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Ein Jahr und zwei Monate später… Dezember 17, 2010, 12:43

Posted by Lila in Kinder, Land und Leute.
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… und wieder sitzen wir auf der Tribüne von Bahad 10, der Ausbildungs-Basis des Sanitätskorps (oder wie immer man auch chel ha-refua übersetzen möchte). Diesmal waren es deutlich mehr frisch ausgebildete combat medics als bei Primus – Nahal und Givati hatten ihren Kurs zusammen gemacht, und Fallschirmjäger und Golani ebenfalls. Und dann natürlich der Kurs der Mädchen. Insgesamt vier große Gruppen.

Als Y. die Fallschirmjäger und Golani zusammen sah, raunte er mir zu, „wenn die miteinander auskommen können, gibt es vielleicht sogar mal Frieden im Nahen Osten“ – die verschiedenen Infanteriebrigaden sind einander ja legendär un-grün in Olivgrün.

Alle standen in Gruppen um den Exerzierplatz, waren alle sehr aufgeregt, die Eltern auch. Immer dieselbe Atmosphäre, sobald Eltern dabei sind  – ob Kindergarten oder Armeebasis. Die Kinder sind stolz auf die Welt, in der sie sich ohne Eltern zurechtfinden, die Eltern sind stolz auf den brillanten Nachwuchs. Fingerfarben oder Sanitäternadel – hat man schon mal so ein begabtes Kind gesehen?

Wir mußten wieder eine Weile warten, bis die ganze Prozedur losging. (Erkennt jemand Secundus? Er kommt gerade in Richtung Elterntribüne, gucken, wo wir sind – natürlich ohne unziemliche Neugier zu zeigen).

Als das Licht für Bilder schon  nicht mehr gut war, ging es endlich los. Zackige Musik, und sie marschierten ein.

Mein Secundus natürlich gaaanz weit hinten, das rechte hintere Viereck, zweite Reihe von rechts, drittletzter Junge. Wie wir ihn trotzdem entdeckt haben, keine Ahnung. Er wird wohl mein messerscharfes Profil geerbt haben.

Ein Vater sang von hinten das alte Lied von Haimke, dessen Mutter begeistert ist, daß er der einzige ist, der das richtige Bein vorsetzt – der einzige, der das richtige Abzeichen am Barett hat – der einzige, der seine Mama liebt und ihr winkt  – kurz, der einzige vernünftige Soldat unter lauten Shlumieln.

 

„Nur mein Haimke!“  Gelächter im Publikum.

Ich denke bei Marschmusik unwillkürlich an Colonel Hathi und die Dschungelparade…

Secundus hatte uns vorher gewarnt, daß das mit dem Gleichschritt und so nicht ganz sitzt… und daß die Mädchen die Stars des Abends sind. Das stimmte natürlich – das Viereck rechts vorn, das sind die Mädchen.  Man hört die Eltern aufgeregt rufen. Dann kamen die Ausbilder dazu und stellten sich neben die Reihen. Und dann die Commander. Ach Gott, auch alles Kinder! (Links, das Mädel mit dem Pferdeschwanz, war Secundus´ Commander)

Dann war das Marschieren vorbei, und die Hintergrundmusik wurde ruhiger, einfache Lieder. Mir fiel ein Lied von Yoram Gaon auf, „Die  Ballade vom Sanitäter„.

Es ist ein Lied über einen Sanitäter, der beim Retten eines Verwundeten selbst verwundet wird und stirbt, und endet mit den Worten, „achi achi sheli“, mein Bruder. „Ach“ heißt aber auch Krankenpfleger, und Y. meint, Soldaten singen als letzte Zeile , „ani lo achicha, ani chovesh“, ich bin nicht dein Bruder, ich bin Sanitäter.

Wie bei Primus kamen Reden und dann der Eid:

אני, חייל בחיל הרפואה של צבא ההגנה לישראל
נשבע היום הזה –
להושיט יד עוזרת לכל פצוע ולכל חולה,
אם נקלה ואם נכבד, אם אוהב ואם אויב –
ולכל אדם באשר הוא אדם.

אני נשבע להביא מרפא וצרי לגוף ולנפש,
לשמור סוד, אמונים וכבוד, ולשקול את מעשי
בתבונה, בתושיה, ובאהבת אנוש.
שומר אחי אהיה תמיד – אם בקרב, אם באלונקה
ואם ליד מיטת החולי.

אני נשבע כי על ליבי יהיה חרוט לעד
הדיבר העליון של ההקרבה –
לא להשאיר פצוע בשדה
בזאת אני נשבע

Ich, Soldat im Sanitätsdienst der Armee zur Verteidigung Israels,

schwöre heute,

daß ich jedem Verletzten und Kranken helfend die Hand geben werde –

ob Gesetzesbrecher oder gesetzestreu, ob Freund oder Feind,

jedem Menschen, weil er ein Mensch ist.

Ich schwöre, dem Körper und der Seele Hilfe und Heilung zu bringen,

Geheimnisse zu wahren, treu und ehrenhaft zu sein, und meine Entscheidungen mit Verstand, Klugheit und Menschenliebe zu treffen.

Ich werde immer Hüter meines Bruders sein – auf dem Schlachtfeld, mit der Tragbahre und neben dem Krankenbett.

Ich schwöre, daß in meinem Herzen

das höchste Gebot der Opferbereitschaft fest eingegraben ist –

keinen Verletzten zurückzulassen.

Das schwöre ich!

Ein schöner Eid. Der oberste Offizier betonte in seiner Rede, daß es zwei Werte sind, die den Sanitäter immer leiten müssen: Sorge für das menschliche Leben und Respekt vor der Menschenwürde. Jeder Mensch fällt dadurch, daß er Mensch ist, in den Zuständigkeitsbereich des Helfenden, keinem wird Hilfe verweigert.

Wie schon vor einem Jahr fragte ich mich, in welcher anderen Armee das wohl so deutlich gesagt wird. Und ich weiß ja inzwischen von Primus, daß er tatsächlich viele Menschenleben gerettet hat, die eigentlich in die Kategorie „Feinde“ fallen. Schon bemerkenswert. Ob es jemandem außer mir auffiel, weiß ich nicht – den anderen kam es wohl natürlich vor. Oder sie haben nicht hingehört, sondern nur ihren jeweiligen Haimke angeguckt…

Die Besten wurden herausgerufen und liefen eifrig nach vorne, um sich die Hand schütteln zu lassen. Neben mir schnappte ein Mann nach Luft. „Das ist mein Sohn! und er hat mir nichts davon gesagt!“ Ich habe ihm gratuliert und mich für ihn mitgefreut. Mein Secundus hatte zwar sehr gute Noten, aber Bester seines Kurses war er nicht, wie auch Primus nicht. Macht nichts, ich habe keinen Ehrgeiz dieser Art, mir reicht es, daß sie das, was sie tun, gut und mit ganzem Herzen tun.

Alle kriegten ihre Nadeln mit dem Würmchen, die Ausbilder umarmten die Soldaten und die Offziere schüttelten viele Hände. Inzwischen war es so dunkel, daß man nichts mehr sehen konnte. Die Ha Tikva wurde im Stehen gesungen.

Sie marschierten alle am Publikum vorbei, ich winkte Secundus zu und der grinste schief, oder habe ich mir das nur eingebildet? Die männlichen Vierecke stellten sich an den Seiten auf und trampelten eine Weile mit den Füßen.

Der krönende Abschluß. Die Mädchen führten ein paar Marschfiguren vor:  eine Pfeilspitze und die unleserlichen Buchstaben Bahad 10 – gut, daß der Mann am Mikrophon uns das jeweils mitteilte, denn wir hätten diese Figuren nie und nimmer erkannt. Trotzdem kriegten sie natürlich stürmischen Beifall.  Schließlich warfen alle die Barette in die Luft und fingen an zu jubeln.

Dann löste sich das Ganze in Grüppchen auf, die einzelnen Ausbilder hielten an ihre Gruppen noch mal kleine Ansprachen, und mir fiel auf, daß Secundus´ Commander, eine ganz junge Frau, reichlich erschöpft aussah. Ich nehme an, die Jungens haben sie ganz schön auf die Probe gestellt. Es war ihr erster Kurs. Wir haben uns bei ihr bedankt, aber sie sah nicht enthusiastisch aus, als sie den Namen Secundus hörte. Ich werde den Kerl mal ausfragen, ob er sich was geleistet hat.

Und natürlich jede Menge Photos mit Freunden und Familie.

Hinten, genau in der Mitte, Secundus. Übrigens kann man Givati und Nahal an den Stiefeln unterscheiden: Nahal, wie die Fallschirmspringer, tragen die stolzen „roten Stiefel“, Givati dagegen die normalen schwarzen.

Tja, und das war es dann. Y. begrüßte noch einen Offizier, den er kennt (Nachbarkibbuz), dann verabschiedete sich Secundus. Er fuhr mit zwei Freunden weiter, auf eine Party. Wo er nächste Woche ist, wissen wir noch nicht – irgendwo in den Gebieten. Die Monate, in denen ich beruhigt war, weil ich wußte, er ist in Tsrifin, also in Rishon leZion und mitten in Israel, wo es sicher ist, sind also vorbei.

Aber Y. weiß mich zu trösten. Er wies mich auf die vielen Flugzeuge hin, die pausenlos über Tsrifin niedrig fliegen – das ist wohl die Einflugschneise für Ben Gurion. Wie leicht hätte eins davon Secundus auf den Kopf fallen können! (chalila) Das hatte ich natürlich nicht bedacht. So gesehen ist er in Kiriat Arba bestimmt besser aufgehoben…

Kommentare»

1. Rika - Dezember 17, 2010, 17:28

Ich weiß grad nicht, was mich mehr berührt, dein warmes Mutterherz, dein scharfer Verstand, der auch in gefühlsduseligen Momelnten perfekt arbeitet, deine Art zu schreiben oder … oder …. oder!
Glückwunsch an Secundus und die ganze Familie…
ah, und natürlich möge ihm nie ein Flugzeug auf den Kopf fallen!
Alles Liebe

2. kaltmamsell - Dezember 18, 2010, 10:25

Danke für den ausführlichen Bericht! Die erste Marschmusik hörte sich für mich aber sehr nach einem Pasodoble an – fehlte nur der hereingaloppierende Stier.

3. Lila - Dezember 18, 2010, 10:59

Das stimmt! Ich wußte doch, daß mir das bekannt vorkommt. Aber mir kamen auch die vielen Martins-, Nikolaus- und Schützen-Züge meiner Kindheit ins Gedächtnis. Oh, und der Lazarus Strohmanus natürlich. Mit dem Pfeifer-und Trommlerkorps immer vorneweg.

4. Silke - Dezember 18, 2010, 16:45

meine derzeit liebste Marschmusik mit den innigsten Wünschen, daß es für Lila’s Kinder und all die anderen nie ernster werden möge:

5. Heimo - Dezember 19, 2010, 3:47

jaja – der Mutterstolz – nur mein Haimke 😉

6. mibu - Dezember 19, 2010, 9:43

Bei uns wird zu Festivitäten gerne getrommelt und marschiert. Allerdings ist das Ergebnis nicht mit dem unserer eidgenössischen Nachbarn vergleichbar.


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