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Eine Begegnung Februar 13, 2013, 18:53

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches, Uncategorized.
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Seit mehreren  Jahren halte ich regelmäßig Vorträge oder Vortragsreihen „nebenbei“. Meistens sind es Einrichtungen für Pensionäre, Museen oder andere kulturelle Einrichtungen. Das Publikum ist immer relativ alt und sehr gebildet. Ich habe sehr großen Spaß an diesen Vorträgen. Die Menschen kommen freiwillig, sie lieben Kunst und wissen sehr viel und wollen immer noch mehr wissen.

Heute also war ich bei einer solchen Veranstaltung. Nach meinem Vortrag ist eine Pause bis zum nächsten Vortrag. Ich kenne das Publikum seit vielen Jahren. Zufällig war auch Y. dabei, der meinen Vortrag hören wollte. Wir bewegten uns nach draußen, und auf einmal hielt mich eine meiner Hörerinnen auf. „Komm doch mal, hier ist jemand, der dich was fragen will…“ Neben ihr saß eine zierliche alte Frau, die mich anlächelte und in stark deutsch gefärbtem Hebräisch fragte, aus welcher Stadt in Deutschland ich denn käme. Das hätte sie immer schon interessiert, aber sie wollte nicht lästig sein.

Natürlich antwortete ich, und so kamen wir ins Gespräch. Ich fragte sie, woher sie denn ist. Aus N. im Harz, meinte sie. Sie fragte mich, wie viele Jahre ich schon in Israel bin, und ich sagte, 25 Jahre. Und fragte, wann sie denn ins Land gekommen ist.

Solche Gesprächen können in verschiedene Richtungen gehen. In die unverbindliche, wie hübsch es ja im Harz sein soll, und shalom. Oder in die schmerzhaft-persönliche Richtung. Ich habe von Anfang an, seit ich hier lebe, darauf geachtet, welche Richtung mein Gegenüber ansteuert. Und normalerweise ist es so – wenn jemand, wie diese alte Dame mit dem feinen Gesicht mit mir sprechen möchte, dann hat sie das Bedürfnis, mir etwas zu sagen. Weil ich Deutsche bin. (Y., der neben mir stand, hat mir das hinterher gesagt – daß er seit Jahrzehnten beobachtet, wie alte Jeckes mich geradezu suchen, um mir etwas zu sagen, und daß ich dem Gesagten nie ausweiche.)

Die Frage, seit wann sie denn in Israel ist, bedeutet auch: ich will es wirklich wissen, wie sie von N. nach Nordisrael geraten ist. Die Antwort war 1947. Ich verstand sofort und fragte, ob sie jemals nach N. zurückgekehrt ist, aber sie sagte: „nach den Lagern und alledem bin ich nur einmal zurückgekommen, aber alles war kaputt und ich war allein, und dann bin ich nach Israel gekommen und nie mehr nach Deutschland gefahren“.

Y.s Oma kam ja aus Essen, wo schon relativ früh die vertriebenen und verfolgten und ihrer Familie beraubten Juden eingeladen wurden und gute Kontakte entstanden. Sie war früh genug aus Deutschland weggegangen. Sie war sogar mal bei einer Veranstaltung der NSDAP in ihrer Gegend, um sich die Leute mal anzugucken, und fuhr kurz danach gen Haifa. Trotz der entsetzlichen Schicksale ihrer Familie hat sie sich ein differenziertes und recht positives Deutschen-Bild bewahrt. Weswegen sie mich ja auch so freundlich aufnahm in die Familie. Für Menschen, die das ganze Ausmaß der deutschen Todesindustrie am eigenen Leib erlebt haben, die jahrelang in Todesangst vor Deutschen gelebt haben, ist das viel schwieriger.

Trotzdem war diese Dame sehr freundlich, lächelte und fragte mich vieles. Wie Y.s Oma fiel auch sie nach einer Weile ins Deutsche. Das initiiere ich nie, ich bleibe immer beim Hebräischen. Aber sie erzählte mir, daß ihr das Hebräische so schwer fällt, und daß sie es nicht so gut spricht wie ich, und daß sie zuhause mit den Kindern Deutsch gesprochen hat. Ihr Sohn fährt inzwischen oft auf Geschäftsreise nach Deutschland.

Ich fragte sie, ob sie ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben hat – die Kindheit eines jüdischen Mädchens im Harz, ich würde das sofort lesen wollen. Sie hat es wohl angefangen, und über die Kindheit konnte sie auch schreiben, aber als dann die Verfolgung losging… sie kann darüber weder schreiben noch sprechen, und ihre Kinder wollten es auch nicht hören. Es kam extra eine Frau von Yad Vashem, um ihr zu helfen, aber sie kann es einfach nicht in Worte fassen.

Die Kinder werden damit gar nicht fertig, was sie erlebt hat, aber die Enkel, die stellen viele Fragen und wollen alles wissen. Vielleicht für die Enkel…

Nach einer Pause sagten Y. und ich gleichzeitig, wie wichtig es ist, alles, was sie in Worte fassen kann, zu erzählen, zu diktieren oder aufzuschreiben. Für die Enkel und Urenkel, aber auch für die Menschen, die heute in der Stadt leben und in dem Land, in dem sie sich mal zuhause gefühlt hat.

Ich fragte sie nach ihren Eltern. Sie sagte leise, „Auschwitz“, aber ich wollte mehr wissen – den Beruf. Sie hatten ein Geschäft. Sie erzählte vom Geschäft des Vaters, von der Stadt, wo sie als Mädchen gespielt hat, und fiel endgültig ins Deutsche.

Als wir uns verabschiedet hatten, waren Y. und ich sehr berührt und traurig. Y. sprach aus, was ich schon oben gesagt habe – daß er immer wieder gesehen hat, wie sehr manche, viele dieser alten Menschen, die in ihrer Jugend Deutsche waren und dann von den Deutschen aus dem Deutschsein vertrieben wurden und es doch nie ganz vergessen konnten – wie sehr sie das Bedürfnis haben, gerade mir als Deutscher diese Bindung zu zeigen. Nicht weil sie mir etwas vorwerfen, nicht passiv-aggressiv, sondern weil sie möchten, daß jemand zuhört. Und zwar jemand aus Deutschland.

In gewisser Hinsicht sind diese Menschen immer noch Flüchtlinge. Sie  haben die Hölle überlebt, ein neues Leben aufgebaut, Familien gegründet, ihr Leben nicht in Haß und Rachefantasien vergeudet, sondern gearbeitet und geliebt und gelernt und das Land Israel mit aufgebaut. Sie sind höflich, sprechen deutlich und mit Diphtongen, die sonst niemand benutzt, und übersetzen deutsche Redewendungen ins Hebräische. Und sie haben trotz allem die innere Heimat Deutschland nicht verloren. Sie würden ins heutige Deutschland nicht zurückkehren wollen und fühlen sich nicht mehr als Deutsche. Aber sie erinnern sich an Deutschland als Heimat. Und aus dieser Heimat, die sie geliebt haben, sind sie vertrieben worden.

Mir fällt wieder die Nachbarin meines Schwiegervaters im Kibbuz ein, die ich bis zu ihrem Tod gepflegt habe – sie hat am Ende nur noch Deutsch verstanden und gesprochen. Ihre Kinder schenkten mir nach ihrem Tod die Hamstervorräte an Lakritz, die sie sich aus Deutschland schicken ließ und die in ihrer Küche lagerten. Eine andere Familie schenkte mir die Schubert-Schallplatten, ein alter Herr schenkte mir seinen alten Zupfgeigenhansel, und sehr viele boten mir deutsche Bücher an. Diese tüchtigen Kibbuzniks mit ihrem ausgefüllten Kibbuz-Leben hatten alle eine kleine Stelle, in der Lakritz, Schubert oder Heine sie an die verlorene Heimat erinnerten.

Ich möchte für jeden dieser Überlebenden, natürlich nicht nur die Jeckes, aber mit ihnen habe ich nun einmal den stärksten Draht, eine Flagge heben oder eine Glocke läuten und uns alle daran erinnern, daß diese Menschen leben, gelebt haben, und daß wir in Deutschland in ihren Spuren gehen. Wir können nichts rückgängig machen, wiedergutmachen. Es gibt keine Ausreden, keine Beschönigung, keine Rechtfertigung, und es ist auch noch gar nicht lange her. In den Albträumen, Ängsten und Sehnsüchten der Kinder und Enkel kehrt Deutschland immer wieder.

Mit Kollegen bereite ich ja im Moment wieder eine Reise mit Studenten vor, nach Berlin. Bei Gelegenheit möchte ich auch davon erzählen. Aber ich kann gar nicht ausdrücken, wie froh ich bin, daß ich hier bin und denen zuhören kann, die in ihrem Leben einen Riß tragen, und der Riß heißt Deutschland. Ich gebe diese Geschichten an Euch weiter.

Kommentare»

1. Arthur - Februar 13, 2013, 19:07

Als Emigrant stelle ich selber und bei anderen Emigranten fest: je älter man wird, desto wichtiger werden die Wurzen, die Kindheit.

Ich denke, es hat damit zu tun: wenn man in einem fremden/neuen Land lebt, dann muss man ständig eine geistige Anstrengung unternehmen, um „konform“ zu sein: um die fremde Sprache zu sprechen, um sich so zu verhälten, wie man sich in dem neuen Land halt verhält. Ich habe das Gefühl, wenn man älter wird, hat man weniger Energie, um diese Anstrengung zu unternehmen, und die „Konventionen“ der Kindheit drängen wieder stärker in den Vordergrund.

d.h.: egal, wie lange man im Ausland lebt, es wird mit der Zeit nicht unbedingt „besser“ (einfacher) sondern „schlimmer“ (anstrengender). Sicher, wenn man schon ein paar Jahre in der neuen Kultur auf dem Buckel hat, muss man nicht mehr so vorsichtig sein, man tut sich leichter mit der Sprache, man fühlt sich „integriert“ weil man seinen Freundeskreis hat. Aber gerade im Alter kommt die Diskrepanz zwischen „Heimat“ und „neuer Heimat“ wieder stärker zum tragen…

2. Jochen Robert Englert - Februar 13, 2013, 19:12

Auch wenns wieder „überirdisch“ klingt *g*, aber wenn ich als Deutscher auf etwas stolz bin, dann auf Menschen wie dich Lila – mit deutschen Wurzeln, die in Israel Juden, die einmal in Deutschland lebten und von dort vertrieben wurden ihre Aufmerksamkeit schenkt und ihnen Respekt entgegenbringt. In meiner Stadt lebten einmal fast 700 Jüdische Mitbürger. Es gab in ihr eine große Synagoge. Alle sind sie weg, die Synagoge in der Kristalnacht zerstört und an ihmrem Platz gibt es noch ein Museum, das auf das verschwundene Jüdische Leben erinnert. Leben! Es gibt noch Leben in Israel und du bist für diese Menschen da. Das berührt mich sehr und ich sag danke für den Bericht!

3. IWe - Februar 13, 2013, 20:11

Ich weiß auch von vielen Emigranten, dass im Alter die ehemalige Heimat noch einmal einen ganz neuen Stellenwert bekommt. Umso mehr bedauere ich es, daß der Berliner Senat das sogenannte „Emigrantenprogramm“ eingestellt hat. Viele Jahre wurden ehemalige jüdische Berliner mit ihren Kindern oder Enkeln für eine Woche eingeladen. Viele Städte haben diese Idee übernommen.

4. Lila - Februar 13, 2013, 20:28

Lieber Jochen, ich habe im Laufe der sehr vielen Jahre hier unzählige deutsche Voluntäre, Besucher, Wissenschaftler und Freunde gesehen, die genau dasselbe getan haben wie ich. Nur kann ich nicht für andere sprechen. Das ist eigentlich auch selbstverständlich. Jedoch hoffe ich, daß auch Leser, die sich eigentlich vor solchen Begegnungen scheuen, Mut fassen.

Daß so eine Frau überhaupt mit mir sprechen will, ist gar nicht selbstverständlich. Aber es geschieht eben immer wieder, und (meiner Erfahrung nach) immer in freundlicher Weise.

5. heplev - Februar 13, 2013, 20:32

Ich war bei meinem ersten Besuch in Israel bass erstaunt, wie gerade Holocaust-Überlebende sich über Deutsche auf Reisen in Israel freuten. Die Überlebenden, die wir zufällig trafen, waren keine deutschstämmigen Juden, aber sie sprachen noch genug Deutsch, um sich mit uns unterhalten und ihrer Freude Ausdruck geben zu können, dass wir in Israel waren. Es waren wunderbare Stunden, die wir mit ihnen verbrachten.
Deine Erfahrung mit den Schätzen, die Jeckes hinterlassen, hat auch Ulrich Sahm gemacht. Er bekommt ebenfalls ständig „deutsche Hinterlassenschaften“, die stapeln sich inzwischen enorm.
Es ist schön, dass du für diese Menschen da sein kannst. Sie können es brauchen.

6. Lila - Februar 13, 2013, 20:33

Äh, wenn er keine Verwendung für Lakritz hat… ich opfer mich gern 😀

7. vered - Februar 13, 2013, 22:08

@Arthur, was du schreibst, stimmt, aber es deckt nur einen Aspekt ab. Wer freiwillig in ein fremdes Land gezogen ist und sich in dessen
Mentalität und Kultur zu integrieren sucht, mag das so sehen. Aber Lila berichtet von Menschen, die vertrieben wurden, von Menschen, die alles zurücklassen mussten, um ihr bares Leben zu retten. Ins“neue Land“ brachten sie das beste von der Kultur des Landes mit, aus dem sie kamen, als eine Art innere Heimat – damals, als eben diese Kultur in ihrem Geburtsland verfemt und geschändet wurde. Dass „die Jeckes“ ihr und auch der deutschen Sprache die Treue hielten, hat ihnen die Aufnahme und das Einleben hier sehr erschwert – für viele Menschen hier, Einwanderer aus anderen Ländern, war Deutsch eben die Sprache der Mörder. Das bedeutete für viele „Jeckes“ eine doppelte Emigration, zur äusseren kam die innere. Es brauchte viel Zeit und Anstrengung, als gleichwertig angenommen zu werden. Spuren von Vorurteilen waren noch in den 1960er Jahren da und dort spürbar. .Heute hat sich das zwar gegeben, aber die Sehnsucht ist schmerzlicher als bei anderen Emigranten, denn sie gilt einem Land, das sie vertrieben hat und in das es keine Rückkehr gibt.

8. Lila - Februar 13, 2013, 22:24

Ganz richtig. Gerade wegen ihrer bekannten Liebe und Treue zu Deutschland wurden viele Jeckes in Israel bestenfalls nicht ernstgenommen, schlimmstenfalls selbst für ihr Schicksal verantwortlich gemacht… das ist ein Thema für sich.

Spüren in Deutschland überhaupt die Menschen im Alltag, was sie dadurch verloren haben, daß sie die kleine jüdische Minderheit radikal vertrieben, ermordet, ausgerottet haben? Fehlt etwas? Fragen sie sich manchmal, wie es wohl in Deutschland aussähe, wenn die Mendelssohns noch da wären? Wenn es diesen brutalen Bruch nicht gegeben hätte? Ob wohl Journalismus, Theater, Juristerei, Universitäten, Krankenhäuser anders wären – auch nur ein bißchen? Deutsche Juden waren ja nicht nur Intellektuelle, sondern sehr viele hatten mittelständische Betriebe. Auch die fehlen, nicht nur die Regisseure und Ärzte.

Alles weg. Futsch.

Natürlich nicht nur deutsche Juden, sondern auch norwegische, niederländische, italienische, griechische, ungarische, polnische… alle entwurzelt, verstört, wenn nicht ermordet.

Und die Überlebenden haben sich dann hier in Israel mit den Flüchtlingen aus arabischen Ländern zusammengerauft, und mit denen, die schon lange hier waren. Die Leistung, auf eine Geschichte aus Trauma, Flucht und Trauer eine Gesellschaft zu bauen, die kreativ ist und in der es sich trotz aller Versuche, sie auszurotten, ganz gut leben läßt – diese Leistung kann ich gar nicht genug würdigen.

9. Arthur - Februar 13, 2013, 22:51

„Fragen sie sich manchmal, wie es wohl in Deutschland aussähe, wenn die Mendelssohns noch da wären? Wenn es diesen brutalen Bruch nicht gegeben hätte? Ob wohl Journalismus, Theater, Juristerei, Universitäten, Krankenhäuser anders wären“

Na ja, zu bedauern dass Einstein und Freud auswandern mussten ist ja keine Kunst, das erschliesst sich sogar dem dümmsten.

Aber das Unrecht ist ja nicht nur, dass Einstein und Freud auswandern mussten, sondern dass Millionen von ganz normalen Bürgern – dummen, gescheiten, netten, bösen, ehrlichen, unehrlichen – vertrieben oder ermordet wurden.

Und nein, ich glaube nicht, dass Deutschland davon etwas merkt… einstein und Freud – das bedauern sie – dann hätte deutschland vielleicht mehr Nobel-Preise, mehr Rosen, die sie sich ans Revers stecken können. Aber die Millionen normaler Bürger – die sind den Deutschen wohl ziemlich egal.

10. Arthur - Februar 13, 2013, 23:07

@vered: ich weiss nicht… die jeckes der ersten generation, die ich so kenne, wirken nicht gerade verschüchtert – im Gegenteil… die wissen sehr wohl, was sie wollen. Manche sprechen besser ivrit, andere schlechter, manche kultivieren ihre hebräische Kultur und wollen selber nicht mehr deutsch sprechen, andere trauern ihrer deutschen Kultur nach, aber die meisten treten sehr selbstbewusst auf. Jeckes hatten auch einen grossen Anteil am Aufbau des intellektuellen und kulturellen Lebens in Israel, ein Teil von ihnen nimmt sich schlechthin als eine elite, ja fast Aristokratie wahr… Ich denke, da hatten andere es schwerer…

11. Manni2007 - Februar 13, 2013, 23:07

Liebe Lila, seit einiger Zeit lese ich täglich Deine Texte und kann gar nicht genug davon kriegen. Es ist sehr interessant etwas von den Befindlichkeiten der Menschen in Deiner Heimat mitzukriegen. In den Medien hier in Deutschland hört man ja nur von dort wenn Israel entweder mit Selbstverteidigung droht oder es gar wagt sich zu wehren.

12. Silke - Februar 13, 2013, 23:29

Die Leistung, auf eine Geschichte aus Trauma, Flucht und Trauer eine Gesellschaft zu bauen, die kreativ ist und in der es sich trotz aller Versuche, sie auszurotten, ganz gut leben läßt – diese Leistung kann ich gar nicht genug würdigen.

bitte mehr, mehr, mehr …

als ich 10-11 war saß ich mit heißen Backen im Aki (Aktualitätenkino) und kriegte, noch bevor die Wüste lebt in die Kinos kam, gezeigt, wie man die Wüste zum Blühen kriegt. Drip Irrigation hieß es damals noch nicht, doch beeindruckend tropfte es und erzeugte mitmachen wollen ohne Ende, auch wenn die Männer mit den Spaten, die wohl vom Golan beschossen wurden, beim Umgraben das Gewehr immer in Reichweite hatten.

Alle beim Lesen geträumten Träume vom Pionierleben gab’s da schwarz auf weiß auf der Leinwand und heute gibt es die vermutlich vertrauenswürdigsten Krankenhäuser und ein mit Sicherheit vorbildliches Staatsarchiv – noch haben die Engländer mit ihren gepodcasteten Vorträgen vom National Archive die Nase für meinen Bedarf ein winziges bißchen weiter vorn, doch wenn Yaacov nur die Hälfte seiner Pläne verwirklicht kriegt, sehen voraussichtlich alle anderen auf der Welt alt aus.

z.B. der Vatikan? Gibt es da einen Blog, der einen am Fortgang der Öffnung, an der angeblich gearbeitet wird, teilhaben läßt?

Israel, ein belagertes Land traut sich so viel Offenheit und Öffnung und das am Südufer des Mittelmeers, wo’s rundum nix gibt, außer die Türken lassen wohl ab und zu mal jemanden reingucken.

Ich weiß nicht mal, wo es bei uns was gibt, wo ich vergleichbar an die Hand genommen und Schätze gezeigt bekommen würde. Auf Anhieb fällt mir nur Haus der Geschichte ein, doch der Name lockt mich nicht an und als ich da mal rumspaziert bin, habe ich auch kein Angebot gesehen.

Direkter Kontakt zu den Schätzen und erzählt bekommen, was Archivare machen, das ist spannend und wichtig, nicht zuletzt, weil es immunisiert gegen Märchenerzähler. (bei den Engländern z.B. vergeht einem jedes „früher war alles besser“.

13. Paul - Februar 14, 2013, 1:52

Vielen Dank, liebe Lila, für diesen Bericht.

Nur eine kleine Anmerkung erlaube ich mir zu Deinem Bericht.

Du schreibst:
„Wir können nichts rückgängig machen, wiedergutmachen. Es gibt keine Ausreden, keine Beschönigung, keine Rechtfertigung,“
Da hast Du vollkommen recht.

Ergänzen möchte ich: Es darf auch kein Vergessen geben.
Das schreibe ich hier nicht ohne Grund. Wie oft hört man, wie lange das denn noch gehen soll. Mal müsse doch endlich Schluss sein.
Nein, die Erinnerung an die Shoa darf nie verloren gehen. Deshalb ist es gut, dass Yad Vashem seit Neuestem auch in Deutsch im Internet ist.

Deine Gespräche und besonders auch Deine Berichte sind Bestandteil dieser Erinnerungskultur. Damit leistest Du auch einen Beitrag wider das Vergessen.

14. Malte S. Sembten - Februar 14, 2013, 2:23

Ich gebe diese Geschichten an Euch weiter.

Danke!

15. G. - Februar 14, 2013, 18:45

>>“Es darf auch kein Vergessen geben. Das schreibe ich hier nicht ohne Grund. Wie oft hört man, wie lange das denn noch gehen soll. Mal müsse doch endlich Schluss sein. Nein, die Erinnerung an die Shoa darf nie verloren gehen …“<<

XXX

Ich unterscheide da:

1. in die Shoa selbst
2. in deren bestehende Bewältigungsmuster

Die Bewahrung von Ersterem bedarf so wenig menschlicher Fürsorge wie der Sonnenschein. Dies allgegenwärtige Gefühl unfassbarer Schuld lastet sehr beständig. Generationenübergreifend.

Die bestehenden Bewältigungsmuster allerdings sind derart desolat, dass ich mir wünsche, dass man sie vergessen möge! In Sack und Asche gehen. Ohne zu verstehen. Cui bono?

Kein Jude, kein Israeli profitiert. Im Gegenteil. (Schade, dass Du meine Skizze des Deutschen Gutmenschen partout nicht verstehen kannst oder magst. )

Wenn dies alles sein soll, was aus der Shoa zu lernen ist, was an Selbsterkenntnis, an Wegkorrekturen hervorzubringen ist, dann halte ich es gern mit Broder:

„Vergesst Ausschwitz!“

So spart man sich – augenscheinlich wertlose – Aggressionsstaus, depressive Verstimmungen und Antriebshemmungen.

Wie ungleich vortrefflicher anstelle dieser schmierigen Moral wäre schlichter Pragmatismus. Einen offenen Dialog zu beginnen. Mit dem Ziel, gemeinsam einen Weg zu finden, es Juden hierzulande erstmals zu ermöglichen, als gleichberechtigte Mitbürger ihr jeweiliges Wesen in Selbstverständlichkeit dauerhaft auf Augenhöhe zu leben. In Generationen machbar. Doch dies ist ein anderer Weg!

@lila:

Es sind so viele Gedenksteine, die hier die Blicke auf sich ziehen. Die eines Herzl, eines Kinderarztes, einer Familie von Geschäftsbetreibern. Natürlich vermissen wir sie! Ihre Beiträge in Politik, Wissenschaft, Kunst, Kultur und im ganz Alltäglichen die Bereicherung Ihrer Eigenheit. Sie fehlen. Doch wird dies Gefühl schnell erstickt von einem überwältigenden, nie wirklich bearbeitetem Schuldbewusstsein. Einem Gefühl, dem jeder gegenüber gern ausweicht. Just my two cents.

16. arthur - Februar 14, 2013, 20:54

@g: hattest du heute noch genauso viel psychotrope Substanzen im Blut wie gestern, als du den anderen Kommentar geschrieben hast? Für mich ist der heutige Kommentar genauso unverständlich…

17. Jochen - Februar 14, 2013, 20:58

Das nenne ich anteilnahme im richtigen geisten. Dieser Dame würdest du doch auch nie sagen „Soll ich jetzt mein Leben lang in Sack und Asche gehen, nur weil ich Deutsche bin?“

Scheint dir diese Aussage im Lichte dieser Begegnung nach wie vor angemessen?

18. Lila - Februar 14, 2013, 21:36

Ist das aber schwierig.

Sag mal, warst Du mal in Israel? Oder hast Du mal anderswo Überlebende des Holocaust getroffen, mit ihnen gesprochen?

Wäre ihnen gedient, wenn wir in Sack und Asche gehen, uns verstecken, uns schämen, uns demütigen und geißeln? Davon hat absolut niemand was. Das verlangt auch niemand.

Bisher habe ich nur im Geiste von Israel-Hassern diese Idee gefunden, daß Überlebende und ihre Nachfahren und alle Juden überhaupt von Deutschen Sack und Asche verlangen. daraus speist sich dann gern ein Haß und Zorn, der bei Bedarf raussprudelt. G. hat das Psychogramm neulich schön beschrieben.

Wir sind, wer wir sind. Jeder von uns trägt Anteile des großen Kollektivs (Europa, Deutschland), des kleinen Kollektivs (Region, Milieu, Familie) in sich, die er nicht ausgesucht hat, und auch Anteile der Kollektive, die er selbst gewählt hat (Beruf, Partnersfamilie, neu gewählte Umgebung). Aber wir sind doch auch Individuen. Ich bin doch nicht nur, außer für so Pfeifen wie den Kleinen Bruder, auf einen Paß reduzierbar und damit austauschbar nicht nur mit allen, die heute so einen Paß tragen, sondern allen, die jemals so einen hatten.

Das meine ich mit Sack und Asche. Es ist destruktiv und lähmend, wie das Kaninchen auf die Schlange auf den Holocaust zu starren. Die Eltern dieser freundlichen Frau waren nicht nur in Auschwitz. Sie hatten Beruf, Interessen, Liebe, Ärger, Alltag, eine Geschichte.

Und ich bin nicht nur Deutsche.

Ich nehme mein Deutschsein ernst genug, und ich habe meine eigenen kleinen Forschungsarbeiten zur deutschen Mentalität gemacht, die man teilweise ganz gut verallgemeinern kann, und kann Israelis, die nach Deutschland fahren, ganz gut verklickern, was in D. anders läuft als in IL. Aber darüber hinaus?

Wir, wenn ich wir sagen darf, haben es ja weiß Gott nicht leicht damit, als Deutsche geboren worden zu sein, ich gönn es keinem, und ich beneide manchmal die beschränkten Geister, die nie aus ihrem Dorf rausgekommen sind und die meinen, Deutscher sein ist wer weiß wie toll. Wenn man erstmal in einem deutschen Auto durch ein fremdes Land gefahren ist und mit Hitlergruß begrüßt worden ist, vergeht einem das.

Andere Leute singen stolz ihre Hymne und haben ungebrochenen Patriotismus, und hier und da mal so ein kleiner kolonialistischer oder militärischer Fleck auf der Weste, den übersehen sie. Wir haben lange genug gebraucht, um auch nur vor Fußballspielen die Hymne rauszukramen, und die Flecken auf unserer Weste sind unübersehbar groß.

Jeder von uns lebt damit, so gut er kann. Aber ich bin nicht mit gebrochenem Rückgrat geboren, nur weil ich in Deutschland zur Welt gekommen bin. Dann wäre ich nicht weit gekommen.

Und Du scheinst vollkommen zu mißverstehen, was solche Menschen wie diese alte Frau (oft, nicht immer – auch ich muß mich vorm Generalisieren hüten) in so einem Gespräch unter anderem suchen. Sie sucht, was sie mal gekannt hat – das menschliche Gesicht Deutschland. Sie hat vor ihren Augen das Deutschland ihrer Kindheit mit netten Mitbürgern, und das monströse Deutschland der Mörder und Fanatiker. Und sie will sich vergewissern, daß das Freundliche, der Respekt, daß das keine Illusionen waren, daß es das auch gibt. (Das hat mir mal ein alter Herr ganz gut erklärt, den ich sehr gern mochte.) Daß man die Liebe zu Deutschland nicht gänzlich aus Marzipan und Schneeflocken selbst gebaut hat.

Egal wie nett wir sind, egal wie viel Mühe wir uns geben – niemand wird die Toten mehr lebendig machen, niemand Y.s Großonkel die Gesundheit wiedergeben, die er in grausam schikanöser Zwangsarbeit verloren hat. (Er ist inzwischen auch tot.) Aber als seine Witwe eingeladen wurde, um in ihrer Heimatstadt bei der Enthüllung der Stolpersteine dabei zu sein, die die Namen ihrer Eltern und Geschwister tragen – da war sie wenigstens getröstet, daß es ein Gedenken gibt und Respekt und Anerkennung der verlorenen Menschen. Und das ist besser als die Verachtung, der Haß und die Lügen, die die Überlebenden noch im Ohr hatten, als sie auf das Schiff nach israel kletterten.

Aber das ist nicht Sack und Asche. Das ist – die Geschichte akzeptieren, sie ganz und gar anzunehmen, Felix Mendelssohn und Bach und auch Wagner, und nicht nur das Eine rauszupicken, das andere wegzulassen.

Und dann gucken, was man im eigenen Leben damit macht. Der eine gedenkt und betet, der andere agitiert, der nächste tut gar nichts und fühlt sich fix und fertig

Ich habe im Laufe der Jahre hier genügend Deutsche, besonders junge Deutsche, gesehen, auf die ich richtig stolz sein konnte. Die Voluntäre, die mit geistig Behinderten auf Konzerte gehen und monatelang von zuhause weg sind, um in Israel von ihrer Lebenszeit abzugeben. Die Voluntäre in Kibbuzim, die nachmittags zu den alten Damen in hellen Wolljacken eingeladen werden, die sie nach Berlin, wie es heute ist, ausfragen. Die jungen Wissenschaftler mit einem Forschungsprojekt, die das Deutsch der vor 1945 Eingewanderten untersuchen oder Photo-Archive in Kibbuzim oder eine Jugendbewegung, und die Zeitzeugen kompetent und interessiert befragen.

Die Touristen, die sich für jeden interessieren, der ihnen über den Weg läuft, ob es der arabische Taxifahrer oder die jüdische Marktfrau oder die deutsche Bloggerin ist.

Ehrlich, da brauchen wir uns nicht zu schämen.

Es gibt Journalisten, die irgendwann entschieden haben, daß die Palästinenser die Underdogs sind, darum jede ihrer Forderung berechtigt ist, und kein guter Grund vorhanden sein kann, wenn Israel sie ausschlägt oder mit Zögern beantwortet. Und die danach alles andere interpretieren.

Es gibt Leserbriefschreiber, die bereit sind, jeden Mist über Israel oder Juden oder den Nahen Osten zu glauben, die Araber und Juden gleichermaßen hassen. Es gibt Dummschwätzer, die vor lauter Mahnwachen und Mitleidstränen nicht mehr wissen, wie man eine Landkarte liest.

Es gibt auch Pack aller Art, Antisemiten, es mangelt nicht an Idioten, und manchmal schämt man sich für sie. Obwohl man es nicht müßte.

Aber Sack und Asche? Das wäre doch eine sehr simple Lösung für ein sehr komplexes Problem.

19. willow - Februar 14, 2013, 22:03

„Aber Sack und Asche?“

Bei meinem ersten Besuch in Israel war mir richtig merkwürdig, als ein älterer Herr mich sehr freundlich auf Deutsch ansprach … meine Irritation bemerkend tröstete er mich später „du bist doch viel zu jung, um persönlich Schuld zu tragen … und du bist hier, bildest dir selbst ein Bild – warum sollte ich dir irgendetwas vorwerfen … „

20. Lila - Februar 14, 2013, 22:11

Klar, denn eine Sack-und-Asche-Uniform fordert dann von den Juden, die solchermaßen Gedemütigten aufzuheben, sie zu trösten und ihnen zu verzeihen…

Ich sag ja auch immer, der Holocaust der Juden und der Holocaust der Deutschen ist nicht dasselbe. Ich will Juden gar nicht damit belasten, woran ich zu knapsen habe. Das sind einfach zwei verschiedene Dosen. Würmer sind in beiden, aber wir können nicht von den Juden, den Überlebenden, Israel, erwarten, daß sie für uns den Holcaust ungeschehen machen, indem sie uns verzeihen. Es geht kein Weg zurück. Leider.

Ist schwierig, egal wie man´s macht.

21. Jochen - Februar 14, 2013, 22:24

„aber wir können nicht von den Juden, den Überlebenden, Israel, erwarten, daß sie für uns den Holcaust ungeschehen machen, indem sie uns verzeihen.“

aber warum hast du dann so ein grosses Problem damit, dass kleiner Bruder, ein Nachkomme von Überlebenden, dir ins Gesicht sagt, dass er Deutsche nicht mag.

Das wäre für mich doch genau das: „….indem sie uns verzeihen“. Hier bist du mit jemandem konfrontiert, der nicht verzeiht, und du spuckst ihm ins gesicht…

Das war es, was ich dort nicht verstanden habe.

22. Lila - Februar 14, 2013, 22:29

Ach was, ich spuck ihm nicht ins Gesicht. Hätte ich ihn mal nicht erwähnt, ich will nicht hinter seinem Rücken über ihn sprechen. Er kann denken, was er will, und fertig.

Vergiß es einfach. Hab die Nase voll. Du meinst, Du mußt in Sack und Asche wandeln, welcome. Tu´s. Fang bei mir an – ich bin mit einem Nachkommen von Holocaustopfern verheiratet.

23. Jochen - Februar 14, 2013, 22:40

Ich sehe da einfach eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis: auf der einen Seite ist dir theoretisch klar, dass „wir nicht von den Juden, den Überlebenden, Israel erwarten (können), dass sie für uns den holocaust ungeschehen machen, indem sie uns verzeihen“.

Hier bin ich voll und ganz mit dir. Eigentlich war es genau das, was ich ausdrücken wollte, als ich dir auf deine provokotive Frage „gehst du in Sack und Asche“ mit „Ja“ geantwortet habe.

Wenn du nun überlebenden begegnest, die ganz begeistert davon sind, dass du in Israel bist, dann kannst du auch sehr sensibel damit umgehen, wie dieser Post zeigt.

Wenn dir hingegen jemand begegnet, der dich beim Wort nimmt und dir nicht verzeiht, dann bist du sehr schnell mit Parolen zur hand, die ich eher aus der Rechten Szene kenne…

24. Silke - Februar 14, 2013, 22:46

als ich mich mal bei Richard Millett über etwas erregte, das Merkel einschloss, antwortete mir der dortige Holocaust-Überlebende in residence

As long as she keeps those U-boats coming …

und ja, Lila hat recht, hätte ich beide Deutschlands gekannt, das in dem ich zu Hause war und das indem ich zum Freiwild erklärt wurde, würde ich mich gern hie und da vergewissern, daß meine guten Erinnerungen nicht geträumt gewesen sind und gäbe es eine geeignetere Gesprächspartnerin für diese Überprüfung als Lila.

Wohl kaum …

25. willow - Februar 14, 2013, 22:50

„Wenn dir hingegen jemand begegnet, der dich beim Wort nimmt und dir nicht verzeiht, dann bist du sehr schnell mit Parolen zur hand, die ich eher aus der Rechten Szene kenne…“

Ach ja? Können sie diese ungeheuerliche Behauptung tatsächlich belegen!? Vermutlich nicht . Aber schon klar, wer nicht ihrer Meinung ist, der *muß* natürlich ein Nazi sein 😦

26. Lila - Februar 14, 2013, 22:50

Jochen, jetzt spinnst Du aber wirklich rum. Der KB, über den ich hinter seinem Rücken NICHT reden möchte und den ich nicht hätte erwähnen sollen!!!, der ist hier als Österreicher aufgeschlagen. Als ich mir „Piefke“ nicht habe bieten lassen, wofür er sich entschuldigt hat (ich mich bei ihm nicht, obwohl ich auch nicht nett war – okay okay, war nicht alles so gemeint…), hat er dann nach einigem Hin und Her die Antisemitenkarte gezogen.

Be-chai-ai.

Und ich kenne die rechte Szene nicht, keine Ahnung, wie die wohl drauf sind. Wenn Du Dich hier an sie erinnert fühlst, weil Du einfach nicht andes kannst, als in Stereotypen denken, dann ist Dir wirklich nicht zu helfen.

Und wer als Lehre aus dem Holcaust zieht, daß er sich allen Deutschen gegenüber wie die Axt im Walde benehmen kann, weil die sich ja nicht wehren dürfen, der hat genügend Probleme, ohne daß ich sie ihm noch aufzähle.

Den Schuh willst Du Dir anziehen? Bitte sehr. Aber halt mir keine Predigten und vergleich mich nicht mit der ominösen „rechten Szene“, wenn ich es nicht tue.

27. Lila - Februar 14, 2013, 22:52

Und wohlgemerkt, Silke, ich sage nicht: ich bin ja so nett und so, also den Holcaust vergessen wir jetzt mal ganz schnell…. aber es geht eben dabei nicht um MICH und meine Befindlichkeit.

28. Jochen - Februar 14, 2013, 23:13

@lila: kann er nicht österreicher und Nachkomme von holocaust-Opfern sein? Schliesst das eine das andere aus?

@lila: „den Schuh willst du dir anziehen“
Der ist mir schon angezogen, der kommt automatisch mit dem Pass. Für mich gibt es keine „Gnade der späten Geburt“. Andere Kommentatoren sehen das anders… Ich möchte aber daran erinnern, dass der Spruch von der „Gnade der späten Geburt“ auch einiges an Skandal ausgelöst hat, als kohl ihn raus gelassen hat. Wie ich finde: zu Recht.

@silke
„as long as she keeps those u-boots coming“.

Ich denke, dazu gibt es unter den Israelis und unter den Überlebenden verschiedene Meinungen. Eli Wiesel zum Beispiel schreibt in seiner Biographie, dass er äusserst ermpört war, als Israel beschloss, Reparationszahlungen anzunehmen. Nicht jeder ist also bereit, den Deutschen alles zu verzeihen, wenn sie nur so tolle u-boote schicken.

29. Lila - Februar 14, 2013, 23:22

Richtig. Es gab schon Demonstrationen gegen die Zahlungen zu Adenauers Zeiten. Im Kibbuz Lochamey haGettaot, dem Kibbuz der Ghettokämpfer, waren alle dagegen und sind es bis heute. Wenn man dann hört, daß oft genug gesagt wird, „ja wir haben so viel gezahlt, jetzt muß es aber mal gut sein“ oder gar „die holen den Holocaust ja nur raus, weil sie Geld erpressen wollen“…….. dann kann man schon sagen, es war ein zweischneidiges Schwert, das Adenauer und Ben Gurion damals geschmiedet haben.

Aber die U-Boote – ich hab neulich eins im Hafen gesehen, in Haifa. Das sieht schon toll aus. Ein Freund von Primus ist U-Bootfahrer. Secundus hätten sie auch genommen, wenn der gewollt hätte, aber der meinte nach einer Besichtigung, er würde das nicht aushalten, monatelang in der Kiste drin… und es kann gut sein, daß es die U-Boot-Zweitschlagskapazität ist, die uns letztendlich am Leben hält.

Jedoch: there is no such thing as free lunch. Weder für Deutschland noch für Israel.

30. Silke - Februar 14, 2013, 23:35

Lila 27

auf die Idee wäre ich ja nun nicht mal in nem Alp-Traum gekommen

„meine“ Holocaustüberlebenden gaben mir immer das Gefühl, mit mir als ganzer Person zu tun haben zu wollen. Am Anfang wurde ich vermutlich immer mal kurz getestet und wenn sich herausstellte, daß ich „denen“ nicht nachtrauerte, dann war es so normal wie mit jedem anderen Menschen, von dem man weiß, daß es da eine Riesenverletzung gibt.

Rückblickend eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viel da heute drüber geredet wird, wie vorbereitet junge Menschen sein können. Ich flog da ja ohne jeden Knigge auf mich allein gestellt in das internationale Umfeld rein. Vielleicht half es, daß ich aus meiner Verwirrung nie ein Hehl gemacht habe und daß man an Kriegsverletzten/-verstümmelten hatte „üben“ können.

31. Lila - Februar 14, 2013, 23:46

Tja, wer nach Israel fliegt, weiß, worauf er sich einläßt. Ich bin sicher, manchen Touristen trifft es doch unerwartet, daß auch in Griechenland die Narben tief und schmerzhaft sind.

32. Silke - Februar 15, 2013, 2:19

Jochen – 28
es geht nicht um „alles verzeihen“ es geht darum, sich um die Lebenden zu kümmern.

33. Silke - Februar 15, 2013, 2:25

Lila – 31

die Narben in Griechenland kriegst Du wahrscheinlich nur dann mit, wenn Du die Sprache kannst.

Den Blick meines „Schwiegervaters“ als er mir erzählte, daß Juden in die Schiffsöfen geschmissen wurden, war jedenfalls auf einer Ebene wie ein Examen für mich … Egal was die Griechen heute so von sich geben, für mich war es das erste Mal, daß ich von einem Nichtjuden echtes Mitgefühl für Juden erlebte …

Und die Griechen haben auch an ihren eigenen Unholden schwer zu tragen. Die Militärs z.B. sollen Leute in einem Sack zusammen mit Katzen ins Meer geworfen haben

34. Silke - Februar 15, 2013, 2:28

PS
Athen ist nicht Griechenland, ein Land so voller Inseln ist nicht besonders einheitlich. Doch was sich Bild & Co so über „die Griechen“ leisten, werden sie hoffentlich an vielen Stellen durch geschicktes Abzocken von Touristen ausgleichen.

35. Silke - Februar 15, 2013, 2:32

Möge Aserbaidschan Israel gewogen bleiben

http://www.nytimes.com/2013/02/10/magazine/azerbaijan-is-rich-now-it-wants-to-be-famous.html

Weder Freunde noch Feinde beeindrucken mich mit Seriosität.

36. Silke - Februar 15, 2013, 2:46

Lila – 29

irgendwo habe ich mal gelesen, daß Ben Gurion zu Adenauer in etwas gesagt haben soll, daß Adenauer und mit ihm Deutschland ihm dankbar zu sein habe, daß Israel das Geld nehme, denn damit gestatte Israel Deutschland in polite society zurückzukehren.

Das gefiel mir sehr – ich finde es sehr auf den Punkt und drum erinnere ich auch immer daran, daß die Lieferung von U-Booten an Israel Deutschland erlaubt, seine Werftindustrie vorbei an den Eu-Vorschriften zu subventionieren …

in zwischenstaatlichen Beziehungen suche ich immer nach den Cui-Bonos und bei der U-Boot-Lieferei hat Deutschland ne Menge Grund, Israel dankbar zu sein

37. utzligutzli - Februar 15, 2013, 9:30

Sehr bewegend, was Du da geschrieben hast.

Als ich in Israel für eine Weile lebte ist mir gelegentlich eine schon ältere Dame begegnet, die jedes Mal, wenn Sie mich sah, die Gelegenheit nutzte, ein Gedicht von Goethe oder Schiller zu rezitieren. Ich war damals erst einige Jahre der Schule entsprungen und hatte eher gelernt, Goethe und Schiller zu verabscheuen. Die Dadaisten waren damals meine Helden, je schräger desto besser. Und so konnte sie bei mir natürlich keinen Blumentopf gewinnen. Heute würde ich ihr vielleicht das Gedicht „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“ von Goethe zitieren und gleich danach von Kästner „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn“. Diese Gelegenheit habe ich leider verpasst. Die Dame ist 1995 gestorben.

38. Lila - Februar 15, 2013, 9:47

Sehr schade, aber allein schon, daß Du erkannt hast, was sie zitiert, wird sie gefreut haben.

Meine liebe Schwiegeroma hat gern bei Gelegenheit gesagt, „Johanna geht, und niemals kehrt sie wieder“, oder „der Lord läßt sich entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich“, und sie hatte großen Spaß daran, daß ich es würdigen konnte. Sie hat mit ihren Kindern kein Wort Deutsch gesprochen (was die ihr lange vorgeworfen haben). Seinen trockenen und manchmal sehr bissigen Humor hat mein Mann jedenfalls fast gänzlich von ihr geerbt – fast alle ihrer Enkel haben ihn.

39. plklingnau@t-online.de - Februar 16, 2013, 5:06

Danke Lila.

40. Wolfram - Februar 17, 2013, 1:07

Ich habe zweieinhalb Jahre im jüdischen Viertel in Straßburg gelebt, Tür an Tür mit Dr. Tenenbaum und mit dem kleinen Ariel, der Pest der Straße, mit dem keiner spielen wollte, mit den Koenigs, deren Samuel mit meinen Kindern spielte, und… und mit Monsieur Prost. Am Tag meines Einzugs stellte er sich vor, er sei für den Zusammenhalt der Hausbewohner verantwortlich; wenn ich eine Sorge hätte, solle ich mich nur melden.
Am Tag meines Auszugs verabschiedete ich mich von ihm, es war sehr heiß, er hatte ein kurzärmeliges Hemd an, und die Tätowierung war sichtbar. Ich habe mir ein Herz gefaßt und ihn darauf angesprochen. „Vergangene Zeiten“, sagte er, und „die Menschheit ist grausam.“ Er wolle sich davon aber nicht beirren lassen, das hieße doch dem Haß Recht geben.
Das ist Größe – die ich hoch achte und niemandem abverlangen kann.
Die, die mir regelmäßig das Auto zerkratzten, nur wegen der deutschen Kennzeichen, die hatten bestimmt das Grauen nicht erlebt.

Ja, ich weiß, was Deutschland fehlt. Und es wird nicht wiederkommen.

41. Pressepfarrerin - Februar 17, 2013, 18:21

Liebe Lila,

der Satz aus Ihrem Kommentar (# 20) ist einer der Sätze, die man jahrelang sucht/fühlt/denkt, aber selbst (warum auch immer) nicht in Worte gekleidet kriegt: „Ich sag ja auch immer, der Holocaust der Juden und der Holocaust der Deutschen ist nicht dasselbe.“
Mir fallen zig Situationen ein, wo ich genau diesen Satz gebraucht hätte, um weiter zu reden, zu denken – in interreligiösen Situationen oder auch in (formell) christlichen.

Wirklich danke!

42. Caruso - Februar 23, 2013, 19:46

Liebe Lila, unter Nr. 18 schriebst Du u.a. die Worte: „Aber das ist nicht Sack und Asche. Das ist – die Geschichte akzeptieren, sie ganz und gar anzunehmen, Felix Mendelssohn und Bach und auch Wagner, und nicht nur das Eine rauszupicken, das andere wegzulassen.“ Danke Dir!
Genau das sage ich seit Jahrzehnten (bin immerhin fast 82J.)
Immer wieder – wenn ich dazu komme – genieße ich Dein Schreiben, daß so menschlich, so klug ist. Bin froh, wenn ich solchen Menschen begegne oder „begegne“.
lg
caruso


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