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Unberufen Mai 15, 2012, 21:53

Posted by Lila in Land und Leute.
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Manchmal fällt es mir richtig stark auf, daß Israelis doch anders ticken als Deutsche. Heute hatte ich so ein Erlebnis, das mir wohl in Deutschland nicht passiert wäre.

Es war am Telefon. Eine freundliche Dame unserer Krankenversicherung wollte meinen, Y.s und Quartas Gesundheitsstatus erheben. Dafür mußte sie nach Krankheiten fragen – was verpönt ist, wie sie weiß. Die bloße Andeutung, der Gesprächspartner könnte, chalila (unberufen), erkrankt sein, ist für viele, auch säkulare Juden, ein absolutes Tabu.

Also leitete sie ihre Fragen mit einer vorbereitenden Erklärung ein. „Ich muß dir jetzt ein paar Fragen stellen, die sich leider sehr unangenehm anhören, aber leider unvermeidlich sind. Dabei werde ich Krankheiten erwähnen müssen. Bitte, nicht persönlich nehmen, ich muß das fragen“. Na schön.

Dann fragte sie Krankheit um Krankheit ab, aber jedesmal mit einer Gott-behüte-Formel dabei. „Herzkrankheiten, she-lo-neda (mögen wir nichts davon wissen)?“ „Leberkrankheiten, chas-ve-chalila?“ „Nierenkrankheiten, chalila?“  „Chronische psychiatrische Erkrankungen, lo aleynu (nicht auf unser Haupt)?“

Auf jede meiner verneinenden Antworten erwiderte sie entweder mit „toda la-el“ (Gott sei Dank), „she-tehiu briim“ (seid gesund), „she-kach yishaer“ (möge es so bleiben), „baruch ha shem“ (der Name des Herrn sei gesegnet), „bli ayn ha-ra“ (ohne bösen Blick) und ähnlichen Formeln, so daß ich innerlich ihren reichen Wortschatz in dieser Richtung bewundern mußte. Und natürlich tfu tfu tfu.

Schließlich holte sie tief Atem und fragte: „und hat jemand von euch jemals, elohim yishmor (Gott schütze), Krebs gehabt?“ Als ich verneinte, murmelte sie, „ha-shem yishmor, ha-shem yivarech“ (der Herr behüte und segne). Ich merkte richtig, wie schwer es ihr fiel, diese schrecklichen Fragen zu stellen und damit, chalila, Unheil über uns herabzurufen.

Keine Ahnung, ob auch andere Versicherungsdamen in Israel so bemüht sind, die Ängste und Tabus ihrer Kundschaft zu beschwichtigen. Sie klang ansonsten sachlich und nett. Diese Formeln, wie ich ja schon oft berichtet habe, gehören einfach zum Alltagsvokabular dazu – und sie erinnern daran, welche Kraft im Judentum dem Wort zugeschrieben wird. Man soll seine Zunge hüten, anderen nichts Böses wünschen und nicht einmal den Gedanken an das Böse zulassen oder in Worte fassen.

Ganz abgesehen davon, daß dann natürlich die Versicherung zahlen müßte – unberufen.

Kommentare»

1. Silke - Mai 15, 2012, 22:28

und mir fällt auf, daß, wollte eine Versicherung derartiges von mir wissen, beim Abschluß einer privaten Krankenversicherung z.B. würde sie das mit Hilfe eines Fragebogens ermitteln. Jedem, der mich so etwas am Telefon fragen würde, würde einen Hörschaden erleiden.

Manchmal muß man für Untersuchungen so Vorerkrankungszettel vor Behandlungen oder bei Einweisung in Krankenhaus ausfüllen, aber immer schriftlich. Die Feinarbeit macht dann der Arzt.

Am Telefon einer wildfremden Frau, die jeder sein könnte, undenkbar …

Du hast recht, wir ticken wirklich anders.

Unsere „Staats“krankenkassen müssen jeden aufnehmen und dürfen gar nicht nach Vorerkrankungen fragen.

Soweit mir bekannt, darf auch moribund im letzten Stadium bei Beachtung der Formalien wechseln.

2. Marie - Mai 15, 2012, 22:47

Lila, Sie haben eine wunderbare Art zu erzählen – einfach klasse! Ich habe vor einiger Zeit Ihren Blog durch „Zufall“ entdeckt (Zufälle sind das, was einem zufällt) und immer mit Vergügen Ihre Artikel gelesen. Der Wechsel zwischen „ernsthafter Debatte“ und „netten (israelischen) Alltagsbegebenheiten“ tat (und tut) meiner Seele einfach gut! Schön, dass ich mich heute Abend wieder an „Ihnen“ erfreuen durfte!
Vielen Dank und Shalom! Marie

3. Lila - Mai 15, 2012, 23:59

Silke, die Frau war von der Krankenkasse, der wir bereits angehören. Ich hab sie gefragt, warum das am Telefon sein muß, und sie hat erklärt, daß sie heutzutage überhaupt nur noch telefonisch arbeiten. Die Gespräche werden alle aufgezeichnet. Tja, ist halt so.

Ich habe ja schon erzählt, daß hier in Israel alles, aber wirklcih alles über die Identity-Card-Nummer läuft. Von Kundenkarte bei Supermarkt über Matrikelnummer, Bücherei, Versicherungen, Bank – einfach überall ist diese Zahl drauf.

Ich glaube, u.a. deswegen ist es in Israel so einfach, einen Namen zu ändern – einen Nachnamen oder auch Vornamen zu hebraisieren, zu modernisieren, ihn einfach zu ändern. Der Name bedeutet nichts im Vergleich zu dieser magischen Nummer, die jeder auswendig kann, weil er sie dauernd braucht. Ein Albtraum für deutsche Datenschützer.

4. Silke - Mai 16, 2012, 0:32

ich habe mich daran erinnert, bevor ich den Kommentar schrieb und sehr geschmunzelt. Als Du das erzähltest und wir darüber gesprochen hatten, konnte ich aber auch die Vorteile für ein Land im Krieg erkennen. Da ist es vermutlich absolut lebensrettend, wenn man die Identität schnellstens einschließlich aller Vorerkrankungen, Gewohnheiten etc zur Hand hat.

Übrigens, in jeder gut designten Datenbank hat jeder Name eine unveränderliche Nummer, sichtbar für den User oder auch nicht, aber die Maschine identifiziert ausschließlich über die Nummer und zeigt den aktuellen Namen an. Insofern müßte es auch umgekehrt funktionieren, d.h. man sagt seinen aktuellen Namen und die Maschine spuckt die Nummer dazu aus. Ich bin ja immer dafür zu verlangen, daß Maschinen sich dem Menschen anpassen und gezwungen werden, ihn höflich und pfleglich zu behandeln.

Wir dürfen Namen ja wenigstens bei Eheschließung noch ändern (früher mußten wir). Doch neulich wollte ein Ehepaar von jwd seinen Namen in einen unter deutschen Bedingungen leicht aussprechbaren und merkbaren geändert haben. Das wurde abgelehnt. Die offizielle Begründung hört sich so seltsam an, daß ich gern den wahren Grund wüßte, falls es nicht einfach schlechte Laune war.

5. Lila - Mai 16, 2012, 0:47

Oh ja, das habe ich auch gelesen. Und da habe ich mir gedacht: das ist der Unterschied zwischen einem Einwanderer-Land und einem Nicht-Einwanderer-Land. In Israel ist es problemlos möglich, Rosenblum in Rosen zu verkürzen oder aus Hirschson Ben Zvi zu machen. In Deutschland wäre es wesentlich schwieriger, aus Ben Zvi wiederum Hirschson zu machen…

Ich wüßte gern Hintergründe zu der Geschichte.

6. Marlin - Mai 16, 2012, 12:01

Wie wäre es mit Beamtendünkel? Ist einfach und erklärt es.
Beamtentum, gibt es das auch in Israel? Wohl eher nicht. Die Knaben haben es seit Preußen geschaft, sich im Staatsapparat festzukrallen, über 2 katastophale Kriege hinweg…

Aber die Geschichte ist echt schön, erinnert mich in der Pointe wieder an Kishon. 🙂

7. A.mOr - Mai 16, 2012, 13:11

😉 Ganz ehrlich, Lila? (…und Dein Artikel kommt mir wie gerufen!)
Ich wünschte mir, daß es in Deutschland auch nur eine Ahnung davon gäbe, wie sorgfältig Worte gewählt sein sollen. Diese Kritik könnte ich natürlich an mich selbst richten (was ich auch tue), aber hier richte ich sie sogar an so manchen meines unmittelbaren Bekanntenkreises, auch wenn dieser Wunsch selbst schon beinahe „düster“ wirkt: etwas unangenehmes zu benennen an anderen eben; und auch noch (hier) „hintenrum“; bli ajn ha ra. Danke für den Iwrit-Unterricht! Elojhim jischmor, saj gesunt!

Marie (no2)
„Zufälle sind das, was einem zufällt“
Treffend und wunderbar. Ein schönes Wort von einem ’schönen Namen‘.
Erinnert ein wenig an „Sternentaler“, nicht? 😉

8. willow - Mai 16, 2012, 13:50

Nunja, vielleicht hat diese Entscheidung, statt der Fragebogenausfüllerei lieber eine Telefonbefragung durchzuführen ja auch mit den „Besonderheiten“ der hebräischen Schriftsprache zu tun … 😉

Man trifft jedenfalls recht Häufig Einwanderer, die sich auch nach vielen Jahren im Lande immer noch mit dieser „seltsamen“ Schrift eher schwertun 😀

9. Malte S. Sembten - Mai 16, 2012, 16:15

Heute hatte ich so ein Erlebnis, das mir wohl in Deutschland nicht passiert wäre.

Nein, das wäre hier nicht passiert, weil kein Krankenkassenmitarbeiter anrufen und Krankheiten abfragen würde. Gesetzliche Kassen dürfen das gar nicht – auch nicht per Fragebogen. Warum auch? Die Kassen bezahlen die Diagnosen und die Therapien und wissen ohnehin, welche Krankheiten bei ihren Mitgliedern behandelt werden.

Niemals würde ich telefonisch solche Fragen beantworten – schon deshalb nicht, weil ich gar nicht wüsste, ob ich tatsächlich mit jemandem spreche, der für meine Krankenkasse arbeitet, von ihr befugt ist und der Schweigepflicht unterliegt.

Im Grunde ist eine solche Befragung auch sinnlos – außer der Befragte antwortet unter Eid.

10. Justme - Mai 16, 2012, 16:38

Wahrscheinlich war sie entweder sfardisch oder sehr religiös…

Es gibt genug Israelis, die mit solchen Fragen gar keine Hemmungen haben…

11. A.mOr - Mai 17, 2012, 9:08

Tja, willow, Du wirst mir zum Flankengeber… 😀
Man trifft auch in Deutschland jede Menge Einwanderer, gar ihre in Deutschland nachgeborenen, die sich mit dieser Schrift und Sprache hier schwertun.

Was das Hebräische angeht, da ist es wohl eine Anekdote, wenn ich von einem Freund erzähle.
In dessen musikalischem Repertoire befinden sich selbstverständlich viele hebräische Lieder, nur gehört er zu jenen, die zwar mit jüdischer Mundart aufwuchsen (Kaukasus), jedoch eben nicht mit Hebräisch (mal abgesehen vom loschn hakadosch, dorten wahrscheinlich anders bezeichnet?). Inzwischen, in Deutschland als Einwanderer, hat er sich längst, neben Deutsch, passables Hebräisch beigebracht (in der ehemaligen SU war das bekanntlich nicht sehr gefördert worden), nur hat er Probleme von rechts nach links zu lesen. Will sich auch nicht mehr so recht daran gewöhnen können, er sei ja auch schon etwas älter, und ihm schmerzten die Augen davon. Abgesehen davon werden die Noten idR auch von links nach rechts geschrieben. So entwickelte er ein (mir) einzigartiges Hebräisch, welches sich von links nach rechts lesen läßt…
Damit aber keine Mißverständnisse aufkommen: das ist keine Bequemlichkeit, dies nicht von rechts nach links. Der Mann lernt und lernt und lernt und ist sicher niemand von jener Sorte Mensch, die sich in dieser neuen Heimat Deutschland allem anderen verschließen, schon garnicht aus Geringschätzung oder Hochmut heraus etwa.
A jiddische neschome, chojchejm, mein Seelenbruder aus Gebirgen fern von hier!
Vater und Großvater, ein respektabler Mann aus respektabler, ehrenwerter Familie.

Deutschland ist schwer; ist es dies, war es jenes? Es ist mir immer schwer, und ich bewundere meinen Seelenbruder dafür, daß er soviel weniger ‚Ausländer‘ ist als ich, der ich hier aufwuchs. Kind zweiter Generation jener Deutschen, die alles hier verloren haben, alles, nur das nackte Leben einer jungen Frau, die niemals den Schrecken tief eingebrennt mehr überwand, die aber Leben weitergab, so daß ich nun schreiben kann über Dinge, über die man nicht schreiben kann, weil sie keine Sprache haben; wajl es mont in mir a fajer…

Welche Sprache hat eine Bedeutung, wenn nicht das Herz mitschwingt, wenn das Wort selbst nicht gewogen ist in der Brust? Nur wie kann ein Wort sein wenn es so schwer ist auf diesem Weg, der uns prüft, Generation für Generation? Warum soll ich sagen, wie ich versucht bin: was haben wir getan?! Nein, ich frag: was hab ich getan! Nur ein Wort, saj gesunt!

~*~
E M R Arno Lustiger.


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