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Wunderschön März 27, 2013, 18:45

Posted by Lila in Persönliches, Presseschau.
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In der FAZ – Bilder aus einer Glockengießerei in der Eifel, wo ich als Kind mal bei einer Klassenfahrt war, ich erinnere mich noch ganz genau. Dazu die Erläuterungen eines Glockengießers. Manche Arbeiten kann man eben nicht abkürzen, automatisieren, modernisieren. Höchstens daß der Kran die fertige Glocke aus der Grube hebt statt Menschenkraft, und daß der Ofen nicht mehr mit Kohle oder Holz beheizt wird. Aber die Arbeit tun Menschenhände.

Ich habe großen Respekt vor Menschen, die sich bei der Arbeit die Hände schmutzig machen, sich körperlich anstrengen und genau wissen, was sie tun, ob es Hebammen, Fliesenleger, Bergleute, Posamentierer oder Glockengießer sind. Manchmal scheint es so, als würde alle Welt nur noch im Büro arbeiten, alle sind Manager, alle tun ihre Arbeit vor Bildschirmen.  Nein.

Die Bilder sind sehr schön, und ich kann gar nicht sagen, wie sehr mir das Läuten der Glocken fehlt. Einmal bin ich an einem Sonntag an einer Kirche in Haifa vorbeigefahren, da bin ich aus dem Bus gestiegen, um dem Läuten zuzuhören.

Kommentare»

1. Dorothee Lottmann-Kaeseler - März 27, 2013, 20:01

Für ein EIFEL-KIND, liebste Grüße, Dorothee

2. Verres - März 27, 2013, 23:06

Ich lebe hier in Trier so von Kirchtürmen umgeben das ich mir schon oft gewünscht habe sie würden nie oder nur von 10 bis 20 Uhr läuten. Könnte aber schon sein das ich sie bei kompletter Abschaffung auch vermissen würde. Wenn die Glocken allerdings mal wieder meine Tochter wecken wie bei der Wahl von Papst Franziskus finde ich das gar nicht gut…

3. Lila - März 28, 2013, 6:17

Glocken wären mir lieber als eine doofe Freiluft-Disco, wie wir sie früher im Kibbuz eine Zeitlang als Nachbarn hatten, auf der anderen Seite des Tals. Nachbarkibbuz hat damit wahnsinnig viel Geld verdient, wir sind davon in den Wahnsinn getrieben worden. Unser Kibbuz hat schließlich mit Polizei und Rechtsanwalt operiert, um das Wummern und Dröhnen in den kleinen Stunden der Nacht abzustellen. Hat meine Töchter oft geweckt. Oh, ich hätte ihnen was antun können 👿

4. Georg - März 28, 2013, 6:50

Ich bin auf dem Kirchplatz in Straelen großgeworden, keine 10 Meter von der Kirche entfernt stand unser Haus – bei allem Respekt, ich hasse Glockengeläut.

Kann aber gut verstehen, was du meinst. In meiner Kindheit und Jugend stammten alle Freunde aus Gärntnereien oder Bauernhöfen; eine erdige Arbeit mag schmutzig sein, doch durch diese Art Arbeit wurde in den 1960er Jahren den Kindern die Möglichkeit eines Studiums und der Büroarbeit ermöglicht.

„Wir wollen, dass es unseren Kindern einmal besser geht“, so sprachen unsere Eltern im Dorf. Ich ging, studierte, verdiente mein Geld in Büros – aber ging oder geht es mir wirklich besser?

5. Rosa - März 28, 2013, 16:50

bei uns läuten -nein halt sie scheppern leider – die Glocken verschiedener Kirchen Sonntags ca. 2h fast ununterbrochen. Der Flugzeuglärm ist leiser. Und auch ich habe einige Tage mit unausgeschlafenen weil von Glockengeschepper geweckten Kindern hinter mir. Jeder der Kinder hat, weiß was das heißt.

Eine gut klingende Glocke kann durchaus was Schönes sein.
In der Türkei kann ich mich aber auch an ein zwei Dörfer an der Küste erinnern, in denen der Muezzin auch sehr schön klang.

Ich ging, studierte, verdiente mein Geld in Büros – aber ging oder geht es mir wirklich besser?

das kannst nur du selbst wissen. Aber ich gebe zu bedenken, dass die Arbeit in Handwerk und Landwirtschaft von Büromenschen gern romantisiert wird. Wie viele Fliesenleger gibt es, die mit 50 noch gesunde Knie haben? Wenn ein Landwirt krank ist, muss er trotzdem arbeiten und seine Tiere versorgen. Urlaub ist/war auch schwer möglich.
Ich finde, dass das heute viel zu wenig geschätzt wird, dass die Mehrheit sich eben nicht „den Buckel krumm“ arbeiten muss. Denn das ist im wahrsten Sinne des Wortes früher oft geschehen.

6. Silke - März 29, 2013, 13:49

Büromenschen kriegen dank Überschwemmung mit Absurdem gern einen an die Schüssel, weshalb sie sich dann vorstellen, morgens um 5 in den Melkstand gehen und 2 Stunden lang versuchen, Kacke möglichst nicht ins Gesicht zu kriegen, sei authentisch oder back to the roots und das müßten alles ganz besonders in sich ruhende Menschen sein. Apart finde ich Schriftsteller über alle Zeiten, die von knorrigen knotigen Fingern schwärmen, die sollte solche Dinger mal haben, war (ist?) eine unter Hutmacherinnen „beliebte“ Krankheit, kommt vom Ziehen des Stulpen im heißen Wasserdampf.

Doch wenn ich lese, daß es in ganz Paris angeblich nur noch eine Handstickerei gibt, daß Giorgio Armani seine wundervollen Abendkleider in Indien besticken laßt, daß es in Italien chinesische Betriebe mit chinesischen Arbeitern gibt, die es billig genug machen, dann frage ich mich, welchen „Gefallen“ wir uns damit tun aka daß wir über Jahrhunderte und Jahrhunderte erworbene Fähigkeiten einfach exportieren. Und daß sie aus Büchern wiedererlernt werden können, glaube ich nicht. Es ist nicht das gleiche wie einer Meisterin zugucken oder die Hand geführt kriegen.

Kurz wir werfen massenweise von uns im Wortsinn Begriffenes weg und ja es gibt eine Initiative (mögen die Japaner es gut hinkriegen), die dieses Wissen/Können wenigstens digital in 3D aufbewahren will, besser als nix, aber weit weit weg vom Original, denn es wird zwangsläufig wie ein Kapitell ohne Säule und ne Säule ohne Gebäude und ein Gebäude ohne Landschaft sein und last but not least ne Landschaft ohne eigenköpfige Menschen drin sein.

http://wissen.dradio.de/kunsthandwerk-wissen-digital-weitergeben.38.de.html?dram:article_id=207818

Natürlich wird es anderes dafür geben, doch wenn ich mir meine Patience-spielen-können-Kunst im Zeitalter von freecell angucke, dann stimmt mich die Aussicht nicht fröhlich, viel zu viel Vorfabriziertes, viel zu wenig Lila’s Spirale.

7. Lila - März 29, 2013, 14:14

Ich idealisiere nicht die brutale körperliche Arbeit, die heutzutage Gott sei Dank von Maschinen erledigt werden kann – mit Grausen denke ich daran, was der Waschtag mal bedeutet hat, und wie meine Vorfahren im Bergbau geschuftet haben müssen, oder auf dem Feld.

Nicht davon rede ich. Sondern von der Weisheit der Hände, die einfach wissen, was sie tun, weil sie es über Jahre hinweg gelernt haben. Der Fliesenleger, der mit tack-tack-tack ein paar kleinen Bewegungen des Hammerstiels die Fliesen perfekt ausrichtet. Die Hebamme, die mit den Fingern zu sehen scheint, was das Baby als nächstes tut. Die Bildhauerin, die mit sicherer Hand Hammer und Meißel ansetzt.

Jeder Mensch, der einen Beruf gelernt hat, in dem Tippen nicht genug ist, kann stolz darauf sein. Und ich sehe gern zu.

8. Silke - März 29, 2013, 15:06

Lila

Tippen war mal auch mal eine Kunst, damals nämlich als man Briefe mit 3 oder mehr Durchschlägen in vor-Tippex-Zeiten fehlerfrei blind tippen können mußte oder falls doch was schief gegangen war, so kunstvoll radieren, daß es nicht zu sehen war.

Und verheiratet mit jener Kunst war die des Diktatsicher-Seins, was bedeutete, daß man/frau ins Steno oder später ins Diktaphone nur Druckreifes sprach und/oder ne Tippse hatte, die rechtzeitig merkte, daß was hakte und es entweder korrigierte oder einen fragte, denn Korrekturen, die über einzelne Buchstaben hinausgingen, waren nur im Modus „alles noch mal von vorn“ möglich. Oder daß natürlich die selbst-tippende Sachbearbeiterin ihre Briefe absendereif zu tippen. Das ohne vorheriges Konzept, bestenfalls mit Stichworten zu können, war der Berufsstolz einer jeden, die es von der Typistin über die Stenotypistin plus die Kontoristin über die Stenokontoristin in jene Höhe geschafft hatte.

Heute hingegen werden Texte auf Autopilot ins Mikro oder die Tastatur gerotzt und dann endlos überarbeitet … Ich kann mir nicht vorstellen, daß das gut für’s Hirn ist.

So sah meine für’s die ersten Jahre aus, in denen Tippen oops Zehn-Finger-Blind-Schreiben erhebliches Können erforderte, aber da es fast nur Frauen waren, die es taten, giltet es natürlich nicht. Ach und Sehnenscheidenentzündung hieß die dazu gehörige genossenschaftlich anerkannte Berufskrankheit.

9. Lila - März 29, 2013, 15:17

Oh, ich weiß, daß wirklich tippen können gar nicht einfach ist. Ich habe als Kind die Sekretärinnen sehr bewundert, die das konnten. Heute kann ich wenigstens Zehnfingersystem tippen und werte es darum weniger hoch 🙂 sehr häßlich von mir.

Ich meinte aber nur, daß es mich nervt, wenn fast überall „Arbeit“ und „Büro“ als Synonyme genannt werden. In sehr vielen Artikeln zB. Klar, die werden ja von Journalisten geschrieben, und die kennen eben Büro. Aber sehr viele Menschen arbeiten eben nicht im Büro.

Ich selbst verbringe viel Zeit mit Vor- und Nachbereitungen, Übersetzungen und Beabeitungen am Computer, dazu kommen noch Bloggen und viele andere Dinge. „Zum Ausgleich“ sticke, häkle, putze, buddle und bastle ich, aber nichts davon wirklich gut.

Obwohl ich Kunst gründlich gelernt habe, übe ich keine von den Fertigkeiten aus, die ich mal gelernt habe. Ich weiß nicht mal, ob ich noch ein Gesicht erkennbar zeichnen könnte, einen Klumpen Ton in eine Form bringen, die mir gefällt, einen vernünftigen Gipsabguß machen kann, eine ordentliche Radierung oder ein Aquarell.

Kann ich noch Ski fahren? Nein, ich bin fast 30 Jahre nicht mehr gefahren. Schlittschuhlaufen? Tennis spielen? Tanzen? Schwebebalken? Alles mal gelernt, aber kann ich es noch? Ich wage es zu bezweifeln.

Was kann ich sonst? Als ich im Kibbuz im Bügelzimmer gearbeitet habe, konnte ich bügeln wie ein Profi, aber vieles davon habe ich wieder vergessen. Eigentlich kann ich nur Hausarbeit 😦 und obwohl ich die nicht gering achte, bewundere ich doch Menschen, die wirklich etwas gut können. Etwas, das ich nicht kann. Und das ist fast alles.

10. Silke - März 29, 2013, 15:43

Lila

ich hatte einmal das große Glück, eine echte gelernte professionelle Büglerin in Aktion beobachten zu können – atemberaubend – die Frau eines (Büro)Kollegen in Paris, die meinen Trenchcoat in Nullkommanix in ein Edelteil verwandelte und das in dem Klein-Hotelzimmer, in dem die beiden mitsamt neuem Baby es irgendwie wuppten …

Ich denke, die mehr virtuellen Fähigkeiten, wie das einst weit verbreitete Diktat-Sicher-Sein sind auch nicht zu unterschätzen. Daß wir heute Gedanken eher auf Papier als im Kopf reifen lassen, hat sicher auch seine Vorzüge.

Journalisten haben in aller Regel null Ahnung vom Büro – ich bezweifle sehr, daß viele von denen eine detaillierte Vorstellung davon haben, was im Vertrieb oder der Buchhaltung ihres Arbeitgebers abgeht. Hätten sie die, könnten sie nicht so locker kenntnisfreien Unsinn über Bürokratisches ablassen.

Doch bei der Gelegenheit ist mir nachträglich eingefallen, daß Stricken und Sticken (Häkeln auch?) z.B. mal hoch angesehene Männerberufe waren. Was geschah eigentlich mit dem Ansehen dieser Berufe, als sie zu (von Männern beaufsichtigten?) Frauentätigkeiten wurden???

Hat mir noch keineR je was zu erzählt …

11. Silke - März 29, 2013, 16:05

Lila

lange Jahre zu meiner Zeit war Sekretärin ein Titel, auf den frau in aller Regel nicht vor 35 hoffen konnte. Daß ich mit 21 Sekretärin wurde, weil mein Chef lieber ne Junge anlernen als sich mit ner „Alten“ rumärgern wollte (O-Ton) wurde allgemein für ziemlich skandalös gehalten und ging nur gut, weil er in Personalführung rundum top war.

Ob das männlichem Statusbewußtsein geschuldet war, denn ein Mann mit ner Sekretärin, selbst einer mit anderen geteilten, war mehr als einer, der bloß ne Schreibkraft aus der Ebene darunter hatte, wobei Stenotypistin natürlich besser war als Typistin.

Und dann gab es da noch die Chefsekretärin, auch so ein downgegradeter Titel. Einst bedeutete er, daß frau andere Sekretärinnen beaufsichtigte und nicht einfach, daß sie für einen hoch genug in der Hierarchie angesiedelten arbeitete. (Chefsekretärin war ich nie, ich hab mich, jenem ersten Chef sei Dank, in Richtung Sachbearbeiterin/paralegal entwickelt)

12. Wolfram - März 30, 2013, 17:06

Ich habe fast mein ganzes Leben im Schatten von Glockentürmen gelebt, ausgenommen drei Jahre Marburg, ein Jahr Heidelberg, ein Jahr Straßburg (dafür hatte ich religiöse Juden im Haus, aber das war nur am Laubhüttenfest zu hören)… ein halbes Jahr Dijon, wo ich aber nicht nur den Bahnhof hörte (500 Meter weiter…), sondern auch die Domglocken – und nun jetzt, wo unser Kirchlein keine Glocke hat, weil das ja zu katholisch wäre. 😉
Natürlich bin ich vorgeprägt. Aber die Glocke, die um neun zum Gottesdienst ruft, die weckt meist keine Kinder, denn die sind doch um fünf schon auf – jedenfalls wenn man Mamablogs liest, muß man den Eindruck haben. Und abends hindert sie auch keinen am Schlafen. Und erzählt auch nicht von früh um vier bis abends um eins jeden Bummelzug oder Expreß, der ankommt, abfährt, durchfährt oder Verspätung hat.
Und heute läutet gar keine Glocke. Morgen wieder!


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