche sie zur Hand nehmen. Aber im Großen und Ganzen verhalten sich Israelis sehr vorsichtig mit Waffen, und Soldaten kontrollieren x-mal, ob die Waffe auch wirklich sicher ist, bevor sie damit aus der Basis gehen.

In manchen arabischen Dörfern werden (die in meinen Augen) Unsitten wie in die Luft böllern zu Hochzeiten etc gepflegt, was nicht nur teuer, sondern auch sehr gefährlich ist. Aber auch dort gelten die Regeln mit Waffenschein und Überprüfung. Man kann nicht einfach in den Laden gehen und sich dort bewaffnen.

Ich weiß, daß in einer Gesellschaft wie der amerikanischen Waffen einen anderen Stellenwert haben als in Europa, und ich glaube nicht, daß man die mentale Einstellung zu Waffen ändern kann. Viele Amerikaner, das habe ich inzwischen verstanden, sehen in einer persönlichen Waffe den Garant ihrer Freiheit und Sicherheit. Erbe ihrer Prärie-Pionier-Vergangenheit. Gary Cooper eben in High Noon, wo ja selbst die naive Quäkerin schließlich begreift, daß gegen manchen Feind nur hilft, zu ziehen, bevor er zieht. Gegen Symbole und Mythen läßt sich mit Ratio nicht viel ausrichten. Auch wir haben unsere Mythen, an denen wir hängen (Freie Fahrt für freie Bürger….).

Ich würde den Menschen in den USA aber, angesichts der vielen Unfälle und des häufigen in meinen Augen leichtfertigen Umgangs mit Waffen (ich erinnere an den Vater, der den Laptop seiner Tochter als Disziplinmaßnahme durchlöcherte…), wünschen, daß sich ein professionellerer und ernsthafterer Umgang mit Waffen durchsetzte. Gerade wenn man Waffen einen so hohen Status einräumt, sollte man lernen, wie man mit ihnen umgeht, ohne andere zu gefährden. Und zwar so gründlich wie mein Secundus und seine Freunde, denen nie in den Sinn käme, eine Waffe einfach geladen irgendwo rumliegen zu lassen oder damit zu anderen Zwecken als militärisch genau vorgeschriebenen zu schießen.

Mein Senf zu der ganzen Waffendiskussion. Kam mir heute so in den Sinn, als ich sah, wie Secundus seine Waffe zerlegte und wie der Osterhase versteckte, bevor er noch seine Mutter, die er fast einen Monat nicht gesehen hatte, begrüßte.

Kommentare»

1. Silke - April 18, 2013, 22:39

tja das Gewehr ist eben die Braut des Soldaten

bin schon weg, aber dem Absondern dieser Doofheit konnte ich denn doch nicht widerstehen

(heute habe ich ne Schlagzeile gesehen, nach der 2 Vierjährige ihre Eltern erschossen haben sollen – so viel Unglück …)

2. CK - April 22, 2013, 15:20

Haha, den Vater finde ich klasse. Herrlich! Also nicht dass ich der Meinung wäre, man solle solche Probleme mit „Waffengewalt“ unbedingt lösen, aber das Prinzip hart durchzugreifen bei der Jugend von heute, begrüsse ich absolut.

Wenn ich sehe wie manche Kinder heute ihren Eltern auf der Nase rumtanzen (oder auch Schülern ihren Lehrern), das hätte es früher nicht gegeben und ich verstehe auch nicht wieso meine Generation sich das gefallen lässt. Bei mir wäre da sehr schnell Schicht im Schacht.

Solange Du bei mir isst und wohnst, hast Dich an die Regeln zu halten. Ansonsten ist das Laptop, was von meinem Gehalt bezahlt wurde, mal schnell weg. Ne Selbstverständlichkeit oder etwa nicht?

3. Randolph Andrews - April 27, 2013, 10:01

Ich kann mich täuschen, aber waren nicht praktisch bei allen Amokläufen der letzten Jahre die Schützvereine direkt oder indirekt beteiligt. Entweder waren die jugendlichen Täter selbst Mitglied in einem oder mehreren Schützvereinen oder sie hatten Angehörige im direkten familiären Umfeld, meist der Vater, die Mitglieder waren. Damit ist in vielen Fällen nicht nur die Kenntnis im Umgang mit Schusswaffen zu erklären, sondern auch der mittelbare oder, wie wir erfahren mussten, oft sogar unmittelbare Zugang zu sowohl den Waffen ansich als auch der passenden Munition.

4. Arthur - April 29, 2013, 17:20

Hier in der Schweiz hatte bis vor Kurzem auch jeder sein Gewehr im Schrank. Es führt dazu, dass mehr Selbstmorde mit diesen Waffen geschehen, auch in der häuslichen Gewalt spielt es eine gewisse Rolle. Deshalb gab es hier eine Initiative, dass die Dienstwaffen im Zeughaus aufbewahrt werden sollen. Die ist zur Hälfte durchgekommen, wer sein Gewehr nicht zu Hause haben möchte, kann es ins Zeughaus bringen, muss aber nicht…

Statistisch gesehen passieren nicht sehr viele Morde/Selbstmorde/Unfälle mit der Dienstwaffe aus dem Kleiderschrank, aber wenn was passiert kommt das oft gross in den Medien.


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