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Jahresrückblick 2011 Dezember 31, 2011, 17:38

Posted by Lila in Kunst, Persönliches, Uncategorized.
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Hm, bei den meisten Jahresrückblicken, die ich bisher gelesen habe, kommt 2011 eher schlecht weg. Bei mir ist das nicht so eindeutig. Ich kann über das letzte Jahr nicht klagen, und wenn was schieflief, dann war ich es wirklich selbst schuld. Das Jahr und alle Menschen, die mir über den Weg gelaufen sind, waren eigentlich sehr gut zu mir. Daß ich es manchmal nicht adäquat wiedergeben konnte, lag an mir.

Meine Arbeit. Ich liebe meine Arbeit, ich unterrichte gern, ich mag die Studenten und sie mögen mich. Immer, wenn ich früheren Studenten über den Weg laufe, werde ich herzlich begrüßt und höre, „wir vermissen dich“, „du warst unsere Lieblings-Dozentin“, „wir haben neulich im Kurs Didaktik über deine Stunden gesprochen, als positives Beispiel“, lauter nette Dinge. Da ich diese Studenten nicht mehr bewerten muß, freue ich mich einfach nur darüber. Ich kenne meine beruflichen Schwächen ganz genau (fragt mal die Sekretärin, wie schwierig es ist, mich dazu zu bringen, ein zehn Seiten langes Formular auszufüllen!), aber ich weiß, daß ich gut unterrichte. Natürlich nicht jede einzelne Stunde – manchmal ist es rätselhafterweise so, daß kein Funke überspringt. Das kommt vor. Aber selten. Meist genieße ich die Stunden, und die Studenten hören zu und beteiligen sich.

Das Schöne ist ja, daß ich Kunststudenten unterrichte. Die sehen einfach selbst, was ich ihnen erzählen könnte. Ich bringe ihnen eigentlich nur die Kunstwerke, aber das Hingucken, das können sie einfach. So zum Beispiel am Donnerstag, Thema karolingische Buchmalerei. Die Manuskripte der karolingischen Zeit (Karl der Große, also 9. Jahrhundert – Karl war ja so rücksichtsvoll, sich genau im Jahr 800 krönen zu lassen, so daß man sich das Datum sehr leicht merken kann!) kommen aus verschiedenen Skriptorien, die jeweils verschiedene Stilmerkmale haben.

Ich zeigte ihnen erst Bilder aus der Ada-Gruppe – ich habe das Motiv des Autorenporträts gewählt, damit die Bilder besser vergleichbar sind, hier also ein Autorenporträt aus einem Manuskript der Ada-Gruppe:

und dann ein Autorenporträt aus einem Manuskript der zeitgleichen Palastschule:

Ich brauchte gar nichts zu sagen, die Studenten riefen spontan aus: „oh, das ist ja ganz anders, ein total anderer Stil, die Palastschule ist ja viel klassischer, guckt mal die Luftperspektive und die vielen Nuancen, viel mehr Sicherheit in der Zeichnung der Möbel, keine Umrißlinien, der Heiligenschein ist natürlich byzantinisch, die Ada-Schule sieht viel mehr aus wie Lindisfarne…“, und ich stand nur vorne und freute mich. Ich bemühe mich immer, daß der enge Stundenplan nicht auf Kosten des Verständnisses geht, und daß immer noch Zeit ist für die spontane Reaktion auf ein Kunstwerk.

Ja, die Arbeit macht Spaß, und ich ziehe auch langsam wieder mehr Nebenjobs an Land. Ich habe im Laufe der Zeit doch ziemlich viel Erfahrung gesammelt in meinem Metier. Zwar fühle ich mich immer noch wie eine Hochstaplerin und warte immer noch darauf, daß mitten im Vortrag jemand aufsteht und sagt: „ha, das ist ja bloß die Lila, und sie hat echt keine Ahnung“, aber ich habe von vielen gehört, daß es ihnen ähnlich geht. Und ich glaube, ich wäre die erste, die bei so einem Zwischenfall sagen würde: „ganz richtig, aber ich bemühe mich echt, so zu tun als ob“.

Der ganze bürokratische Buckel, den meine Arbeit mitschleppt, der ist mir wirklich eine Last, und ich bin dankbar für die Geduld und Freundlichkeit der Sekretärin und der Chefin, die verstehen, daß ab einer gewissen Textmenge auf Hebräisch bei mir die neuronale Blockade einsetzt (oder wie auch immer das heißt) und ich Hilfe brauche. Die bekomme ich auch, und das weiß ich sehr zu schätzen.

Ja, Arbeit, da kann ich nicht klagen. Das Jahr war gut und intensiv und mit vielen schönen Momenten, wie am Donnerstag.

Ehe und Familie – ebenfalls kein Grund zur Klage. Mein Mann ist ja in meinen Augen perfekt, einen besseren Mann kann es überhaupt nicht geben, und je länger ich ihn kenne, desto bewußter wird mir das. Um uns herum sind im Laufe der Jahre einige Ehe zerbrochen und andere in Apathie und Nebeneinander-her-leben gemündet, und wenn man erstmal auf die 50 zumarschiert, nimmt man nicht mehr als selbstverständlich hin, daß der Ehemann noch immer da ist, noch immer interessant und interessiert ist, daß er lächelt, wenn er nach Hause kommt, und ich auch. Ich renne die Treppen runter, wenn ich ihn kommen höre, und er stürmt die Treppen hoch. Wir freuen uns einfach, wenn wir wieder zusammen sind. Ein riesiges, riesiges Geschenk. Da gibt es keine Relativierungen, kein Ja aaaber… einfach nur Freude und Dankbarkeit und stille Hoffnung, daß es so bleibt.

Kinder – da sag ich nichts. Soweit einer Glucke der Kamm schwellen kann, schwillt er mir, wenn ich meine Küken angucke, die ja gar nicht mehr flaumig sind.

Nein nein, das Jahr hat nur Gutes gebracht. Tertia hat das Abitur gemacht, Quarta hat die Grundschule abgeschlossen und ist in ihrer neuen Schule in einer Klasse für begabte Schüler, wo sie exzellente Noten schreibt und einen riesigen Schwarm von Freundinnen um sich versammelt hat (und auch schon ein paar Anbeter…), Primus hat die Armee hinter sich und Secundus ist Commander einer kleinen Gruppe Soldaten, die er durch die Grundausbildung begleitet. Ich mach mir stets Sorgen, aber sie geben keinen Anlaß zur Sorge. Das sind zwei verschiedene Dinge.

Der Umzug war ebenfalls positiv. Zwei Jahre sind wir nun aus dem Kibbuz schon weg – Heiligabend 2009 sind wir ausgezogen, nachdem im Oktober 2009 der Entschluß gefallen war. Anderthalb Jahre waren wir in Manot, und dem schönen Haus trauere ich schon manchmal nach. Aber mehr Platz haben wir hier, und ich habe den häßlichen Boden, die abgewetzten Bäder und die etwas seltsame Optik des Hauses von draußen (besonders den froschäugigen Eingang und die von Kabeln entstellte Rückseite) dafür in Kauf genommen.

Ich genieße die Nähe zu Nahariya wirklich, diese kleine Stadt mag ich immer lieber. Nahariya ist von einer reizenden Schäbigkeit – eine kleine weiße Stadt, die langsam ergraut. Ich mag die Hauptstraße mit ihren drolligen Schildern.

Ich habe im Sommer einen schönen Monat in Deutschland verbracht, mit Menschen, die mir wichtig sind und deren Leben mir wichtig ist. Die Blogpause hat mir gutgetan und meinen Blog auf ein Format zurechtgestutzt, das mir bequem ist.  Ich lebe in Frieden mit den Menschen um mich herum. Hm, nein, das letzte Jahr ist gut zu mir gewesen.  Ich kann nur  hoffen, daß das nächste ebenso nachsichtig mit mir umgeht, und mit allen anderen auch. Tfu tfu tfu.

Frohes Neues Jahr, liebe Leser.

Kommentare»

1. Andreas Moser - Dezember 31, 2011, 18:25

Ich habe aus 2011 das Beste gemacht – http://andreasmoser.wordpress.com/2011/12/30/new-years-resolutions/ – , und wünsche in diesem Sinne Alles Gute für 2012!

2. kaltmamsell - Dezember 31, 2011, 18:57

Schön, dass um Dich so viel Gutes ist – es trifft die Richtige. Auf dass es so weitergehen möge, inklusive angenehmer Überraschungen.

3. mibu - Januar 1, 2012, 10:40

Na dann wünsche ich Dir, Lila, dass auch 2012 dir wenigstens so viel Schönes und Gutes bringt wie 2011.

4. scipio - Januar 1, 2012, 19:25

Liebe Lila,

dass Dein 2012 ein (weiteres) gutes Jahr für Dich und Euch wird, das wünsche ich Dir!


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