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Qualvolle Gedanken Februar 23, 2011, 19:54

Posted by Lila in Presseschau.
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Seit dem Erdbeben in Christchurch quält mich unablässig der Gedanke an die Menschen, die da unter Trümmern liegen. Ich war noch nie in Neuseeland, aber es war immer ein Traumziel von mir. So weit weg, so ruhig. In den Terrorjahren, als das Leben so schwer und fast unerträglich war, habe ich manchmal davon geträumt, einfach wie unsere Nachbarn das Leben von Grund auf zu verändern und nach Neuseeland auszuwandern. Weit weg von allem. Natürlich haben wir es nie ernsthaft in Erwägung gezogen, aber als Tagtraum, wenn wieder mal Anschlag auf Anschlag folgte, war Neuseeland genau richtig.

Ich verfolge auch das Schicksal der israelischen Vermißten. Es hat mich nicht gewundert, daß mehrere Israelis noch nicht aufgetaucht sind – viele junge Israelis fahren nach der Armee nach NZ, und wir können nur hoffen, daß sie alle auftauchen. Daß solche jungen Israelis, kurz nach dem Armeedienst, sofort mitgeholfen haben, Trümmer zu räumen und zu helfen, wundert mich ebenfalls nicht – das war nach dem Tsunami und eigentlich nach jeder Katastrophe so. Israelis helfen spontan, und sie helfen organisiert.

Außerdem nehme ich an, daß auch andere Touristen zugepackt und geholfen haben.  Aber ein Armeedienst, besonders als Sani oder bei Rettungs-Einheiten, bereitet ganz gut auf solche Situationen vor. Israelis verlieren auch nicht leicht die Nerven (es sei denn, es handelt sich um Eltern, deren Kinder von grausamen Commandern mit unzureichendem Abendessen gequält werden – aber das ist ein anderes Kapitel).

Israel hat auch sofort Hilfe angeboten. Weil NZ so weit weg ist, hätte die Zusage sofort kommen sollen. Statt dessen hat die neuseeländische Regierung bisher keine Hilfe angenommen – von anderen Staaten wohl, aber israelische Hilfe wurde nur angeboten, nicht angenommen.

Und nun quält es mich unbeschreiblich, daß ich in den Nachrichten und Zeitungen gesehen habe, wie leicht die neuseeländischen Rettungskräfte aufgeben.  Sie sagen, aus manchen großen eingstürzten Gebäuden kann niemand mehr lebend gerettet werden, UND GEBEN DIE SUCHE AUF. Als wir das hörten, haben Y. und ich uns nur entsetzt angeguckt. Israelische Rettungskräfte hätten nie und nimmer so schnell aufgegeben, niemals. Wie lang hat es gedauert, bis die kleine Shiran Franco in der Türkei damals ausgegraben war? Tagelang hat sie ausgeharrt. Niemand hätte gedacht, daß sie noch lebt. Doch die Mutter saß neben den Trümmern. Und die israelischen Rettungskräfte gruben die Kleine raus. Ich werde nie vergessen, wie sie ihr Wasser gaben.

Ich denke an die Menschen, die dort lebendig begraben liegen, vielleicht sogar hören können, wie die Rettungskräfte sich entfernen. Warum kann ich mich nur vom Schmerz anderer manchmal nicht abkoppeln? Ich will auch nichts gegen die Neuseeländer sagen, sie retten ja weiter, wo sie noch Chancen sehen. Aber Y. und ich wußten sofort: kein israelischer Trupp wäre abgezogen.

Und dann habe ich unter den Talkbacks in Ynet den folgenden Text gefunden:

3.  Please Israel Come and Help!
I hope all 30-40 Israel’s are safe. The communication is difficult especially around the city. I am in Christchurch and able to move around. If there is anything I can do please ask Ynet to give you my email.
We need Israel’s search and rescue team. There is something about them, I will feel at peace if I see the star of David flag around the city.
Rida , Christchurch (02.23.11)

 

Ich wünschte so sehr, die Neuseeländer hätten das Angebot angenommen. Warum andere Staaten, warum nicht Israel?

Ist es irrational, daß ich das Gefühl habe, daß ich israelischen Rettern mehr zutraue als anderen – und daß sie vielleicht noch einen Menschen retten könnten? Und wer ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt. (Und Yael weiß auch, wo das steht).

Kommentare

1. Noa - Februar 23, 2011, 20:12

Eine ehemalige Kollegin von mir, hatte sich am 20. aus Christchurch gemeldet, war mit ihrem Ehemann „endlich mal richtig weit weg“ gereist. Sie wollten am 20. dann mit einem Auto und Zelt in die Berg, hatten in Christchurch im Hotel gewohnt. Ich hoffe sehr sehr, dass sie wirklich sofort in die Berge fuhren und in Sicherheit sind, und dass ich morgen oder übermorgen von ihnen eine mail bekomme.Wie grotesk das doch ist, da faehrt man und erfüllt sich einen Traum…. und dann… furchtbar.
Noa

2. Silke - Februar 23, 2011, 21:24

von meinem Großvater habe ich eine bzw. zwei Infos zu WW1 von seinen Erfahrungen geerbt: Pah Kamerad Schnürschuh, damit sind eigentlich Österreicher gemeint, doch in Großvaters Weltsicht praktisch alle Katholiken, doch die Juden, ja das waren feine Kerle, wenn man mit so einem Dienst tat, dann fühlte man sich gleich besser. Auf die war Verlass.

3. Kunzen - Februar 23, 2011, 22:04

Na super… Es leben die STereotypen… toll…

4. um - Februar 23, 2011, 22:50

Lila, ich verstehe dich so gut.

5. Roithamer - Februar 23, 2011, 22:58

Dass Neuseeland die Hilfe Israels nicht annimmt, die anderer Länder aber sehr wohl, irritiert mich sehr. Sind da nur Antisemiten in der Regierung oder kann das auch andere Gründe haben?

6. Lila - Februar 24, 2011, 5:47

Eigentlich war das Verhältnis Neuseeland-Israel traditionell gut. In den letzten Jahren wohl weniger. Über die Hintergründe weiß ich zu wenig. Es mag auch pragmatische Gründe haben, die Entfernung etc. Wenn ich was dazu finde, stelle ich es hier rein.

Silke, meine Oma hatte auch mehr Vorurteile gegen Katholiken als gegen Juden. Ob das mehr für die Juden oder mehr gegen meine Oma spricht, na, da denke ich lieber nicht drüber nach:-)

7. Lila - Februar 24, 2011, 7:45

Eine Israelin in Christchurch am Telefon, Channel 2: sie hat auch das Gefühl, daß die neuseeländischen Behörden die Rettungsversuche aufgegeben haben. Auch sie erzählt, daß viele Leute dort sagen: wären die Israelis nur hier, sie würden die ganze Nacht weitersuchen (die Neuseeländer haben in der Nacht pausiert), sie würden viel intensiver suchen.

Im Vergleich zu israelischen Einsätzen jedenfalls machen die Neuseeländer weniger, als möglich wäre. Harte Worte, aber so sieht es aus.

30 Israelis haben sich noch nicht gemeldet, davon sind 3 vermutlich vom Erdbeben betroffen.

Eine Journalistin meint, wir müssen uns auch auf ein Erdbeben vorbereiten, auch die Kinder.

Tertia meint empört, daß sie seit dem ersten Schuljahr darauf vorbereitet wird. Sie überlegt sich auch, wohin man sich hier retten kann, wenn das Erdbeben kommt, auf das wir eigentlich schon warten – der syrisch-afrikanische Grabenbruch ist ja ein berüchtigt unruhiges Gebiet.

Viele Gebäude in Israel sind nicht erdbebensicher, besonders die älteren. Obwohl sie es laut Gesetz sein müßten.

8. Ultru - Februar 24, 2011, 10:31

Dass sie die israelischen Kräfte nicht angefordert haben, liegt möglicherweise auch einfach daran dass sie es nicht besser wissen. Israel und Nahost kommt hier in den neuseeländischen Medien kaum vor. Also lässt man die Japaner kommen, denn von Erdbeben in Japan hört man hier. Und die Amerikaner und Australier, denn die kennt man schon und die sind „in der Gegend“.

Mir ist der Gedanke auch schon gekommen, dass sie weniger machen als möglich wäre. Ich weiß es nicht. Ich denke das öfter mal seit ich in Neuseeland bin.

Zur Katastrophenvorsorge: Die Kinder lernen hier einiges in der Schule, aber sonst, wenn es um Vorräte usw geht, ist es für viele etwas wovon sie wissen dass sie es tun müssten, aber naja. Einen Notfallplan haben die meisten aber wohl. Das letzte wirklich verheerende Beben, das ein Ballungsgebiet getroffen hat, ist vielleicht zu lange her.

9. Carsten - Februar 24, 2011, 17:44

Ich würde nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen und der neuseeländischen Regierung antisemitische Motive unterstellen. Es gibt viele andere, mögliche Gründe: Israel ist sehr weit weg, es bieten auch Andere ihre Hilfe an, die näher sind und schneller da etc.pp.

10. Lila - Februar 24, 2011, 18:01

Es ist doch niemand vom Schlimmsten ausgegangen, und bestimmt nicht „gleich“. Es ist nur schade.

11. Carsten - Februar 25, 2011, 2:28

Das stimmt. Ausgesprochen schade. Wobei ich in einem Land wie Neuseeland davon ausgehen würde, dass man sich bei der Auswahl der Helfer (und der entsprechenden Hilfsformen) schon was gedacht hat. Solche Sachen sind komplizierter als es auf den ersten Blick scheint.

Tut mir leid, wenn ich nicht den richtigen Ton getroffen habe.


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