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Neulich, im Sammeltaxi… Dezember 14, 2010, 16:19

Posted by Lila in Land und Leute, Muzika israelit.
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Ach, ich müßte eine Kategorie ÖNV einrichten, ich fahre ja dauernd mit Bus, Bahn und Taxi und habe die schönsten Erlebnisse dabei.

Gestern saß ich also im Sammeltaxi. Der Fahrer war ein pummeliger Araber mit Schirmmütze und zwinkerndem Lächeln, einer von der humorvollen Sorte. Er hatte das Radio an, nicht richtig laut, aber hörbar, und summte und sang vergnügt die ganzen Hits der orientalischen Stars mit, die ich ja alle nicht kenne.

Nun stieg ins Taxi ein  frommer Jude  ein, ein richtig ultra-orthodoxer Religiöser in schwarzem Kaftan , mit Hut und so weiter – das sieht man wirklich selten, denn normalerweise meiden sie Orte, an denen sie eng an eng mit Frauen sitzen müssen. Im Bus fahren sie oft, aber im Sammeltaxi seltener. Im Taxi saßen zwei arabische Mädchen, eine ältere Russin, die lauthals russisch telefonierte und hell blondiert war, eine sehr hübsche junge Russin und zwei Arbeiter. Und ich.

Als erstes mußte natürlich die Sitzordnung geändert werden, denn der fromme Mann kann ja nicht zwischen zwei Frauen sitzen, und wir waren doch ziemlich viele Frauen. Aber das klappte irgendwie, alle saßen, noch ein Student stieg ein, das Taxi war voll und wir fuhren los. Ismail, so hieß der Fahrer, kassierte das Geld, während er um die Kurven raste und das Radio lauter stellte.

Es dauerte nicht lange, und der Religiöse turnte nach vorne. Er bat den Fahrer sehr höflich, das Radio abzustellen, „wenn es dir nichts ausmacht“. Ismail warf ihm einen kurzen Blick zu, meinte, na gut, und drehte das Radio runter.

In Kiriat Motzkin  wollten die beiden Arbeiter aussteigen. Einer von ihnen blieb wie angewurzelt unter der Tür stehen und drehte sich um, Panik in den Augen. Sein Portemonnaie war weg! aber er hatte es noch in der Hand gehabt, als er bezahlte! Ismail meinte beruhigend: „dann muß es ja noch irgendwo sein, seitdem ist niemand ein- oder ausgestiegen“. Und wir fingen alle an zu suchen, weil wir es ja auch alle eilig hatten und weiter wollten. Der Arbeiter kroch auf allen vieren im Taxi rum und wir rutschten herum und tasteten und guckten in alle Ritzen.  Und wir machten Anstalten, alle auszusteigen und das Taxi richtig zu durchsuchen, trotz unserer Eile.

Auf einmal sagte der Religiöse, mitten ins Chaos von Tüten, Mänteln und Popos, „oh, ich muß drauf gesessen haben“, und reichte dem Arbeiter das Portemonnaie. Der sah den Religiösen an, als wollte er ihn fressen, schnappte sich das Portemonnaie und verschwand. Es war ein peinlicher Moment. Ismail schmiß den Wagen wieder an und raste weiter. Automatisch stellte er dabei das Radio wieder auf laut.

Frauenstimmen darf der Religiöse ja gar nicht singen hören.  Er kam also wieder nach vorne und bat immer noch höflich, aber schon etwas genervt, ob der Fahrer das Radio nicht abstellen könnte. Der Fahrer rutschte unbehaglich hin und her. Dann platzte er heraus, „ja sind wir denn in Trauer? ich kann ohne Radio nicht autofahren!“ Er stellt das Radio zwar leiser, aber die Musik war doch noch zu hören. Der Fahrgast seufzte also, zuckte mit den Schultern und fiel auf seinen Sitz zurück. Etwas später stieg er aus.

Vermutlich hat er sich vorgenommen, nie wieder in so ein Sammeltaxi zu klettern, während der Fahrer sich zufrieden die Schirmmütze zurechtrückte, die Musik lauter stellte und weiterfuhr.

Kommentare»

1. yael1 - Dezember 14, 2010, 16:47

Das Leben schreibt immer noch die besten Geschichte. Sehr köstlich. Danke und bitte mehr davon.

2. grenzgaenge - Dezember 14, 2010, 17:02

Toda Raba für den wundervollen Bericht, liebe Lila 😉

3. Popeye - Dezember 14, 2010, 18:26

„Frauenstimmen darf der Religiöse ja gar nicht singen hören“

Stimmt das wirklich? Ich bin immer wieder erstaunt, welche Freuden sich Menschen wegen der Religionen versagen.

4. yael1 - Dezember 14, 2010, 19:10

Singende Frauen, Popeye. Deshalb auch kein Radio.

5. yael1 - Dezember 14, 2010, 19:14

Ach, steht ja schon dort. Ob das immer eine Freude ist, sei dahingestellt.:D Sie versagen es sich, weil sie denken bzw. das Judentum ist dieser Auffassung, dass Männer dadurch auf „dumme“ Gedanken kommen könnten. Der Haredim, um den es geht, versagt sich ebenfalls Fernsehen, Radio, Kino und so weiter. Was manchmal auch seinen Sinn hat. 😉

6. Yoav Sapir - Dezember 14, 2010, 20:14

Subtext: Der Kaftanträger hat das Portemonnaie unterschlagen; alle haben Zeit verloren; der Taxifahrer übte mit dem Radio Rache —? Oder habe ich das komplett missverstanden?

7. Lila - Dezember 14, 2010, 20:28

😀

Komplett mißverstanden. Kein Subtext. Ich hab nur erzählt, was sich abgespielt hat. Der Arbeiter hat den Kaftanträger verdächtigt, das habe ich so verstanden, oder er war einfach nur so schlechter Laune. Gesagt hat er aber nichts und auch sonst niemand.

Ich saß vorne, ich weiß nicht, wie die anderen geguckt haben. Es war sehr peinlich, weil die Muffigkeit des Arbeiters im Raum stand. Hätte der Religiöse das Portemonnaie klauen wollen, hätte er es einfach einstecken können. Er hat es aber abgegeben.

Rache? Ich glaub es nicht. Dem Taxifahrer war es eher egal, der wollte nur schnell weg. Und er macht das Radio vollkommen automatisch leiser und lauter, je nach Motorenlärm, damit es immer eine Lautstärke hat. Der kann gar nicht anders.

Ich habe die Stille genossen, eigentlich hatte ich für beide Sympathien. Denn ich leide unter dieser Musik auch, würde aber nie darum bitten, das Radio leiser zu stellen. Von daher habe ich den Kaftranträger um seine Coolness beneidet, denn ich würde das nicht bringen.

Kurz, es war durch und durch hasui. Und ich fand es lustig, denn es ist ja niemandem ein Schaden geschehen. Der Taxifahrer brettert weiter, der Religiöse ist gut angekommen, der Arbeiter hatte sein Portemonnaie wieder und ich eine kleine, kleine Geschichte.

8. jakobo - Dezember 14, 2010, 22:52

ich versuch mir gerade die szene vorzustellen wo der jaredi einsteigt und auf einmal alle aufstehen um den platz zu tauschen 🙂

.. und falll gleich vom stuhl vor lachen 😉

9. mibu - Dezember 14, 2010, 23:03

yoav, denkbar wäre natürlich auch, dass der Orthodoxe sich dachte: dem Sammeltaxivolk zeig‘ ich mal, dass es uns hier auch noch gibt; der Busfahrer: heute muss mein Glückstag sein, das ist schon der dritte Heilige; und die übrigen denken sich … vielleicht einfach nix.

Irgendeinen Sinn muss das alles doch irgendwie haben ? Muss es ? Ich glaube, dass ist manchmal unser Problem: wir machen uns manchmal das Leben gegenseitig so schwer, dass wir in allem und jedem versuchen, irgendein Verhaltensmuster zu erkennen; auch dort, wo teilweise blanke Gedankenlosigkeit (Alltag; das hast du jetzt absichtlich gemacht …) und häufig reiner Zufall (Weltall; Sterne lügen nicht, latürnich !) herrschen. 😀

10. mibu - Dezember 14, 2010, 23:04

wasis hasui ?

11. AufDenMauernVonZion - Dezember 14, 2010, 23:10

Echt, – ein Erlebnis. Und ich fürchtete, es würde wieder richtig judenfeindlich werden.
So einen Ultraorthodoxen hab ich auch noch nicht kennengelernt, – soweit ich weis , muss es für die Betreffenden schwer sein, anch all den alten religiösen Gesetzen zu leben.
Deshalb gibt es ja das Reformjudentum, aber auch die Normalorthodoxen ( da kenn ich nicht so richtig die Unterschiede), -u nd v.a.
nicht zu vergessen
JESCHUA Christus.
Die 10 Gebote – Grundlage unserer Zivilisation überhaupt – gelten aber für alle !

12. Wolfram - Dezember 15, 2010, 0:14

Da fällt mir auf, ich habe in Straßburg nie einen Strengorthodoxen im öffentlichen Nahverkehr gesehen… wahrscheinlich aus gutem Grund, da kommt man gerade zu Stoßzeiten (sic) viel zu nah an andere Leute und muß gar deren Walkman mithören. 😉

13. Lila - Dezember 15, 2010, 7:02

Mibu, ich bin leider gänzlich außerstande, das schöne Wort hasui vernünftig zu übersetzen. Das Online-Wörterbuch sagt:

hallucinatory, imaginary; trippy ; (colloquial) strange, odd, weird, zany

Also seltsam im höchsten Grade.

zu 11: Warum sollte es „wieder“ richtig judenfeindlich werden?

14. Karl Eduard - Dezember 15, 2010, 14:37

Das war eine schöne Geschichte. Und draußen rieselt leise der Schnee.

15. orthostrass - Dezember 15, 2010, 14:57

wolfram:

In Strassburg benuetzen z.b. die streng orthodoxen Maedchen gerne den Bus Nr. 2 oder 10 um in die Schule oder von der Schule nach Hause zu kommen.

Ansonsten muss man sagen, dass das „juedische Viertel“ in Strassburg eher klein ist und dass man zu Fuss auch gut herumkommt.

Wie hoch der Prozentsatz Autobesitzer ist, kann ich nicht sagen, viele fahren auch Fahhrad oder Mofa, alles je nach Wetterlage.

Aber dass Chareidim die Oeffentlichen Verkehrsmittel in Strassburg meiden kann ich nicht bestaetigen.

16. Smilla - Dezember 15, 2010, 20:51

Ich find’s ja sehr schräg („hasui“, oder wie war das?), dass alle der Aufforderung, doch bitte Plätze zu tauschen, damit ein Manderl nicht neben einem Weiblein sitzen muss, völlig selbstverständlich und protestlos nachkommen. Kann ich mir irgendwie hier gar nicht vorstellen.

17. yael1 - Dezember 16, 2010, 0:55

Thats Israel.

18. Wolfram - Dezember 16, 2010, 9:06

@ orthostrass (15): Für Mädchen ist es viellleicht auch kein Problem, Frauenstimmen singen zu hören oder von Frauen berührt zu werden…
Jedenfalls habe ich in den Jahren, die ich rue Ehrmann gewohnt habe, nie einen traditionell gekleideten orthodoxen Juden am Contades in die Tram einsteigen sehen – oder auch in den Bus Linie 2. Vielleicht war ich auch zu den falschen Zeiten unterwegs, die wechselten allerdings ziemlich häufig.
Ich weiß auch, daß es viele Juden gibt, die zwar orthodox leben, aber sich das an den Kleidern nicht ansehen lassen. Jüdische Krankenschwestern lassen sich beispielsweise nicht auf einen Kopftuchstreit ein – sondern tragen Perücke. Dem Gesetz Moses wie dem republikanischen Gesetz ist Genüge getan, was will man mehr?

@Smilla: Ich wünsche mir in Europa oft mehr Respekt für die religiösen Überzeugungen und deren Ausleben des Einzelnen.


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