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Von null auf hundert… April 26, 2011, 21:03

Posted by Lila in Ivrit.
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… stieg mein inneres Unfug-o-Meter, als mir vor ein paar Jahren ein weichgespülter Christ vom aramäischen Vaterunser erzählte. Er erklärte mir allen Ernstes, daß man bei einer Lektüre des aramäischen Urtexts die bekannte Übersetzung als Fälschung entlarven kann.

Das wahre Vaterunser, wie Jesus es ausgesprochen und gemeint hat, geht nämlich so:

Oh, gebärender Schöpfer! 
Vater-Mutter des Kosmos im strahlenden Licht!
Quelle des Seins! Atmendes Leben! 
Ursprung des schimmernden Klangs!

Aus heiligem Raum des gereinigten Herzens
leuchte Dein Name im Ton der Stille,
weise den Pfad uns zu nützlichem Tun!

Erschaffe Dein Reich der Einheit Dir jetzt
durch unsere flammenden Herzen,
und sende Dein Wirken zur Erde herab
durch unsere werkenden Hände.

Eine den Willen in uns mit dem Deinen
sehnen, im Göttlichen Herzen zu sein.
Führ‘ uns zur Tat, die Himmel und Erde verbindet.

Gewähre uns täglich, was wir an Brot
und klärenden Einsichten brauchen,
um zu erfüllen des Tages Gebot:
Eins-sein im Ganzen in Einfachheit.

Löse die Bande der Schuld,
tilge die Spur unserer Lieblosigkeit,
so wie auch wir freigeben die,
die uns Kränkung getan.

Lass uns nicht in die Irre gehen,
durch Macht und Reichtum verlockt,
durch Trägheit und Vergessen verleitet,
sondern reich uns die Hand zur richtigen Zeit,
zur Heimkehr ins Licht und Frohlocken.

Denn Du bist das Ziel wie auch Fundament
allen Seins und des glorreichen Lebens.
Du bist die ballende Kraft jeder Form,
Lied ewiger Schönheit und Freude.
Entformung auch im kosmischen Lauf
der Zeitalter Atmen und Kreisen.

So ist es und bleibt – die Wahrheit im Wort
möge Lebenskraft ihm verleihen.
Der Boden sei dies meines Wachsens zu Dir,
besiegelt in Liebe und Glauben.

Amen

Der freundliche Mann hatte das natürlich aus einem Buch. Den aramäischen „Urtext“ kannte er natürlich nicht, aber wer versteht schon Aramäisch, nicht wahr? Er war fest davon überzeugt, daß diese wunderbare Fassung Jesu Worte sinngemäß und treu wiedergibt.

Allerdings kann es sich bei den verschiedenen kursierenden aramäischen Fassungen nur um Rekonstruktionen handeln, da das Neue Testament auf Griechisch geschrieben wurde. Hm. Ich kann mich da im Moment nicht reinknien und versuchen aufzudröseln, wer nun aus welchen Quellen welchen aramäischen Dialekt wie übernommen oder rekonstruiert hat. Es kursieren auch unterschiedliche deutsche und englische Übersetzungen dieses sogenannten „Aramäischen Vaterunsers“ (die meisten davon auf Websites, zu denen ich nicht linken möchte, weil ich die naiven Menschen nicht kränken möchte, die das für die Originalfassung halten und gar meinen, Luther hätte das Neue Testament aus dem Aramäischen übersetzt… oder dem Hebräischen…).

Aber wer Hebräisch kann, der kann Aramäisch wenigstens ein bißchen verstehen. Gucken wir uns eine aramäische Fassung also mal an, egal wer sie verfaßt hat.

Abwun dvashmaya, nethqadash shmakh

Vater (av)  im Himmel (shamayim), dein Name (shem)  werde geheiligt (qadesh). Weder gebärender Schöpfer noch Mutter noch schimmerndes Licht oder sonstige Lyrik sind erwähnt. Ton der Stille und das ganze übrige Zeug – nichts von zu erkennen.

Tethe malkuthakh. Nehweh tsevyanakh, aykana dvashmaya af bar`a

Das ist schon schwieriger, das Verb erkenn ich nicht. Malkut ist das Königreich, tsivui der Befehl oder Wille, shamaim wieder der Himmel. Die Zeilen sind knapp, und ich glaube nicht, daß die ausführliche Beschwörung der Vereinigung der Willen exakt ist – mir sieht es eher aus wie: dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Hav lan lakhma dsoonqanan yomana

Lakhma muß Brot sein (lekhem), tsoona ist Ernährung, yomana klingt wie yom, der Tag, oder hayom, heute.

Ushvuq lan khaubeyn aykana d’af khnan shvaqan lkhaiveyn

Davon verstehe ich leider kein Wort. Ich nehme an, ushvuq und shvaqan gehen auf eine Wurzel zurück, die Vergebung bedeutet, und khaubeyn und khaiven beziehen sich auf eine Wurzel, die Schuld bedeutet. Bande der Schuld, Spuren der Lieblosigkeit und so weiter haben in der Zeile gar keinen Platz.

U’la te`lan lnisyouna

Interessant. Nisyouna bedeutet bestimmt Gefahr – nisayon bedeutet Erfahrung. U-la muß „und nicht“ bedeuten.

Ela patsan men bisha

Ela verstehe ich – das heißt „sondern“. Men entspricht dem hebräischen min, „von“. Bisha bedeutet bestimmt das Böse – busha ve-hurpa bedeutet Schimpf und Schande.

Metul d’dheelakh hee malkootha

Malkut wieder das Königreich, die anderen Worte erkenne ich nicht.

Ukhaila utheshbookhtha

U wie im Hebräischen: und. Khaila kenne ich nicht, aber tishbokhot ist Lob und Preis.

Alam l`almeen

Almin bedeutet Ewigkeit: bet almin ist der Friedhof.

Also, schon ein kurzer Durchgang durch den Text zeigt, daß die mit ehrfurchtsvollem Schauer als „echte unverfälschte Worte Jesu“ weitergetragenen Perlen der Weisheit mit Vibration und Schimmer einfach nur Klingklang sind. New-Age-Bombast. Während der Urtext selbst (den ich auf Griechisch nicht lesen kann, nur in der Vulgata-Übersetzung) von erfrischender und erfreulicher Knappheit ist.

Was mich daran stört? Daß die Leute nicht etwa hingehen und sagen: ich habe das Vaterunser zur Grundlage genommen, ein Gedicht zu schreiben, das meine eigenen Assoziationen und Empfindungen ausdrückt. Damit hätte ich kein Problem, denn die Gedanken sind frei. Eine Nachdichtung, Huldigung, Weiterführung – meinetwegen (wenn es ein Sequel sogar zu Gone with the Wind gibt, warum nicht auch zum Vaterunser….?)

Aber sich hinzustellen und so zu tun, als enthielte der aramäische Urtext diesen Text und die christliche Tradition hätte ihn nur unterdrückt – excuse me.  Wer so ein atmendes, kreisendes Wortgeschwurbel vorzieht und sich im Gedanken gefällt, daß seit Jahrtausenden „die Kirche“ uns die Wahrheit vorenthält – daß Jesus in Wirklichkeit ein ganz esoterischer Laberfax war und der Vatikan und Luther und alle anderen Bösen dieses schockierende Faktum in Archiven begraben haben… nun, der glaubt vielleicht auch manches andere.

Während ich versucht habe, Quellen für diesen fürchterlichen bardaq zu finden, bin ich natürlich auf eine Seite gestoßen, die wesentlich genauer übersetzt als ich. Ich hätte mir meine laienhaften Bemühungen sparen können. Aber was ich verstanden hatte, war wohl richtig.

Wikipedia erwähnt außerdem, was vielleicht nicht allgemein bekannt ist – daß das Kaddish dem Vaterunser sehr ähnlich ist, oder besser gesagt: das Vaterunser lehnt sich doch ziemlich an das Kaddish an. Ein Vergleich jedenfalls zeigt mehr Ähnlichkeiten zwischen Vaterunser und Kaddish als zwischen Vaterunser und „aramäischem“ „Vaterunser“.

Bestimmt ist diese Welle mit dem aramäischen Vaterunser längst schon verschwappt. Aber nach dem grauslichen Interview mit den drei geistlichen Fliegengewichten in der ZEIT würde mich schon interessieren, ob pseudo-christliche Texte dieser Art auch schon Eingang in Gemeinden gefunden haben… wundern würde mich bald nichts mehr.

Kommentare»

1. Walburga Waldheim - April 26, 2011, 21:11

Beati Pauperes Spiritou

2. Silke - April 26, 2011, 21:13

http://www.global.org/Pub/LordsPrayer.asp

die volle Auswahl und Herr Grayling hat mir gerade erzählt, daß die Verfasser der King James Version nicht ihr eigentliches zeitgemäßes Englisch verwendet haben, sondern ca. 100 Jahre zurückgegriffen haben, Old Age sozusagen 😉

und nein nix gegen New Ager Schelte, mir gehen die auch gewaltig auf den Keks, ich konnte nur in dem Zusammenhang nicht widerstehen.

3. Lila - April 26, 2011, 21:29

Und hier http://www.mittendrin-bonn.de/Was_wir_gemacht_haben/Bibel_in_gerechter_Sprache gibt es ein paar Ausschnitte aus der Bibel in gerechter Sprache. Darunter auch das Vaterunser. Sie haben ein paar Sachen reingeschmuggelt, die im Original nicht drinstehen.

Wer will die lesen?

Vielleicht bin ich seltsam, aber für mich gehört zum Trostreichen an der Bibel die knorrige Sprache.

Mich erinnern diese ganzen verzweifelten Versuche, die Bibel up-zu-daten 🙄 an die Baby-Mozart-CDs, mit denen ahnungslose Eltern ihre Kinder berieseln. Statt mittels normaler Mozart-Einspielungen die Sprößlinge zu beglücken, kaufen sie verhunzte elektronische Spieldosen-Fassungen.

Wenn ihnen Mozart nichts sagt, dann sollen sie eben andere Musik wählen, oder gar keine. Aber warum ein idiotisches Derivat? Ich habe das Phänomen noch nie verstanden. (Ebensowenig, wieso heutzutage alles, was Babies in die Hand gedrückt kriegen, elektronischen Töne von sich geben muß…)

4. Silke - April 26, 2011, 22:02

na wenn schon knorrige Sprache, warum dann nicht so?

feed://www.radiobremen.de/podcast/latein/

(ich glaube, die machen das zur Sprecherschulung, manchmal kommt da ein nicht ediertes Audio und ich bin hin und weg davon)

ich glaube, daß haltbare Sprache einfach unabhängig von der Zeit und der Sprache ist, es gibt halt zu jeder Zeit und überall nur jämmerlich wenige Menschen, die die Musikalität haben, daß ein geschriebener oder gesprochener Text gleich mitreißend atmet.

Ich dachte immer, Baby-Mozart sei dafür da, die armen Würmer mit dessen Hilfe schon im Mutterleib zu optimieren?

5. Lila - April 26, 2011, 22:08

Gott ja, irgend sowas.

Und dann dieses Baby-Fernsehen. Ich kenne tatsächlich Mütter, die ihre Babies vor idiotischen Baby-Leonardo oder Baby-Einstein-DVDs parken und noch glauben, sie tun dem armen Kind was Gutes. Und ich kenne auch immer mehr Kinder im Grundschulalter, die kein Puzzle mehr legen können, nur noch im Computer. Die Eltern empfinden das als wahnsinnig toll und viel besser als so ein olles Papp-Puzzle. Den Gewinn an Feinkoordination und Geduld beim altmodischen Spiel erkennen sie gar nicht als solchen. Je einfacher das Kind es hat, nun, desto besser – oder?

Mit dieser Einstellung kann man uns wirklich bald an Sonden anschließen, damit wir uns das Kauen und Runterschlucken ersparen…

6. scipio - April 26, 2011, 22:59

O ja, Lila, das ist auch in katholischen Kreisen nicht unbekannt. Mir ist dieses aramäische Vaterunser zum ersten Mal in einem Bibelkreis begegnet, wo es eine (wiegenkatholische) Freundin sehr beeindruckt hatte. Mit irgendwelchen Argumenten dagegen anzukommen war nicht möglich. Es war einfach „zu schön“, zu ohrenschmeichlerisch. (Und nachdem unsereins nicht durch die Lutherbibel immunisiert ist…)

7. Silke - April 26, 2011, 23:06

Lila
im Radio gibt es immer so Wellen und ne Zeit lang waren mal Grundschullehrerinnen dran – die beklagten sich, daß die Kinder heutzutage nicht mehr rückwärts laufen können …

Auf dem Dorf war es ganz schlimm, da terrorisierten sich die Mütter und Großmütter mit immer pingeligeren Unfallverhütungsvorschriften, damit nur ja nix passiere und alle fügten sich, denn wenn tatsächlich was passiert wäre, keine hätte getröstet, jede hätte nur, hättest Du … gesagt.

Und dann ließen sie ihre Kinder im Hof zwischen dem schweren Gerät mit nem Ball spielen, denn am Bach ist viel zu gefährlich usw. usw.

8. mibu - April 26, 2011, 23:48

zu Nr.6: scipio, manchmal hilft aber einfach ein Blick ins Gotteslob (s’Xangsbuch aus Xundheit, Xaver, Xälzbrot, Xangsbuch) und in den guten alten katholischen Katechismus – order de unum mufti – ganz offiziell, dann hat es sich ganz schnell ausesoterisiert (s.z.B. Ausgabe von 1993, Ziffern 2110-2128; allein dem „Vater Unser“ sind ganze 27 Seiten gewidmet, Nr.2759-2865).

9. Paul - April 27, 2011, 0:29

Hallo Lila,
Deine Frage: „würde mich schon interessieren, ob pseudo-christliche Texte dieser Art auch schon Eingang in Gemeinden gefunden haben… wundern würde mich bald nichts mehr.“

Hier bei uns in Berlin, speziell im ehemaligen Ostberlin, habe ich davon noch nichts gehört.

Der Zusammenhang mit dem Kaddisch ist mir auch schon aufgefallen.

Allerdings, ist mir beim Stöbern in Wiki aufgefallen, dass das Kaddisch wohl erst später als das Vaterunser entstanden ist.
Also dann doch eine Anlehnung des Kaddisch an das Vaterunser?

10. Paul - April 27, 2011, 0:34

Das habe ich gefunden:

„Das Kaddisch (aramäisch: heilig bzw. Heiligung) ist eines der wichtigsten Gebete im Judentum. Es ist ein Heiligungsgebet und bildete sich in den nachchristlichen Jahrhunderten heraus, wobei sich der ursprüngliche Kernbestand erweiterte und sein liturgischer Gebrauch im Laufe der Jahrhunderte veränderte.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Kaddisch

11. mibu - April 27, 2011, 7:10

zu Nr.3: Lila, ich stimme Dir voll und ganz zu. Von der Moderne bleibt vielleicht nicht viel mehr übrig, als die „Kunst“ der mundgerechten Zubereitung. Und diese droht vieles Überlieferte infantil oder esoterisch (worunter man auch die Ökonomie zählen darf) zu verwursten bis nichts mehr erkenn- und unterscheidbar ist.

12. scipio - April 27, 2011, 8:58

@mibu: Mit etwas original Katholischem (und noch dazu etwas Schwarz-Weißem) kann man heutzutage in Deutschland die wenigsten Katholiken beeindrucken. Auch und gerade unter den „aktiven“. (Aber das ist vielleicht die ganze Malaise…)

(Ja klar, ich übertreibe, aber ich bekomme das Gefühl nicht ganz los.)

13. Simon - April 27, 2011, 12:18

Um welchen Zeit-Artikel handelt es sich denn?

14. boxi - April 27, 2011, 12:24

eine bibel in einer gerechten sprache ist doch gar nicht soo schlimm (auch wenn sie zurecht theologisch stark kritisiert wurde). es gibt letzendlich ja tausende unterschiedliche übersetzungen, manche halten sich mehr an dem text, manche weniger. manche versuchen den inhalt richtig zu interpretieren und genau das wiederzugeben (weil nicht jede wörtliche übersetzung auch den sinn richtig wiedergibt).
allein die deutschen überetzungen unterscheiden sich ja teilweise gravierend und das sind ganz offizielle.
nichtmal die zusammensetzung ist bei den verschiedenen kirchen gleich, ebenso richten sich manche mehr danach (z.b. zeugen jehovas) und andere weniger (z.b. hat in der kathol. kirche das wort des papstes eine höhere bedeutung als die bibel).

15. mibu - April 27, 2011, 17:59

„hat in der kathol. kirche das wort des papstes eine höhere bedeutung als die bibel“

boxi, da die Bibel die Offenbarung, das Wort Gottes ist, kann das eigentlich nicht sein. Die Authorität des Papstes beschränkt sich darauf, wie die Bibel in Zweifelsfall zu verstehen ist und welche Folgen dies für die Ausübung der Religion hat.

Die Unfehlbarkeitslehre ist dabei nicht einmal so alt; man tut wahrscheinlich gut daran, den Papst als Teil christlich-katholischer Tradition in der Rolle des Nachfolgers Petri zu verstehen, dessen Aufgabe es ist, das Christentum als Gemeinschaft, als Kirche zu organisieren. Damit steht er eher nicht über der Bibel. Eins ist er jedenfalls mit Sicherheit nicht: Stellvertreter Gottes auf Erden, auch wenn’s manchmal fälschlicherweise so dargestellt wird.

16. mibu - April 27, 2011, 18:25

zu Nr.12: ich bin in meiner ganzen katholischen Erziehung nie mit dem Katechismus konfrontiert worden. Für manche Älteren war er der Inbegriff von Bigotterie und Heuchelei, insbesondere nach den Erfahrungen des 3.Reichs. Wohl nicht völlig zu Unrecht. Offenbar musste man früher in manchen Schulen einiges daraus auswendig lernen.

Lustigerweise wurde ich aus irgendeinem Grund, an den ich mich nicht mehr erinnern kann, vor ein paar Jahren neugierig darauf und habe mir ein Exemplar zugelegt (von Ratzinger bearbeitet, vielleicht war das der Grund, keine Ahnung …)

Für mich ist der aktuelle Katechismus eine interessante Fundgrube von offiziellen katholischen Stellungnahmen und ein interessanter Ausgangspunkt für manche Fragen.

17. boxi - April 27, 2011, 18:31

@mibu… naja, die geschichte lehrt uns aber ja irgendwie schon, dass es eben nicht nur der umstrittene „einzelfall“ ist, bei dem der papst „nur“ die interpretationshoheit besitzt. schon das alleine finde ich ein wenig „seltsam“, kann man aber ebenso als konzept betrachten.

trotzdem seh ich in der kathol. kirche schon einen anderen blick auf die bibel, ich zitiere dazu mal einfach aus der wikipedia: “ Nach katholischer Auffassung erlangte die Bibel selbst ihre Autorität jedoch erst durch die Kirche, die ja auch älter sei als die Bibel. Das kirchliche Lehramt legte den Kanon der Bibel fest, was ebenfalls die Autorität der Kirche über die Bibel zeigen solle.“

18. Lila - April 27, 2011, 18:35

Wie kann die Kirche älter sein als die Bibel? Wenn man unter „Bibel“ nur das NT versteht, dann schon. Aber die BH (Biblia Hebraica) hat ja wohl ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel als die Kirche. With all respect.

19. boxi - April 27, 2011, 18:43

@lila… naja, wenn man die kanonisierung betrachtet, macht das schon in gewisser weise sinn. klar gab es die schriften auch so, aber in dieser zusammensetzung hat wohl erst die kirche es zu dem buch werden lassen.

20. Lila - April 27, 2011, 18:52

Die Kirche hat die Tanach kanonisiert? Wer hat dir denn so nen Kappes erzählt? Ohne die Kirche gäbe es keine jüdische Tanach?

21. yael1 - April 27, 2011, 18:56

Gott sei Dank nicht, das täte uns auch noch fehlen.

22. boxi - April 27, 2011, 19:18

@lila… meinst du mich? ich hab doch gar nicht von der tanach gesprochen, sondern von dem, was die christliche bibel heute für der katholischen kirche ist. und das hat die kirche sehr wohl kanonisiert.

23. Lila - April 27, 2011, 19:24

Boxi, ich erkenne mich freudigem Staunen, daß du dich endlich traust, mich zu duzen! 🙂

Wenn Du Bibel sagst, sagst Du auch Tanach. Es gibt zwar Unterschiede zwischen dem, was sich in einer katholischen Bibel AT nennt (die Apokryphen, aber auch die Reihenfolge), aber den Text haben doch nicht Kirchenmänner geschrieben. Das sind doch alles Texte, die vor dem Christentum geschrieben und redaktioniert wurden. Ich weiß nicht mehr, wann genau „die alten Masoreten“ (wie mein alter Lehrer das nannte) die Bücher schluß-redaktioniert haben. Aber das war satt vor Paulus.

Die christliche Heilige Schrift besteht aus zwei Teilen: dem AT (Biblia Hebraica, Tanach), das die Juden geschrieben haben und das Jesus sehr gut kannte (er zitiert oft daraus, zB: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst…) und dem NT.

Oder was meinst Du?

24. boxi - April 27, 2011, 19:49

@lila… manchmal gibt es momente der klarheit in meinem leben. anders gesagt, ich bemühe mich.

natürlich wurde die bibel nicht von der kirche geschrieben, aber sie wurde (auch) von ihr kanonisiert. aber du hast recht, ich hätte mich da mal wieder besser ausdrücken können.

einfach gesagt hat die christliche kirche die schriften der tanach genommen, größtenteils übernommen und ein paar teile angefügt (z.b. judit). dann wurde noch das neue testament angefügt. aber die kanonisierung, wie man eine kathol. bibel heute findet, wurde von der kirche durchgeführt. selbst martin luther hat ja teile nochmal anders kanonisiert und folgt da mehr der jüdischen ursprünglichen variante.

25. mibu - April 27, 2011, 22:00

boxi, die Kanonisierung hat relativ wenig mit dem Verständnis der Rolle der Kirche im Vergleich zur Bedeutung der Bibel zu tun. Auch das, was die kath.Kirche beim AT hinzugenommen hat, stammte aus jüdischer Überlieferung. Tatsächlich hat die Kirche im katholischen Glauben einen anderen Stellenwert, erkennbar an der Tradition der Priesterschaft, der Sakramente, der Liturgie, …
Es steht darüber einiges im Katechismus, weshalb ich mich hier in solchen Spitzfindigkeiten nicht weiter verheddern möchte.

26. Wolfram - Mai 5, 2011, 23:12

Boxi: das Judentum zur Zeit Jesu verwendete überwiegend die griechische Ausgabe der heiligen Schriften, die als „Septuaginta“ (kurz: LXX) bekannt ist. Erst als die Christen – zuerst wohl ein gewisser Paulus, der nachgewiesenermaßen regelmäßig LXX zitiert – diese Schriften gewissermaßen mit Beschlag belegten und sich die Beziehungen zwischen Christen und nichtchristlichen Juden immer weiter verschlechterten, ging das mittlerweile auf den rabbinischen Zweig reduzierte Judentum zurück auf die in hebräischer Sprache vorliegenden Schriften: den „TaNaK“. Dabei kannten sie wohl einige hebräische Schriften nicht, von denen die griechischen Übersetzungen in LXX vorliegen, wie etwa Jesus Sirach, dessen hebräische Version seit einem Jahrhundert wieder bekannt ist.
Die frühe Kirche hat die LXX quasi ungeteilt übernommen, Unterschiede gibt es nur für ganz wenige Schriften wie das Gebet Manasses, das im Osten anerkannt ist, im Westen aber nicht kanonisch galt.
Die Reformatoren haben, in dem Wunsch, so nah wie möglich am Ursprung zu sein, der hebräischen Schrift den Vorrang vor LXX gegeben. Luther hielt aber die nur in LXX überlieferten Schriften, „Apokryphen“ nennt er sie (die römische Tradition spricht von „deuterokanonischen SChriften), für durchaus lesenswert – und übersetzte interessanterweise auch die in der Vulgata nicht enthaltenen Texte.

Der Papst ist übrigens auch nicht „höher als die Bibel“; was er entscheidet, muß immer im Einklang mit der biblischen Botschaft stehen, wie sie in der Tradition der (röm.-kath.) Kirche verstanden wurde. Man kann freilich trefflich darüber debattieren, ob das immer so zutrifft.

Zum Mutterunser-Text: ich habe zuerst gedacht, er stamme aus der ungerächten „Bibel in gerechter Sprache“, wo leider so ein Unfug zuhauf vorkommt. So unverschämt haben nicht mal die Zeugen Jehovas den Bibeltext verdreht… Wenn ich etwas übersetze, muß ich versuchen, so nah am Wortsinn zu bleiben wie möglich. Sowohl der obige Text als auch die ungerächte Bibel“übersetzung“ dichten aber fröhlich in den Text hinein, was nicht darin steht, aber der Ideologie der Bearbeiter entspricht. Wenn ein vereidigter Übersetzer so etwas abliefern würde, er wäre seiner Zulassungen schnellstens ledig.


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