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Und zum dritten Mal… März 6, 2012, 14:27

Posted by Lila in Katzen, Kinder, Persönliches.
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… haben wir loslassen geübt. So heißt es doch immer so schön, nicht wahr? Lieben heißt loslassen. Na schön. Lassen wir also mal los.

Wie ihre Brüder wurde Tertia in Haifa eingezogen. Hof ha Karmel, die Karmel-Küste, so heißt ein riesiger Busbahnhof und Bahnhof in Haifa, direkt am Meer, wo die Armee ein paar Räume für diesen Zweck hat.

Tertia hat seit Wochen ihr Gepäck akribisch genau vorbereitet. Jede Freundin oder Cousine hat sie ausgehorcht nach Tips, was man gut brauchen kann, und von Brüdern, Opa und Vater hat sie noch Tips gratis dazu bekommen. Sie hat eindeutig einen perfektionistischen Zug.

Wir fuhren sie also gestern früh in Richtung Haifa, und sie war stolz, wie kompakt ihre Tasche gepackt ist. Sie war aber auch aufgeregt und überlegte dauernd, was wir denn nur machen, wenn wie diesen Sammelpunkt der Armee nicht finden. Es nützte gar nichts, ihr zu sagen, daß wir ganz genau wissen, wo er ist, und daß die Wachleute am Busbahnhof neue Rekruten sowieso richtig einweisen.

Normalerweise muß man nämlich beim Betreten eines Bahnhofs oder Busbahnhofs in Israel durch eine Sicherheitsschleuse mit Metalldetektor und Durchleuchtung oder zumindest Durchsuchung der Taschen. Aber als der Wachmann uns sah, meinte er: „aha, eine neue Soldatin? dann laß ich euch so durch –  rechts und dann die Treppe rauf“ und ließ uns durch eine Seitentür ein. Wir verkniffen uns das „haben wir dir doch gesagt“…

Vor der Treppe zum Sammelpunkt standen schon Dutzende aufgeregter Familien mit jungen Mädchen und Gepäckstücken. Die Stimmung war aufgeregt und irgendwie geladen – alle nervös, alle bemüht, es nicht zu zeigen. Genau wie ich.

Es war ganz gut, daß Primus für den Vormittag einen Termin in Tel Aviv bei der deutschen Botschaft ausgemacht hatte. So verabschiedeten wir uns von Tertia, noch bevor die Menschenmenge die Treppe raufströmte. Oben müssen sich die neuen Rekruten registrieren, sie hören eine Rede und dann werden sie mit Namen aufgerufen, zu ihren jeweiligen Bussen. Die Busse in die Aufnahme-Basis stehen dann schon unten bereit. Das Chaos, das auf dieser elenden Treppe herrscht, wenn gleichzeitig Massen rauf- und runterdrängen, das hat mich schon die beiden letzten Male sehr gestört.

Diese Szene ist angeblich eine israelische Urszene:  wie die Kinder in den Bussen weggebracht werden und die Eltern schluchzend am Busbahnhof zurückbleiben. Und schon vor langer Zeit habe ich mir vorgenommen, daß ich mir und den Kindern das erspare. Wir haben Primus bis zum Bus begleitet und sind dann gegangen, ohne die Abfahrt abzuwarten, was er dankbar vermerkt hat.

Secundus – da erinnere ich mich an nichts mehr, weil ich gerade eine Studienfahrt nach Berlin hinter mir hatte und vom Flughafen direkt zum Busbahnhof kam. Ich war so müde, daß ich während der Rede auf dem Stuhl tief und fest einschlief. Ich glaube, auch da sind wir abgehauen, bevor das Heulspektakel anfing. Secundus hätte mir nie verziehen, wenn ich ein Drama gemacht hätte. Und für ihn ist alles, was über einen kernigen Schlag auf die Schultern oder in den Nacken („tschapcha„) hinausgeht, Drama.

Und so ließen wir Tertia und Y. zusammen zurück. Y. ist cool genug, um ohne Tränen und Hysterie so eine Zeremonie über die Bühne zu bringen. Tertia hätte das auch schrecklich gefunden.

Am Abend vorher hatten wir in der Küche zusammengestanden. Y. nahm mich in den Arm, Quarta drängte sich sofort dazwischen („ich bin in der Mitte!“), Primus hatte den Arm um uns alle gelegt und Tertia stand ein bißchen zögernd daneben. „Muß ich mich da jetzt anschließen…“ Wir streckten unsere Arme nach ihr aus und sie war dabei. Sie mag das eigentlich nicht, ebensowenig wie Secundus. Gut, daß der nicht dabei war – er wäre meterweit geflohen und hätte sich nicht mehr in unsere Nähe getraut. Primus und Quarta sind lockerer in der Beziehung. In der Küche kann man so eine Familienumarmung machen, in der Öffentlichkeit wäre es den Kindern peinlich.

Y. erzählte mir hinterher, daß alles ganz flott ging. Registrieren, Rede, und weg waren die Mädchen.

Ich war in der Zeit im Zug nach Tel Aviv. Mit Primus ist es ja immer lustig, und die deutsche Botschaft ist immer nett. Ich höre ja so gern, wenn Deutsch gesprochen wird, als wäre es selbstverständlich. Die Frau am Schalter war besonders freundlich – sie ist auch mit einem Israeli verheiratet und ihr Sohn trägt ebenfalls Primus´ schönen Namen. Innerhalb von 17 Minuten war Primus´ deutscher Paß beantragt, und wir waren draußen. (Ich muß aber auch sagen, daß Primus und ich wirklich alle Papier beisammen hatten und gut vorbereitet waren).

Dann noch ein Kaffee zusammen, und er ging seiner Wege, und ich meiner. Damit ich nicht wehmütig werde, ging ich an der alten Kern-Siedlung Tel Avivs vorbei, Sarona, und machte ein paar Photos. Und dann saß ich schon im Zug nach Nahariya. Der Tag war sonnig und windig und angenehm, das Meer wunderbar blau und ich hatte Zeit zum Nachdenken.

Die Jungens, na ja, Ihr wißt schon. Und jetzt ist auch Tertia die Woche über weg. Hm. Ich mag das ja nicht, aber ich muß damit leben. Und solange die Kinder zufrieden sind mit dem, was sie tun, kann ich auch damit leben. Nicht wahr. Muß ja auch. Aber wie blöd ist es, daß ich nichts mehr dazu beitragen kann, ob sie zufrieden sind oder nicht. Aber das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Und so saß ich etwas benommen in der Bahn und sah, wie meine Gedanken sich im Kreis drehten. Ich saß gewissermaßen ein bißchen neben mir.

Zuhause warteten wir natürlich mit Spannung auf ihren ersten Anruf. Der kam gegen Abend. „Ach, wir sind noch immer in dem doofen Bakum, nichts geht vorwärts…“, stöhnte sie. Bakum ist die Abkürzung für basis klita-u-miyun, also die Basis für Aufnahme und Einordnung. Da kriegen sie die Uniform und andere Ausrüstung, werden geimpft und untersucht und die Zähne werden geröntgt (denken wir mal lieber nicht darüber nach, zu welchem Zwecke…), und müssen Formulare ausfüllen. Das dauert und ist nervtötend.

Mehr haben wir noch nicht von ihr gehört. Irgendwann am späten Abend sind sie wohl mit dem Bus nach Bahad 11 gefahren, der bsis hadracha, Ausbildungs-Basis Nr. 10, in Zrifin. Als Primus damals ebenfalls in Zrifin, aber in Bahad 10, seinen Sani-Kurs gemacht hat, bin ich in so einem Gebäude gewesen, wo Mädchen untergebracht sind. Eine ganze Gruppe Mütter ging dort aufs Klo und guckte sich unauffällig-durchdringend um. Na ja, Jugendherberge ist Luxus dagegen, andererseits hört man aus fast allen Zimmern Mädchen lachen und elend sahen sie nicht aus.

Y., der tüchtige Vater, hatte für Tertia genau wie für die Söhne eine ganz lange Liste gemacht, wo alles draufsteht, was zu Anfang bei der Armee erfragt wird. Unsere sämtlichen Identitätskarten-Nummern, Einzelheiten zu ihren Brüdern und deren Dienst, alle Telefonnummern und sonstige Dinge, die die Armee wissen will. Wenn sie zB die Fahrtkosten von unserem Kaff nach Nahariya im Familienauto erstattet haben will, will die Armee wissen, wie viele km das sind und was wir für ein Auto fahren. Eben lauter so Kram.

Das Blatt war eng beschrieben und gesteckt voll mit Informationen. Tertia jedoch ließ es heute früh in ihrer Tasche, weil sie nicht damit rechnete, nach dem Frühstück nicht mehr auf ihr Zimmer zu dürfen. Und nun darf Y. sämtliche Informationen per SMS nachreichen, während Tertia durch weitere bürokratische Runden geschleust wird.

Nur gut, daß Y. ebendieses Szenario vorhergesehen hatte und für sich eine Kopie des Zettels bereithielt. Er ist wirklich ein höchst brauchbarer Mann, ich hätte nie daran gedacht, daß Tertia wissen muß, wieviel Sprit unser Auto verbraucht.

Mal gucken, was sie heute abend erzählt. Hoffentlich ruft sie an. Und wenn nur, um zu hören, wie es „ihrer“ Mini geht. Mini, die sehr an ihr hängt, läuft unglücklich durchs Haus. Ohne Primus, der noch in Tel Aviv ist, weicht sie nun auf die drittbeste Option aus, nämlich unser Zimmer. Mini ist extrem wählerisch – bei Quarta ist sie ungern, weil da immer diese schwarzen Nervensäge rumlungern. Tertia wird traurig sein, wenn sie hört, wie oft Mini in ihr Zimmer läuft und nach ihr sucht. Ich habe ihr versprochen, mich besonders um Mini zu kümmern. Aber nicht zu sehr, denn Mini soll ja ihre Zuneigung nicht auf mich übertragen. Das wäre Tertia auch nicht recht.

So eine Familie ist ein System, das man dauernd neu ausbalancieren muß, selbst das Wohlbefinden der Katzen muß stets sorgsam optimiert und abgestimmt werden. Und das mit dem Loslassen, na schön. ich lern es noch.

Kommentare»

1. Karl Eduard - März 6, 2012, 15:51

Einem Kommentator gefällt der Beitrag. 🙂

2. esther - März 6, 2012, 16:15

Ich wünsche dir, euch und vor allem Tertia eine möglichst stressfreie, na ja so weit das möglich ist, Eingewöhnungszeit in diese neue Phase des (Familien)lebens!

3. Silke - März 6, 2012, 17:25

ach Lila

also gut, ich bekenne, ich habe geheult, beim Zähne röntgen gab’s kein Halten mehr.

… und weiß jetzt, daß es unter Euren Umständen kein bißchen bemerkenswert ist, daß Euch die einheitliche Nummer für alles nicht erregt.

Sollten wir als Land je wieder in einen Kriegszustand geraten, hoffe ich, daß Pläne zur Umstellung auf ähnliche Effizienz bereit liegen und bis dahin auch dauernd gepflegt werden.

(OT aber doch irgendwie passend: Es wird sich doch oft und gern medial erregt, wenn mal wieder was geleakt ist, daß Israel Pläne für dies, das oder jenes macht. Vor ein paar Tagen habe ich nun gehört, daß Moltke? seine Eisenbahnfahrpläne für den Krieg 1870/71 10 Jahre früher angefangen hat zu erstellen und immer wieder zu optimieren, mit anderen Worten kompetente Militärs haben schon immer so gedacht und gehandelt.)

runterscrollen zum 2. Februar 2012

http://www.historyextra.com/podcast-page

4. Margot - März 6, 2012, 18:24

Schon Johann Wolfgang von Goethe meinte:
„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“
Tertia breitet nun ihre Flügel aus, aber die Wurzeln werden ihr immer wieder glücklich den Weg nach Hause zurückweisen, auch wenn sie dann einmal ihre eigene Familie gründen wird.
Den eigenen Kindern Wurzeln anzuerziehen ist natürlich leichter, als sie dann fliegen zu lassen. Ich weiß es aus Erfahrung. Obwohl ich sehr stolz auf die spätere Selbständigkeit meiner Kinder war, so mußte ich oft ein wenig Wehmut unterdrücken, weil sie mich (fast) nicht mehr brauchten. Dann tröstete ich mich selbst und sagte mir, es war ja mein Ziel, sie fürs Leben draußen zu erziehen.
Margot

5. Marlin - März 6, 2012, 18:55

Schon wieder ein schöner Bericht. Toll.

Die Zähne: natürlich um Krankheiten zu erkennen und Abhilfe zu schaffen. 🙂 Sollen doch alle schöne Zähnchen haben.

Aber wirklich gut, dass ihr Vater stark mitdenkt. Und arme Mini. 🙂

Und arme Lila natürlich. Kopf hoch und Daumen ebenfalls.

6. mibu - März 6, 2012, 19:18

Wahrscheinlich kommt Y. besser mit sms-Schreiben zurecht als ich, sonst würde Tertia immer noch auf Infos warten.
Ich wünsche ihr alles Gute, besonders dass sie die Zeit gut übersteht.
Und du natürlich auch, Lila.

7. willow - März 6, 2012, 20:51

Ach Lila … wenn ich das lese, habe ich einen Kloß im Hals und die Tränen wollen … ich drücke euch ganz fest alle Daumen -wird schon- und wünsche dir von ganzem Herzen, daß du das wirklich halbwegs so tapfer durchstehst, wie du uns erzählst. Weiah …

8. Corinna - März 6, 2012, 21:00

Ich wünsche Tertia und euch alles Gute für den neuen Abschnitt in ihrem Leben! Wie kommt es eigentlich, dass Primus den deutschen Pass beantragt?
Lg, Corinna

9. Lila - März 6, 2012, 21:21

Alles nicht so schlimm. Sie wird einen interessanten Kurs und Posten haben. Sie ist ganz vergnügt. Zwei Jahre sind nicht die Welt.

Corinna, warum sollte Primus KEINEN deutschen Paß beantragen? Sein Kinderausweis ist längst abgelaufen. Und wenn er in der EU arbeiten möchte, ist ein deutscher Paß, der seine deutsche Staatsangehörigkeit beweist, doch ganz nützlich. Mal gucken, ob er das auch tun wird.

Eigentlich sind meine Kinder sogar dazu verpflichtet, nur mit deutschen Pässen nach Deutschland einzureisen….

10. Silke - März 6, 2012, 21:33

Eigentlich sind meine Kinder sogar dazu verpflichtet, nur mit deutschen Pässen nach Deutschland einzureisen….

wie das?

mehr als einen Pass zu haben, ist IMHO immer von Vorteil, aber welche Bestimmungen greifen da, daß ein Pass dem anderen vorzuziehen ist?

11. Lila - März 6, 2012, 21:48

Deutsches Gesetz. Deutsche Staatsbürger sind verpflichtet, bei Ein- und Ausreise den deutschen Paß zu benutzen.

Und Israelis müssen zur Ein- und Ausreise nach bzw aus Israel den israelischen Paß zeigen. Ist so Vorschrift.

Eigentlich haben wir uns sogar strafbar gemacht, weil unsere Kinder eigentlich NUR abgelaufene deutsche Pässe haben…

http://de.wikipedia.org/wiki/Ausweispflicht

12. Justme - März 6, 2012, 21:48

In Israsel muss man auch mit israelischem Pass einreisen, so man einen hat…

… und die Fluggesellschaft fragt sich dann, warum man sich beim Hinflug mit einem anderen Pass ausweist als beim Rückflug….

13. pamesch - März 6, 2012, 21:58

…. wie ich ihn liebe, diesen Lila-blog.
Jetzt waren wir schon ein Jahr nicht mehr in Israel, da kommt beim lesen glatt Heimweh auf.

14. Jakobo - März 6, 2012, 22:03

Sehr schoen geschrieben, Lila.

„Schon Johann Wolfgang von Goethe meinte:
“Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“
das zitat gefaellt mir auch, werde ich mir merken

J

15. Jakobo - März 6, 2012, 22:09

„Deutsches Gesetz. Deutsche Staatsbürger sind verpflichtet, bei Ein- und Ausreise den deutschen Paß zu benutzen.

Und Israelis müssen zur Ein- und Ausreise nach bzw aus Israel den israelischen Paß zeigen. Ist so Vorschrift. “

ich glaub anders wuerde es auch keiner machen, wenn er die wahl hat. die einzige schlange die noch stressiger ist als die nicht-eu schlange ist die nicht-israeli schlange.

„Eigentlich haben wir uns sogar strafbar gemacht, weil unsere Kinder eigentlich NUR abgelaufene deutsche Pässe haben…“

Habt ihr euch dann immer in der ewig langsamen und langen nicht-EU schlange angestellt?

J

16. A.mOr - März 6, 2012, 22:11

Alles Gute, auch Gelassenheit Dir Lila, Erfolg und Segen an Deine Tochter und auch ein schönes Purim-Fest im erez wünsche ich.

17. Lila - März 6, 2012, 22:17

Jakobo, wir haben uns immer an der kürzesten Schlange angestellt (die dann aber seltsamerweise doch am längsten gebraucht hat…). Da wir immer Pässe beider Sorten bei uns führen, kam es nie drauf an. Es hat nie ein Beamter gemeckert, weder in Ben Gurion noch in D.

18. Corinna - März 6, 2012, 22:21

Hatten die Kinder von Anfang an beide Staatsangehörigkeiten? Dachte, es ist problematisch beide gleichzeitig zu haben. Klar, wenn er in der EU arbeiten will macht das natürlich Sinn.

19. Jakobo - März 6, 2012, 22:22

„Es hat nie ein Beamter gemeckert, weder in Ben Gurion noch in D.“

Ein kunststueck finde ich. in D ist das meckern bei der kontrolle eine art hobby von denen und in ben gurion gehoert passagiere nerven zu den best practices.

J

20. Jakobo - März 6, 2012, 22:33

Erst war es kein problem beide zu haben bis die bayern sich aufgeregt haben. dann war es eine zeit lang anscheinend so, dass wenn man als erstes die israelische hatte dann konnte man die deutsche dazu beantragen, aber wenn man als erstes die deutsche hatte und aliah gemacht hat und deshalb die israelische beantragt hatte dann wurde einem die deutsche weggenommen.

ist das immer noch so oder ist den behoerden wieder etwas neues eingefallen?

J

21. Lila - März 6, 2012, 22:36

Es ist überhaupt kein Problem, Corinna. Die Kinder haben als Kinder einer Deutschen selbstverständlich automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit, und als Kinder eines israelischen Vaters ebenso selbstverständlich die israelische.

Was das deutsche Staatsangehörigkeitsgesetz nicht erlaubt, ist aktive Erwerbung einer fremden Staatsangehörigkeit. Wenn ich die israelische Staatsangehörigkeit hätte erwerben wollen (was zu meiner Zeit von israelischer Seite aus möglich gewesen wäre), dann hätte ich die deutsche verloren. Darum habe ich auch in Tel Aviv meine Urkunde vorgezeigt, in der ich ausdrücklich meinen Verzicht auf die israelische Staatsangehörigkeit erkläre.

Für Juden gilt diese Regelung nicht, weil sie als Juden die israelische Staatsangehörigkeit eh schon haben, ob sie wollen oder nicht. Darum hat der deutsche Staat auch in ihrem Falle nichts gegen einen doppelte Staatsangehörigkeit einzuwenden.

Was man sich einfach so ererbt hat, darf man auch behalten. Ich hätte übrigens von den deutschen Behörden, wenn ich denn einen Antrag gestellt hätte, die Erlaubnis zum Erwerb der israelischen Staatsangehörigkeit bekommen. Da haben die mich extra für angeschrieben. Aber für mich ist jedes ausgefüllte Formular eine Strafe. Ich hab mir das gespart. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Status als permanent resident und danke den israelischen Behörden für diese Möglichkeit. Die Shoshana aus Afula, im Innenministerium, die mir das damals alles erklärt hat, hat mir sehr viel Streß erspart.

Übrigens müßten meine Kinder, wenn sie sich über die reguläre Dienstzeit hinaus bei der Armee freiwillig verpflichten wollen, dafür zuerst mal eine Erlaubnis der deutschen Behörden haben. Pflichtdienst in einem anderen Land, dem man ebenfalls angehört, gilt nicht als Bruch der Loyalität zu Deutschland. Freiwilliger Dienst schon.

Wenn man es vorher aber meldet, kann man sich eine Erlaubnis ausstellen lassen.

Unter den Papieren, die wir vorzeigen mußten, war auch Primus´ Urkunde, daß er nach Ableistung des regulären Diensts ohne weitere freiwillige Verpflichtung die Armee verlassen hat.

22. Jakobo - März 6, 2012, 22:45

„Für Juden gilt diese Regelung nicht, weil sie als Juden die israelische Staatsangehörigkeit eh schon haben, ob sie wollen oder nicht. Darum hat der deutsche Staat auch in ihrem Falle nichts gegen einen doppelte Staatsangehörigkeit einzuwenden. “

Das ist aber leider nicht ganz richtig. Ausser die behoerden haben wieder mal ihre launen geaendert.

Ich hab von geschichten gehoert wo eingewanderte Juden in die deutsche botschaft sind und einfach mal so keine verlaengerung mehr bekommen haben sondern ihr pass wurde eingezogen.

J

23. Lila - März 6, 2012, 22:58

Ich bin keine Expertin, also kann es sein, daß ich da eine falsche Information abgespeichert habe. Wir hatten das Thema auch schon ein paarmal hier 🙂

Jedenfalls habe ich eine deutsche Bekannte, die einen deutschstämmigen, jüdischen Israeli geheiratet hat. Sie hat damals keine schlaue Shoshana im Innenministerium gefunden und hat die israelische Staatsangehörigkeit aberkannt bekommen. (Rief mich auch damals an, um mich zu warnen). Der Witz: ihr Mann, der Israeli, hat seinen deutschen Paß natürlich noch. Ich weiß nicht, wie es weitergegangen ist… aber ich würde gern wissen, ob sie nicht am Ende auf dem Umweg um ihren Mann nicht doch wieder „eingedeutscht“ werden konnte… 😀

Lesefutter zum Thema:
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Staatsangeh%C3%B6rigkeit
http://www.hagalil.com/archiv/2005/05/staatsangehoerigkeit.htm
http://www.migration-info.de/mub_artikel.php?Id=050402

Aha. 2001 hat es wohl mal ein einschlägiges Urteil gegeben. Das war nach meiner Zeit.

Aber seit 2005 sind wohl die Zweifel beseitigt:
http://www.migration-info.de/mub_artikel.php?Id=050802

Das Bundesinnenministerium und das Auswärtige Amt haben ihre Praxis geändert. Bei Israelis wird die doppelte Staatsbürgerschaft möglich bleiben. „Das Auswärtige Amt ist bemüht, alle Betroffenen darüber zu unterrichten, wie sie die deutsche Staatsbürgerschaft behalten oder bei vorherigem Verlust wieder erwerben können“, sagte ein Sprecher. Möglich sei dies durch einen Antrag auf „Beibehaltungsgenehmigung“ vor der Auswanderung oder ein erleichtertes Wiedereinbürgerungsverfahren nach Abgabe des deutschen Passes. Deutschstämmige Israelis würden in diesem Punkt privilegiert behandelt. Die Deutsche Botschaft in Tel Aviv informiere die Betroffenen entsprechend.

Um die Zeit muß es auch gewesen sein, als ich den Brief kriegte, mit dem Angebot, eine solche „Beibehaltungsgenehmigung“ zu beantragen und dann die Israelis zu löchern. Hab ich mir gespart. Ich bin auch so zufrieden.

24. Jakobo - März 6, 2012, 23:04

Sie hat die israelische aberkannt bekommen? wie das denn?

ja.. das ist leider ein endlosthema. und die deutsche gesetzgebung ist da leider absolut willkuerlich es gibt einfach keine rechtssicherheit ich finde das ist eine schande was die behoerden da machen.

du musst dir ueberlegen es gibt andere laender dort gilt die staatsangehoerigkeit durch geburt oder durch eltern als ein grundrecht das einem der staat nicht wegnehmen kann. selbst unter diktatur kann man zwar schnell schwierigkeiten bekommen aber die staatsangehoerigkeit wird einem nicht genommen.

J

25. Jakobo - März 6, 2012, 23:15

„Das Bundesinnenministerium und das Auswärtige Amt haben ihre Praxis geändert. Bei Israelis wird die doppelte Staatsbürgerschaft möglich bleiben.“

Die Praxis wurde schon ein paar mal geaendert. Nach dem ganzen hin und her ohne vorwarnung und ohne den leuten wenigstens eine woche entscheidungszeit zu lassen welchen pass sie behalten moechten. koentest du den behoerden vertrauen?

wenn du das angebot angenommen haettest und den israelischen pass angenommen haettest, mit dem wissen was alles passiert ist und vor allem wie es passiert ist mit was fuer einem gefuehlt wuerdest du in zukunft in deutschland an der passkontrolle vorbeigehen? mal ehrlich?

J

26. Jakobo - März 6, 2012, 23:17

PS.:
die leute sind ja in die botschaft rein und wurden so behandelt als ob sie einen gefaelschten pass gehabt haetten oder als ob sie etwas haetten was ihnen nicht zusteht von einem moment auf den anderen. der pass wurde behalten und tschuess.

J

27. Jakobo - März 6, 2012, 23:20

der aergste verbrecher auf der flucht kann jederzeit nachlesen wieviele jahre auf seine tat anstehen wenn er in seinem land gejapt wird. aber der pass wird ihm nicht von heute auf morgen abgenommen

28. Lila - März 6, 2012, 23:27

zu 25: Och, ich würde mich wohl drauf verlassen haben, daß sie mich auch wieder einbürgern. Oder ich würde denken: hey, super, Material zum Bloggen :LOL:

Das Problem trat wohl bei der Verlängerung auf. Ich weiß nicht, wie es bei meiner Bekannten weitergegangen ist, aber ich denke mir, sowas ist auch korrigierbar.

Oh, oder ich würde versuchen, einen Nansenpaß zu kriegen! Denn ich bin gar nicht sicher, daß die Israelis mir noch mal die Staatsbürgerschaft anbieten würden, ich glaube, die sind inzwischen auch einen Zacken pingeliger. Aber wie cool wäre ein Nansenpaß? Bestimmt die kürzeste Schlange in Natbag.

Ja, ja, ich weiß, Nansenpaß gibts nicht mehr…

29. Jakobo - März 6, 2012, 23:30

„Oder ich würde denken: hey, super, Material zum Bloggen :LOL: “

jaja immer positiv denken 😉

entschuldige wenn ich mich darueber zu sehr aufrege aber staatsangehoerigkeit ist ein sehr sensibles thema fuer mich auf das ich auch sehr sensibel reagiere.

J

30. Jakobo - März 6, 2012, 23:33

„Ja, ja, ich weiß, Nansenpaß gibts nicht mehr… “

aber ich weiss nicht.. was ist ein nansenpass??

J

31. Carina - März 6, 2012, 23:41

Hallo ihr lieben,
ich habe ja auch beide Staatsbürgerschaften, bei mir war es jedoch etwas anders. Ich bekam kurz nach meinem 18.ten in D die Mitteilung ob ich beide bvehalten wolle oder nur eine. Für mich etwas merkwürdig, aber ich habe mich nie groß darum gekümmert, ich spreche ja nicht einmal gutes Hebräisch. Lesen kann ich gar nicht. Meine Mutter ist Israeli, aber auch schon (fast) immer in Deutschland. Ich werde mich mal schlau machen. Ansonsten liebe Lila finde ich es ganz toll das Tertia sich so gefreut hat. Ja Sie war ja schon ewig aufgeregt. Ich muß in die Küche bin noch am Hamantaschen backen.
Euch alles liebe!

32. Jakobo - März 6, 2012, 23:43

„Oder ich würde denken: hey, super, Material zum Bloggen :LOL: “

hehe.. da faellt mir ein das waere eine nette geschichte zum thema chutspe:

der grenzpolizist nimmt dir den pass ab und die leute hinter dir beschweren sich sofort das du in der falschen schlange bist und dich vorgedraengelt hast 😉

33. Lila - März 6, 2012, 23:50

Und ich warte, daß mein Fräulein Tochter vom Purim-Fest der Schule nach Hause kommt. Fast Mitternacht!

Aus dem Zuckerwatte-Kostüm ist nichts geworden, wie die Mädchen feststellten, nachdem sie mit einem gefühlten Doppelzentner Watte unsere obere Etage in ein Winter-Wunderland verwandelt hatten…. 👿

Jetzt haben sich Quarta und einer ihrer 12 besten Freundinnen als Kühe verkleidet. Watte abmontiert, Flecken draufmontiert. Beim Euter mußte ich helfen – rosa Gummihandschuh und so. Quarta meinte, ich mach es ihr nicht gut genug, und rief empört: „Mama, du ruinierst mir mein Euter!“ Das war süß.

34. Silke - März 7, 2012, 0:17

Aus meiner Zeit in der Personalabteilung in den 70ern, in denen ich massenweise Papiere für ausländische Arbeiter durch die Behörden zu schleusen hatte, erinnere ich mich an eins, nämlich daß Staatsangehörigkeit/Aufenthaltsgenehmigung und alles was damit zusammen hängt, Hoheitsrecht ist i.e. es ist ganz anders als anderes Recht und hat viel mehr Möglichkeiten für „Willkür“. Das ist übrigens generell so, also auch in anderen Rechtsstaaten.

Dieses Info-Bit hat sich in Kommentarsträngen als nützlich erwiesen, wenn Leute Israel wegen diesem oder jenem trashen wollten.


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