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In zwei Jahren Oktober 20, 2012, 18:49

Posted by Lila in Persönliches.
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machen wir vielleicht eine richtig große Party …. im Garten und mit Lampions und so. Wir sind tatsächlich schon 23 Jahre verheiratet. Von unserem würdevollen Status sind wir selbst förmlich erschlagen, wir beiden notorischen Leichtfüße… wie ist uns das bloß zugestoßen?

Tja, keine Ahnung. Man paßt eine Weile nicht genau auf, und schwups, sind 23 Jahre um, man hat sich den Ehering weiter machen lassen und er drückt schon wieder, und alte Mütterchen fragen mich (wie heute am Strand), ob ich denn schon Enkelkinder habe. Äh, nee, hab ich noch nicht. Die Freundin, mit der ich Muscheln sammelte, tröstete mich, als ich von der Frage etwas entgeistert war, und meinte: hast du nicht gesehen, daß sie fast blind war? sie hatte doch einen richtigen Film auf den Augen.

Ob sie nun blind war oder scharfsichtig, wir nähern uns deutlich der nächsten Lebensphase, die da heißt „empty nesters“. Quarta ist zwar noch keine 14 und wird uns noch ein paar Jahre zu einem geregelten Tagesablauf zwingen, die Großen haben noch ihre Zimmer zuhause und sitzen ebenfalls noch gern um unseren Tisch, wenn sie denn hier sind, aber die Zeichen der Zeit sind nicht zu übersehen. Die Kinder flattern heftig mit den Flügeln.

Jedoch, älter werden muß man sowieso, auch wenn man es in der Jugend nicht für möglich hält, daß man tatsächlich so gräßliche Dinge wie den 30. oder gar 40. Geburtstag erleben muß. Ich erinnere mich noch gut an das hochmütige Mitleid, das ich empfand, als meine Mutter 40 wurde. Mein Gott, wer wird denn 40? Das muß doch wohl nicht sein…

Anscheinend aber doch, jedenfalls ist mein nächster runder Geburtstag in zwei Jahren fällig, und dann habe ich eine 5 vorne stehen. Und wenn es schon sein muß, daß man so unverschämt vom Leben weitergeschoben wird, dann ist es doch schön, wenn man jemanden zu Seite hat, mit dem man nur einen Blick zu wechseln braucht, um ihn zu verstehen…. und der trotzdem auf ewig Rätsel Mann bleiben wird. Dessen Gehirn ganz anders zusammengeschraubt ist als meins, viel geradliniger Informationen verarbeitet und auf action points und Schwachstellen hin absucht, der sich viel weniger leicht emotional erpressen läßt als ich, und der viel fester auf seinen Füßen steht als ich.

So eine Ehe ist eine komische Sache. Ich sage ja immer, die Gestalt-Theoretiker haben den Nagel auf den Kopf getroffen, nicht nur was Kunst angeht, wo ein  Kunstwerk auch immer mehr als die Summe seiner Teile ist (ein paar Quadratzentimeter Leinwand, Gesso, Firnis und ein paar Tuben Ölfarben), sondern auch in Bezug auf Gruppen, Klassen, Familien und Ehen. In einer Ehe, einer Beziehung, da gibt es Ihn und Sie und die Beziehung selbst, und die ist lebendig. Ich fühle mich unverdient beglückt und beschenkt, daß ich das erleben darf. Ein vollkommen unerwartetes Geschenk.

20. Oktober 1989 steht in meinem Ehering, und ein schöner Männername mit einem Y. Ob wohl manche unserer Hochzeitsgäste damals skeptisch waren und gedacht haben, das kann nicht gutgehen? Deutschland und Israel, lichtscheuer Bücherwurm und sonnengegerbter Kibbuznik….? Wir wußten es ja selbst nicht. Wir dachten, wir wissen es, aber wie viele Paare denken, sie wissen es, und dann geht es doch in die Binsen. Es gehört ja auch Glück dazu, so viel  Unwägbares, das man sich nicht stolz ans Revers heften kann.

Was kann man selbst dazu tun, damit eine Beziehung glücklich bleibt? Nicht nachtragen. Ehrlich sein, aber nicht verletzend. Anerkennung und Dank auch für Selbstverständliches äußern – nichts ist selbstverständlich. Sich für die Welt des anderen interessieren, auch wo sie sehr weit weg von der eigenen ist. Kritik so verstehen, wie sie gemeint ist – nicht als Anlaß für Drama und Tränen, sondern als Denkanstoß und Räuberleiter über die Mauer.

Kommentare»

1. vered - Oktober 20, 2012, 20:11

Weisst du, was ich jetzt gerne lesen möchte, Lila? Was Y über dich schreibt, wie er sich auf dich verlässt, die du so anders bist als er, deren Gehirn so ganz anders zusammengeschraubt ist als seins , die ihn trotzdem ohne viele Worte versteht … und für den du doch das Rätsel Frau bleibst, bis lange nach dem 50. Hochzeitstag!

Gegensätze, die sich ergänzen …

2. willow - Oktober 20, 2012, 20:28

Na härtzlichen Glühstrumpf! 😉

Aber eines sage ich dir – vorher kommt ih noch im September auf unsere … äh, richig große Party 😀

(falls ich bis dahin wieder fit bin 😉 )

3. Marlin - Oktober 20, 2012, 21:20

Schöner Text.
Wie habt ihr euch nochmal kennengelernt? Wie kam es zur Heirat?

4. Lila - Oktober 20, 2012, 21:39

Ich war Volunteer im Kibbuz (studierte zu der Zeit eine gemischte Wochenübersicht geisteswissenschaftlicher Fächer, u.a. auch Judaistik und darum Ivrit), er war verantwortlich für die Volunteers.

Irgendwie hat der Blitz voll und auf der Stelle eingeschlagen, bei uns beiden, wir waren in Windeseile von vorhandenen Partnern bzw potentiellen Partnern getrennt und ich war bei ihm eingezogen, bevor ich noch bei den Volunteers richtig warmwerden konnte und bevor noch seine Exfreundin ihren Kram ausräumen konnte. Es war der komplette Irrsinn und ich würde niemandem dazu raten 🙂 aber wir waren beide in kürzester Zeit entschlossen zu heiraten.

Das hat uns überrascht, da wir beide als Scheidungskinder die Ehe eigentlich scheuten und Angst davor hatten. Aber wir wollten einfach Fakten schaffen. Seit Mai 88 sind wir ein Paar, seit Oktober 89 verheiratet – anderthalb kurze Jahre kannten wir uns, aber ohne die vielfältigen bürokratischen Hürden, die uns der deutsche Standesbeamte in den Weg legte, hätten wir noch eher geheiratet.

Mir bedeuten Symbole viel, Y. bedeuten sie wenig. Aber ein Ehering, ein gemeinsamer Name, eine Hochzeit, die gleichzeitig Abschiedsfeier von der Heimat und vom alten Leben ist – das bedeutet etwas. Ich würde mir vermutlich die Haare raufen, wenn eines meiner Kinder so ein Abenteuer einginge, aber wir sind auf überhaupt keinen Widerstand gestoßen.

Meine Mutter sagt bis heute, daß ihr vollkommen klar war, nichts könnte uns aufhalten, und sie war sicher, daß es gut geht. Und so haben wir eine ländliche Hochzeit gefeiert und sind danach nach Israel geflogen und im Nu waren wir Eltern und leben seitdem solide wie die Eulen.

Niemand, der ihn oder mich vorher kannte, würde das für möglich gehalten haben 😀

5. Arthur - Oktober 20, 2012, 22:10

Er hat seine Ex-Freundin rausgeschmissen, um dich einziehen zu lassen? Ui, das war dann wahrscheinlich gleich Erbfeindin Nr. 1 im Kibbutz…

6. Lila - Oktober 20, 2012, 22:25

Sie war nicht aus dem Kibbuz, und sie waren sowieso kurz vor dem Aus. Mein Auftauchen hat das nur beschleunigt, aber nicht ausgelöst. Und erst nach der Trennung von ihr ging es mit mir los. Aber eben sehr schnell.

Wir haben noch losen, aber freundlichen Kontakt zu ihr. Sie ist sehr nett, aber es war damals natürlich nicht schön für sie. Oh, und sie hat auch nicht bei ihm gewohnt, sie hatte eben nur Kram fürs Wochenende bei ihm, und der blieb nach der Trennung noch eine Weile.

Tja, auch der langweiligste Mensch hat vielleicht ein Drama in seiner Vergangenheit.

7. colchico - Oktober 20, 2012, 23:39

Oh, wie schön: Liebe auf den ersten Blick und nach 23 Jahren nach wie vor glücklich zusammen 🙂 Herzliche Glückwünsche und alles Gute für die nächsten Jahrzehnte!

8. Paul - Oktober 21, 2012, 0:48

Es hat sich doch noch gelohnt wach zu bleiben.

Das hast Du wirklich wunderschön geschrieben. Ja, das ist auch meine Erfahrung nach nunmehr schon mehr als 50 Ehejahren, man hat es nicht verdient, es wurde einem geschenkt. Na gut, ein bischen muss man schon was dafür tun, aber, so empfinde ich es jedenfalls, der größte Teil ist Geschenk.
Herzliche Glückwünsche an Euch und Gottes Segen für die kommenden Jahre.

Zum Lebensalter der Frauen habe ich neulich etwas lustiges erfahren. Eine junge Frau erzählte mir, ihre Mutter sei 29S Jahre alt. 😀 Das ist genau Dein Alter.
Ich finde sowas albern, weil mich die Zahl weniger interessiert, sondern mehr das gefühlte Alter.
Allerdings, in meiner Region (74) ist an manchen Tagen die Zahl besser als das Gefühl. 🙂 Weil mein Vater schon mit 66 gestorben ist, habe ich auch nie gedacht, dass ich überhaupt so alt werde. Deshalb genieße ich auch jeden Tag wie ein Geschenk Gottes.

Noch ein schöner Kalenderspruch:
„Das Alter ist für mich kein Gefängnis, in das man eingesperrt ist, sondern ein Balkon, von dem man weiter sieht.
(Marie Luise Kaschnitz)

9. Indica - Oktober 21, 2012, 12:30

Mannomei, liebe Lila, wir werden alt und würdig! Wie schön, dass ihr beide immer noch gemeinsam und glücklich seid. Herzliche Grüße an Y. (ich wusste gar nicht, dass er damals der Verantwortliche für die Volunteers war). Ich komm dann auch zur Party! 😉

10. Lila - Oktober 21, 2012, 13:23

Ja, war er, also einer von mehreren, und er hat mich bei einem Ausflug ziemlich fies überlistet. Ich wollte nicht mit ihm und den anderen auf einen Ausflug fahren, weil ich dachte, er hat ja noch diese Freundin, die ich gern mochte. Also habe ich ein paar nette Schweizerinnen mobilisiert, daß wir, statt zehn Meter tief neben einem Wasserfall ins Wasser zu springen, doch lieber an den See Genezareth gehen wollen. Wir hatten uns sogar strandmäßig angezogen (ich hatte einen Rock an, den Du mir genäht hattest 🙂 wenn Du Dich noch erinnerst…) und Espadrilles.

Tja, Y. ging im Bus von einer Schweizerin zur anderen und überzeugte sie alle, daß der Sprung ins Wasser gar kein Problem ist und so weiter. Zum Schluß kam er zu mir und meinte vorwurfsvoll: nun bist die die einzige, die nicht mit will! Da mußte ich natürlich nachgeben. Und so fand ich mich in Espadrilles und Röckchen auf einer ziemlich wilden Kletterpartie durch die Golanhöhen wieder…

Dieser Ausflug hatte drei Folgen: ich werde mich mein Leben lang auf der Heldentat ausruhen, daß ich damals zwei wirklich halsbrecherische Sprünge gemacht habe, nur um Y. zu beeindrucken (was ich heute natürlich nicht mehr täte 🙂 ) Ich habe mich mit meiner unpassenden Bekleidung aber auch lächerlich gemacht, was mich damals geärgert hat, weil mir sowas schon mehrmals passiert war – danach aber deutlich seltener. (Und dabei war es allein Y.s Schuld). Und am selben Abend hat Y. den endgültigen Schlußstrich mit seiner Freundin gezogen.

Tja, so war das damals.

11. Yael - Oktober 21, 2012, 14:29

Man kann wirklich nur gratulieren. Es ist heute so selten geworden, dass Ehepaare so lange zusammen sind, das ihr schon fast die Ausnahme seid. Auf die nächsten 23 Jahre.

12. Malte S. Sembten - Oktober 21, 2012, 21:28

Das ist ein sehr schön in Worte gekleideter Rückblick, Lila. Ich wünsche euch weiterhin alles Gute!

13. Frau-Irgendwas-ist-immer - Oktober 22, 2012, 12:01

WOW und herzlichen Glückwunsch!
Hier gab es vor kurzem den 15. Hochzeitstag … auch wir können es kaum fassen … und auch in meinem Ehering steht das Datum der Trauung und der Vorname des Herrn-Irgdenwas-ist-immer.
Ich freue mich dann auf einen tollen Bericht von einer tollen Feier in 2 Jahren, vll ja schon mit Enkelkindern.

14. Rika - Oktober 22, 2012, 13:23

Ich gratuliere herzlich zum Hochzeitstag 🙂 !
Und freue mich an deinem wunderbaren Bericht über das Phänomen „Liebe auf den ersten Blick“… Wie schön, wie aufregend!
Nächstes Jahr sind es bei uns 40 Jahre, keine Liebe auf den ersten Blick, dafür langes Nachdenken, viele, viele Gespräche, manche Missverständnisse und ernste Schwierigkeiten… aber dennoch, fast 45 sind seit dem „ersten interessierten Blick“ vergangen und 39 Ehejahre.
Nochmals:
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH und weiterhin alles, alles Gute!

15. A.mOr - Oktober 22, 2012, 17:08

Gute Worte Lila massl tov!

16. Janina - Oktober 29, 2012, 14:57

Allerherzlichsten Glückwunsch!

17. arabrabenna - Oktober 29, 2012, 22:49

Du schreibst das alles so schööön! Euch Gottes Segen! Bei uns sind es nun schon 28 Jahre und es ist schöner als am Anfang. Ich kann nur leider nicht so gut erzählen wie du. Wenn du von Y. und deinen Kindern erzählst, wird mir immer ganz warm ums Herz!


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