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Ein paar Anmerkungen Oktober 24, 2012, 17:54

Posted by Lila in Presseschau.
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zu einem Artikel im SPon ueber einen Golandrusen. Die Journalistin, Nadia Bitar, ist Jordanierin und scheint nicht aktuell informiert zu sein.

Awidat hat einen israelischen Reisepass, in dem als Nationalität „undefiniert“ eingetragen ist – ein Problem. Anders als die meisten Länder unterscheidet Israel zwischen Staatsbürgerschaft und Nationalität, die bei den meisten Israelis „jüdisch“ ist – eine Religionszugehörigkeit. Bei der zweitgrößten Gruppe steht unter Nationalität „arabisch“, eine ethnische Zugehörigkeit, in der Regel gleichbedeutend mit „palästinensisch“.

Mehrere Ungenauigkeiten gleichzeitig. Schon seit vielen Jahren steht im Pass nichts mehr von „le’om“, ethnischer Zugehoerigkeit. Sie haette sich den Pass ja mal angucken koennen. Ehrlich, es steht nicht mehr drin. Weil Israel ein ethnisch heterogener Staat ist, war frueher tatsaechlich vermerkt, ob jemand Jude, Araber oder Druse ist, aber inzwischen steht nur noch die Staatsangehoerigkeit drin („esrachut“).

Uebrigens hat diese ethnische Zugehoerigkeit tatsaechlich Konsequenzen: Araber und Golandrusen dienen nicht in der Armee, haben also immer drei Jahre Karrierevorsprung. Meine jungen arabischen Studenten sehen immer aus wie Kinder neben den Juden, die Armee und oft eine Phase der Neu-Orientierung hinter sich haben und oft erst Ende 20 wieder in einen „normalen“ Lebenslauf finden. In dem Alter bauen arabische Israelis ihr erstes Haus.

Es haette ja mal jemand nachgoogeln koennen, ob diese Angabe ueberhaupt stimmt – Wikipedia ist ja nicht sooo schwer zu finden.

Und ich weiss nicht, wie oft man es Nichtjuden erklaeren muss: Judentum ist KEINE Religionszugehoerigkeit oder Konfession wie evangelisch oder katholisch. Juden begreifen sich selbst, wie auch die Drusen und Tscherkessen, als VOLK, das durch eine gemeinsame Religion eine gemeinsame Identitaet, ein gemeinsames Schicksal hat – und natuerlich durch die gemeinsame Herkunft aus dem Landstrich, das seinen Namen traegt, naemlich Judaea.

Dieser Satz war also nicht nur falsch, sondern auch tendenzioes, indem er den Juden absprach, ein Volk zu sein, somit auch keinen Anspruch auf nationale Souveraenitaet zu haben – waehrend Jordanien natuerlich eine uralte nationale Identitaet hat, nicht wahr?

Der Undefinierte verlor seinen Job als Programmierer, als sein Arbeitgeber einen Auftrag bekam, den man als kritisch für Israels Sicherheit einstufte – und Awidat als Sicherheitsrisiko.

Das tut mir leid fuer den Awidat, aber ein gluehender Assad-Fan kommt durch die Sicherheitsueberpruefungen der Armee nicht durch. Uebrigens auch bei weitem nicht jeder Jude. Es gibt verschiedene Geheimhaltungsstufen, aber es ist leider immer wieder vorgekommen, dass Golandrusen oder israelische Palaestinenser mit arabischen Staaten kollaboriert haben. Es ist gut moeglich, dass in vielen Faellen den Individuen Unrecht getan wird, das ist sehr schade. Aber die Armee ist sehr konsequent in ihrem Schutz geheimer Projekte. (Wer weiss, was dieser Tennenbaum alles verraten hat…. der haette zB diese Sicherheitsueberpruefung nicht ueberstehen duerfen).

Es wimmelt aber von Jobs fuer gute Computerfachleute, und nichts haette dagegengesprochen, sich in Tel Aviv eine andere Arbeit zu suchen. Er haette sie sofort gefunden.

Jetzt dient er den Feinden Israels. Sein Arbeitgeber ist der staatliche iranische Fernsehsender Press TV, der für seine pro-Assad-Berichte bekannt ist.

Na, damit zeigt er es uns aber richtig! Er hat Glueck, dass er sogar in der Presse mit Bild davon strunzen darf. Weder im Iran noch in Syrien waere ihm das besonders gut bekommen.

Awidat kennt seinen Feind genau. Problemlos kann er auflisten, wie viele Dörfer Israel auf dem Golan dem Erdboden gleich gemacht hat und wie viele Menschen vertrieben wurden. Etwa 7000 von den rund 130.000 Einwohnern blieben nach dem Krieg übrig. Es macht ihn wütend. Viele Drusen auf dem Golan fühlen ähnlich.

Awidat, unser Goldschatz, darf ich dich darum bitten, mal eben in den Geschichtsbuechern nachzulesen, wie es dazu gekommen ist, dass Syrien die Golanhoehen verloren hat? Syrien hat Israel ueber Jahre hinweg von den Golanhoehen beschossen – wohlgemerkt, zivile Ziele, Doerfer, Kibbuzim. Die arabischen Staaten haben Israel angegriffen, und Israel hat sich gewehrt. Und gewonnen.

Das nennt man Risiko. Die arabischen Staaten sind mehrere Risiken eingegangen. Das ist Israel nicht schuld.

Das Land, dem seine Loyalität gilt, kennt Awidat kaum. Zuletzt war er vor sieben Jahren in Syrien. Über eine Ausnahmeregelung für die Drusen des Golans konnte er vier Jahre lang nach Damaskus, um Informatik zu studieren – für einen Abschluss, der danach in Israel nicht anerkannt wurde. Er studierte ein zweites Mal Informatik, dieses Mal in Tel Aviv.

Ja, es studieren israelische Drusen in Damaskus, manche Frauen heiraten von einem Land ins andere, aber wir haben keinen Friedensvertrag mit Syrien, und das macht die Sache komplizierter als zB mit Jordanien. Ob ein Abschluss aus Damaskus in Israel anerkannt wird, haette er vorher abklaeren muessen. Akademische Institutionen sind notorisch pingelig. Ich haette fast einen Deutschkurs machen muessen, mein grosses Latinum wollten sie in Haifa nicht anerkennen, und viele, viele Ingenieure aus der frueheren Sowjetunion mussten Abschluesse nachholen. Das ist keine Diskriminierung, das ist aergerlich und Pech, und man vermeidet es, indem man sich erkundigt, bevor man ein Studium anfaengt.

Dem Leiden der Menschen in Syrien gegenüber ist er blind. „Es ist normal, dass die Armee Häuser bombardiert. Es ist normal, dass Zivilisten sterben – so ist Krieg.“

Schoen. Das ist wirklich typisch. Wenn es normal ist, dass Haeuser zerbombt werden, warum stoert ihn dann, was Israel IN NOTWEHR auf dem Golan getan hat? Was macht ihn daran wuetend?

Aaaah, halt, hier sind wir bei einem grundlegenden Problem der, entschuldigt die viel zu grobe Verallgemeinerung, arabischen Mentalitaet, die dieser Druse anscheinend teilt. Doppelte Massstaebe – ein Standard fuer ihn selbst und „seine“ Gruppe, und ein anderer fuer „die Feinde“. So geht das aber nicht. Unrecht wird nicht zu Recht, nur weil die Meinen es begehen. Krieg ist grausam und das ist einer der Gruende, weshalb Israel nur gezwungenermassen in den Krieg zieht (und fast alle Kriegslieder Israels eigentlich Friedenslieder sind).

Also – ein Artikel, der nur vordergruendig informativ ist, in Wirklichkeit aber ohne kritisches Hinterfragen Meinungen eines jungen Mannes wiedergibt, der als israelischer Buerger in einem Buero im Golan sitzt, Israel als „Feind“ bezeichnet, und dessen Aussagen ueber Israel demzufolge mit einem Tuetchen Salz genossen werden sollten.

Ich weiss nicht, wer so einen Artikel im SPon durchgelassen hat. Ich werde mal ein Auge auf Frau Bitar haben, vielleicht war es Unwissenheit der Jugend, dass sie das so geschrieben hat. Die Kommentare habe ich mir gar nicht angeguckt, bin zeitlich etwas im Druck….

Wohlgemerkt, ich habe grosses Interesse am drusischen Volk und gute Kontakte zu Karmel-Drusen. Ich habe auch Verstaendnis fuer das Dilemma der Drusen im Golan, die sich zwischen allen Stuehlen wiederfinden. Jeder findet seinen eigenen Weg. Gott sei Dank, Awidats etwas schlichtes Weltbild wird nicht von allen geteilt.

(Mehr zum Streit ueber le’om auf Personalausweisen hier.)

Kommentare»

1. Marlin - Oktober 24, 2012, 18:25

Jau, dank meiner Sensibilisierung habe ich den Artikel auch unter „tendenziösem Schwachsinn“ abgebucht. Das mit dem Ausweis wusste ich zwar noch nicht, beim Rest hatte ich schon so eine Ahnung. Dank Dir, Lila. (Jedenfalls den Hauptanteil hast Du)

Aber ein Kommentar hat mir dann doch den Rest gegeben. Der war noch viel besser als dieser Wisch da oben. 😀

Damit ihr nicht die Seite bemühen müsst:
„Im übrigen ist der Golan ein Teil Syriens und es ist nur der weitsicht, Güte und Vernunft Assads zu verdanken, dass es Israel noch nicht gelungen ist Assad in einen Krieg um den Golan zu verwickeln.“

Gleich auf der 1. Seite. 😀

Einen schönen Mittwoch wünsche ich damit.

Euer Kommentarrezensent, Marlin

2. Lila - Oktober 24, 2012, 18:29

Oh Marlin, habe ich Assad etwa verkannt? hoffentlich habe ich seine zarten Gefuehle nicht verletzt! Aber in seiner Guete verzeiht er mir bestimmt…

Weitsicht, Guete und Vernunft. In der Tat.

3. franksamuel - Oktober 24, 2012, 19:00

Danke Lila für diesen Richtigstellung. Der angesprochene Artikel auf ´SpOn´ war auch nur verdächtig kurz auf der Startseite zu lesen.

Samuel

4. Lila - Oktober 24, 2012, 19:04

Um das klar zu sagen: Awidat hat alles Recht der Welt, sich selbst als diskriminiert und chancenlos zu sehen, auch wenn dem nicht so ist. Subjektive Gefuehle darf man haben und auch ausdruecken. Aber eine Journalistin hat die Pflicht, seine Informationen zu ueberpruefen, und eine Redaktion erst recht.

5. Yael - Oktober 24, 2012, 19:14

Es ist schlimm wie Deutsche heute über ihre Medien ständig falsch informiert werden.

6. Wolfram - Oktober 25, 2012, 9:29

Ich habe den „Spiegel“ noch nie für eine seriöse Nachrichtenquelle gehalten. Aber die Online-Version ist noch mal ne Stufe drunter. Manchmal frag ich mich, warum so viele Leute „Spiegel“ gut finden und dann auf die Springer-Presse motzen.

7. Tanja - Oktober 25, 2012, 13:20

Danke liebe Lila für diese Information. Seit ich deinen Blog lese, nehme ich die tendenziöse israelkritische Berichterstattung in den deutschen Medien noch differenzierter wahr.

Sehr, sehr interessanter aber auch humorvoller Blog! *like* 🙂

8. willow - Oktober 25, 2012, 13:30

Wolfram, ich bin nicht immer einer Meinung, aber den Kommentar Nr.6 unterschreibe ich 😉

9. Arthur - Oktober 25, 2012, 17:06

Mir hat beim Spiegel einfach der Stil immer missfallen. Besonders diese verkürzten Sätze in den bildlegenden und Titeln, wo sie sich dann immer irgendwelche zusammengesetzten hauptwörter oder künstlich erfundene Adjektive einfallen lassen, um irgendwelchen Leuten irgendwelche Etiketten aufzudrücken. Es macht einfach keinen Spass, Spiegel zu lesen, der Stil stösst einen ab. Liegt vielleicht auch daran, dass Artikel oft aus vielen kleinen Artikeln zusammengestückelt werden, und dann fehlt die Kohärenz.

Aber der Stil scheint eine redaktionelle Entscheidung zu sein, d.h. die wollen das so und finden das gut.

Ich mag diese künstliche journalistische „Spannung-mache“ nicht… Die sollen mir ihre Informationen wohl geordnet und übersichtlich rüber bringen, nett, wie ein Freund mit dem man plaudert. Mehr verlange ich nicht von ihnen. Gerade dieses künstliche „in Atem gehalten werden“ stösst mich ab…

10. Culatello - Oktober 25, 2012, 17:09

Lila, Du schreibst:

„Mehrere Ungenauigkeiten gleichzeitig. Schon seit VIELEN JAHREN steht im Pass nichts mehr von “le’om”, ethnischer Zugehoerigkeit. Sie haette sich den Pass ja mal angucken koennen. Ehrlich, es steht nicht mehr drin.“

Aber es ist doch ein Foto des Reisepasses abgebildet (Foto 4 der Fotostrecke).
Auf dem kann man einwandfrei lesen: undefined

http://www.spiegel.de/fotostrecke/ein-araber-berichtet-vom-golan-ueber-den-syrien-krieg-fotostrecke-88341-4.html

11. Lila - Oktober 25, 2012, 17:43

Culatello, Du hast Recht,d as ist merkwuerdig. Ich werde es nachpruefen, warum das so ist. danke fuer den Hinweis!!! Ich will ja nicht in den gleichen Fehler verfallen, den ich anderen vorwerfe 😉

Es muss einen Grund haben – denn bei meinen Kindern steht ISRAELI, und sie sind ja bekanntlich weder Juden noch Araber. Es mag am Status der Golandrusen liegen.

Aber es ist auf jeden Falls nicht der Normalfall.

So steht’s bei Wikipedia (was ich selbst oben verlinkt habe):

Israeli Travel Document for Foreigners

This is issued to most Arab residents in East-Jerusalem if they are neither in possession of Israeli nor Jordanian citizenship, and to non-Israeli Arab residents in the Golan Heights. Like with the travel document in lieu of national passport, visas must be obtained before entering a country otherwise deemed visa-free for Israeli passport holders.

Es ist also kein israelischer Pass, sondern ein Reisedokument fuer Einwohner Israels, die keine israelische Staatsangehoerigkeit haben (wozu ich uebrigens auch gehoere – ob ich auch so ein Dingen kriegen wuerde? was wuerden sie reinschreiben?)

Ich werde mal bei meinen Studenten nachfragen – noch hab ich meine arabische Klasse nicht gesehen wegen Opferfest und so, aber ich habe eigentlich immer ein paar Golandrusen dabei, die ewig gurken, aber immer noch lieber bei mir studieren als in Damaskus 😉 … go figure….

12. Marlin - Oktober 25, 2012, 18:18

Klar studieren sie lieber bei Dir, kann ich völlig nachvollziehen. Sie ziehen Dich aber auch jedem anderen Dozenten Israels vor.

🙂

Wolfram - Oktober 25, 2012, 18:45

Der „Spiegel“ macht schon mal nicht deutlich, wo die Information aufhört und wo die individuelle Ansicht des Autors anfängt. Was nach dem, was ich in der Schule gelernt habe, das b-a-ba des Journalismus ist: Information und Kommentar getrennt halten.
Und damit ist der „Spiegel“ als seriöse Informationsquelle disqualifiziert. (Fast hätte ich gesagt „steht auf einer Stufe mit Prawda und „Neues Deutschland“…)

13. Wie die antiisraelische Menschheit (sich selbst) verdummt | abseits vom mainstream - heplev - März 4, 2014, 10:19

[…] Wie sieht ein israelischer Reisepass aus? So: […]


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