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Streßfaktoren September 10, 2012, 20:55

Posted by Lila in Kinder.
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So war das heute. Wie jeden Tag sitze ich bei der Arbeit, über den Computer gebeugt. Immer habe ich ein Fenster offen, wo ich Ynet breaking news kontrollieren kann – was ist los auf der Welt? Sobald ich das Wort Hebron lese, kriege ich einen kleinen unangenehmen Schock, denn Nachrichten aus Hebron sind nie angenehm.

Heute früh also lese ich:

Palestinians hurled firebombs at IDF forces stationed near the Hashoter Checkpoint in the Jewish settlement in Hebron. The soldiers returned fire and seriously wounded one of the Palestinians.

The injured Palestinian was treated at the scene by the soldiers and later evacuated to a hospital in Jerusalem.

Molotov-Cocktail auf einen Checkpoint geschleudert? Secundus schiebt keine Wache mehr an Checkpoints, aber er ist vermutlich beim medizinischen Team dabeigewesen. Wären Soldaten verwundet, würde das im Text angedeutet – bis die Familien informiert sind, geht keine Information raus, normalerweise. Ist der verwundete Palästinenser tödlich verletzt? In meinem Kopf gehen mehrere ungute Szenarien rund, aber ich greife schon nach dem Telefon.

Der Junge antwortet natürlich nicht. Hat nichts zu bedeuten, sage ich mir, er kann ja nicht immer antworten, gestern habe ich ihn gestört, als er gerade eine wichtige Kontrolle durch einen Sanitätsoffizier hatte. Ich atme tief durch und arbeite weiter.

Fünf, zehn Minuten später klingelt mein Telefon. Es ist Secundus. Ich verstehe ihn kaum, um ihn herum ist Lärm, aber er klingt okay. Ich frage ihn, was er über den Vorfall in Hebron weiß. „Och“, meint er, „das weißt du schon? Ja, da war ich dabei, da haben sie uns natürlich gerufen, und ich war der verantwortliche Sanitäter. Der Palästinenser ist nicht nicht tödlich verletzt, nein, wir haben uns um ihn gekümmert, und er hat einen Schuß ins Bein bekommen, und er wird wieder gesund werden.“  Keinem Soldaten ist was passiert.

Gut, sage ich, aber nicht viel mehr. Er muß weitermachen, ich auch.

Ein paar Minuten später ruft er mich noch mal an, und ich höre ihn durchs Telefon ein winziges bißchen grinsen. „Guck doch mal auf Walla, Mama, da siehst du mich.“

 

Da rechts, das ist er. Er organisiert gerade den Transport des verletzten Palästinensers ins Krankenhaus. Wie er es gelernt hat in seinem letzten Kurs als menahel irua, Einsatzleiter.  Ich zeige den Kollegen das Bild. Die gucken sich das an und einer meint, „tja, dein Sohn ist erwachsen, und er tut seine Arbeit“. Hm, ist wohl wahr. Wenn er schon in Hebron sein muß, dann ist mir schon am liebsten, er tut diese Art Arbeit.

Kommentare»

1. Georg - September 10, 2012, 21:54

Mein Gott, du Ärmste, ständig existenzielle Sorgen zu haben, das muss doch die Nerven überlasten. Hier ist es so ruhig, die Leute regen sich über alltäglichen Kleinkram auf aber ihr lebt quasi in einem Dauerkrieg, in dem jeden Tag das Schlimmste geschehen kann. Ich wünsche dir viel Kraft!

2. lalibertine - September 10, 2012, 21:55

Hut ab Secundus! Und alles Gute für die restliche Zeit in der Armee!

3. Margot - September 10, 2012, 23:20

Liebe Lila, jetzt hatte ich wirklich leichtes Herzklopfen, als ich Deinen Bericht las. Mein verstorbener Mann war Berufssoldat (Oberstleutnant) und mein Sohn verpflichtete sich für mehr als 15 Jahre bei der Bundeswehr (mit Studium Dipl. Ing. als Informatiker). Danach entschloss er sich, die BW zu verlassen, noch bevor die Soldaten wußten, dass sie z. B. in Afghanistan eingesetzt werden können. Jetzt ist er noch Reservist. Aber ich kenne noch die Zeit des „kalten Kriegs“, wo wir an der deutsch-deutschen Grenze wohnten und bei überraschenden Nato-Alarmen alle Soldaten kriegseinsatzmäßig die Kaserne verlassen und uns Familien zurücklassen mußten. Wir wußten ja nie, wie ernst die Lage wirklich war und ob unsere Männer zurückkommen würden. Natürlich haben wir ja bekanntlich in Deutschland glücklicherweise bis heute immer Frieden erlebt. Selbst bei der Wiedervereinigung fiel kein einziger Schuss.
Ich kann nachfühlen, wie Dir zumute ist, weil Du genau weißt, wo Dein Sohn Dienst tut und man nie wissen kann, wie lange und ob überhaupt Ruhe in dieser Gegend herrscht. Du kannst sehr stolz auf deine Kinder sein, die Angst um sie wird leider bleiben. Wenn ihr Wehrdienst beendet sein wird, haben die jungen Menschen bewiesen, dass sie für ihr Land bereit waren, eine gewisse Zeit ihres Lebens zu dessen Schutz einzusetzen. Nicht umsonst hat Israels Armee den besten Ruf; dieser dient auch zur Abschreckung all seiner mißgünstigen Feinde, die Israel leider immer noch umzingeln.
Möge irgendwann eine Zeit kommen, in der es wahren Frieden gibt. Leider sieht es noch lange nicht danach aus.
Alles Gute für Dich und Deine Familie
Margot

4. noa50 - September 11, 2012, 5:43

Kol haKavod, Lila fuer deinen Sohn. UND FUER DICH, du arme, ich musste g-tt sei dank nie so um meine Kinder bangen.
Ja, … hier wird man schon enorm „geerdet“.
Ich umarme dich.
die Noa aus Jerusalem

5. grenzgaenge - September 11, 2012, 12:55

Die Palästinenser, mit ihrem Terror gegen die jüdische Gemeinschaft in Hebron, versuchen nichts anderes, als 1929 versucht worden ist. Ziel der Palästinenser ist es, immer noch, Hebron „Judenrein“ zu machen, um die Spuren jüdischen Lebens zu vernichten. (Das gleiche Spiel wie am Ölberg in Jerusalem). Aber das wird ihnen nicht gelingen. Mein Mitleid mit dem, ach so armen, Molotow-Cocktail-Terroristen, hält sich in sehr starken Grenzen.

6. Marlin - September 11, 2012, 19:10

Arme Lila.
Aber gute Arbeit. Immerhin habt ihr ihn großgezogen.

7. Carina - September 11, 2012, 21:36

Du kannst auch sooo stolz auf deine Kinder sein- und sie auf ihre Eltern ❤
Layla tov Carina

8. Rika - September 13, 2012, 18:39

Wie gut, dass ihm nichts passiert ist und er die Situation gut gemeistert hat. Du kannst stolz sein auf Deinen Sohn…. Deine Unruhe und Sorge kann ich gut nachvollziehen…. Hoffentlich nicht so bald wieder!

9. Lila - September 13, 2012, 19:30

Mir wäre es am liebsten, er und seine Kollegen wären gar nicht dort. Sie stehen zwischen den Fronten, es ist äußerst unerfreulich in den Gebieten und in Hebron vielleicht am schlimmsten. Es ist eine Scheiß-Arbeit und eigentlich ein Job für die Polizei, nicht für eine Armee. Ach wäre doch die Terrorgefahr nicht so konkret und echt, so daß die Armee dort nicht sein müßte, und die palästinensische Polizei könnte die Extremisten unter Kontrolle halten. No such luck.

Einfach vergeudete Lebenszeit für alle Beteiligten. Immerhin – er ist Sani, er hat eine sinnvolle Aufgabe, und er macht sie gut und gerne.


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