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Tränenfeucht November 28, 2010, 23:25

Posted by Lila in Land und Leute.
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Ich sehe nicht oft fern, aber heute habe ich durch reinen Zufall einen Film gesehen, der mich bewegt hat. Und das im Channel 1! Es war ein ausgezeichneter Dokumentarfilm von Avishai Kfir über den amerikanischen Juden Fred Monosson, seine Lebensgeschichte und seine Obsessionen – Israel, Nelken im Knopfloch und Filme drehen. In Farbe.  Eine Zeitmaschine, ein Zeitloch, eine Zeitkapsel – egal welche Metapher, mir wird schwindlig dabei.

Monosson war acht Jahre alt, als seine verwitwete Mutter mit ihren Kindern Rußland verließ und nach Boston übersiedelte. Dort arbeitete Fred sich hoch, vom Schneider zum Besitzer einer Schneiderei, dann einer Kleiderfabrik, dann mehrerer Fabriken. Er wurde reich und zu einer Säule der jüdischen Gemeinde (nicht im religiösen Sinne) in Boston. Und er konnte sich eine hochmoderne Kamera leisten – mit Farbfilm. Damit hielt er sein Leben fest.

Er war schon Anfang der 40er Jahre im Mandatsgebiet Palästina, auch in unserem alten Kibbuz. Die Bilder waren einfach unglaublich – alles in Farbe, die Menschen in Tel Aviv, im Norden, an der Klagemauer. Dann der Hafen – die Schiffe mit Flüchtlingen aus Europa – die von den Briten weggeschickt wurden. Monosson verfolgte, was weiter mit ihnen geschah.

Monosson filmte nach dem Krieg in Europa, den zertrümmerten Reichstag – in Farbe. Er filmte in Warschau, das planierte Ghetto. Er war in Auschwitz, als die Schornsteine noch warm waren vom Rauch der Seelen, die dort verbrannt wurden. Und Kfir spekuliert, daß er auf dieser Reise, die ihn auch in die DP-Camps zu den Überlebenden führte,  endgültig zum Zionisten wurde. Denn er wurde ein glühender Aufbauhelfer, als der junge Staat entstand.

Er kannte sie alle, er war immer dabei. Wo immer etwas eröffnet, gefeiert, begangen wurde, er war dabei. Herzls Gebeine wurde nach Jerusalem gebracht – Monosson und seine Kamera waren dabei. Er hat alle Paraden festgehalten. Er filmte in Kfar Etzion, Wochen vor der Zerstörung und dem Massaker. Man sieht die Menschen herumlaufen, arbeiten – und weiß, was für ein Schicksal sie erwartet.

Er war in Kibbuzim, hat dort getanzt, geredet, gestiftet. Er hat aus den amerikanischen Juden große Summen zum Aufbau Israels rausgekitzelt und war zahllose Male hier. Seine Familie teilte und teilt seinen Eifer keineswegs, so daß er nicht Aliya machen konnte.  Seine Enkel, inzwischen selbst Großeltern, erinnern sich mit Stöhnen an die Abende beim Opa, wenn sie Filme über Israel gucken mußten und immer einschliefen, während der Opa ihnen jede Einzelheit erklären wollte. Bis heute war keiner von ihnen in Israel, und es interessiert sie auch nicht. Der Opa flog also meist allein oder mit seiner Frau Mimi.

Die Bilder zeigen, trotz der zweifelhaften Nähe von Kapital und Politik, einen begeisterten Menschen, der nichts für sich will, sondern alles für andere, für sein Volk, für das jüdische Volk. Sie zeigen auch einen Besessenen, der alle charmieren muß, der immer mit auf dem Bild sein muß, eine Art Forrest Gump, der immer dabei ist – aber in echt.

Er lädt Ben Gurion zu sich nach Hause ein, nach Boston. BG, der bekanntlich nichts von Galut-Juden hielt, antwortete ihm grimmig, daß er ihn wohl besuchen käme, wenn er erst ein Haus in Israel hätte. Natürlich baut sich Monosson ein Haus (damals unglaublich luxuriös wirkend) in einem Örtchen auf seinen Namen, eine weitere Stiftung. Und Ben Gurion kommt. Monosson strahlt.

Der Film zeigt einen unermüdlich tätigen Mann. Ein Fuchs und gleichzeitig von naivem Drang beseelt, allen zu gefallen, jedem Menschen ein Lächeln zu entlocken. Er flirtet mit Soldatinnen, er läßt sich von allen tauben Kindern, denen er Hörgeräte schenkte, die Patschhand geben, er filmt voll Faszination die Neueinwanderer aus dem Jemen (Fliegender Teppich) und Marokko. Die Maaborot (Lager für Neueinwanderer)! Was wohl aus den Einwanderern dort geworden ist? Wo sind Chaims Eltern, wo Shoshana, die in einer Maabara geboren ist? Wo meine Schwiegermutter, die als Kind dort lebte?

Tel Aviv – so leer! Wie die Leute gekleidet sind – mit Petticoats, die Frauen toupiert, alle laufen schnell, schnell, schnell. Die Autos! Und immer lächelt irgendwo Monosson. Er muß überall jemandem seine Kamera in die Hand gedrückt haben, um bei allen Bildern mit dabei zu sein. Immer zieht er jemanden zu sich heran, streicht sich mit komischer Grimasse über die Glatze, kokettiert mit der Kamera.

Unter der Geschichte eines guten Mannes an wunderschönen, bunt gefilmten Orten, die wir so gut kennen und die sich seither so verändert haben, spielt sich eine andere Geschichte ab: das Überleben des Volks Israel im 20. Jahrhundert.

Ich unterrichte ja einen Kurs über Kunst und Holocaust und habe heute über Kinderzeichnungen aus Terezin gesprochen. Terezin, der Stadt, die der Führer den Juden gebaut hat. Ich habe den Studenten die Bilder gezeigt, die die Kinder von der Ausschmückung des Ghettos gemalt haben, bevor das Rote Kreuz zu Besuch kam und befand, daß es vertretbar und angemessen ist, Juden in einem Ghetto zu halten. Die ganzen letzten Tage habe ich in diesem Thema gelebt, die Bilder ausgewählt und sortiert und mehr Bücher dazu gelesen, als mir guttut.

Der heutige Tag jedenfalls hat mir in einer Nußschale alles beschert, was mein Leben hier ausmacht. Morgens früh um sechs: zwei Söhnen in Uniform hinterhergewinkt. Mittags: mit Übelkeit im Magen das Mittelstädtsche Gebräu von Nachrichten, Ressentiments, Halbwahrheiten und Volllügen gelesen und mir das selbstgerechte Nicken und innere Juchzen der deutschen Leser ausgemalt (als ob es in Deutschland keine Idioten mit Vorurteilen gäbe). Nachmittags: über die Kinder von Terezin referiert, die vor ihrem Tod in Friedl Dicker-Brandeis´ Kunstklasse gemalt haben, was sie gesehen haben – Bilder, die kein Kind je sehen dürfte. Abends: dieser Film, der mir gezeigt hat, wie fragil der Staat Israel ist. Alles hängt an einem Härchen, alles hätte auch schiefgehen können, und es könnte morgen schon schiefgehen.

Und warum ich dieses Fleckchen Erde mit Irren aller Couleur so liebe. Es ist ein Wunder des Himmels, daß es Israel überhaupt gibt, diesen einen sicheren Hafen für das jüdische Volk. Und es ist ein noch größeres Wunder, daß Israel überhaupt noch existiert, verhaßt und verleumdet und mit Auslöschung täglich bedroht.  Ich bete und hoffe, daß Israel auch weiterhin bestehen wird.

Ich habe als Kind Kishon gelesen und eine Geschichte nie verstanden. Das war „Der Unterschied“, in „Dreh´n Sie sich um, Frau Lot“ – die Geschichte von dem amerikanischen Besucher Klein, der bei der Parade in Jerusalem in Tränen ausbricht, als er die vier mickrigen Hubschrauber sieht. Heute weiß ich, warum er geweint hat.

Kommentare»

1. Malte S. Sembten - November 28, 2010, 23:40

Seltsam, dass dieser Mann, offenbar einer der bedeutendsten filmischen Chronisten der Juden im 20. Jahrh., ziemlich unbekannt ist. Ich lese hier zum ersten Mal von ihm. Und selbst in der englischsprachigen Wikipädie hat er keinen eigenen Eintrag und findet nur im Lemma über „seine“ Siedlung Neve Monnosson Erwähnung.

@ Lila: Hätten Sie nicht Lust, ihm einen Wiki-Eintrag zu schreiben?

2. Lila - November 28, 2010, 23:49

Nein, sowas mach ich nicht. Ich kann meine Fingerchen nicht in JEDEN Pudding stecken.

Hier ein paar Links zu Ausschnitten:

I was there in color

Die Parade

Auschwitz und Dachau

3. Malte S. Sembten - November 29, 2010, 0:10

Hat er denn einen Eintrag in der hebräischen Wikipädie? Das konnte ich leider nicht nachprüfen. Ich würde sagen: Er hat (muss haben, alles andere wäre eine Schande).

–> http://yi.wikipedia.org/wiki/הויפט_זייט

4. Lila - November 29, 2010, 0:30
5. Ralf - November 29, 2010, 0:31

Das mit Forrest Gump hast Du doch abgeschrieben. 🙂

6. Lila - November 29, 2010, 0:34

Nein, aber es bot sich an – jeder, der die Aufnahmen sieht, wird sofort diese Assoziation haben. Ich hab sie auch ohne Aussie Dave gehabt.

7. Ralf - November 29, 2010, 0:43

Schon klar. Ich habe nur gegoogelt, wo ich von diesem Material vor Monaten schon gelesen haben könnte, und da habe ich zwar nicht meine Quelle gefunden, aber ich bin über Israellycool gestolpert. Sorry, wenn es zu ernst klang.

8. Anne - November 29, 2010, 1:24

Worauf spielt denn der Hinweis auf das ‚Mittelstädtsche Gebräu‘ an? Ich habe von keinem/keiner Person namens Mittelstadt oder Mittelstädt etwas mitbekommen.

9. Lila - November 29, 2010, 1:32

Dann ist heute Dein Glückstag 🙂

Hier, gucke mal.

Safed ist eine der vier heiligen Städte des Judentums, hoch in den Bergen Galiläas gelegen. Durch die Straßen schlurfen Gestalten wie aus dem Märchenbuch, Männer mit weißem Rauschebart, schwarzem Mantel, unter dem Arm ein Buch.

Und so weiter…

10. Malte S. Sembten - November 29, 2010, 2:34

3. Malte S. Sembten – November 29, 2010, 0:10
Hat er denn einen Eintrag in der hebräischen Wikipädie? Das konnte ich leider nicht nachprüfen. Ich würde sagen: Er hat (muss haben, alles andere wäre eine Schande).

4. Lila – November 29, 2010, 0:30
Er hat.

Dann bin ich beruhigt. Leider kann ich den Eintrag nicht lesen. Allerdings hab ich mich einen Augenblick lang darüber gewundert, dass Monosson schon 1892 gestorben sein soll.

11. Silke - November 29, 2010, 2:44

als Betthupferl, da sich hier so viele LeserInnen tummeln:

hier ist einer meiner bestgeliebten Podcasts
In Our Time zu Sturm und Drang.
Englisch: Storm and Stress
aber in der Sendung lassen sie’s bei Sturm und Drang, es scheint der BBC mangelt’s auch an Wörterbüchern 😉

wer’s mobil hören will, gleich runterladen, die BBC läßt die Sachen nicht lange bei iTunes

http://itunes.apple.com/de/podcast/iot-sturm-und-drang-14th-oct/id73330895?i=88181164

12. Anne - November 29, 2010, 14:06

Danke für Deine Auskunft. Als ich das las, wusste ich wieder, dass die Entscheidung , den Spiegel nicht mehr zu lesen, die ich schon vor vielen Jahren getroffen habe, völlig richtig war und bleibt. Trotzdem muss ich zugeben, solch einen Dreck hätte ich ihm doch nicht zugetraut, auch wenn ich bisher schon großen Zweifel an seiner journalistischen Seriosität hatte.

13. willow - November 29, 2010, 15:58

@12. Anne

Dann

„Trotzdem muss ich zugeben, solch einen Dreck hätte ich ihm doch nicht zugetraut, auch wenn ich bisher schon großen Zweifel an seiner journalistischen Seriosität hatte.“

geht es dir ein Stückchen wie mir… manche Sachen will man einfach nicht wahrhaben, aber irgendwann habe ich doch das Abo gekündigt und jetzt, nach der letzten Ausgabe (der berühmte Tropfen…) muß auch „National Geographic“ dran glauben, ich habe es satt!

PS: Auch von AI, die ich jahrelang unterstützt hatte, habe ich schweren Herzens Abschied genommen…

14. Anne - November 29, 2010, 23:08

@13. willow
Ja. ist es nicht unglaublich, dass der Spiegel immer noch in den Nachrichtensendungen wie eine erstklassige, seriöse Quelle dargestellt wird? Ich glaube, ein bisschen färbt das ab, selbst wenn man schon viele Male gemerkt hat, dass das Gelesene nur gequirlter, schnodderig aufbereiteter Mist war. Aber manchmal denke ich, das kann doch nicht sein, dass dieses Blatt für viele Leute eine Art Bibel ist und nur so wenige Leute merken, was das für eine Art Berichtserstattung ist. Früher, als ich jünger war, hätte ich daraus geschlossen, dass ich im Unrecht sein muss. Heute traue ich mich eher zu sagen, ja, ich stehe dazu, es ist Mist, auch wenn es nur Wenige merken.

15. willow - November 29, 2010, 23:20

„Früher, als ich jünger war, hätte ich daraus geschlossen, dass ich im Unrecht sein muss.“

Ich wohl auch, meistens… zumal man ja auf diese Weise auch Freunde verliert – aber irgendwann muß es eben sein.

16. Ralf - November 29, 2010, 23:21

Anne, die Nachrichtensendungen, jedenfalls wenn Du das Fernsehen meinst, sind auch nicht unbedingt besser. Akademikerboulevard habe ich den Spiegel in einem anderen Thread hier vorhin genannt. Es ist schon so. – Sapere aude!

17. Anne - November 30, 2010, 13:18

Mir ist irgendwann so in den 80er Jahren endgültig klar geworden, dass der Spiegel so eine Art ‚Bunte‘ für Leute mit Abitur ist – da war dann Schluss für mich.


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