jump to navigation

Neulich, in einem anderen Land… Dezember 14, 2010, 15:30

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
trackback

Seit Jahren halte ich in einem Kibbuz Vorträge, ganz in der Nähe unseres alten Kibbuz. Dort existiert seit vielen Jahren, wie in den meisten Kibbuzim, ein Club (moadon) für die älteren Mitglieder, der jede Woche Vorträge über verschiedene Themen anbietet. Ältere Kibbuzniks sind die bildungshungrigsten Menschen, die ich kenne – bekanntlich kommt bei der Bildung der Appetit beim Essen, d.h., sie sind hochgebildet, aber stets hungrig auf mehr.

 

In diesem speziellen Kibbuz wird der moadon seit langem von einer besonders engagierten und klugen Frau geleitet (die außerdem noch phantastisch aussieht – sie behauptet, über 70 zu sein, wirkt aber mehr wie eine sehr gepflegte und elegante 50erin), die das Angebot immer um ein Thema herum gruppiert. Mal ging es um Mensch und Natur, mal um Religion und Glauben, mal um den menschlichen Körper, mal um Mann und Frau – dieses Jahr ist jüdische und israelische Identität dran.

 

Mich hat sie wieder für drei Vorträge verpflichtet: jüdische Symbole, Holocaust in der Kunst und Holocaust-Gedenken – Themen, bei denen ich mich ganz gut auskenne und die ich seit Jahren beackere. Neulich war also das erste Treffen. Anderthalb Jahre war ich in diesem Kibbuz nicht mehr gewesen, und da wir dort viele Freunde und Bekannte haben, ist Y. mitgekommen. Wir waren zu früh dran und liefen ein bißchen herum.

 

Der Dining Room war hell erleuchtet und offen. Familien gingen ein und aus. Wir sahen uns an: oh Mann, so war das bei uns im Kibbuz früher auch, bevor alles bezahlt werden mußte und nach den Mahlzeiten alles abgesperrt wurde. Im Kibbuz von früher stehen die Brotschneidemaschinen frei zugänglich, das Brot liegt in einem vergitterten Schrank, und wer will, kommt vorbei und holt sich Brot. Oder sucht einfach noch ein paar Knäppchen für die Kinder.

 

Die Kinder und Jugendlichen liefen in Gruppen herum, in T-shirts und Sweatshirts mit dem Logo der Schule – der Schule, auf die meine Kinder auch gegangen sind. Tertia hat dieses Rumhängen in Gruppen nie gemocht und ist heilfroh, daß sie nicht mehr zwischen ihrem Alleinsein-Bedürfnis und den Ansprüchen der Gruppe lavieren muß, aber Quarta vermißt die Möglichkeit, einfach vors Haus zu gehen und gleich alle Freunde und Freundinnen in der Nähe zu haben. Ja, auch im Moshav hat sie Freundinnen, zu denen sie geht, aber hier sind doch viel weniger Kinder als im Kibbuz, der Moshav ist winzig im Vergleich zum Kibbuz.  Und die Kinder und Jugendlichen waren wunderbar schlampig angezogen, die Mädchen nicht aufgetakelt, die Jungens teilweise in karierten Pantoffeln, eben richtige Kibbuz-Jugend.

 

Die alten Leute kamen langsam in Richtung moadon, mit ihren Elektro-Autos mit Regenschutz, und es herrschte die typische Kibbuz-Betriebsamkeit. Familien strömten in den Laden und wieder raus, junge Väter guckten mit ihren Dötzchen nach Schnecken und Regenwürmern, Großeltern nahmen die Enkel auf dem Elektrokarren mit, und wir schlenderten einfach ein bißchen herum und trafen Leute.

 

Ich bin mehr als „die was über Kunst erzählt“ bekannt, Y. natürlich als Enkel von … und Schulfreund vieler Kibbuzniks dort kennt viel mehr Leute. „So, ihr seid also weg aus eurem Kibbuz? das ist aber schade“, meinten natürlich alle, die wir trafen – sowas spricht sich eben rum.  Y. kriegte ein paar Küßchen – von einer Jugendfreundin meines Schwiegervaters, von der Mutter seines Schulfreunds Ronen.

 

Die Türen des moadon gingen auf, die elegante Leiterin kam auch, und wir tranken eine Tasse Tee vor Beginn des Vortrags. „Bei euch im Kibbuz ist also noch alles unverändert? kein shinui, kein Wandel, keine Privatisierung? habt ihr es gut!“ „Ja, bei uns gibt es auch Leute, die das Modell von eurem Kibbuz durchdrücken wollen. Neulich war eine Abstimmung. Aber alles ist durchgefallen – keiner wollte die Privatisierung des Dining Room einführen, von anderen Sachen ganz zu schweigen. Ja, das Essen ist noch umsonst, und die meisten Sachen im Laden auch, Mehl und Milch und Gurken und Tomaten. Bei uns wollen die meisten Leute, daß es Kibbuz bleibt. Ach ja, eine einzige  Privatisierung ist durchgekommen: Zeitungen. Ab jetzt muß jeder sich entscheiden, welche Zeitung er abonniert, und das Abo bezahlen. Aber ansonsten – wir sind und bleiben Kibbuz. Wieso seid ihr nicht zu uns gezogen?“

 

Gute Frage. Mit unserem angesammelten „vetek“ hätten wir dort einen guten Start machen können. Wir haben das nicht mal ernsthaft erwogen, in einen anderen Kibbuz zu gehen – es ist notorisch schwierig, nachdem man sich an alle Macken des einen Kibbuz gewöhnt hat, dann in einem anderen heimisch zu werden. Natürlich wollten wir auch vermeiden, daß wir mit großem Ach und Krach umziehen, um dem „Wandel“ zu entgehen, und er uns dann in einen anderen Kibbuz folgt, mit dem Sirenenruf des unbegrenzten Reichtums. (Ich weiß, daß es in vielen Kibbuzim sehr gut geklappt hat – die haben aber auch andere Modelle der Privatisierung eingeführt als in unserem alten Kibbuz, der so ein nichts-Halbes-nichts-Ganzes-Modell gebastelt hat.)

 

Und wir wollten die Lebensform wechseln. Es gefällt uns ja auch sehr gut, wir kommen gut „draußen“ zurecht und leben gern hier oben im Norden. Ich weiß nicht, ob wir das jetzt noch könnten – in einen Kibbuz zurückgehen und uns wieder den Entscheidungen anderer unterwerfen, auch wenn wir selbst natürlich genausogut Entscheidungsträger werden könnten, so wir nur wollten. Ein Kibbuz gibt viele Entfaltungsmöglichkeiten. Aber er ist auch voll Klatsch und man steht ewig unter Beobachtung. Ich fühle mich sehr befreit, seit ich das kritische Auge der Allgemeinheit nicht mehr ständig spüre.

 

Als ich die ganzen zufriedenen Gesichter um mich herum sah, fühlte ich einen richtigen Schwall Liebe für diese Lebensform – Kibbuz.  Ich freue mich, daß es noch Orte gibt, an denen es funktioniert, und wünsche mir, daß es auch für diesen Kibbuz so bleibt. Auch wenn die Privatisierung der Zeitungsabos natürlich ein seeehr drastischer Schritt ist…

Kommentare»

1. willow - Dezember 14, 2010, 16:32

Ich finde es richtig gut, daß dieses Leben immer noch 😉 möglich ist… und zum Glück wird ja niemand gezwungen 😀

2. Noga - Dezember 14, 2010, 17:15

Man hat ja auf den neuen potentiellen Kibbuz keine Innensicht; von daher weiß man nicht, wie zuverlässig man ihn einschätzen kann. Und wenn dann dort auch die Privatisierung kommt, der man entgehen wollte, dann ist man wieder in der gleichen Situation und hat Zeit verloren und den entsprechenden Frust „dazugewonnen“.

3. hans - Dezember 14, 2010, 22:13

ich hatte mühe (kibbuz alter schule)geeignete rückzugsmöglichkeiten zu finden die ich meine ein mensch nun manchmal braucht,( auch über längere zeit)zumal in so einer auch räumlich engen gemeinschaft.
man lebt ja wie unter einem kaleidoskop,was man in „FREIHEIT“ vom hörensagen erfährt oder liest erlebt es sich im kibbuz intensiv und hautnah.

ärger unter mitgliedern ,ideologischer streit,ehekrisen ,selbstmord ,drogen, habe alles schon mitfühlen und auch mitleiden dürfen.

genug der schattenseiten,das positive siehe bei lila in einem anderen land

4. Miriam Woelke - Dezember 14, 2010, 23:06

B“H

Wie gut einmal wieder richtig schoenen Kibbutzklatsch zu vernehmen.:-)))

5. AufDenMauernVonZion - Dezember 14, 2010, 23:15

Shalom !
Da Du den Holocaust als eins Deiner Vortrags-Themen erwähnst :
( Was) weißt Du denn über den ( bösen) Sinn, kulturmacht-politischen Grund von Auschwitz ?!

Daran mangelt es tragischerweise bei uns in D. und bei all den auf viele zT auch negativ wirkenden Holocaust-Gedenkveranstaltungen noch immer. Und bewirkt daher zum Teil sogar das Gegenteil !

6. alicely - Dezember 14, 2010, 23:40

Was fuer ein schoener Text – es freut mich, dass es noch kibbutzim gibt die „funktionieren“. Es waere so schade, wenn diese Lebensform ganz verschwinden wuerde.

7. Wolfram - Dezember 15, 2010, 0:03

Ich sehe… Kibbuz ist wie lauter Pfarrhäuser… da kannste auch nix machen, ohne daß einer reinredet…

8. Lila - Dezember 15, 2010, 9:03

zu 5: da ich das Glück habe, nicht in Deutschland über den Holocaust zu forschen oder zu lehren, kann ich dazu nichts sagen. Ein böserer Sinn als der, so viele Juden wie möglich so tot wie möglich zu machen, ist mir bisher entgangen. Ich bin Kunsthistorikerin, ich beschäftige mich mit visuellen Spuren, die von Menschen hinterlassen wurden, um Ereignisse, Gefühle, Vorstellungen und Ideen festzuhalten.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s