jump to navigation

Absurd und traurig Oktober 15, 2012, 23:25

Posted by Lila in Presseschau.
trackback

war eine Nachricht, die ich heute hörte – erst nur mit einem Ohr, doch dann kam ich näher, dreckige Töpfe hin oder her. Gila Katsav, diese geplagte Ehefrau, die die ganzen Jahre über kein Wort gesagt hat, sondern nur geweint – sie hat ein Gnadengesuch an Präsident Shimon Peres gerichtet. Darin beschreibt sie mit eindringlichen Worten, wie schrecklich die Situation für sie und die ganze Familie ist, und wie ihr Mann im Gefängnis darunter leidet, daß viele Mithäftlinge ihn mobben, wo sie nur können. „Darunter sind Straftäter, die Gnadengesuche an meinen Mann gerichtet hatten, als der Präsident war. Weil mein Mann diese Gesuche abgewiesen hat, rächen sie sich nun grausam an ihm,“ schreibt Gila.

Wohlgemerkt, Moshe Katsav erfüllt die Grundbedingungen für eine Begnadigung gar nicht: weder hat er Reue über seine Tat ausgedrückt, noch irgendwelche Resozialisierungsmaßnahmen ergriffen. Was in seinem Falle logisch ist, denn weder er noch Gila sehen irgendeine Schuld seinerseits. Er hat nichts getan – ein paar neidische Frauen und eine Menge hysterischer Journalisten haben ihn zu Fall gebracht. Ehrlich gesagt – nach der Urteilsbegründung fällt es mir schwer, an diese Fassung zu glauben. Aber daß Gila daran glaubt, vielleicht glauben muß, das scheint sicher.

Ihr Brief ist von einer rührenden Naivität und er griff mir ans Herz. In dieser ganzen ekelhaften Geschichte tat er mir nie leid, aber seine Frau und auch die Kinder sehr, nicht weniger als die Opfer. Sie waren so stolz auf ihn – und dann dieser tiefe Sturz. Sie haben ja nichts getan, werden aber mitbestraft. Klar, da hätte Katsav dran denken sollen. Aber er dachte wohl, er tut ja nichts Unrechtes. Immer, wenn ich Gila sah, die stumm neben ihm saß, während ihr die Tränen über das Gesicht rannen, wie eine patente Niobe im Kostümchen, tat sie mir so leid, so leid.

Ich stand also im Wohnzimmer, Küchenhandtuch in der Hand, erschüttert davon, was für eine treue, loyale Frau dieser Mann hat (daß er sie betrogen hat, mußte er ja wohl oder übel zugeben), und wie wenig er sie verdient hat, und wie viele gutherzige, einsame Männer es gibt, die über so eine Frau überglücklich wären. Mein Mann dagegen fand die Geschichte eher komisch, und deklamierte sogleich: „Sehr geehrter Herr Präsident, im Gefängnis ist es ganz schrecklich, und da sind lauter Kriminelle!“ Dann lachte er grausam und fuhr fort „… und noch dazu welche, die Moshe nicht begnadigt hat, darum muß er nun ganz schnell hier raus – auf dem Gnadenwege!“

Eigentlich hätte er dafür mit dem Handtuch einen drüberkriegen müssen, aber er war so heiter… da hab ich es durchgehen lassen.

Kommentare»

1. Uri D. - Oktober 15, 2012, 23:33

Liebe Lila,
ich bin immer wieder angerührt von Deinem Engagement und Deiner Fähigkeit zum Mit-Fühlen – auch in Fällen, wo es eigentlich nicht als notwendig und sinnvoll erscheint…

2. Silke - Oktober 16, 2012, 0:06

Lila

ich bin eher mit Y einschließlich „lachte grausam“. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Gute all die Jahre wußte, was ihr Guter trieb, ist einfach zu hoch. Frauen scheinen das in der Regel zu wissen und dann zu tun als wüßten sie es nicht so lange bis sie es nicht mehr wissen.

Wenn mir jemand leid tut dann die Kinder, aber nicht die Ehefrau, da ist einfach die Wahrscheinlichkeit gegen.

3. Georg - Oktober 16, 2012, 1:31

Ich kann dich aber verstehen, sehe es ähnlich. Selbst ein aus naiver Sichtweise heraus entstandener und bei den „Realos“ falsch schubladisierter Gedanke ist doch oft auch ein solcher, der bedingungslos immer wieder an das Gute im Menschen glaubt und – der vergeben kann.

4. Culatello - Oktober 16, 2012, 10:52

„Aber er dachte wohl, er tut ja nichts Unrechtes.“

Ist das nicht die Standardausrede aller Vergewaltiger?!

Was mir gerade auffiel:
Erstaunlich, wie ähnlich sich Katzav und Strauss-Kahn sind, sowohl im Aussehen mit ihrem Raubtierblick als auch mit ihrer Vorzeige-Karriere sowie ihrer gemeinsamen Vorliebe für sexuellen Abusus sowie ihrer jeweils dümmlich-unterwürfigen Ehefrau.

Einfach nur ekelhaft.
Vielleicht erhält Katzav im Gefängnis eine Dosis seiner eigenen Medizin, zu wünschen wäre es.

Eine Schande für die gesamte Männerwelt ist er, ich kann mich Deinem Mann in seinem Spott nur anschließen.

5. Arthur - Oktober 16, 2012, 11:18

Ja, leider ist das meistens so, dass die Angehörigen und Freunde von Sexualstraftätern den Kopf in den Sand stecken. Besonders tragisch ist das, wenn das Opfer ein Familienangehöriger des Täters ist: meistens wird dann das Opfer der Lüge bezichtigt und aus der familie ausgesteossen. „Festen“ von Thomas Vinterberg ist dazu ein interessanter Film. Das einzige, was an diesem film etwas unrealistisch ist, ist das happy-end, wo die Familie dem Opfer schliesslich doch glaubt. In der Realität tritt das meistens nicht ein, und das Opfer bleibt ausgestossen.

Insofern weiss ich auch nicht, ob man mit Frau Katzav Mitleid haben muss. Sie hat mit ihrem Mann gute und schlechte Zeiten erlebt. Einerseits ist es nett von ihr, dass sie auch in schlechten Zeiten solidarisch bleibt, auf der anderen Seite finde ich diese Realitätsverleugnung schrecklich. Von mir aus dürfte sie sich von ihrem Mann auch distanzieren.

6. Lila - Oktober 16, 2012, 11:49

Oh ja, natürlich würde ich es ihr wünschen, daß sie ein neues Leben anfängt, aber das kann sie wohl nicht. Sie wird sich bestimmt ihr Teil gedacht haben, aber sie erlaubt sich nicht, Zweifel an ihm zu haben.

Innerhalb der Familie sehe ich die Sachlage anders, da habe ich auch kein Mitleid, da sehe ich die Angehörigen als Mittäter. Eine Mutter, die wegsieht, wenn ihr Mann die Kinder mißbraucht, oder Eltern, die die Kinder noch zum Großvater schicken, wenn die Kinder sich bereits beschwert haben, daß der komische Sachen mit ihnen macht….

Eine Freundin von mir arbeitet mit mißbrauchten Kindern. Viel kann sie nicht erzählen, aber einmal erzählte sie mir erschüttert von einer Mutter, die auf die Vorwürfe, daß einer der Onkel ihre Tochter mißbrauchte, nur kühl sagte, „aber er penetriert doch nicht“. Da graut einem wirklich.

Wie die Natur solchen Menschen Fruchtbarkeit schenkt, während andere jahrelang mit Unfruchtbarkeit zu kämpfen haben – das ist so eine Ungerechtigkeit, gegen die zu wüten sinnlos ist, aber trotzdem fast unvermeidlich.

PS: Ich sehe gerade, daß Ami Popper verlegt wurde – einer der Häftlinge, denen Katsav die Begnadigung verweigerte und die darum aggressiv zu ihm waren.

7. Paul - Oktober 16, 2012, 19:39

Das was Katzaw widerfährt und und auch seiner Frau und seinen Kindern, passiert sehr vielen Häftlingen und allen Angehörigen.

Sexualstraftäter stehen in der Häftlingshierarchie ganz unten. Ganz, ganz unten stehen die Kinderschänder. Aber Vergewaltiger stehen nur kurz darüber. Damit muß Katzaw fertig werden.

Seine Angehörigen müssen damit ebenfalls fertig werden, dass ihr Mann, Vater, ein verurteilter Verbrecher ist.

Sollte diese Situation ein Grund für eine Begnadigung sein, dann müssten sehr viele Verbrecher begnadigt werden.

Es ist nicht verboten mit den Angehörigen Mitleid zu empfinden, hilft ihnen aber nicht weiter.

Es ist auch nicht verboten für solche Menschen zu beten. Wer das aber nicht kann braucht auch kein schlechtes Gewissen zu haben.

Übrigens, mir tut die Mutter jedes Mörders leid.

8. Lila - Oktober 16, 2012, 19:44

Oh ja, mir auch. Ich habe jahrelang mit der Mutter eines Mörders gearbeitet. Sie wird ihres Lebens nie mehr froh.

9. Lila - Oktober 16, 2012, 19:52

Ich muß mich korrigieren. Mit den Müttern der Bestien, die Johnny K. so grausam mißhandelt haben, habe ich kein Mitleid. Da ist in der Erziehung aber etwas vollkommen schiefgelaufen, das ist jenseits aller Menschlichkeit. Ich bin entsetzt. Lieber Paul, Du zündest bestimmt Kerzen für den armen Jungen und seine untröstlichen Eltern an. Bitte auch in meinem Namen.

Bild ich mir das nur ein, oder häufen sich in den letzten Jahren solche Vorfälle? Verroht die Welt? Der Mensch war immer schon roh, im alten Rom, im dreißigjährigen Krieg, immer waren Menschen brutal und mitleidlos – aber diese Nebenbei-Totschlags-Delikte scheinen immer öfter vorzukommen.

10. Silke - Oktober 16, 2012, 20:16

und was ist mit den Vätern?

zu der Schief gelaufen Theorie: es ist noch gar nicht so lang her, daß man bei Autismus überzeugt war, es sei die Erziehung.

Doris Lessing hat mal ein Buch dazu geschrieben. Ich glaube das 5. Kind hieß der.

Natürlich können es die Eltern gewesen sein, aber sie können es eben auch nicht gewesen sein

11. Lila - Oktober 16, 2012, 20:28

Ja, Väter, Mütter, alle zusammen.

Ich habe noch nicht gehört, daß Autismus mit Erziehungsfehlern erklärt wurde. Allerdings haben sich die Erkenntnisse zum Autismus in den letzten Jahren sprunghaft vermehrt und ausdifferenziert – ich bin keine Fachfrau und kann das gesamte „autistische Spektrum“ gar nicht mehr übersehen.

Irgendwas läuft schief, wenn jemand gewaltkriminell wird. Wir wissen noch nicht, wer die Mörder von Johnny K. waren, aber daß sie ausgeglichene, zufriedene Menschen mit stabilem Familienhintergrund und sorgfältiger Erziehung sind, ist möglich. Allerdings nicht sehr wahrscheinlich.

Note bene: in jeder sozialen Schicht gibt es sowohl Familien, die eine erfolgreiche Erziehung leisten, und andere, die das nicht tun. Und selbstverständlich kann trotz aller elterlichen Sorgfalt, Liebe und Mühe so viel schieflaufen. Es ist kurzsichtig, für alle die Eltern zur Rechenschaft zu ziehen, ebenso wie es kurzsichtig ist, sich stolz in die Brust zu werfen, wenn die Kinder vernünftig rauskommen – so vieles ist Glücksache.

Aber wer ein solches Verbrechen begeht, dem haben seine Eltern ein paar grundlegende Dinge nicht beigebracht. Das ist die unterste Stufe der Barbarei.

12. Malte S. Sembten - Oktober 16, 2012, 20:34

Für arme Menschen ist das Einheits-Ordnungsgeld z. B. bei einer Verkehrswidrigkeit eine viel schwerere Strafe als für Reiche, die es aus der Hosentasche berappen (es gibt Länder, da ist die Höhe solche Strafzahlungen nach dem Einkommen gestaffelt). Und für gesellschaftliche Privilegierte ist Gefängnishaft viel härter als für Gewohnheitsverbrecher, die im Knast ein- und ausgehen. Auch deshalb genießen „Nadelstreifenkriminelle“ oft bessere Haftbedingungen. Und in Deutschland wurde ein ausländischer, gerichtlich überführter Einbrecher wieder freigelassen, weil er kein Wort Deutsch sprach und daher nach Auffassung des Richters die Haft in einem deutschen Gefängnis eine unzumutbare Härte für den Delinquente dargestellt hätte.

Dein Mitgefühl für die arme Frau, Lila, verstehe ich gut. Dennoch erscheint es wie Hohn, die Begnadigung zu fordern, weil der Häftling seinerzeit selbst nicht begnadigt hat. Diese bestimmte Sorte von Alpha-Männchen, zu der Katzaw zu gehören scheint, kennt keine Rücksicht – auch nicht auf die eigenen Ehefrauen.

Gerade las ich Stephen Kings jüngsten Novellenband „Zwischen Nacht und Dunkel“ („Full Dark, No Stars“). Die letzte Geschichte handelt von einer Ehefrau, die nach 25 guten Ehejahren (und mit zwei aus der Ehe hervorgegangenen, wohlgeratenen Kindern) entdeckt, dass ihr Mann ein Serienmörder ist, der immer wieder Frauen foltert und tötet. Anfangs entschließt sie sich aus Rücksicht auf die Kinder, mit diesem Wissen weiterzuleben wie zuvor …

13. Paul - Oktober 16, 2012, 20:36

Ja, diesen Eindruck habe ich auch.
Der Wert des Menschenlebens hat sichtbar abgenommen. Wegen vergleichsweise geringer Beute wird ein Anderer getötet.
Auch bei Gewaltdelikten wird ohne jeden erkennbaren Anlaß der Tod eines Menschen biligend in Kauf genommen oder in einer Art Blutrausch (anders kann ich das nicht bewerten) herbeigeführt.

Welche Ursachen es dafür gibt? Keine Ahnung. Ganze Völkerstämme von Soziologen, Psychologen, Psychiatern und was weiß ich welche Wissenschaftler noch, füllen Bibliotheken mit Erklärungen für dieses Phänomen. Bisher habe ich eine mir einleuchtende Erklärung noch nicht gelesen.

Lila, Du musst mir helfen. Jonny K. löst in mir keine Erinnerung aus.

Auch ist mir nicht geläufig für welchen armen Jungen und seine untröstlichen Eltern ich Kerzen anzünden soll.

Im Prinzip bete ich für die Opfer. Aber auch für Täter, wenn sie aufrichtig bereuen und auch bereit sind zu büßen. Für die Eltern bin ich eigentlich immer bereit zu beten, weil ich sie als Opfer sehe. Außer sie wären Mittäter, auch mittelbare, dann bete ich für sie wie für die direkten Täter.

Was soll ich denn sonst machen?

14. Lila - Oktober 16, 2012, 20:40

Der 20jährige, der gestern oder vorgestern am Alexanderplatz von einer Gruppe zu Tode getreten wurde.

http://www.welt.de/vermischtes/article109899455/Hilfsbereitschaft-kostet-Jonny-das-Leben.html

Ganz, ganz schlimm.

15. Paul - Oktober 16, 2012, 20:42

Ach so, ich bin dann mal weg.
Fußball ruft. Deutschland gegen Schweden. Das sehe ich bei meinem Nachbarn, der Anfang dieses Jahres seine 16 Jahre jüngere Frau, nach fast 30 Ehejahren durch Lungenkrebs ziemlich überraschend verloren hat.
Eigentlichg interessiere ich mich nicht so sehr für Fußball. Aber meinem Nachbarn, der mir zum guten Freund geworden ist, braucht es. Ich gehe auch sehr gerne zu ihm.
Nachher gucke ich aber noch einmal hier vorbei.

Ein gut’s Nächtle, wünscht Dir Paul

16. Silke - Oktober 16, 2012, 21:29

meiner Erinnerung nach ging es mit dem Bohai um dieses Buch los, daß die Mütter langsam aufhörten im Zentrum zu stehen.

Wann immer ich Interviews zu Kriminalität höre, wurde mir bis jetzt erklärt, daß die schwere Kriminalität zurückgegangen ist.

http://www.amazon.de/inmich-sein-botschaften-autistischen-kerker/dp/346202289X/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1350414863&sr=8-2

Ferdinand von Schirach hat in seinem Buch „Verbrechen“ eine Geschichte, wo auf einem Volksfest die Mitglieder der Kapelle, alles wohl integrierte Gemeinschaftsmitglieder und teils schon im reiferen Alter, als Mob über eine Serviererin herfallen und die unter die Bühne gefallene mitten auf’m Fest als Fürchterlichste per Vergewaltigung zurichten.

Die Stories in dem Buch sind angeblich anonymisierte Tatsachenberichte. (anders als allgemein behauptet halte ich von Schirach als Erzähler nicht für großartig sondern nur für normal gut – aber das wäre ein anderes des Nachdenkens würdiges Thema warum die Literaturexperten da so in Euphorie geraten)

Ich glaube eher, daß es nur einige Berichte gibt, die es in die Medien schaffen. Über die Kriterien, nach denen die ausgewählt werden, will ich lieber nicht nachdenken.

Shiimona hat vor kurzem auch was Hilfreiches, so man kühlen Kopf behalten möchte, dazu geschrieben:

http://shimonafromthepalace.wordpress.com/2012/10/07/april-in-october/

und dann fällt mir noch ein, daß der „es wird immer schrecklicher“ Eindruck zu der Zeit als Clockwork Orange in aller Munde war (noch vor der Verfilmung) auch sehr stark war.

Will ich mich aufs Subjektive einlassen, dann habe ich den Eindruck, daß solche entsetzlichen Vorkommnisse wie Johnny K. immer mehr dem zu ähneln scheinen, was ich über Videospiele lese. Aber das kann natürlich auch daran liegen, daß es jetzt wohl die Videospielgeneration ist, die darüber schreibt und nicht daran, daß die Täter Videospiele nachspielen.

An die von Schirach Geschichte wurde ich erinnert, weil ich gelesen habe, daß erst ein Mann Johnny vom Stuhl gestoßen hat und dann die anderen, die Meute, sich über ihn hergemacht haben. In von Schirach’s Geschichte stolpert die Bedienung als sie den Männern Getränke bringt und das scheint irgendwie der Trigger für den Wahnsinn zu sein, daß sie sie plötzlich als fällbar gesehen haben.

17. Arthur - Oktober 16, 2012, 21:45

Hat dieser Schirach nicht stolz vermeldet, dass er der Strafverteidiger war, der diese wohlbestallten Dorfbewohner samt und sonders rausgehaut hat: es zwar ein schreckliches Verbrechen stattgefunden, aber keiner der Täter wurde verurteilt?

18. Silke - Oktober 16, 2012, 22:13

kann sein, daß so die Geschichte ausgeht, doch ob Schirach der Verteidiger war, daran erinnere ich mich nicht. Stolz wird er auf keinen Fall gewesen sein. Es ist seine Aufgabe.

Ich habe kürzlich ein langes Gespräch bei der BBC mit Breivik’s Anwalt gehört. Der hat erzählt, er wollte erst ablehnen, als Breivik ihn haben wollte, doch dann hat seine Frau, die Krankenschwester ist, gesagt, sie hätte den schließlich auch gepflegt, sei er verwundet worden und auf ihrer Station gelandet.

Ich hatte Schirach kürzlich in nem Interview bei der BBC mit langen Passagen auf deutsch im Original und anschließend seiner Übersetzerin. Der Mann klingt nicht, als sei er der Typ, der stolz vermeldet. Und wenn die Literaturexperten sich bei seinem Verlag ranschmeißen, in dem sie Qualitäten belobhudeln, die er nicht hat, dann kann er ja wohl kaum was dafür, außer aufs Bücher schreiben verzichten und sich ins Mauseloch zu verziehen.

Und Sippenhaft haben wir ja nun hoffentlich weitestgehend nicht mehr.

PS: Läge es an der Erziehung, dann wäre das, was Christopher Browning herausgefunden haben soll, ja auch kaum möglich.

http://www.amazon.de/Ordinary-Men-Christopher-R-Browning/dp/0060995068/ref=sr_1_1?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1350418388&sr=1-1

19. Arthur - Oktober 16, 2012, 22:48

Es geht um den Vorfall, der oben beschrieben wurde: eine Serviererin wird beim Dorffest von wohlbestallten dorfbewohnern unzählige Male vergewaltigt und schlimm zugerichtet. Dank dem einsatz und der Kompetenz des Strafverteidigers Schirach wurden sämtliche Täter freigesprochen.

Pech für die Serviererin. Hätte halt photographieren sollen, wie sie vergewaltigt wird!

20. Silke - Oktober 16, 2012, 23:00

Arthur

dann sollte sich der Staatsanwalt in Sack und Asche hüllen, wenn er sich von nem Strafverteidiger so hat einmachen lassen und vielleicht der Richter gleich mit dazu.

Übrigens war es nicht Dershowitz, der O.J. Simpson rausgehauen hat?

Jeder Strafprozess ist ein Kampf zwischen Anklage und Verteidigung. So ist es gewollt und ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Verteidiger der Anklage behilflich sind, indem sie nicht ihr Bestes geben.

Doch nach wie vor, ich weiß nix davon, daß Schirach selber der Verteidiger war, falls ja, finde ich es allerdings irgendwie mehr als a bisserl anrüchig, wenn er die Geschichte in einem Kurzgeschichtenband vermarktet haben sollte, insofern wäre ich Dir dankbar für einen Link.

21. Arthur - Oktober 17, 2012, 0:32

Wenn ich mich recht erinnere, war das in einem Artikel über Schriach in der Wochenendbeilage einer Zeitung… Aber ich glaube nicht, dass man das auf einem Link finden, da müsste man schon die Ausgabe der Beilage finden. Da du es bei meinen letzten Quellen (colin powell) gar nicht so genau wissen wolltest, werde ich mir jetzt nicht die Mühe machen, es herauszusuchen…

22. Paul - Oktober 17, 2012, 1:13

Zu 14 Lila,
nein, von diesem brutalen Mord habe ich nichts mitbekommen.
Etwas sinnloseres als diese Tat kann ich mir nicht vorstellen.
Am Sonntag werde ich für Jonny K. und seine Eltern eine Kerze, auch in Deinem Namen, Lila, aufstellen.
Gehe auch „gleich“ noch an die Grotte in Lourdes und hinterlege unsere Fürbitte für Jonny, seine Eltern und seine Freunde. Für die Kriminalbeamten werde ich um Gottes Segen bei der Aufklärung des Verbrechens bitten.

Für einen durch Neonazis ermordeten Türken wurde kürzlich eine Gedenkstätte errichtet. Wird das für den Thailänder Jonny K. auch geschehen?

Meine erste Assoziation zu dieser Tat war ein Video aus einem Kindergarten in Palästina. Kleine Kinder, 4-5 Jahre alt, posierten vor der Kamera im Kampfanzug mit kleinen Kalaschnikows in den Händen und martialischen Gesichtern als Kämpfer, Terroristen oder Selbsmordattentäter. Wenn die Täter vom Alex durch diese „Schule“ gegangen sind, dann hätte ich für diese Bestialität eine Erklärung. Erste Angaben der Zeugen, dass die Täter arabisch ausgesehen hätten, wurden in dem Artikel sofort relativiert.

Gestehen muss ich, dass ich angesichts solcher Mordtaten für die Wiedereinführung der Todesstrafe bin. Lila, entschuldige bitte. Ich weiß, dass dies unchristlich ist, aber der Zorn überwältigt mich einfach.

23. Rosa Grün - Oktober 17, 2012, 4:40

Von Schirach war der Verteidiger:

http://www.vorwaerts.de/artikel_archiv/26084/im-sinne-der-verteidigung.html :

„……..Wieder geht es um skurrile Verbrechen, die von Schirach seinem Strafverteidiger-Alltag entnommen und unkenntlich gemacht hat. Was geblieben ist, ist der Schrecken und die Fassungslosigkeit über die Delikte und welche juristischen Konsequenzen sie hatten bzw. nicht hatten.

Da ist etwa der Fall einer Männergruppe, die auf einem Volksfest verkleidet eine Kellnerin vergewaltigt. Nur einer der acht beteiligt sich nicht. Da jeder zur Tat schweigt, muss der Richter schließlich alle laufen lassen. Brigitte Zypries findet das „zum Kotzen“, Ferdinand von Schirach dagegen „klug, lieber sieben Schuldige laufen zu lassen, statt einen Unschuldigen einzusperren“. “

Wie man sieht, hat Rechtsprechung sehr menschliche Grenzen und daher oft nichts mehr mit Recht zu tun…Und wer sagt, dass es im Fall von Moshe Katsav nicht umgekehrt war, und er vielleicht tatsächlich unschuldig verurteilt wurde? Mir tut der Mann jedenfalls leid.

24. willow - Oktober 17, 2012, 8:23

Zu Nr.14

„Die Angaben zu den Tätern beruhen der Polizei zufolge bisher hauptsächlich auf den Aussagen der Freunde von Jonny K. Danach soll es sich bei den Tätern um junge Männer eventuell arabischer Herkunft handeln.“

Wenn die entsprechenden Statistiken „stimmen“, dann ist die Gewaltbereitschaft unter deutschen Jugendlichen konstant am Sinken, befindet sich auf einem historisch nie dagewesenen Niveau … andererseits wird inzwischen relativ offen darüber gesprochen (früher war „man“ dadurch sofort Nazi – für manche Zeitgenossen gilt das noch immer) , daß „Jugendliche“ aus einem bestimmten Millieu überdurchschnittlich häufig an Gewaltdelikten beteiligt sind … auch an Fällen sexualisierter Gewalt – ich zitiere mal Alice Schwarzer, der nun wiklich kaum übertriebene Rücksichtnahme gegenüber „deutschen Männern“ nachgesagt werden kann:

„Ein Kölner Polizist hat mir kürzlich erzählt, siebzig oder achtzig Prozent der Vergewaltigungen in Köln würden von Türken verübt. Ich habe ihn gefragt: Warum sagen Sie das nicht, damit wir an die Wurzeln des Problems gehen können? Er antwortete: Das dürfen wir ja nicht, Frau Schwarzer, das gilt als Rassismus.“

http://www.aliceschwarzer.de/zur-person/texte-ueber-alice/2003/ich-bin-es-leid-eine-frau-zu-sein-41203/

25. Silke - Oktober 17, 2012, 8:29

Danke Rosa-Grün

gestern hatte ich nur gefunden, daß es seine Kanzlei war – ich lese das später gründlich, war es er selber höchstpersönlich, dann habe ich dazu das gleiche Unbehagen, das ich bei Psychologen habe, die ihre Klienten „verwursten“.

Ich war von ihm als Schriftsteller nicht begeistert, habe nur aufgehorcht wegen dem, was er in der BBC zu dem Collini-Buch erzählt hat, wie Nazis in einem „Huckepack“-System wieder als Ehrbare in den Justizbetrieb reinkamen.

Ansonsten kam er mir in dem, was ich gestern las, zu sehr als Menschenrechtsaktivist rüber, ich mag eigentlich an Juristen eher das „unmenschlich“ Kühle frei von ideologischem Unterbau.

——–

Arthur

der Irakkrieg und von Schirach’s Ethik sind für mich zwei sehr verschiedene Schuhe. Dieser Artikel erklärt vielleicht einen Aspekt, warum ich bei ersterem so „uninteressiert“ bin.

http://blogs.the-american-interest.com/wrm/2012/10/16/hillary-jumps-under-the-bus-but-cant-save-the-driver-from-himself/

z.B.

If Bush were still in the White House, the press would in full firestorm/feeding frenzy mode on what would no doubt be called the Middle East Meltdown. Endless expositions on the pattern of presidential failure would be the main preoccupation of the chattering class. From Mali to Afpak via Syria and Bahrain (if Bush were president the hypocrisy of US policy in Bahrain would be driving some of our more sensitive moral consciences into glorious arpeggios of rage and invective) the story of administration miscalculations and strategic mistakes would be on the front page of our papers.

AFAIK ist WRM wie in seiner Familie üblich Democrat.

Und noch etwas zu Powell – Odierno hat in Sachen Irakkrieg offenbar zurückstecken müssen und ich habe noch nirgendwo gehört, daß er gesagt hätte, Mr. President I told you so. Vielleicht tut er’s noch, wenn er mal nicht mehr General ist. Powell mußte so viel ich weiß, wider besseres Wissen in den Irakkrieg. Warum ist er damals bei seinem berühmten „when you break it, you own it“ nicht zurückgetreten? Ich habe ihn mal vor Jahren bei nem Vortrag gehört. Ich war nicht beeindruckt.

Und ja, da treffen sich Powell und Schirach dann wohl doch, bei der Frage der persönlichen Ethik.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s