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Gestrandet Januar 14, 2011, 11:33

Posted by Lila in Land und Leute.
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Gestern auf dem Heimweg ging uns auf einmal ohne Vorwarnung ein Reifen kaputt. Gut, daß wir gerade relativ langsam fuhren. Aber um uns war heftigster Berufsverkehr und es war dunkel – keine angenehme Situation. Wir mußten den Pannendienst anrufen und uns auf eine Wartezeit gefaßt machen. Quarta war allein zuhause, denn Tertia war mit ihren Freundinnen ins Kino gegangen, und jammerte am Telefon, daß sie Hunger hat und nicht gern allein ist. Aber wir konnten ihr nicht helfen. Ich fragte Quarta, „wie will Tertia denn nach Hause kommen?“, und Quarta meinte, „mit dem Taxi“. Gut so, denn wir hätten sie nicht abholen können.

Der Telefonfritze vom Pannendienst hatte den Abschleppwagen statt zur Kreuzung Yavor, wo wir festsaßen, zur Kreuzung Yagur geschickt – wir hatten gleich gemerkt, daß er sich im Norden absolut nicht auskannte. Es dauerte also noch länger, bis der Mann mit dem Abschleppwagen endlich kam, dafür war er aber sehr nett und lustig. Er verlud das Auto, aber er hatte nur Platz für zwei Leute. Einer von uns mußte also zu Fuß zur Tankstelle laufen und sich von dort ein Taxi bestellen.

Wir zankten eine Weile hin und her, wer dieser Jemand sein sollte, bis Primus sich durchsetzte. Er ging zu Fuß los, wir kletterten in die Fahrerkabine. Der Fahrer zeigte mir auf seinem Handy Bilder aller Wracks, die er in der letzten Woche abschleppen mußte – darunter ziemlich gräßliche Bilder. Er erklärte mir auch, wie er mithilfe von Ketten auf dem Dach liegende Autos umdreht, und klagte über seine Arbeitsbedingungen, und wie viele Unfälle es im Norden gibt. Ich war innerlich unruhig wegen Primus – warum habe ich den Jungen auch gehen lassen, wäre ich doch mal lieber zurückgeblieben! Eine fürwahr vergnügliche Fahrt.

Y. hatte sich überlegt, eine „pantcheria“ (vom Wort puncture für Panne) in Kfar Yassif ist die beste Lösung – in der Hoffnung, daß die noch offen haben, uns sofort das Rad wechseln können und wir dann nach Hause fahren können. Der Fahrer brachte uns also zu so einer Pannenwerkstatt an der Hauptstraße,  die uns schon oft ins Auge gestochen war – „König der Reifen und Räder“.  Da war aber schon zu, denn es war inzwischen schon spät. Der Besitzer meinte am Telefon, wir können den Wagen vor seiner Werkstatt parken und morgen früh wiederkommen.

Und nun standen wir mitten in Kfar Yassif, mein normaler Taxidienst in Nahariya wollte kein Taxi schicken (war ihm zu weit) und mein liebster Taxifahrer, der junge Druse  mit der kecken Kappe, hat den Job an den Nagel gehängt, aber gab mir die Nummer von seinem Onkel, der ebenfalls Taxifahrer ist. Primus war inzwischen bis Achihud gelangt. Ich hatte ihm streng verboten zu trampen (Soldaten dürfen das sowieso nicht), aber während er die Straße langging, hielt neben ihm ein Taxi mit einem religiösen Fahrer. Der sagte zu ihm: du bist Soldat, das seh ich sofort. Komm mit, ich bringe dich soweit es geht. Der Taxifahrer wollte kein Geld von ihm, er nahm ihn mit bis Achihud, und ich schickte ihm den Taxifahrer-Onkel. Aber war das nicht nett von dem fremden Taxifahrer?

Wir waren in Kfar Yassif gestrandet, aber ich wollte immer schon Roys libanesische Pizzeria ausprobieren. Ich würde am liebsten ja mal das Schild vor seinem Laden fotografieren, da sind nämlich die libanesische und die israelische Flagge nebeneinander abgebildet. Wir waren inzwischen so hungrig wie Quarta. Während unsere Pizzen in den Ofen gingen, fragte ich den Besitzer, ob er uns ein Taxi empfehlen kann. Er war sofort am Telefon und rief seinen Neffen an, der ein Taxiunternehmen hat.

 

Die Räume des Restaurants waren ebenfalls mit großen israelischen und libanesischen Flaggen dekoriert, außerdem mit Bildern von Mahlzeiten und deren Namen in englischer, hebräischer und arabischer Schrift. Ich amüsierte mich über ein Bild von Fritten – hebräisch chips, aber auf dem Bild stand sheeps. Im Fernsehen lief der arabischsprachige Sender des israelischen Fernsehens, mit dem Menorah-Logo. In Nullkommanichts war das Taxi da und die Pizzen waren auch fertig. Der Besitzer geleitete uns noch nach draußen und wartete, bis wir sicher im Taxi saßen. Auch er war außergewöhnlich nett.

Es war schon richtig spät, als wir schließlich alle zusammen im Wohnzimmer saßen und über Roys libanesische Pizzen herfielen. In drei Taxis kamen wir an, fast gleichzeitig – Tertia aus Nahariya, Primus aus Achihud und wir aus Kfar Yassif. Quarta hatte auf uns gewartet und war auf der Couch eingeschlafen, alle Katzen um sie herum drapiert.

Heute früh fuhr Y. wieder nach Kfar Yassif, zum „König der Reifen und Räder“.  Der König war ein netter Mann, der Y. erstmal zum Kaffee einlud. Dann untersuchte er das Rad, das sich vollkommen verzogen hatte – wir hatten uns schon gefragt, wie auf einmal mitten in der Fahrt der Reifen kaputtgeht und das Rad so großen Schaden nimmt, oder daß wir etwas gemerkt haben. Vermutlich sind wir über eine Schraube gefahren, denn im Reifen war ein großes rundes Loch. Wir haben echtes Glück gehabt. Jetzt ist das Auto wieder in Ordnung, und ich bin sehr erleichtert und dankbar, daß es so glimpflich abgegangen ist.

 

Und ich sinne darüber nach, wer uns gestern schnell und freundlich geholfen hat – ein religiöser Taxifahrer und eine ganze Menge freundlicher Araber.

 

Es fällt mir immer wieder auf, wie außergewöhnlich nett und höflich die Araber hier in Galiläa sind. Von Feindseligkeit wirklich nicht die geringste Spur.  Sie scheinen auch keine Probleme damit zu haben, Bürger des Staats Israel zu sein. In arabischen Restaurants hängt die israelische Flagge, und in unserem libanesischen Lieblingsrestaurant in Shlomi, von Exil-Libanesen geführt,  bezahlen Soldaten in Uniform nur die Hälfte.  Es ist also möglich, daß Araber zufrieden und selbstbewußt im jüdischen Staat leben, und ich kann gar nicht ausdrücken, wie viel Hoffnung mir das macht.

Kommentare»

1. boxi - Januar 14, 2011, 13:42

das hat mir gefallen. spannend zu lesen und auch noch ein gutes ende:)

2. Anne - Januar 14, 2011, 13:43

Es muss ja ein richtig liebenswertes Bild gewesen, als Quarta da umgeben von euren Katzen schlief! Das hätte ich gerne gesehen.

Dass Ihr oft ganz nett von arabischen Israelis behandelt werdet, liegt sicher auch daran, wie Ihr Euch ihnen gegenüber benehmt! Ich glaube, im Alltag stimmt wirklich oft der Spruch: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Da ist der anständige Umgang miteinander viel wichtiger als irgendwelche – vielleicht vorhandenen – ideologischen Differenzen.

3. Paul - Januar 14, 2011, 13:46

Liebe Lila,
vielen Dank für diesen Bericht.
Das ist auch meine Lebenserfahrung. Die Menschen haben in den seltensten Fällen etwas gegeneinander.
Oder wenn, dann handelt es sich um einen privaten Zwist, der aber nicht religiöse Gründe haben muss oder gar durch unterschiedliche Nationalitäten verursacht wird.
Es ist eben ein Zwist, wie er in jeder Familie mal vorkommt.

Erst wenn Politiker und Regierungen eingreifen wird es mehr.
Viele Palästinenser haben nach 1948 Israel verlassen, nicht weil sie es wollten, sondern weil sie der Beeinflussung gewissenloser Politiker gefolgt sind, die das im Cicero dargelegte wollten. Nämlich Israel vernichten.

(Übrigens, mein Kommentar von Gestern ist jetzt da. Weiss nicht was da passiert ist? Wenn Sie mitgewirkt haben, dann vielen Dank.)

In Ihrem heutigen Beitrag erkenne ich wieder einen Funken Hoffnung, der gestern unter der „Asche“ verschwunden war.
Ich weiss nicht, wie ich diese Hoffnung beflügeln könnte, möchte Ihnen aber mitteilen, dass ich schon seit Jahren regelmäßig für Israel, das Land und seine Bewohner, bete. Mehr kann ich nicht tun.
Denn in Christlich-Jüdischen Kreisen seine Stimme zu erheben ist nur ein Beitrag der Solidaritätsbekundung, der nicht wirklich etwas ändert.
MfG Paul

4. cadovius - Januar 14, 2011, 13:52

Mein Kommentar ist irgendwo im Net-Vana verschwunden…

5. Peter Fontane - Januar 14, 2011, 14:05

schöne geschichte.
ich warte noch auf den tag an dem sowas mal auf einer beliebigen deutschen nachrichtenseite (spiegel, tagesthemen etc.) steht.

dafür jetzt auf spiegel.de: das „videospezial israel“ mit dem titel „heiliges land, zerissenes land“ unter http://www.spiegel.de/flash/0,,25041,00.html mit der gleichen färbung wie immer. viel spaß beim kucken….

6. willow - Januar 14, 2011, 14:53

„Ich hatte ihm streng verboten zu trampen (Soldaten dürfen das sowieso nicht)“

Tatsächlich? Aber Soldaten am Straßenrand sind doch absolut typisch für Israel … die trampen wirklich nicht? 😉

7. Silke - Januar 14, 2011, 15:26

OT
aus der Kiste für die nicht berichtenswerten Neuigkeiten – jetzt sind es also mindestens 203, denen diese Krawallisten was angetan haben

2 soldiers+1 border policeman lightly injured by rocks hurled @ Ni’lin, Dir Nizam riots. After immdt treatment,1soldier moved to hospital

8. Popeye - Januar 14, 2011, 17:44

Faszinierend, diese Berufs-Verwandten-Kette! Ich schätze, Du hättest auch einen auf der Straße ansprechen können und es wäre eine Reperaturdienst-Taxi-Pizzeria-Kette ausgelöst worden! 😀

Aber sag mal, warum kann Dein Mann keinen Reifen wechseln?

9. Lila - Januar 14, 2011, 18:00

Mein Mann kann mit hinter dem Rücken festgebundenen Händen einen Reifen wechseln – aber unser Auto hat keinen Reservereifen. Drum. 🙂

Es war geradezu qualvoll mitanzusehen, wie er sich den fehlenden Reifen herbeigewünscht hat.

Aber da das Rad total verzogen war, hätte sowieso ein Fachmann drangemußt.

10. Margot - Januar 14, 2011, 19:52

Die meisten israel. Araber ziehen sowieso das Leben in Israel vor und sind dort zufrieden, wie eine Umfrage jetzt ergab.
Siehe auch:
http://www.israelheute.com/default.aspx?tabid=179&nid=22628

Margot

11. Silke - Januar 14, 2011, 20:28

Popeye
wieso fragst Du nur nach Lisas Mann?
Ich wittere Diskriminierung

Frauen können nachweislich Reifen wechseln, sogar ich, vorausgesetzt ich habe einen Kreuzschlüssel

12. Lila - Januar 14, 2011, 20:34

Vermutlich weil er weiß, daß bei einer Konstellation zwei Männer – eine Frau – zu wechselnder Reifen – in den meisten Fällen die Männer diese Aufgabe übernehmen.

Und ich kann wirklich keinen Reifen wechseln, ich habe nicht mal einen Führerschein und halte mich für völlig unfähig, etwas Motorisiertes zu führen, und wenn es ein Mofa wäre.

Es ist einer meiner wiederkehrenden Albträume, daß ich Auto fahren muß.

13. Mikado - Januar 14, 2011, 21:37

Hmmm, dass es in der Hightech-Nation Israel noch keine Run Flat Tyres gibt? 🙂

http://en.wikipedia.org/wiki/Run-flat_tire

14. willow - Januar 14, 2011, 21:37

„Es ist einer meiner wiederkehrenden Albträume, daß ich Auto fahren muß.“

Dem Staat Israel bleibt auch nichts erspart… 😉

*wegduck*

15. Lila - Januar 14, 2011, 21:40

Ho ho, was heisst hier Hightech-Nation: wir haben nen Volkswagen…

Willow, paß bloß auf, mein Spamfilter ist sowas von scharf auf Dich 😛

16. Popeye - Januar 14, 2011, 21:57

@Silke
Bin halt ein hoffnungsloser Macho! 😀 Aber Lila hat mich ja gut rausgeboxt, puh!

Lila, kannst Du mal über den Sänger was schreiben?

http://www.taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/nicht-mal-die-sitzordnung-veraendert/

17. Lila - Januar 14, 2011, 22:01

Den kenn ich nicht. Und diese Knaul löst bei mir den sog. Knaul-Reflex aus, in der medizinischen Literatur wird in schweren Fällen sogar vom Morbus Knaulus gesprochen. Es fängt mit Schwindelgefühlen und leichtem Brennen der Fußsohlen an, der Blutdruck fällt stark ab und schnellt in die Höhe, Handflächen werden feucht, Muskeln zittern unkontrollierbar… kurz, tu es mir nicht an und verlange nicht von mir, zu lesen, was diese vollkommen inkompetente Frau mal wieder zu Israels vielen Sünden zu sagen hat!!!

18. Markus - Januar 15, 2011, 18:01

Lila, vielen Dank für solche Berichte!!
Das ist inmitten der ganzen „politischen“ Berichte und Diskussionen so wichtig zu hören.

19. Jack - Januar 15, 2011, 20:45

Ja,
ich kann mich nur anschließen, sehr schöne Geschichte und so lustig. Mein bisheriger Lieblingsbericht. Bitte mehr davon, bloß nicht aufhören.

Äh,
wenn ich da bin, nehm’ ich aber immer Soldaten (samt Wumme) mit. Hab auch noch nie Ärger bekommen. Brauch ich bald ’ne Rechtsberatung?

20. Lila - Januar 15, 2011, 20:52

Du nicht, aber die Soldaten. Das Verbot ist wegen der oft erklärten Kidnap-Absicht von Seiten der Terror-Organisationen erlassen worden.

Sie dürfen nicht mehr an den bekannten „trampiadot“ stehen und trampen.

Wir halten oft an solchen Stellen an, Bushaltestellen oder einschlägig bekannten Kreuzungen, und laden uns den Wagen voll.

21. Silke - Januar 15, 2011, 21:12

hoffentlich habt ihr geheimsignale damit die soldaten sicher sein können, nicht auf einen mörder reinzufallen …

22. willow - Januar 15, 2011, 21:43

@Silke

Irgendwie haben das die Soldaten und -innen im Blick … bis auf Lila steigt ja auch kaum ein Tramp in Autos mit jordanischen Numernschildern 😉

23. Lila - Januar 15, 2011, 21:48

An die Geschichte erinnerst Du Dich noch? Oh, der war so nett, der Jordanier.

Silke, es sind tatsächlich in der Westbank schon Leute in die falschen Autos gestiegen – einmal hat eine Gruppe Terroristen sich als religiöse Juden verkleidet, wenn ich mich recht erinnere. Aber Soldaten haben normalerweise ganz gut entwickelte Antennen. Natürlich müssen wir aufpassen, daß uns nicht mal ein Übereifriger mit der Uzi erlegt, während wir ihm die Heimreise erleichtern wollen 😛

24. Jack - Januar 15, 2011, 21:59

Ich seh‘ harmlos aus, meistens mit Sonnenbrand. Die checken das gleich ‚Typ Dussel‘, da können wir einsteigen.

25. willow - Januar 15, 2011, 22:32

Naja, in der Westbank per Anhalter iss aber auch bissel anders als in Israel… abär: es gibt da diese Geschichte von deutschen Volontären, die kurz vor Weihnachten mit Kisten von Taibe-Bier „nach Hause“ getrampt sind, die Soldaten am Checkpoint bei Jenin sollen etwas eigenartig geguckt haben – unbezahlbar.

PS: D. will im April kommen – hat „es“ sich schon angemeldet? Soll „es“ irgendwas mitbringen? Einfach PM…

26. Stoff für’s Hirn! « abseits vom mainstream – heplev - Januar 15, 2011, 23:49

[…] Lilas Erfahrungen mit israelischen Arabern – meistens sehr erfrischend. […]

27. Marlin - Januar 17, 2011, 21:46

***
Schlagzeile:

Israelis fallen über unbewaffnete libanesische Pizzen her, UN Vollversammung und Menschenrechtsrat verurteilen die Tat aufs Schärfste.

Eine Beteiligte:
„Es war schon richtig spät, als wir schließlich alle zusammen im Wohnzimmer saßen und über Roys libanesische Pizzen herfielen.“

***

Hallo, bin wieder da. 😉

😀


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