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Was mir aus den Nachrichten in Erinnerung geblieben ist März 10, 2012, 22:25

Posted by Lila in Presseschau.
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Mal gucken, was ich aus dieser Überfülle an Informationen noch retten kann.

Die Hamas mischt diesmal nicht mit, anders als noch im August. Damit marginalisiert sie sich einerseits, weil der Islamische Djihad und die Widerstands-Brigaden (aus diesen Organisationen stammen ohne Ausnahme alle Toten – keine Zivilisten dabei) ihnen die Show stehlen, es zeigt aber auch, daß die Hamas eine gewisse Verantwortung übernimmt. Sie hat sich wohl an die Ägypter um Vermittlung gewandt. Ehud Yaari, der ja noch den letzten Funktionär der gottvergessensten ägyptischen Parteien und Vereine kennt, warf die entsprechenden Namen aus dem Mundwinkel. Er meint, diese Runde geht schnell vorbei und ohne weitere Eskalation, weil, tfu tfu tfu, keine der Parteien ein Interesse an Eskalation hat.

Die Beziehung des Gazastreifens zum Iran ist komplex. Angeblich findet dort eher eine Hinwendung zu den Moslembrüdern statt. Es gibt wohl auch Flügelkämpfe. Yaari meint, die Hamas redet öffentlich viel mehr über das Problem mit den Ägyptern und der Stromknappheit, als über die Krise mit uns.

Yaari amüsiert sich auch, daß die Palästinenser aus ihrer Zählung die von Iron dome abgefangenen Raketen raus-substrahiert haben. Die zählen sie nicht mit. Interessantes Ergebnis dieser Defensivwaffe.

Es ist auch denkbar, daß die momentane Eskalation (die sich ja schon seit Monaten abgezeichnet hat – 50 Raketen in den letzten drei Monaten) auch aus dem Ärger darüber kam, vom Thema Iran so an die Wand gedrückt worden zu sein. Bibi hat ja den Diskurs weltweit auf Kurs gebracht (ob das so schlau war, weiß ich nicht – kann auch wie ein Bumerang zurückkommen und die Welt nerven und eher von Taten abhalten), alles redet nur noch vom Iran, keiner mehr von den Palästinensern. Das mißfällt ihnen, wie Elder neulich schon feststellte. Letztere Überlegung ist übrigens meine eigene.

Beim Betrachten der Bilder von al Keisis Auto meinte Y. wieder, daß das kein normaler Einschuß ist. Er kennt die Rakete, mit der der Wagen beschossen wurde. Die macht normalerweise ein Loch und geht recht gerade durch. Der Wagen geht dann in Flammen auf und brennt aus. Aber al Keisis Auto hat es förmlich zerrissen. Y. kann es natürlich nicht beschwören, aber es sieht ihm ganz danach aus, daß in dem Wagen ein Sprengsatz war. Ich fragte ihn, warum das in den Nachrichten nicht erwähnt wird, wenn dem so ist, und er meinte, das muß man nicht erwähnen. Wer Augen dafür hat, der sieht es sowieso, und wer nicht, der eben nicht. Da Israel keine Möglichkeit hat, die Überreste des Autos zu untersuchen, ist jede Spekulation ohnehin müßig. Er findet die Form, in der das Auto förmlich explodiert ist, eben verdächtig.

Iron Dome beweist sich. Das System berechnet in Windeseile die Flugbahn der Rakete (Bruchteile für Sekunden hat es dafür), und wenn die Rakete in unbewohntes Gebiet geht, reagiert das System nicht. Aber wenn die Rakete bewohntes Gebiet ansteuert, fängt Iron Dome sie ab. Zusammen mit der Disziplin der Einwohner, die in ihren Schutzräumen bleiben (immerhin eine Million Menschen), sorgt das dafür, daß die Zahl der Verletzten bisher niedrig ist und es hoffentlich auch bleibt.

Primus erkannte natürlich die interviewten und gezeigten Offiziere der Luftabwehr, das ist ja seine Truppe. Er hofft übrigens, im Reservedienst beim Home front commando zu landen – er meinte trocken, „beim nächsten Krieg wird die Luftabwehr gebraucht, aber home front commando noch mehr“.

Der verletzte thailändische Arbeiter ist außer Lebensgefahr. Seine Verletzung ist sehr schwer, aber hoffentlich erholt er sich bald.

Weil dieses Wochenende ja Purim ist, sind die Kinder im Süden sehr enttäuscht. Alle Umzüge, Feste und besonderen Aktivitäten sind abgesagt. In manchen Kibbuzim finden die Purim-Parties trotzdem statt, mit leiser gestellter Musik, damit man sofort in die Schutzräume laufen kann. Alle Versammlungen von mehr als 500 Menschen sind untersagt, aber bei weniger als 500 Gästen können Hochzeiten und Bar-Bat-Mitzva-Feiern stattfinden. (Falls jemand überhaupt aus dem Haus will).

In Beer Sheva, Ashkelon, Ashdot und vielen anderen Städten fallen morgen Schule und Uni aus. Im Umkreis zwischen 7 bis 40 km. Immer kommen neue Namen dazu. Beer Tuvia. Dort wohnen sehr nette Menschen, die ich vor 20 Jahren mal kennengelernt habe – die Familie des Malers Felix Nußbaum aus Osnabrück. Auch die Eltern einer Freundin leben dort, schon alt und gebrechlich. Es ist nicht schön, wenn der Beschuß so näher und näher kommt.

Ich hätte nie gedacht, daß diese pessmistischen Prophezeiungen vor der Räumung des Gazastreifens wahr werden – da habe ich komplett falsch gelegen. Ich hatte tatsächlich die feste Hoffnung, daß die Palästinenser im Gazastreifen uns jetzt zeigen werden, was eine Harke ist, und ihre Kraft auf Landwirtschaft und wirtschaftlichen Aufbau und Infrastrukturen werfen. Damit die nächste angekündigte Räumung auch stattfindet. Wenn ich jetzt sehe, daß die Raketen bis ins friedliche Beer Tuvia fliegen, bis Kiriat Malachi und bald wohl auch ins südliche Tel Aviv…. schlimm.

Eine kurze Szene in den Nachrichten war schrecklich – eine alte Frau in einem Hochhaus, die in ihrer Wohung keinen Schutzraum hat. Ihre Töchter versuchten, sie in ihrem Rollstuhl durchs Treppenhaus in den Schutzraum aller Hausbewohner zu bringen, und alle, Töchter wie Mutter, heulten vor Angst auf. Was für eine albtraumhafte Situation.

Ich dachte dabei an die alte Frau in Kibbuz Niram, Mutter eines unserer Freunde aus dem Kibbuz. Die alte Frau konnte nicht mehr in den Luftschutzraum rennen und blieb in ihrer kleinen Wohnung. Aus Niram weg wollte sie nicht, egal wie ihre Söhne und Töchter versuchten, sie weiter gen Norden zu holen. Während der schlimmsten Zeit, kurz vor „gegossenes Blei“, hielt ihr Herz den Streß nicht mehr aus, und sie starb. Für hilflose alte und kranke Menschen, auch für Kinder, ist die Angst wohl noch schlimmer.

Ansonsten sind die Einwohner im Süden aber sehr nervenstark.

Hoffen wir, daß Yaari Recht behält und diese Runde sehr schnell vorbei ist. Ich habe keine Ahnung, wie die Eltern von Soldaten, die im Libanon oder im Gazastreifen stationiert waren, das ausgehalten haben. Ich weiß, daß Secundus nicht mehr in Gefahr ist als sonst auch – Grenzpatrouillen sind immer gefährlich, jederzeit kann chalila eine Bombe auf die Patrouille warten oder ein Scharfschütze. Er ist so nah an der Grenze, daß die Raketen über ihn weg fliegen. Seine kleine Basis ist unter der Erde angelegt, er schläft unter Tonnen von Beton und fährt in gepanzerten Wagen.

Aber daß er überhaupt in so einer Situation ist. Ich habe ihn nicht dafür erzogen, auf andere zu schießen – natürlich auch nicht dafür, daß auf ihn geschossen wird. Er muß die Grenze schützen und das tut er. Warum ist diese Grenze, die international anerkannt und unumstritten ist, so unruhig? Was wollen die Palästinenser? Sie hätten dort den Kern ihres zukünftigen Staats aufbauen können.

Ach ja – Ynet meldet gerade, daß es keine Krise im Gazastreifen gibt, aber daß Israel bereit ist, die Hilfslieferungen, die es ja eh schon täglich schickt, noch weiter aufzustocken.  Wirklich, größere frayerim als die Israelis gibt es nirgendwo. Die Palästinenser schicken Raketen, wir schicken Mehl und Zucker zurück. Immer schön über Kerem Shalom. Schade, daß sie da die Webcam abgebaut haben.

Wer die Nachrichten gucken will, auf Hebräisch: Teil 1, aber wie finde ich weitere Teile? Ich laß es lieber. Man muß sich die einzelnen Teile zusammensuchen, und wer gut genug Ivrit kann, um die Nachrichten zu verstehen, der wird hoffentlich auch die entsprechenden Reportagen finden….

Syrien und die USA wurden auch erwähnt. Von einem Manne namens Wulff hingegen hat kein israelischer Fernsehzuschauer je gehört… die haben einfach keinen Sinn für Prioritäten 😀

Kommentare»

1. Silke - März 10, 2012, 22:54

Sagt Yaari (wer immer das ist) was dazu, ob Hamas die Kontrolle wieder erlangen oder behalten wird über die diversen Terrorgruppen, die da angeblich ohne deren Erlaubnis ballern und sich profilieren wollen?

So verrückt es klingt, der Gazastreifen als failed state ohne durchsetzungsfähige Regierung macht mir noch mehr Angst als er das unter den Hamasern tut.

Möge wer immer für den Schutz der Guten zuständig ist, auf Euch aufpassen. Und mal ganz persönlich, als Kind von einer von Angst gebeutelten Mutter durch die Gegend geschleppt werden, bleibt nicht in den Kleidern stecken. Da kann der Rest noch so toll sein, da bleibt was zurück.

Und was die Hoffnung damals für Gaza anlangt, alle scheinen immer zu glauben, die Vernunft, die in Deutschland und Japan ausbrach, müsse auch woanders ausbrechen und vergessen dabei vollständig, daß „wir“ und die Japaner vorher aufs Eindringlichste und über einen langen Zeitraum demonstriert bekommen haben, was abgeht, wenn wir nicht anfangen, uns vernünftig zu benehmen.

Heute ginge so etwas wohl nicht mehr, aber daß es das gab und daß das vermutlich erst nach Kriegsende richtig Wirkung zeigte (Mütter vor allem hatten es dicke, denke ich), das bei den Hoffnungen, die sich immer wieder und überall gemacht werden, daß Wohlstand und Wachstum allein es bringen, auszublenden, heißt an Wunder glauben.

Ich habe keine Lösung, ich weiß ja nicht mal, wie man Leute, die sich nen Tunnelblick zugelegt haben, zum sich Umsehen bewegen kann.

2. mibu - März 10, 2012, 23:32

“ Die macht normalerweise ein Loch und geht recht gerade durch.“

Das Fahrzeug ist ein viertüriger VW Polo, also kein allzu grosses Auto. Der Tank, ein Kunststoffbehälter, dürfte um die 30-40 l Treibstoff aufnehmen können und befindet sich am Fahrzeugboden im Heckbereich. Bei einem Benziner reicht das schon für eine ordentliche Explosion, Diesel ist etwas träger. Wenn der Tank direkt getroffen wurde, könnte es für eine solche Zerstörung reichen, wenn das Geschoss erst im Inneren zündet. Ohne zu wissen, auf welchem Weg das Geschoss eingedrungen ist, kann ich es anhand der Bilder schwer einschätzen. Auf dem Bild vor beginn des Videos sieht es so aus als wäre die Tragstruktur der Rückbank noch vorhanden, was eher gegen weiteren Sprengstoff sprechen würde. Aber die Bilder lassen den Zustand des Wracks nur ungenau erkennen.

3. mibu - März 10, 2012, 23:36

Wulff ? Wer ist Wulff ?

(erinnert mich ein wenig an Asterix und die gelegentliche Frage nach Alesia, besonders bei Asterix und das Avernerschild)

4. Lila - März 10, 2012, 23:41

Ja, es ist wirklich schwer zu sagen. Kommt auch drauf an, wie viel Sprit noch drin war usw. Schade, daß man das Auto nicht untersuchen kann.

Der Anschlag auf die Straße an der Grenze war aber kurz vor der Ausführung. Da die Mitspieler auf der ägyptischen Seite noch aktiv werden können (und da wir gegen die nichts ausrichten können), ist der Alarm noch nicht aufgehoben.

5. mibu - März 10, 2012, 23:56

Dass die Veränderungen in Ägypten bei Hamas ansatzweise neue Gedanken in Gang gebracht haben könnten, geistert spekulativ schon etwas länger durch die Medien. Da die Hamas aus der Muslimbruderschaft entstand, klingt es auch plausibel. Aber es scheint innerhalb der Hamas Differenzen zu geben, z.B. zwischen Haniye und Meshal. Und jedesmal, wenn eine etwas ungewöhnlichere Meldung über Hamas kommt, folgt darauf sofort ein Dementi – zuletzt hinsichtlich des Verhaltens der Hamas bei einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Iran und Israel.

6. Lila - März 11, 2012, 0:14

Ja, dieser Ausspruch war kraß. Wurde hier auch mit seeeehr hochgezogenen Augenbrauen quittiert.

Nochmal ein Bild von diesem Auto.

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Sieht tatsächlich sehr kaputt aus.

Machen wir den Makaber-Vergleich.

Hier Bilder von Autos, die in targeted killings zum Klump geschossen wurden:

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Quelle hier

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Quelle hier

Und hier Bilder von Autos, die von innen durch einen Sprengsatz zerstört wurde:

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Quelle hier

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Quelle hier

Al Keisis Auto ist irgendwo dazwischen.

7. Bernd Buchner - März 11, 2012, 15:48

Die schönen Auto´s 😦

8. Stoff für’s Hirn « abseits vom mainstream – heplev - März 11, 2012, 18:09

[…] hat außerdem noch eine gute Zusammenfassung dessen gebracht, was die israelischen Nachrichten von Samstagabend ergeben […]

9. Irene - März 11, 2012, 19:28

Ich habe diesen Eintrag hier gestern überflogen und dann ein wenig über Iron Dome weitergelesen. Und heute bei Tagesschau.de über dieses Bild gestaunt, das momentan auch auf der Startseite zu sehen ist:

http://meta.tagesschau.de/id/58950/palaestinenser-bei-israelischen-luftangriffen-getoetet
Im Artikel selbst (auf „mehr“ klicken) kommt Iron Dome gar nicht vor.

10. Ludwig - März 11, 2012, 19:51

Bemerkenswert finde ich, dass sich die aktuelle Eskalation zwischen Gaza und Israel wieder um den Sinai dreht, genauso wie nach den Anschlägen in Eilat. In Gaza gibt es offenbar Terrorgruppen, die versuchen Ägypten stärker in den Konflikt reinzuziehen, indem sie Israel über den Sinai angreifen. Das will die IDF mit allen Mitteln im Vorfeld verhindern und nimmt dabei die Eskalation mit Gaza in Kauf. Zum Glück konnte Iron Dome bis jetzt die gefährlichsten Raketen abfangen.


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