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Ein Monat mit Primus Januar 18, 2011, 6:57

Posted by Lila in Kinder, Uncategorized.
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Er ist schon fast vorbei, Primus‘ Monat zuhause. Heute fährt er zum letzten Mal mit Y. in die Firma. Die beiden Männer sind sich nähergekommen in diesem Monat. Sie sind jeden Morgen zusammen losgefahren, Primus hat die ganze Firma kennengelernt und aus der Perspektive des starken Helfers in allen Abteilungen sieht man eine Menge. Er hat in allen Abteilungen geholfen – Kisten und Möbel geschleppt, Lager und Büros umorganisiert, Wände und Türen gestrichen, lauter lang aufgeschobene Arbeiten zu Ende gebracht. Mittags hat er mit Y. oder anderen Mitarbeitern gegessen, abends sind siegemeinsam zurückgekommen und haben zusammen hier gegessen.

Vorgestern, nach einer regnerischen Nacht, wäre ihnen auf den letzten scharfen Kurven den Berg rauf fast ein entgegenkommendes Auto reingefahren. Y. wich ihm nach links aus. Der andere Fahrer hatte total die Kontrolle über seinen Wagen verloren, rutschte auf Y.s Seite in den Straßengraben und überschlug sich. Y. und Primus hielten sofort an, Primus leistete Erste Hilfe, Y. rief Polizei und Krankenwagen. Der Fahrer war ein junger Mann, äußerlich unverletzt, aber er stand total unter Schock. Y. und Primus hatten noch einmal großes Glück, daß es noch möglich war, dem Mann auszuweichen – nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er frontal mit ihnen zusammengestoßen wäre. Auch für den Mann war es ein Glück, daß die beiden ihm helfen konnten.

Primus hat sich einen Monat lang das Leben aus Erwachsenenperspektive angucken können – als Kind nimmt man die Eltern ja ganz anders wahr und hinterfragt nicht weiter, was sie in ihrem geheimnisvollen Arbeitsleben eigentlich tun, wozu sie sonst noch Zeit haben und wie es ihnen dabei geht. Beide haben mich ein paarmal abgeholt und er hat auch mich in Aktion gesehen – außerdem kann er jetzt, wo er wieder eine eigene Wohnung hat, besser beurteilen, wie viel Arbeit Haushalt macht. Er hat seine Schwestern angepfiffen, wenn sie frech werden wollten – das kann er gar nicht vertragen, weil sein Blick hinter die Kulissen ihn überzeugt hat, daß Eltern nicht grundlos einen gewissen grundlegenden Respekt  erwarten.

Es wird mir sehr schwerfallen, ihn wieder abzugeben. Auch Y. wird ihn vermissen. Seine Mitarbeiter waren sehr beeindruckt von Primus´ Fleiß. Der Junge ist sehr kräftig und stark, und es macht ihm Spaß, diese Kraft einzusetzen. Er schleppt lieber den ganzen Tag schwere Kisten, als fiddlige Malerarbeiten zu machen. Er ist auch hilfsbereit und springt gern bei – das war schon so, als er klein war und den alten Leuten im Kibbuz ihre Einkäufe aus dem Laden zur Elektrokarre tragen half oder der Nachbarin mit dem gelähmten Mann beim Schieben des Rollstuhls den Hügel rauf half.

Y. hört es natürlich gern, wenn Primus gerühmt wird, das geht Eltern doch immer glatt runter.

Primus ist die meiste Zeit fröhlich und hat Sinn für komische Situationen. So freut es ihnen, daß es täglich Mißverständnisse mit einem nur Russisch sprechenden Arbeiter gibt. Wenn er „toda“ sagt, weiß niemand, ob er das hebräische Danke meint oder das russische „tu da“, hierhin. Es klingt gleich. Die Dialoge, die sich daraus ergeben, können Primus lange glücklich machen, und seinen Vater auch. Tuda! tuda? tuda, toda?

Die Katzen, die ihn für seine lange Abwesenheit erst mit Mißachtung straften, haben sich wieder an ihn gewöhnt und belagern ihn. Seine Schwestern freuen sich, daß er Anteil an ihren Schulsorgen nimmt, ihren Freundeskreis ein bißchen kennengelernt hat und sich für alles interessiert, was sie ihm erzählen. Er ist erwachsen geworden, er hält seine Wohnung allein tadellos in Ordnung, er macht seine Wäsche allein oder nimmt mir Arbeit ab, er ist wirklich ein rundherum feiner Kerl.

Noch ein Jahr, und was er dann macht, steht noch nicht fest. Ich hoffe, er bleibt hier in der Nähe – ich hab ihn einfach gern hier.

Kommentare»

1. Anne - Januar 18, 2011, 14:15

Ich drück‘ Dir die Daumen! Wer hätte so einen Sohn nicht gerne in der Nähe…

2. Karl Eduard - Januar 18, 2011, 16:18

Das hat mich zum Lächeln gebracht. Schön, so ein Mutterlob.

3. yael1 - Januar 18, 2011, 18:42

Ich wollte gerade fragen, wie lange noch und da steht es: noch ein Jahr. Auf deinen Sohnemann kannst du wirklich stolz sein.

4. arabrabenna - Januar 18, 2011, 19:31

Schön, wie du über euren Großen schreibst! Unsere wunderbvollen großen Söhne sind leider viel zu weit weg! ich muß mich mit skype begnügen.

5. Jack - Januar 19, 2011, 1:27

„Er ist erwachsen geworden, er hält seine Wohnung allein tadellos in Ordnung, er macht seine Wäsche allein oder nimmt mir Arbeit ab, er ist wirklich ein rundherum feiner Kerl.“

Ähm, hüstle,
anhand meiner langjährigen Berufserfahrung als Sohn möchte ich folgendes anmerken: Was mir und meinen Kollegen immer wieder auffällt, das ist diese offenbar weltweit verbreitete Betonung seitens der Mütter bezüglich „er macht seine Wäsche (jetzt) allein“.
Denken Mütter, wie in diesem Falle Mama Duck, auch nur ein einziges Mal darüber nach, wie man(n) als Sohn fühlt, wenn man so was liest? Es kling oft demütigend, nicht wenige würden sagen diskriminierend. Als wenn man vorher auf irgendeine Art behindert war oder was weiß ich. Würd’ ja zu gerne mal Primus fragen, was er zu den ganzen Geschichten so sagt oder ob er’s schon lange aufgegeben hat.
Anscheinend ist es für Mütter ein w i r k l i c h einschneidendes Ereignis, wenn die Kinder die Wäsche selbst in die Hand nehmen. Kling manchmal so, als wären sie darüber nie hinweggekommen.

Hat Primus eigentlich eine Freundin, oder hat die Schöne aufgrund der geographisch wohnungsnahen und auf der Hand liegenden „Mama Duck Is Watching You“-Konstellation vorschnell das Weite gesucht? Wahrscheinlich ist das jetzt zu indiskret gefragt. Trotzdem, was ist (unbewußte?) Dichtung und was Wahrheit in der Mutter/Sohn-Beziehung, kritisch gefragt. Obwohl, liest sich schön, zugegebenermaßern-gern. No help for that.
🙂

6. Lila - Januar 19, 2011, 7:03

Primus´ Privatleben bleibt privat.

Das mit der Wäsche ist wirklich ein Phänomen. Es ist tatsächlich ein starkes Symbol fürs Selbständig-Werden. Nicht als ob es schwierig wäre oder ich es ungern täte – aber das selbständige Wäschemachen zeigt den Moment an, in dem einem klar wird, daß die Wäsche nicht von allein sauber in den Schrank hüpft, sondern daß es Arbeit erfordert, die Spuren des Tags zu beseitigen und Haus wie auch Wäsche auf den Nullpunkt „sauber und ordentlich“ zu bringen.

Die Wäscheleine als Nabelschnur 🙂

Ich weiß nicht, ob Du Kinder hast, aber auch für nachsichtige Eltern wie mich (die als Kind selbst furchtbar usselig war) ist es elend nervig, wenn große Kinder noch wie kleine Kinder davon ausgehen, daß die Heinzelmännchen hinter ihnen herräumen.

Wir tun das jahrelang klaglos, aber irgendwann erwarten wir, daß die Kinder ihre dreckigen Socken und Taschentücher, ihre benutzten Gläser und Kaugummipapierchen und Wasserfarben und Kopfhörer an ihren Platz räumen. Und die Kinder widersetzen sich dieser Erwartung, außer seltenen Fällen von angeborener Ordentlichkeit wie Primus und meiner Schwester.

Es gibt bewundernswerte Mütter wie meine Schwägerin, die beschlossen hat, die Zimmer ihrer Töchter nicht zu betreten, um sich nicht aufzuregen, und die das seit Jahren durchhält. Ich gehöre leider nicht zu dieser Spezies.

Nicht nur, weil ich es nicht aushalte, wenn es irgendwo im Haus allzu chaotisch zugeht. Ich finde auch, es tut den Kindern nur gut, wenn sie lernen, wie man sein Territorium in Ordnung hält. Nicht wie ein Schmuckkästchen, aber funktional. Ein Ort für jedes Ding, jedes Ding an seinem Ort und so weiter.

Oh, und was das demütigend etc angeht – ich habe das große Glück, daß Primus sehr nachsichtig ist 🙂

7. Jack - Januar 19, 2011, 20:13

Vielen Dank für die (wider Erwarten) ausführliche Antwort auf meine kritische Anmerkung (hat mich meine liebe Mutter gelehrt).

Aber, was ist denn Dein ’usselig’? Oder fehlt da nur das f?
Schön bis gruselig auch der Satz „ …, die Spuren des Tags zu beseitigen und Haus wie auch Wäsche auf den Nullpunkt ’sauber und ordentlich‘ zu bringen.“ Mit zuviel Fantasie klingt’s wie der reinste Horror, und Fantasie haben viele.
🙂

Die bewunderte Mutter Schwägerin, beruht das eigentlich auf Gegenseitigkeit, also ihrerseits bewunderte Anerkennung für das, äh, vorsichtig formuliert vielleicht hart, aber ’funktional’ geführte Regiment?
Na ja, ich will nicht weiter aufdringlich-neugierig darauf herumreiten, aber möglicherweise interessiert es andere … (dann bin ich aus’m Schneider).

8. Lila - Januar 19, 2011, 20:51

Das hat Deine Mutter Dir sehr gut beigebracht, positive Verstärkung wirkt immer gut.

Usselig ist ein rheinisches Wort für unordentlich, zubbelig.

Meine Fantasie läuft anders. Ich finde es schön und ich schlafe besser ein, wenn ich weiß, daß die Küche sauber und ordentlich ist und der Rest des Hauses auch. Aus dem einfachen Grund, weil ich weiß, wie schnell das ganze System außer Kontrolle gerät.Und dann wird das Aufräumen zum Albtraum.

Wir haben unsere Familie im Fingerhut großgezogen, jahrelang zu fünft und dann zu sechst auf 70 qm gelebt, denn im Kibbuz sind die Häuschen klein. Es ging, aber Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schwierig es war, alles ordentlich zu halten. Jetzt haben wir endlich normal viel Platz (keineswegs riesig) und es ist ein Genuß, dieses Haus ordentlich zu halten.

Und ich finde, Ordnung machen muß man lernen. Am besten möglichst früh. Ich mußte es erst mühsam lernen, darum versuche ich den Kindern beizubringen, wie man das macht.

Es gibt zwei Sorten von Ordnung: Raum und Zeit. Mit räumlicher Ordnung bin ich sehr sehr gut – ich mag ordentliche Schränke und meine Bücher sind alle wohlsortiert. Ich tu mich schwerer mit zeitlicher Ordnung – ich gerate leicht ins Hintertreffen mit Verpflichtungen und plane oft zu knapp. Ich habe also volles Verständnis für meine unordentlichen Kinder, denen der Sinn für ordentliche Schränke abgeht. Gerade darum will ich es ihnen beibringen.

Ich finde es auch sehr gut, daß die Lehrer und Lehrerinnen meiner Kinder ebenfalls großen Wert auf die Organisation des Lernens legen. Das wird ihnen später helfen, hoffe ich.

Meine Schwägerin (Y.s Schwester, die ihm sehr ähnlich sieht und auch im Charakter ähnlich ist) ud ich bewundern uns gegenseitig. Sie bewundert, daß bei mir kurze Zeit nach dem Umzug keine Kiste mehr rumstand, während sie vier Jahre nach ihrem Umzug immer noch unausgepackte Sachen in der Kammer hat. Ich bewundere, daß sie konsequent den Ordnungs-Terror aus der Erziehung raushält und den Mädchen die Möglichkeit gibt, an ihre äußersten Grenzen zu gehen.

Ich habe meine Schwägerinnen mit großer Sorgfalt ausgesucht und liebe sie alle drei. Y.s Schwester hat genau Y.s Augen und seinen Blick, ich mag sie sehr gern und ich glaube, sie mich auch 🙂 … wir sind sehr verschieden, aber ich war noch nie der Meinung, daß mein Weg der einzig mögliche oder gute ist.

9. Marlin - Januar 19, 2011, 21:33

Tja, ich bin also usselig.. ziemlich unrettbar. Aber das Wort war mir auch neu.

🙂

Für Primus und seine Familie alles Gute, wenn er wieder wegmuss.

10. Jack - Januar 19, 2011, 22:19

Ich bin wohl auch eher usselig.

Wie ist das eigentlich mit Euren Katzen?
Nach meinem Katzenverständnis müssten sie Dir doch öfter mal beim Haushalt zugucken. Schauen sie dabei ungläubig, denken sich nur ihren Teil oder gucken sie Dir dabei verständnisvoll zu und putzen sich anschließend selber überdurchschnittlich viel? Ohne Blödsinn jetzt, das würd’ mich wirklich interessieren und hätte eine Menge Aussagekraft …
🙂

11. Lila - Januar 19, 2011, 22:38

Wie jede ernstzunehmende Katze arbeiten sie projektbezogen, und stets zeitlich versetzt mit mir.

Wenn ich zB das Katzenklo saubergemacht habe (nein, das macht Tertia jetzt meistens), springen sie sofort rein und scharren scharren scharren, bis ein Ring von Katzenstreu ums Katzenklo liegt. Dabei machen sie möglichst viel Lärm und legen erst richtig los, wenn sie sehen, daß man ihnen zuguckt.

Ähnlich mit der Wäsche. Gefaltete frische Wäsche lockt sofort sämtliche Katzen an. Es reicht, daß ich mich umdrehe, um die Schranktür zu öffnen – schon springen sie aufs Bügelbrett und fläzen sich auf der Wäsche.

Aber das ist doch alles genau wie bei allen anderen Katzen. Timing ist alles. Schmusen kommen sie am liebsten, wenn man sie vorher aus dem Klo hat trinken gesehen, oder wenn sie gerade eine Popo-Leck-Aktion hinter sich haben. Wenn sie mir das Köpfchen zum Küßchen hinhalten, gucke ich vorher nach, ob nicht noch ein zuckendes Spinnenbein aus dem Mundwinkel hängt.

Sie haben die menschlichen Schwächen erkannt und halten uns dadurch gnadenlos in Schach. Wie gesagt, wie alle Katzen, die ich kenne.

12. Marlin - Januar 19, 2011, 23:21

Haha. Musste lachen, Lila. Das war eine lustige Beschreibung.


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