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Ende März März 23, 2013, 11:24

Posted by Lila in Uncategorized.
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ist es jetzt, und seit ich mich kenne, fange ich spätestens Mitte März an, an Papas Geburtstag zu denken. Besonders in den letzten Jahren, als er krank, an sein Zimmer und Bett gefesselt war, wurde es mir immer wichtiger, etwas zu finden, was ihn interessiert, ablenkt, erfreut. Nicht immer liegt man mit einem Geschenk richtig, aber ich glaube, ich kannte meinen Vater gut genug, um zu wissen, was er wirklich mag.

papa 1956

1953

Er hat im Laufe der Jahre von mir Bücher und Filme über Skandinavien, Schifffahrt, Fußball (besonders im Ruhrgebiet seiner Jugend), deutsche Geschichte und sogar Modelleisenbahnen bekommen. Themen, von denen ich nicht unbedingt was verstehe, aber dank Internet konnte ich die besten, auf meinen Vater maßgeschneiderten Geschenke sammeln. Es hat mich getröstet, wenn ich an ihn dachte und daran, wie schlecht es ihm geht, daß er vielleicht jetzt gerade einen Film sieht oder ein Buch liest, die ich ihm geschenkt habe, und damit im Geiste mit Hornblower oder Captain Cook über die Meere fahren kann, oder wieder wie als kleiner Junge seinem bewunderten Torwart von Rotweiß Oberhausen zujubeln kann, oder sich in die schönsten Modell-Lokomotiven versenken kann.

1964

Als Kinder waren wir wenig einfallsreich im Beschenken unseres Vaters, aber der 10. April war immer ein großer Tag. Für mich besonders, weil Papas Geburtstag der Auftakt war: am 21. April kam dann Omas Geburstag, und am 27. endlich meiner.

Ich kann es nicht fassen, daß er nicht mehr da ist. Das erstaunt mich fast selbst, denn ein Vater im klassischen Sinne war er schon lange nicht mehr. Er hat seine Vaterrolle mit der Scheidung aufgegeben, das war 1976, und war seitdem ein seltener Gast in unserem Leben. Verantwortung hat er nicht mehr übernommen. Einmal im Jahr wurde von uns erwartet, daß wir ihn besuchen kommen – am zweiten Weihnachtstag. Er bekam ein Geburtstagspaket von mir. An meinem Geburtstag rief er mich an. Ansonsten hörten wir nicht oft voneinander. Ob hier Krieg war, ich im Krankenhaus war oder eines der Kinder krank – er rief nie an. Er erwartete, daß wir den Kontakt aufrechterhielten, und war gekränkt, wenn wir das nicht taten.

Wenn es in meinem Leben eine Krise gab, oder auch im Leben meines Bruders – wir hätten uns nie an ihn gewandt, so wie andere sich an ihre Väter wenden. Erst nach seinem Tod fiel uns das auf. Andere Menschen besetzten in unserem Leben die Nothelfer-Ratgeber-Vorbildfunktion, die bei vielen Menschen der Vater besetzt. Bei der Beerdigung meines Stiefvaters (den er respektierte) fiel ihm das auf. Er hörte meine Grabrede und sagte hinterher ziemlich bitter zu meinem Bruder: man könnte meinen, daß das ihr Vater gewesen wäre. Und mein Bruder antwortete: das war er auch. Mit mir sprach er das nicht an, wir waren beide höflich-distanziert, das Minenfeld unserer Beziehung betraten wir nicht.

Er hat uns auch materiall gründlich enterbt, obwohl er keine anderen Kinder als uns hatte, aber außer den Familienpapieren, seinen alten Tagebüchern, einer Henlein-Uhr, die in meiner Kindheit auf seinem Nachttisch stand, und einem Spielzeug, das er als Kind geliebt hat, habe ich nichts geerbt. Eigentlich ist es aber auch genug und gar nicht so wenig. Seine zweite Frau ist nicht unsere Mutter und schuldet uns nichts. Er hätte, wenn er es denn gewollt hätte, für uns sorgen sollen, aber es war ihm wichtiger, sie versorgt zu sehen – und sie hat ihn ja auch die ganzen Jahre gepflegt und oft genug gerettet. Ich kann zwar nicht verstehen, wie man Kinder und Enkelkinder systematisch und rechtlich wasserdicht enterben kann, sie aber gleichzeitig jedes Jahr zu Weihnachten erwartet. Irgendwie paßt das nicht ganz zusammen. Oder mir kommt es so vor.

Jedoch, wie gesagt, die Vaterrolle hat er abgschlossen, als wir ihn „böswillig verlassen“ haben. Er hat den Zusammenbruch seiner Ehe nie anders gesehen und nie darüber nachgedacht, wie fair oder unfair es war, zwei Kindern unter 12 Jahren zuzumuten, sich zu entscheiden – weil es ein „sowohl als auch“ beim Stand der Feindseligkeiten nicht gab. Auch rückblickend fand er es vollkommen logisch, von uns zu erwarten, uns auf seine Seite zu schlagen, ohne Wenn und Aber. Daß die Eltern es waren, die ihre Ehe nicht mehr führen konnten, daß sie die Verantwortung trugen für die Situation und es uns leichter hätten machen sollen statt schwerer  – das weiß meine Mutter längst, aber mein Vater hat es nie so gesehen.

Für ihn war klar, daß Kinder, die ihren Vater im Stich lassen, um bei ihrer Mutter zu leben, jeden Anspruch auf väterliche Sorge verwirkt haben. Auch die Enkelkinder haben weder zur Geburt noch zum Geburtstag je etwas geschenkt bekommen, nur zu Weihnachten, wenn wir zu Besuch kamen. Wenn ein Kind wegen seines Armeediensts nicht mitkommen konnte, bekam es auch nichts geschenkt – die zweite Frau meines Vaters hat dagegen protestiert, aber mein Vater war konsequent. Wer nicht kommt, der kriegt auch nichts. Meinen Kindern geht nichts ab, es ist ihnen nicht mal aufgefallen, aber großvatertypisch ist es eigentlich nicht. Jedoch, er sah sich nicht als Opa, und meine Kinder nannten ihn auch nicht so, sondern bei seinem Namen.

1965

„Du warst ja immer auf Seiten deiner Mutter,“ hat seine zweite Frau mir einmal gesagt, als Erklärung für seine emotionale Distanz. Ich habe sie gefragt, was das für Eltern waren, die uns Kinder gezwungen haben, eine Seite zu wählen. Sie hatte das nicht bedacht und hatte seitdem mehr Verständnis für uns, glaube ich. Ich wiederum habe meinen Vater im Laufe der Jahre besser verstehen gelernt. Er war kein Typ für Kompromisse, in keinem Lebensbereich, warum also ausgerechnet in Bezug auf seine Ehe und Familie? Für ihn waren das Verträge, die wir gebrochen hatten, und damit waren seine Verpflichtungen am Ende.

Er hat damit viel verloren, denn von seinem Charakter her war er eigentlich ein Patriarch. Wir haben väterliche Liebe von unserem Stiefvater erfahren dürfen, der zuverlässig zu uns stand, und ich habe mit meinem Schwiegervater eine weitere Vaterfigur gewonnen. Im Leben meines Vaters gab es zwar jüngere Familienmitglieder, aber an die Stelle seiner Kinder trat eigentlich niemand. Er übte auch Nichten und Neffen gegenüber beißende Kritik und hielt sie auf Abstand. Keiner von ihnen erschien zur Gedenkfeier oder Bestattung.

Daß wir es trotzdem fertiggebracht haben, gegen Ende seines Lebens eine Art Einverständnis zu erlangen, rechne ich uns beiden hoch an, ihm höher als mir, denn ich bin jünger und hatte mehr Glück im Leben als er und habe mehr Liebe erfahren.

Es ist ja widersinnig, aber ich habe ihn tatsächlich mein Leben lang aus der Perspektive gesehen, die ich etwa mit fünf Jahren hatte, immer ein schlechtes Gewissen und immer in Angst vor der nächsten messerscharfen Bemerkung oder Ohrfeige. Daß ein Vater zu solchen Mitteln aus Hilflosigkeit greift, weil er Angst hat, sonst die Kontrolle über die Kinder zu verlieren, verstehe ich heute. Damals bedeutete es, daß wir um fünf Uhr, wenn der Papa von der Arbeit wiederkam, Angst hatten. Sind die Hausaufgaben gemacht, das Zimmer ordentlich, die Fingernägel nicht angeknabbert?

Andere Kinder warteten am Fenster auf ihren Papa, wenn alle Väter aus der „Kerschungsforanlage“ wiederkamen. Wir wohnten ja im Nordviertel, wo alle Väter Physiker, Chemiker oder Mathematiker waren und alle Mütter Lehrerinnen (höchstens Teilzeit natürlich). Heute tut mir das für meinen Vater leid, denn er hätte es auch gern gehabt, daß wir mit Freude auf ihn warten, aber das hat nicht geklappt, und ich glaube nicht, daß mein Vater wußte, warum nicht.

Unser Vater war eine Autorität, und das war zwar meistens höchst unbequem, jedoch manchmal kam es uns zupaß. Es gab Situationen, in denen ein hochgewachsener Mann mit funkelnden Augen, der nie um eine schlagfertige oder beißende Antwort verlegen war, ein nützlicher Verbündeter war. Auch unsere Lehrer ließen sich vom strafenden Blick unseres Vaters und von seinem Sarkasmus beeinflussen, und bei der Arbeit war er der Chef mit riesengroßem C. Er kümmerte sich um seine Untergebenen, beriet sie und sprang auch für sie in die Bresche. Er wäre gern Lehrer geworden, wie seine Mutter, und war ein guter Ausbilder und nebenbei auch Lehrer.

Er war eigentlich schon als junger Mann alt. Manchmal wurde er jung, beim Fußballspielen, im Urlaub, am Meer und auf See. Dann zeigte er uns, wie er aus Zigarettenrauch Ringe blasen kann, wie hoch er einen Ball in die Luft schießen oder fausten kann, und erklärte uns, wie ein Schiff seinen Weg findet, warum man in Epidauros ein auf der Bühne geflüstertes Wort bis in die obersten Ränge hören kann,  und warum es am Nordkap im Sommer nicht dunkel wird. Die großen Momente einer Einsicht in meinem Leben habe ich in deutlicher Erinnerung, und nicht wenige davon sind Papa-Erinnerungen.

Wenn er entspannt war, wenn er die Kontrolle mal ein bißchen losließ und uns von seinen Niederlagen erzählte, oder mit uns tobte, oder ein schallendes Gelächter ausbrach (das Primus haargenau von ihm geerbt hat – wenn ich ihn lachen höre, kriege ich jedesmal eine Gänsehaut, denn es ist unverkennbar Papas Lachen), wenn er uns abends Geschichten und Märchen erzählte und dabei richtig in Schwung geriet  – dann waren das seltene, gute Momente. Besonders im Urlaub kamen sie vor. Aber nach 1976 war er nie mehr entspannt mit uns. Er hatte das Vertrauen in uns verloren. Und er war ein Mann, der nicht leicht vertrauen konnte. Wir hatten sein Vertrauen ein für alle Mal verloren. In einem Moment der Bitterkeit nannte er uns einmal treulos. So sah er uns, und das für ihn vielleicht bitterer als für uns.

Ich habe es versäumt, vor seinem Tod eine wirkliche Versöhnung zustandezubringen, und ich glaube auch nicht, daß er daran interessiert war. Er fand es leichter, mit meinen Kindern zu kommunizieren als mit mir. Sehr selten hat er mal etwas Positives sagen können – er gehörte zu der Generation, die sich mit dem Loben schwertat. Aber über meine Kinder hat er sich öfter lobend ausgesprochen, ja, er hat mir gesagt, daß ich sie gut erzogen hätte und stolz sein könnte auf die Kinder. Das hat mich bewegt, denn ich hätte nicht erwartet, daß er es ausspricht. Er hat auch Y. sehr geschätzt und respektiert (und sich gewundert, meinem Bruder gegenüber, was so ein Mann an mir findet – er war bemerkenswert frei von väterlicher Subjektivität).

Es tröstet mich, daß mein guter, goldener Primus ihn zum Schluß noch besucht hat. Primus, der ihm ein bißchen ähnlich sieht, der ihn immer gemocht hat und der vor Krankheit und Leid und nahendem Tod keine Scheu hat, sondern ihm herzlich in die Augen gesehen hat und ihm gesagt hat, daß wir ihn lieben. Was mein Vater nicht oft im Leben gehört hat, da bin ich sicher. Primus ist meine Brücke in die letzten Tage meines Vaters, und ich bin so froh, daß er auch bei der Seebestattung dabei war.

papa

2001

Als die „Forelle“ in Sichtweite des Marine-Ehrenmals ihren Kreis um seine Urne drehte, die auf den Meeresboden sank, hatte ich das sichere Gefühl, daß mein Vater seinen Frieden gefunden hat. Das war ein stimmiger Abschluß, wie er schöner nicht hätte sein können. Mein Bruder und ich sind und waren uns sicher, daß unser Bestehen auf einer Seebestattung, wie er sie gewollt hätte, in der geliebten Ostsee, nicht weit von „seiner“ Werft, das beste Geschenk war, das wir ihm hätten machen können. Wir kannten ihn eben doch sehr gut.

2012

Aber jetzt sitze ich mit meinen Ideen für Papas Geburtstag da und keiner ist mehr da, dem ich sie schicken könnte. Meine Hände auf der Tastatur sind seine, und ich habe sein Erbgut weitergegeben, wer weiß, was davon in späteren Generationen auftauchen wird. Die Geschichte von meinem Vater und mir ist eine Geschichte der verpaßten Gelegenheiten, das wußte ich schon, als er noch lebte, und konnte es doch nicht ändern. In vieler Hinsicht lebe ich in meinem Leben weiter, was er auch gern gelebt hätte – Ehe, Familie, Meeresnähe. Andere seiner Träume lebt mein Bruder weiter – Autos, Fußball, Reisen.

Die Linien des Lebens sind verschieden,

Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Kommentare»

1. Rosa - März 23, 2013, 12:00

oh Lila, unsere Väter waren sich nach dem wie du es schreibst, sehr ähnlich. Jetzt wo ich selbst Kinder habe, verstehe ich vieles auch besser – ein bißchen einfacher wird es dadurch.

„Damals bedeutete es, daß wir um fünf Uhr, wenn der Papa von der Arbeit wiederkam, Angst hatten. Sind die Hausaufgaben gemacht, das Zimmer ordentlich, die Fingernägel nicht angeknabbert?“
bei mir war das bereits 16 Uhr der Fall und Geschwister als Leidensgenossen habe ich immer schmerzlich vermisst.

2. Lila - März 23, 2013, 12:09

Rosa, ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr mein Bruder und ich uns gegenseitig helfen. Es tut mir leid, daß Du keine Geschwister hast, aber gut, daß Du Deinen Kindern welche geschenkt hast. Ich hoffe auch, Du hast ihnen einen Vater geschenkt, der eine warmherzige, verständnisvolle Säule der Weisheit und Zuverlässigkeit ist, wie ein Papa meiner Meinung nach sein sollte.

Unsere Väter konnten das nicht sein, und haben damit selbst sehr viel verloren. Meinem Vater hat in seinem Leben bedingunslose Liebe gefehlt – von uns hätte er sie haben können.

Aber wer wie Du und ich Kinder solcher Väter sind, sind in gewisser Hinsicht Geschwister, Schicksalsgeschwister. Damit bist Du doch nicht allein.

3. Hein - März 23, 2013, 12:17

Ganz herzlichen Dank für diesen einfühlsamen Bericht. Er kann Lebenshilfe sein für Menschen in ähnlicher Lage.
PS Auch wenn ich Y. nicht kenne, so kann ich mir gut vorstellen, dass er an Lila sehr viel findet. Da muss man nicht lange suchen.

4. Georg - März 23, 2013, 12:19

Es ist einerseits mutig, öffentlich einen Blick ins Innerste zu gewähren, andererseits sollte es jeder tun, denn um so mehr Missverständnisse würden vermieden werden.

Nun ist das aber auch recht neu mit dem ganzen Internetkram.

Meine Familiengeschichte scheint sehr ähnlich in der Kindheit gewesen zu sein (Jahrgang 62, du 64, wenn ich das richtig lese?), allgemein waren die Erwachsenen, die dem Krieg gerade noch entkommen waren anders. Und plötzlich stülpte sich eine Welt der 50er Jahre über sie, voller Erwartungen, auch voller Möglichkeiten aber in meist katholischen Konstrukten, aus denen es keinen Ausweg gab – Moderne, Revolte und verstaubte Kruste, in diesem Gegensatz mussten sie bestehen. Meist auch mit unterschiedlichen Traumata ihrer Jugend oder Kindheit im Krieg behaftet.

Hierzu könnte man wirklich viele Bücher schreiben – am Ende verzeihe ich diesen Menschen, die nichts dafür konnten, in diesem Zeitabschnitt geboren, geprägt und aufgewachsen zu sein; was hätten sie denn anderes weitergeben können als das störende, das sie erlebt hatten, aus dem sie stammten.

Du hast nicht das beste Verhältnis zu deinem Vater gehabt, ich auch nicht zu meinem, und zu der Mutter ist es ebenfalls, na, sagen wir mal, ambivalent. Doch wird sie alt und man versteht sie mehr – nein, nicht mehr verstehen, man nimmt sie mehr widerspruchslos hin.

Vielleicht ist das alles ein Grund, weshalb dich in deinem Blog so viele Leute gerne lesen: Sie erkennen, dass deine Familie all das ausmacht, was „wir“ (zumindest ich) immer vermisst habe/haben. Du und deine Familie lebt in Israel (es könnte auch sonstwo sein) die Familie des Zusammenhaltes, nach der „wir alle“ uns sehnen.

Menschen werden brutal, wenn sie keine Liebe finden, sie erst recht nicht in ihrer Jugend fanden. Dann sind sie leichte Beute für Manipulatoren, und so erklären sich auch Selbstmordanschläge. Es ist gar nicht so kompliziert zu erklären, es hat alles mit Liebe und Liebesentzug zu tun. Damit kann man Menschen manipulieren. Wer aber von Haus aus Liebe mitbekommen hat, der wird für Hass nicht anfällig sein.

Alles was und wie du schreibst, ist im Grunde eigentlich immer ein Plädoyer für die Liebe.

5. Lila - März 23, 2013, 12:29

Georg, sehr richtig. Diese Generation meines Vaters ist um ihre Jugend betrogen worden. Mein Vater war Jahrgang 1931 und der Indoktrination in der HJ hilflos ausgeliefert. Er hat Jahre gebraucht, um damit zu Rande zu kommen, daß er als Junge belogen und betrogen wurde. Die Bitterkeit kam immer wieder zum Vorschein. Es waren unsere ehrlichsten, besten Gespräche, wenn wir darüber sprechen konnten. Er ist nie darüber hinweggekommen, daß die Welt seiner Jugend auf Lüge und Haß aufgebaut war, und hat danach niemandem mehr vertraut.

Deswegen war für ihn auch Israel wichtig. Daß die Juden nicht so waren, wie man ihm das in seiner Kindheit erzählt hatte, hat ihn sehr beeindruckt. Yonatan Netanyahu war für ihn ein Held, und lange bevor ich Y. kennengelernt hatte, hat mein Vater mir ein Buch über Entebbe geschenkt. Für ihn war Israel ein Symbol für die Wahrheit, die man ihm verborgen hatte, als er Junge war. Ich rechne meinem Vater hoch an, daß er versucht hat, diese Jugend-Indoktrination zu bekämpfen, und rational hat er das auch geschafft. Emotional aber nicht.

Er hat mir vieles erzählt, als er begriff, daß ich das verstehen konnte.

6. Silke - März 23, 2013, 13:37

Diese Generation meines Vaters ist um ihre Jugend betrogen worden.

OTOH hat diese Generation und die meine Zeiten beispiellosen Aufschwungs erlebt – Zeiten in denen man in jedem Jahr reicher war als im Jahr davor, Zeiten in denen alles immer besser wurde.

Immerzu wird nur von den „Traumata“ geredet, die Leute geprägt haben, nie von dem Guten, das ihnen widerfuhr, als hätte das keine prägende Wirkung.

Hat es natürlich auch nicht, wenn man es textmäßig immerzu im Schatten ansiedelt.

Es gibt ein Hörspiel (der Enzensberger-Text dazu ist gähn) Jacques der Fatalist (wohl nach Diderot). Jacques widerfährt ein Unglück nach dem anderen (z.B. Armbruch) und immer sagt er, doch das hat mich bewahrt vor z.B. mich mitten auf nem Schlachtfeld zu befinden …

Ich habe einige der Generation Deines Vaters gekannt, es gab sie in allen Variationen …

Die Erfahrung, daß man belogen, betrogen und in die Irre geführt wurde und somit reingefallen ist/zu dumm war, es gleich zu merken, ist eine, die uns allen mit schöner Regelmäßigkeit widerfährt. Ich finde, wir können und sollen uns daran abarbeiten, aber vor allem sollen wir lernen, uns zu verzeihen, daß wir hochgradig fehlbare und zum Irrtum neigende Menschlein sind.

7. Silke - März 23, 2013, 14:23

… die meisten „Angehörigen dieser Generation“, die ich kannte, hatten natürlich nix von dem beispiellosen Aufschwung dem zu verdanken, daß sie sich in einer weltpolitisch unglaublich günstigen wenn auch hochgradig gefährlichen Lage befanden. Nein, es war alles alles alles ohne Ausnahme nur ihrem Fleiß und ihrer Energie zu verdanken. Der Deutsche iss eben so ;-(

Das nur warum ich auf das „um die Jugend betrogen“ Mantra gern allergisch reagiere.

Anfang der 70er sahen britische, französische und deutsche technische Zeichner (die Amis waren executives, doch teilweise aus der gleichen Klasse aufgestiegen) im Schnitt sehr verschieden aus. Deutsche wirkten praktisch genauso gesund (Zähne, Haut, dieser Glow des immer gut gepflegt worden seins) wie die Amis, die Franzosen waren nur minimal mickriger, doch die Engländer fielen drastisch ab, sie sahen aus wie Ostblockler (mit Ausnahme der paar aus der DDR, die sahen aus wie „wir“).

Holländer waren ununterscheidbar von „uns“.

Die Engländer hatten den Krieg gewonnen – jeder Schub Neuankömmlinge machte mir bewußt, welch unglaubliches Glück ich mit meinem Wohnort (Atombombenfurcht hin oder her) nach den gruseligen Erstjahren in Nürnberg gehabt hatte. Worauf soll ich nu den Blick zuerst richten, auf halb-voll oder auf halb-leer?

Es war im Vorfilm/Wochenschau zu Olivier’s Hamlet (1955 – synchronisiert von Erich Ponto), daß ich einen sich entfaltenden Atompilz sah – jedesmal wenn es grummelte zwischen den beiden Blöcken, war die da geweckte Furcht da, zweifellos PR-mäßig immer geschürt, doch vermutlich auch nach dem Wissensstand von damals sehr real, schließlich gab es ja noch genug beschädigte Gebäude zu sehen.

http://www.imdb.com/title/tt0040416/?ref_=fn_al_tt_8

Wer mag, vergleiche es mal mit dem Inhalt seines Kopfes zu Japan – wieviel Gefühl ist da Hiroshima-gesteuert und wieviel von Nanking?

8. Lila - März 23, 2013, 14:36

Mein Vater wurde um seine Jugend betrogen. Das NS-Erziehungssystem war perfide und darauf ausgerichtet, Kinder mit stärksten emotionalen Banden an sich zu binden. Wo Eltern noch mit „früher“ vergleichen konnten, sich noch an Zeiten erinnern konnten, in denen man die Wahl zwischen Weltanschauungen hatte und sich informieren konnte und sich gegen Autoritäten auch auflehnen konnte, kannte die Generation meines Vaters diese Optionen nicht.

Mein Vater, dessen Eltern vorsichtige innere Distanz zur Ideologie der Nazis bewahrten (die Geschichte meiner Großeltern will ich hier außen vor lassen – mein Großvater verdankte seine Nachkriegskarriere einer Auseinandersetzung mit Nazigrößen seiner Heimatstadt, für die er damals einen hohen Preis bezahlte), war von Anfang an begeistert bei der HJ dabei. Seine Eltern wußten, daß er sie sofort an seinen Fähnleinführer verraten würde, wenn sie nur ein Wort gegen Hitler sagten. Mein Vater war als Junge davon überzeugt, daß alles, was die bewunderten großen Jungs beim HJ sagen, die Wahrheit ist. Auch seinen Lehrern hat er geglaubt.

Nachdem der Krieg vorbei war, drehten die Lehrer ihr Fähnchen nach dem Wind, und auf einmal war alles, woran mein Vater geglaubt hatte, nicht mehr wahr. Er fand es schwer, sich damit abzufinden. Alles, was ihn als Jungen begeistert hatte, war nur ein Mittel zum Zweck gewesen, um ihn fügbar zu machen. Der HJ ging es in Wirklichkeit gar nicht darum, meinem Vater eine schöne Kindheit zu schenken, sondern nur, ihn dazu zu bewegen, sich freiwillig für die SS zu melden, was er auch tat (kurz vor Kriegsende – die Antwort kam später als die Engländer).

Er hat Jahre gebraucht, um sich aus diesen Banden auszuwickeln, und er hat nie mehr jemandem vertraut. Seine Eltern, die ihm nie richtig ihre Haltung erklärten, seine Lehrer, die nun das Hohelied der Demokratie sangen, sie haben ihn alle enttäuscht.

Was hat das mit Aufschwung zu tun? Natürlich hat mein Vater nach den Jahren von Hunger und Luftkrieg und Fahrten mit der HJ noch viele Jahre gelebt, hat studiert, gearbeitet, ist verreist und hat Bücher gelesen und war politisch aktiv. Aber jede Erinnerung an seine Kindheit war ihm verbittert dadurch, daß er erkannte, wie sehr er instrumentalisiert worden war. Das ist keine Kleinigkeit. In der Kindheit bilden wir unsere Persönlichkeit, bauen wir unser Vertrauen in die Menschen um uns herum auf, lernen wir, uns in der Welt zurechtzufinden.

Egal was man von Guido Knopp halten mag – sein Buch über die Generation meines Vaters hat meinen Vater aufgewühlt. Das war seine Geschichte.

9. Silke - März 23, 2013, 15:53

Jeder Mensch hat gegenüber sich selbst die Pflicht, erwachsen zu werden und eine verkorkste Kindheit für den Rest des Lebens für jedes Fehlverhalten verantwortlich zu machen, geht mir wider die Natur.

Der Mensch bleibt zu seinem Glück sein ganzes Leben lang lernfähig. Wenn er/sie sich auf das in der Kindheit erlebte fixieren will, fein, aber mir soll er das bitte nicht als Entschuldigung präsentieren. Als Erklärung warum er/sie gewisse Exzentriken pflegt, jederzeit gern, aber nicht als Entschuldigung für großes Versagen als Mensch. Dafür muß jedeR die Verantwortung übernehmen oder sich damit abfinden, daß ich ihn für nen Selbst-Entmündiger halte.

10. Silke - März 23, 2013, 15:55

Der Unterschied zwischen uns und den Engländern war nicht Studium oder sonst so’n Zeug, er war, daß wir gut ernährt aufgewachsen waren und sie nicht.

Ganz was Grundlegendes also aber natürlich waren sie, wenn auch a bisserl sehr mickrig, doch alle sehr schlank.

11. Silke - März 23, 2013, 16:01

Dieter Wellershoff beschreibt, wie sehr er sich auf dem Heimweg von der Front vor rachsüchtigen ex-KZ-Insassen gefürchtet hat und lamentiert später herzzerreißend über das Schicksal all der jungen SS-ler, deren Gräber er auf einem Friedhof sah.

Ich habe selbst mal so einen Friedhof gesehen (vermutlich nicht SS) wo anscheinend der nahezu komplette Jungmännerjahrgang eines Kleinststädtchens gestorben worden war.

Und wenn Dein Vater auf Guido Knopp abgefahren ist, dann haben er und ich nix gemein.

In nem Sammelband Schulerinnerungen von ca. 1976 hatte keiner was gemerkt, nicht Joachim Fest, nicht Helmut Schmidt, nur Überraschung! Günter Kunert.

Ich weiß nicht, ab wann sich Dein Vater Mühe gegeben hat, ich hoffe zu seinem Besten, daß es vor der Guido-Knopp-isierung der Erinnerung war.

12. Rosa - März 23, 2013, 16:29

„Ich hoffe auch, Du hast ihnen einen Vater geschenkt, der eine warmherzige, verständnisvolle Säule der Weisheit und Zuverlässigkeit ist, wie ein Papa meiner Meinung nach sein sollte. “

jap, auch da gehts wir mir wie dir, die Entscheidung für meinen Mann war einer meiner besten Entscheidungen im Leben. Auch wenn einige nicht daran glaubten, dass wir füreinander perfekt sind. Ich muss keine Sorgen darum haben, ob wohl alles ordentlich und fleißig genug ist. Jemand bei dem ich ganz entspannt ich selbst sein kann und die Kinder – soweit man das als Eltern überhaupt richtig einschätzen kann – auch. Weise weiß ich nicht, eher natürlich in sich ruhend. Weise werden wir bestimmt erst noch ;-P.

13. Silke - März 23, 2013, 16:52

als ich noch einen Fernseher hatte guckte ich immer Alfred Biolek – ziemlich regelmäßig waren da Holocaust- incl. Auschwitz-Überlebende zu Gast und ich bin vielen davon unendlich dankbar dafür, daß sie mir beigebracht haben, daß sie den Nazis/Deutschen nicht den Triumph gönnten, ihnen außer dem aktuellen Erleben irgendetwas kaputt gemacht/gestohlen zu haben.

Vielleicht redeten sie sich selbst damit etwas schön, kann sein, ist sogar wahrscheinlich, doch ich verneige mich tief vor ihnen für diese Lektionen und für ihr gelebtes Vorbild. Und nein, ich verurteile niemanden, dem es nicht gelang, ganz im Gegenteil, da erfüllt mich tiefes Mitleid, Mitgefühl und Schwesterlichkeit, doch mein Vorbild sind eben die „mit-mir-nicht“ – ich ziehe mich lieber mit Blick auf ihre Riesenleistung wann immer nötig am eigenen Zopf aus dem Sumpf … Sollte es mir einmal nicht (mehr) gelingen, ist es auch OK, aber dann mit Erinnerung an meine verkorkste KIndheit entschuldigt werden, das verbitte ich mir aufs Energischste.

14. Paul - März 24, 2013, 1:00

Liebe Lila,
Du hast das Fenster weit geöffnet und auch die Gardine weggezogen. Mir hat es gut getan in Dein Zimmer blicken zu dürfen. Soweit ich die Kommentare richtig verstanden habe, ging es den anderen wohl genau so.
Das offene Fenster hat natürlich auch noch einen anderen Effekt. Es kommt frische Luft in die die Stube und man bekommt einen freieren Blick nach draußen.
Ich wünsche Dir, dass dieses Durchlüften Dir genützt hat, wird man doch dadurch freier und es wird auch Platz gemacht für neue Anforderungen.
Prosit! Es möge nützen!
Herzlich, Paul

15. kaltmamsell - März 24, 2013, 10:42

Tränchen im Auge: Über dein großes Erbarmen, über deinen großen Verlust von Kindesbeinen an. Wie schwierig das alles ist.

Selbst habe ich das Glück, in den vergangenen Jahren meine teilweise bitteren Vatererinnerungen in deutlich milderem Licht neu zu beleuchten. Und das noch größere Glück, immer wieder neue Vatererinnerungen zu schaffen, weil er noch lebt und mir – auf seine Weise – sehr zugewandt ist.
Wie schwierig das alles ist.

16. Rosa Brille - März 24, 2013, 13:11

„Mein Vater wurde um seine Jugend betrogen.“

Mir kommen gleich die Tränen…

Während dein Vater Ausflüge mit der Hitler-Jugend machte (die ihm zwar grossen Spass machten, aber in Wirklichkeit nur dazu waren, ihn „fügbar“ zu machen) musste mein Grossvater Jahrgang 1925) seine Eltern verlassen und wurde, gerade 13-jährig zu Verwandten in die Schweiz geschickt. Seine Eltern sah er nie wieder. Ein paar Jahre später wurde er aus der Schweiz ausgewiesen und musste selber sehen, wie er zurecht kam. Er ging nach Frankreich und musste unter Lebensgefahr akzentfrei französisch lernen: wäre er als deutschsprachig erkannt worden, wäre gleich aufgeflogen, dass seine Identität falsch ist…

„Seine Eltern, die ihm nie richtig ihre Haltung erklärten, seine Lehrer, die nun das Hohelied der Demokratie sangen, sie haben ihn alle enttäuscht.“

Der Arme. Als dein Vater mitansehen musste, wie die Nazi-Ideale durch Demokratische Spielregeln ersetzt wurden, musste mein Grossvater erkennen, dass er seine Eltern nie wieder sehen würde, dass die Geschwister seiner jungen Braut in Ausschwitz vergast worden waren, und er musste ohne grosse Unterstützung von links oder rechts sein leben aufbauen.

Aber klar ist es viel traumatisierender, wenn man mit 14 einen Krieg und seine Nazi-ideale verliert.

17. Lila - März 24, 2013, 14:47

Und was soll das nun? Kann ich was dazu, daß mein Vater als Junge in der HJ war? Habe ich nichts zu getan.

Selbstverständlich gibt es ganz andere Schicksale, stell Dir nur vor, ich weiß das sogar. Ich habe auch gar nicht verglichen. Aber ich unterscheide, was mancher eben nicht kann, zwischen der Schuld der Generation meiner Großeltern, die erwachsene Menschen waren und es hätten besser wissen müssen, und der Situation der Generation meines Vaters, die von Anfang an in dem System groß wurden und nichts anderes kannten und die von Erwachsenen betrogen und manipuliert worden sind.

Nicht, damit Dir die Tränen kommen – die heb Dir für das Schicksal Deiner Familie auf. Aber ich finde, differenzieren und Mechanismen verstehen ist immer ein lohnendes Unterfangen.

Ich habe meine Magisterarbeit über Jugend und Kindheit in der NS-Zeit geschrieben, und über die Auswirkungen der Erziehung zu der Zeit (anhand von Bildern, Illustrationen etc), und ich glaube nicht, daß es, bei entsprechendem Elternhaus, unmöglich war, Widerstand zu leisten. Es gab ja junge Menschen, die das geschafft haben. Es waren nicht viele, und sie haben dafür oft genug mit dem Leben bezahlt. Mein Vater war aber kein Hans Scholl, er war ein begeisterter Hitlerjunge und hat sich als Erwachsener damit auseinandergesetzt und mit seiner Jugend gehadert und hat sich davon distanziert.

Wir spielen hier kein Familien-Poker – wer hatte das schlimmste Schicksal? Obwohl Du da natürlich gut punkten könntest.

Ich versuche zu verstehen, warum mein Vater so war, wie er war, er und sehr viele Deutschen seiner Generation. Nämlich ein schwieriger, emotional gestörter, nicht empathiefähiger Mann – wie in vielen deutschen Familien ist die Empathiefähigkeit auch bei uns ein schwacher Punkt.

Du kannst Dich leicht darüber erheben und mir das Recht absprechen, darüber nachzudenken. Aber warum liest Du das Zeug dann überhaupt? Um es mir dann richtig vor die Füße kotzen zu können? So gehst Du mit Deiner Familiengeschichte um? Schicker Stil, muß ich schon sagen.

Weißt Du, wenn ich Leute wie Dich sehe, dann erkenne ich erst, was für Glück ich mit der Familie meines Mannes hatte, die sich mir gegenüber nie aufs moralische hohe Roß gesetzt hat wegen Dingen, für die ich nichts kann.

18. kaltmamsell - März 24, 2013, 14:52

Ui! Wird hier das Spiel gespielt „Meine Familie hatte es viel schlimmer als deine!“? Darf ich mitspielen? Ich habe zu bieten:
– spanische Bürgerkriegsopfer
– polnische Zwangsarbeiterinnen, die ihre Familie nie wiedersahen
– uneheliche Mädchen, die nicht auf die höhere Schule durften (na gut, die Karte ziehe ich vielleicht zurück).
Alternativ könnten wir uns alle die Four Yorkshiremen ansehen („YOU WERE LUCKY!“) http://youtu.be/Xe1a1wHxTyo

19. Silke - März 24, 2013, 16:06

Ui! Wird hier das Spiel gespielt “Meine Familie hatte es viel schlimmer als deine!”?

hach da kann ich doch volle Pulle mitmischen und mich selbst sogar als Opfer einbringen – na Rosa, wie wär’s

haste Lust?

kleiner Wettstreit im Hier und Jetzt um von Dir selbst erlittene Traumata?

——–

Lila hat recht, daß sich viele von ihres Vaters Generation in aller Schuldlosigkeit ne echte Macke zugezogen haben – schließlich bin ich alt und war ansehnlich genug, daß sich eine erkleckliche Anzahl hie und da mal um meine Gunst bewarben und beim Turteln lernt man nen Menschen ziemlich gut kennen.

Es gab so ne und so ne – am liebsten waren mir die, die es geschafft hatten, sich selbst zu verzeihen, daß sie so reingelegt worden waren/sich so hatten reinlegen lassen und am gruseligsten fand ich die „unter’m Adolf war nicht alles schlecht“.

Da ich jedoch auch einige, vielleicht ein knappes halbes Dutzend gekannt habe, die die Zeit als Verfolgte durchlebt hatten, bekenne ich, daß mir keiner von denen besonders mackenbehaftet vorkam, was einer der Gründe ist, weshalb ich dieser „es war die Kindheit“ Erklärung für z.B. Empathiearmut äußerst skeptisch gegenüber stehe.

Ich tippe da eher auf einen Mangel an Vorstellungskraft/Phantasie, an Unfähigkeit, die Schuhe des anderen anzuziehen. Und der scheint mir unter denen, die die alles erklärenden Erklärungen erarbeitet haben, ebenfalls sehr verbreitet.

Eins finde ich übrigens auffallend, daß es Opfergruppen gibt, die „beliebt“ sind, und andere, die medial nicht recht ankommen

Mir ist jedenfalls noch keine Untersuchung dazu begegnet, was es bedeutete, mit Schwerstkriegsverletzten aufzuwachsen (auch nicht bei den Anglos und auch nicht zu WW2, alle Versuche mit denen meiner Generation öffentliches Interesse zu erzeugen, scheinen im Sand zu verlaufen, was mir, als schuldlos Profiteurin der Nachkriegszeit und des geraubten Gutes sehr recht ist), was ich irgendwie seltsam finde.

Denn das ist die Gruppe bei weitem nicht nur in Israel, um die man sich im Hier und Heute kümmern könnte. Ich hoffe inständigst zu derem Besten, daß es nur Leute tun, die mit den Catch22s (DoubleBind) aufs Beste vertraut sind, mit denen da jedeR Hilfe Versuchende in Massen zu tun bekommt, in der Tat in solchen Massen, daß er/sie sich dran gewöhnen muß, sich wie Gulliver bei den Liliputanern zu fühlen.

(Würde ich mich um so was kümmern müssen und gäbe es tatsächlich keine Studien, würde ich bei dem suchen, was es zu Alkoholikerkindern gibt. Das ringt noch am ehesten eine Glocke für mich.)

Da wir bei Vaterbekenntnissen sind – es gibt Dinge, für die ich ihn schuldlos befinde und Dinge, für die ich ihn gern mal richtig rannehmen würde.

Für beide kann ich natürlich Erklärungen/Entschuldigungen in seiner Kindheit finden, doch ich empfinde das als Erwachsenenentmündigung und ich empfinde Entmündigtwerden als was ziemlich Schlimmes (z.B. ach darüber mußt Du Dir doch nicht Dein hübsches Köpfchen zerbrechen).

Ein Erwachsener sollte die Verantwortung für sein Hier und Heute übernehmen und sich nicht auf den Kopf tätscheln lassen …

Doris Lessing hat einen Zyklus von ich glaube 5 Büchern geschrieben „Children of Violence“. In irgendeinem Text dazu sagt sie, daß der Titel daher rühre, daß ihr dank, ich glaube WW1 einbeinig gewordener Vater, es nie mehr so richtig auf die Reihe gekriegt hatte und damit ihre Generation als Kinder der Gewalt aufgewachsen sind.

Es geht immer noch eine Stufe weiter zurück. Zuckmayer nennt seinen Onkel (einen im übrigen als fidel dargestellten Mann) einen Kriegszitterer. Ich kenne keine ähnlich mitfühlende Darstellung von Shell Shocked wie bei Virginia Woolf – ich vermute, sie hatten auf Deutsch nicht einmal einen ehrbaren Namen.

Was Doris Lessing vermutlich, da in Afrika, nicht gesehen hat, waren die vielen Entstellten nach WW1. Die Medizin hatte solche Fortschritte gemacht, daß z.B. auch viele mit sehr entstellenden Gesichtsverletzungen (doch cosmetic surgery war noch nicht) überlebt hatten. Ich weiß nicht mehr wer, behauptete, das Entsetzen in der Bevölkerung über diese Anblicke sei riesig gewesen.

Beinlose Bettler kenne ich auch noch – warum die so ihr Leben fristen mußten, weiß ich bis heute nicht. Ich habe nie gefragt.

Die heutige Vorstellung, daß alles was nicht Trauma-freies Aufwachsen ist, Leute zu auf ewig bedauerungswürdigen Beschädigten macht, mag ich nicht hinnehmen

Ich konzentriere mich auf das, was ich Beneidenswertes an mir habe …

20. Rosa Brille - März 24, 2013, 20:03

mir geht einfach die Weinerlichkeit der Deutschen auf die Nerven, mit der sie zelebrieren, wie schlimm das war, wenn ein Hitlerjunge seine ideale verlor und sich von Eltern und Lehrern verraten fühlte…

Das sieht man auch allenthalben in den Medien in Deutschland…

Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum den deutschen im Ausland nicht gross abnimmt, dass sie sich geändert haben…

21. Lila - März 24, 2013, 22:19

Was für eine Weinerlichkeit? Hast Du sie noch alle??? Ich schreibe einen persönlichen Bericht darüber, daß mein Vater, zu dem mein Verhältnis extrem gestört war, mir trotzdem fehlt, weil er vor ein paar Monaten gestorben ist. Andere Leser meines Alters stellen fest, daß sie ähnliche Väter hatten. Vielleicht haben sie ähnliche Schrammen. Und dann taucht das Motiv der spezifischen Generation meines Vaters auf, und was sie geprägt hat. Das ist ein persönliches Gespräch in einem persönlichen Blog, auch wenn Du es lesen kannst.

Daß Du da mit Deinen Vorurteilen aus deutschen Medien reingeschneit kommst, kommt Dir aber nicht etwas idiotisch vor? Mir schon. Ich lebe seit fast einem Vierteljahrhundert nicht mehr in Deutschland. Was soll das dumme Gerede und der herablassende Ton? Was soll das Reinrasseln in ein Gespräch, ohne den geringsten Bezug außer einer billigen Häme?

Weißt Du, es kommt mir schon seltsam vor, daß alle paar Wochen hier jemand aus der Schweiz reingeschneit kommt und sich über die Deutschen lustig macht. Vermutlich ist es immer dieselbe mit ihrem Leben unzufriedene Zicke, die mich seit Jahren belästigt, angeblich fromme Jüdin, deren Frömmigkeit sie nicht davon abhält, mich mit Haß und Spott und Hohn zu verfolgen, als Deutsche, als Schickse, als überhaupt gänzlich minderwertiges Wesen. Keine Ahnung, was ihre Religion in ihrem Kopf angerichtet hat, daß sie sich so auf mich fixiert hat.

Dabei ist es vollkommen egal, worum es geht und wie unpassend der Kommentar ist – immer ist es dieselbe Leier. Ihr Deutschen seid ja SO unbeliebt, ihr Nichtjuden habt ja KEINE Ahnung und so weiter. Schön, kapiert! Ich wußte schon vorher, wie verhaßt wir Deutschen sind. Soll ich mich jetzt umbringen, damit Du Ruhe vor mir hast?

Die Schweizer sind ja Gottseidank vielfach beliebter als wir, wunderbar, es sei Euch gegönnt. Aber wo ist bitte der konstruktive Beitrag zu irgendeinem Gespräch?

Ich habe keine Geduld mehr für den Blödsinn. Falls es eine Schweizer Vereinigung der Lila-Hasser ist, sucht Euch doch bitte eine andere Zielscheibe. Ich hab Eure dumme, arrogante, taktlose und dreiste Art so satt wie Steineklopfen und werde keine Beiträge mehr durchlassen.


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