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Definitionen März 16, 2012, 3:18

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
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Das Wort pigua löst in Israel sofort eine winzigkurze Erstarrung aus, dann den heftigen Wunsch, mehr zu wissen. Das Wort stammt aus der Wurzel P-G-Ayn, Verletzung, und bedeutet Anschlag. Die grammatische Form des Worts pigua ist der Piel, also eine Steigerungsform. Eine normale Verletzung heißt pgiah, eine Verletzung durch Terror pigua. Das Wort wird üblicherweise nur benutzt, wenn Menschen die Zielscheibe sind, also keine Brandanschläge auf leere Gebäude.

Der Wunsch, mehr zu wissen, wird normalerweise von den Medien so bald wie möglich befriedigt. Zuerst müssen die betroffenen Familien Bescheid wissen, und das wird selbstverständlich auch immer erwähnt: „die betroffenen Familien wurden informiert“, sonst geraten andere in Panik und fragen sich, ob es nicht ihr Vetter oder Bruder war. Aber sobald klar ist, daß die Familien davon wissen, hören wir genau, wo und wann und wer und was mit den Attentätern ist – ob man weiß, wer sie waren, sie vielleicht schon gestellt hat.

In der Berichterstattung wird anfangs meist nur ungenau von nifgaim, also Verletzten, Betroffenen, gesprochen – darin sind Todesopfer mit eingeschlossen. Bevor die Familien informiert sind, werden keine genauen Opferzahlen angegeben – nifgaim sind Verletzte und Tote.

Bei Todesopfern werden die Namen so schnell wie möglich veröffentlicht, mit genauer Angabe von Zeit und Ort des Begräbnisses. Juden begraben gern noch am selben Tag oder einen Tag nach dem Tod. Wer zur Beerdigung kommen will, der hat die Informationen schon aus Fernsehen, Radio oder Zeitung. Den Familien bliebe gar keine Zeit, sich darum zu kümmern. Todesanzeigen werden hier nicht versandt – sie werden in der Nachbarschaft an Wänden und Zäunen angeschlagen.

Wir unterscheiden zwischen:

pigua hitabdut – ein Selbstmordattentat, normalerweise mit Sprenggürtel, Sprengsatz oder Bombe. Manche Sprengsätze sind mit Nägeln und Metallteilen versetzt, andere besonders groß (rav-otzma). Je nachdem ob der Anschlag in einem geschlossenen Raum oder im Freien stattfindet, sind viele oder wenige Opfer zu beklagen.

pigua yeri – Anschlag mit Schußwaffe, gern von Scharfschützen am Straßenrand verübt – in der Intifada II kamen davon viele vor, in den Gebieten besonders, aber auch an der Straße Nr. 6 (Noam Leibovitz).

pigua dkira – Anschlag mit Stichwaffe, so wie heute, als eine Soldatin von einem Palästinenser in der Straßenbahn in Jerusalem mit voller Wucht in die Brust gestochen wurde. Sie liegt im Krankenhaus. Der Sanitäter, der zum Glück in der Nähe war und sie behandeln konnte, erzählte, wie sie fassungslos sagte: „warum ich?“, und ein Arzt beschrieb die Verletzung – sie hatte großes Glück, ihr Herz wurde knapp verfehlt. Das Wort pigua dkira wird nur benutzt, wenn es sich eindeutig um einen Angriff aus nationalistischen Motiven handelt, also ohne vorhergehende  Auseinandersetzung. Oft wird dabei allahu akbar o.ä. gerufen. Es sind oft Einzeltäter, die sich spontan entscheiden, jemanden zu erstechen, zur höheren Ehre Palästinas oder Allahs.

pigua drissa – Anschlag mit einem Auto oder schweren Fahrzeug, durch Überfahren. Besonders Bushaltestellen voll Soldaten sind potentielle Ziele, aber auch Zivilisten auf dem Bürgersteig. Darum sind viele heute mit Absperrungen geschützt.

pigua mechonit tofet – ein Anschlag mit einem Auto, bei dem das Auto mit Sprengsätzen gefüllt ist und in ein Gebäude oder eine Menschenmenge gesteuert wird.

pigua hamoni – Massen-Anschlag. Das Herz sinkt einem ins Bodenlose, wenn man das Wort hört. Das sind Bombenanschläge, manchmal mehrere gleichzeitig (pigua kaful ist ein doppelter Anschlag). Pigua hamoni bedeutet: viele, viele Opfer. Und immer Tote.

Erleichterung dagegen fühlt man, wenn man nisaion pigua hört – der Versuch eines Anschlags. Entweder wurde er von vornherein vereitelt, verhindert oder aufgedeckt, oder jemand hat sich eingemischt oder gewehrt und den Angreifer entwaffnet, oder der mefagea hat sich dusselig angestellt.

Es gibt immer mal wieder Zeiten, in denen das Wort pigua oder nisaion pigua seltener fällt – vielleicht einmal die Woche. Dann wieder gibt es Zeiten, in denen wir es täglich hören. Insgesamt hören wir das Wort viel zu oft.

Ich wünsche dem jungen Mädchen, das gerade die Grundausbildung hinter sich hat, vollkommene und gute Genesung.

(Ich sehe gerade, daß sich Wikipedia der Sache ebenfalls angenommen hat, und auf ähnliche Unterscheidungen gekommen ist wie ich. Sie haben noch den pigua mikuach in der Liste – eine terroristische Geiselnahme. Interessanterweise werden Angriffe durch Steinewerfer, die ja durchaus töten können, besonders wenn sie eine Zwille benutzen, nicht als pigua bezeichnet – Asher Palmer und sein Sohn Yonatan sind so getötet worden ).

Kommentare»

1. Silke - März 16, 2012, 12:37

vielleicht einmal die Woche.

Was für ein Text und dann mittendrin diese Bombe – Du kannst das mit dem Horror Rüberbringen wirklich richtig gut.

und Ihr habt wohl kaum die einfache Lösung, die die Amis wählten nach dem Anschlag auf ihren Bus in Frankfurt, nirgendwo mehr öffentlich als Militärs auftreten (und das ausgerechnet in Deutschland).

http://www.bild.de/news/2011/news/tote-kosovare-16241248.bild.html

2. Silke - März 16, 2012, 13:27

OT und nur mal so

Man/frau stelle sich vor, diese Pressemitteilung würde von einer israelischen Regierungspartei verbreitet …..

Das weltweite Aufheulen der Wächter der (israelischen) Demokratie, einschließlich dem der amerikanischen Unterstützer Israels, wäre ohrenbetäubend bis trommelfellzerschmetternd.

http://www.cducsu.de/Titel__pressemitteilung_warnschussarrest_muss_wirksames_mittel_gegen_jugendkriminalitaet_sein/TabID__6/SubTabID__7/InhaltTypID__1/InhaltID__21502/Inhalte.aspx

Warnschussarrest muss wirksames Mittel gegen Jugendkriminalität sein
Instrumentenkasten der Jugendrichter erweitern

3. skriptalstrangulat - März 16, 2012, 16:53

OT:
Habt ihr schon die Tiraden unseres Vorsitzenden der Arbeiter und Bauern Partei gelesen.

Der Mann will deutscher Kanzler werden und bezeichnet Israel als Apartheidsregime. – Unwählbar

Danach seine Erklärungen lassen es immer schlimmer werden.

http://www.facebook.com/sigmar.gabriel

4. Ludwig - März 16, 2012, 18:22

3 – skriptalstrangulat

Der Siedlungsbau in der Westbank ist auf allen Ebenen gescheitert, das ist spätestens seit dem Bau des Sicherheitszaunes für alle offensichtlich. Israels Regierung zahlt einen Preis dafür, dass es dieses Projekt auf kleiner Flamme weiter zulässt – politisch, wirtschaftlich, militärisch und moralisch.

Die Debatte um den Nahostkonflikt sollte Raum für öffentliche deutsche Positionen lassen, die Israel so unterstützen, als ob es keinen Siedlungsbau gäbe und die Siedlungspolitik so bekämpfen, als ob es keine Solidarität mit Israel gäbe. Gabriels missverständlicher Facebook-Eintrag hätte eine solche Position werden können. Wieder eine verpasste Chance …

5. Silke - März 16, 2012, 18:45

sagte Jeffrey Goldberg einst und behauptete, damit habe er eine klare Linie. Scheint aber irgendwie nicht ganz zu klappen.

Aber das haben ja hehre Grundsätze grundsätzlich so an sich, wenn sie auf die Wirklichkeit prallen.

6. Silke - März 16, 2012, 18:52

komplett OT, paßt überhaupt nicht hierher, dennoch:

Klarsfeld ist von Deutschen vorgeworfen worden, sie habe die PR zu sehr im Blick.

Ich bin mal gespannt, ob einer der George Clooney Verehrer-innen hieran mit ähnlicher Strenge Anstoß nehmen wird.

http://www.bild.de/politik/ausland/george-clooney/proteste-gegen-sudan-krise-in-washington-hollywood-star-george-clooney-festgenommen-23186652.bild.html

Clooney-Bekannte berichteten „TMZ“, der Star fühle sich durch seine Festnahme „gut“, denn so bekomme das Thema mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

(Klarsfeld soll mal wenig begeistert davon gewesen sein, als sie von Wohlmeinenden zu schnell für ihren PR-Zweck aus nem deutschen Gefängnis befreit worden war. Ich hoffe, Clooney’s Freunde stimmen sich besser mit ihm ab.)

7. Stoff für’s Hirn « abseits vom mainstream – heplev - März 18, 2012, 16:15

[…] die moderne hebräische Sprache (Iwrit) interessieren, hat Lila etwas über die Vokabeln rund um pigua geschrieben – Verletzung, Anschlag. E-MailDruckenTwitterFacebookGefällt mir:Gefällt mirSei […]


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