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Ein Nachruf November 29, 2010, 21:23

Posted by Lila in Uncategorized.
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Heute habe ich eine traurige Nachricht erhalten. Meine beste Freundin aus dem Kibbuz (eigentlich die einzige, mit der ich ständig in Kontakt bin) hat heute ihren Vater verloren.

Meine Freundin ist wenige Jahre jünger als ich,  und sie  ist die Jüngste von Fünfen (sie hat vier große Brüder). Ihr Vater war fast 80 Jahre alt, in den letzten Jahren sehr hinfällig. Er ist im Kibbuz-eigenen Altersheim gestorben, in den Armen seiner Frau.

Meine Freundin ist typische Israelin: sie hat einen gemischten ethnischen Hintergrund. Ihr heute verstorbener Vater war Holocaust-Überlebender aus Ungarn, ein Budapester Junge, der nach dem Krieg und Holocaust jahrelang nach überlebenden Familienmitgliedern suchte. Er kam mit einer Gruppe von anderen jugendlichen, verwaisten Überlebenden aus Ungarn in den Kibbuz – sie halten bis heute als Gruppe wie Pech und Schwefel zusammen, denn die meisten von ihnen sind im Kibbuz geblieben.

Diese ungarische Gruppe hatte immer einen leichten Groll auf die Gründer, die älter waren, nicht direkt vom Holocaust berührt (weil sie als glühende Zionisten wie die Großeltern meines Mannes schon in den frühen 30ern nach Palästina kamen) und ihren Gründerstolz nicht verbargen. Für die ungarischen Waisen, die mit ihren Traumata und seelischen (auch körperlichen) Narben hinzukamen, war es nicht einfach.

Der Vater meiner Freundin heiratete eine der nettesten und charmantesten Frauen des Kibbuz. Auch mit Mitte 70 hat sie nichts von ihrem Charme verloren, und niemand kann mit ihr reden, ohne ihr Lächeln zu erwidern.  Auch die Mutter meiner Freundin hat ihre Eltern sehr früh verloren, aber nicht durch den Holocaust. Sie ist ägyptische Jüdin und ist in Alexandria geboren. Den Vater hat sie nie kennengelernt, er ist vor ihrer Geburt gestorben, und die Mutter starb kurz darauf. Eine Odyssee der verwaisten Kinder folgte, bis schließlich die älteste Schwester sich um die Geschwister kümmerte.

In den 50er Jahren verließen die meisten ägyptischen Juden das Land und wanderten nach Israel ein. Die Schwestern wurden von der Aliyat ha noar, der Jugendaliya, auf Kibbuzim verteilt. In einer solchen Noar-Gruppe ist ja auch meine Schwiegermutter, Kind einer armen polnischen Familie, in den Kibbuz gekommen.  Auch die Mutter meiner Freundin hat also ihr Leben im Kibbuz nicht als privilegiertes Kind einer Gründerfamilie angefangen. Sie hat jahrelang im Kinderhaus gearbeitet, dabei auch Y. betreut, zu dem sie bis heute ein ganz besonders nettes Verhältnis hat, das sie auch auf mich und die Kinder ausgedehnt hat.

Sie ist auch die Frau, von der ich mal erzählt habe – sie traf mich gegen Ende meiner Schwangerschaft mit Secundus, als ich mit Primus spazierenging. Sie sah mir ins Gesicht und fragte: „na, machst du dir Sorgen, ob du genügend Liebe für zwei Kinder haben wirst?“ Und ich: „ja, hm, keine Ahnung, wie ich beiden gerecht werden soll, werde ich das neue Baby so liebhaben wie Primus und wird er nicht leiden….“ Und da lächelte sie und sagte: „vergiß nicht, das Herz ist ein Muskel. Je mehr du es benutzt, desto stärker wird es“.  Diese Worte, die wirklich ganz einfach und nicht phrasenhaft aus ihrem Mund kamen, haben mich tatsächlich seitdem begleitet. Sie ist eine ganz besondere Frau, die Mutter meiner Freundin.

Der verschlossene Überlebende aus Budapest und die temperamentvolle kleine Frau aus Alexandria – fünf Kinder – zwölf Enkelkinder – ein Urenkelchen – und ein Ruf als solider, zuverlässiger Mitarbeiter in der Verwaltung des Kibbuz. Das war sein Leben. Nichts Auffälliges, nichts Großartiges.

Er stand eigentlich immer ein bißchen im Schatten seiner Frau, die mit ihrer warmen Persönlichkeit nicht nur das Haus, sondern ihre ganze Umgebung versorgte. Sie ist die Nachbarin, die mir einmal, als wir alle krank waren, einen Topf Suppe durch die Tür reichte (köstliche Kürbissuppe, die ich seitdem oft nachgekocht habe). Aber sie hat ihn für den Verlust seiner Herkunftsfamilie zu entschädigen versucht, auch wenn das natürlich unmöglich ist. Sie hat sogar Ungarisch gelernt – sprechen und kochen. Wie viele Leute gibt es, die Hebräisch, Arabisch und Ungarisch fließend sprechen? Sie waren ein gutes Team, und es ist fast unmöglich, sie als Witwe vorzustellen.

Meine Freundin hat zu ihren so verschiedenen Ahnen ein ganz interessantes Verhältnis. Sie war immer, obwohl sie das einzig´Mädchen war und ihres Vaters Augapfel, selbst mehr Mutters Kind. Trotzdem hat sie sich in ihren Interessen und kulturellen Identität immer den europäischen Ahnen mehr verbunden gefühlt. Sie sieht eindeutig orientalisch aus, fühlt sich aber gar nicht so. Ihr langsam anlaufendes Projekt „Familienforschung“ ist viel komplizierter als meines. Sie war zuletzt vor zwei Monaten in Budapest, hat dort die Spuren der Kindheit ihres Vaters gesucht. Sie hat ihm die Bilder gezeigt, und er hat gelächelt, obwohl er sonst kaum noch kommunizieren konnte oder wollte.

Meine Freundin trauert nicht nur um den Verlust ihres Vaters, sondern auch darum, daß sie nun keine Chance mehr hat, die Löcher in seiner Kindheits- und Familiengeschichte zu füllen, die leer geblieben sind.

Ich kann auf Google Earth jedes Haus angucken, in dem meine Eltern und Großeltern gewohnt haben. Ich weiß, welche Schulen sie besucht haben, und kenne ihre Kindheitsfreunde und selbstverständlich alle Vettern und Cousinen. Ich weiß, wem ich ähnele und von wem ich, nach familiärer Vererbungstheorie, meine diversen Charakterfehler geerbt habe. Und ich habe erst in den letzten Jahren gelernt, daß das nicht selbstverständlich ist, und kostbar.

Meine Freundin hat jahrelang keine Fragen gestellt und sich nicht für die Geschichten ihrer Eltern interessiert. Erst als sie selbst älter wurde, erwachte auf einmal der sehnsüchtige Wunsch, mehr zu wissen. Der Vater gab nur unwillig Informationen preis, und die schließlich gefundenen Verwandten in Ungarn wissen nicht alles.  Jetzt wird sie mit den Lücken leben müssen, und auch mit der Frage: war es richtig, daß wir Kinder nicht weiter nachgefragt haben?  Haben wir dem Vater damit einen Gefallen oder Bärendienst getan?

Mittwoch wird er beerdigt.

Kommentare»

1. Tine - November 29, 2010, 21:43

Mein Vater ist gestorben, als ich 6 Jahre alt war, er ist nur 40 Jahre alt geworden.Ich weiß praktisch nichts über ihn, was seine Interessen waren, was er mochte und was nicht.Ich wäre froh, wenn er so alt geworden wäre und ich ihn nach Allem hätte fragen können.Meine Mutter hatten nie Kontakt zu anderen Verwandten, ich weiß praktisch nichts über meine Familie, und wäre froh,wenn ich soviel wüsste.

2. Lila - November 29, 2010, 21:50

Oh Tine, das tut mir aber leid, das ist aber sehr traurig. Kannst Du nicht auf eigene Faust Kontakt aufnehmen? Es gibt doch Möglichkeiten, die Spuren eines Menschen zu verfolgen – wenn Du den Geburtsort weißt, kannst Du dort anfangen. Schulen, Gemeinde, da kann man schon mal nachhaken.

Es tut mir leid, wenn mein Eintrag Dir wehtut. Das war sehr unbedacht von mir.

Ich wünsche mir, daß Du es schaffst, das Bild Deines Vaters mit Einzelheiten zu füllen, vielleicht indem Du Verwandte, Schulkameraden, alte Lehrer ausfindig machst.

3. Marlin - November 29, 2010, 22:55

Ein schöner Bericht, Lila, trotz des traurigen Anlasses..

😦

Mir steht das noch bevor, und es wird sehr schwer werden.. Hmpf. Aber schön, dass er eine so nette Frau hatte. Sie tut mir leid.

4. Anne - November 29, 2010, 23:31

Natürlich ist es traurig, ganz besonders für Deine Freundin, aber insgesamt wird es sie vielleicht auf die Dauer trösten, dass sein Leben nicht vergeudet war. Er hat tiefe Liebe empfangen und auf seine Art offensichtlich auch gegeben, sonst hätte Deine Freundin ihn sicher nicht so gerne. Er hat nach einem Horror-Anfang insgesamt noch ein gutes Leben gelebt. Es wäre schön, wenn man das über alle Verstorbenen sagen könnte.

Deine einfühlsamen Berichte über andere Menschen sind einfach wundervoll zu lesen. Ich wünschte, Du würdest sie mal sammeln, in Einzelfällen noch erweitern und dann als Buch veröffentlichen. Aus Dir spricht so viel Liebe zu anderen Menschen, und nicht ein verkitschtes rosa-gefärbtes Bild, sondern eine Wahrnehmung der Würde der anderen, wer oder was er auch sei.

5. Yoav Sapir - November 30, 2010, 0:14

Soso, ich wusste nicht, dass in Israel typisch = gemischt. Die meisten meiner Freunde und Bekannten sind nicht gemischt (und wollen es vermutlich auch nicht). Naja, ist wohl nur eine komische Anhäufung von Zufällen.

6. Lila - November 30, 2010, 0:21

Tatsächlich? Ist ja verrückt. Ich kenne kaum einen Sabra, dessen Galut-Ahnen aus einer Ecke kamen. Also die Eltern oder Großeltern oder Urgroßeltern. Yecke und Rumäne, Jemenit und Marokkanerin, Pole und Kurdin, Inder und Ungarin… Nur bei russim fällt es auf, daß oft beide Elternteile aus der Ex-UdSSR kommen.

Ich weiß nicht, ob das mal statistisch untersucht worden ist, aber irgendwo habe ich mal gelesen, daß der Gegensatz ashkenasi-mizrahi bald wegfällt, weil alle mit allen Heiraten eingehen. Außer natürlich bei Haredim, die viel strikter endogam heiraten.

7. Yoav Sapir - November 30, 2010, 6:28

Okay, ich kann mich jetzt an eine Freundin erinnern, die einen orientalischen Juden geheiratet hat. Fand ich auch schon komisch, aber sie wurde ja immer älter usw.

8. Yoav Sapir - November 30, 2010, 6:32

Und dass meine Schwester einen aus Georgien geheiratet hat, pflege ich anscheinend zu verdrängen…

Lustig.


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