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Qual der Wahl November 22, 2010, 21:33

Posted by Lila in Kinder.
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Es ist das dritte Mal, daß eines meiner Kinder sich auf die Armee vorbereitet, und diesmal ist es Tertia. Alles läuft ganz anders als bei den Jungen.

 

Beide Söhne waren, genau wie alle ihre Freunde, trotz ihrer Erziehung im traditionell linkszionistischen Kibbuz-Milieu, heiß auf die Armee. Sie sahen es als eine Art sportliche Ehre, in eine möglichst kämpferische Einheit zu gelangen, und dort möglichst gefährliche, anstrengende und geheime Aufgaben zugeteilt zu bekommen. Es war natürlich sehr interessant zu sehen, wie die Abenteuerspielplatz-Sicht auf die Armee innerhalb von wenigen Wochen zerbröckelte (was keine Predigt oder zynische Bemerkung von Vater, Onkel oder älterem Freund fertiggebracht hätte), und wie beide Söhne erkannten, daß ganz andere Dinge wichtig sind. Beide haben es ja auch sehr schnell geschafft, ihre Pläne diesen Erkenntnissen anzupassen, und auch  das gehört zum Erwachsenwerden in Israel wohl dazu.

 

Aber in der Vorbereitungsphase, in der die Armee den ganzen Jahrgang einlädt und mehrmals auf Herz, Nieren, Intelligenz, Charakter, Neigungen und Wünsche testet, befragt und interviewt, in dieser Phase war für die Jungen nur wichtig, so gut wie möglich abzuschneiden und sich damit einen Platz in einer prestigeträchtigen Einheit zu sichern.

 

Dabei spielen Profil (also körperliche Fitness) und Kaba (mentale Stärke und IQ) eine große Rolle. Primus´ Profil wurde durch seine schwache Sehkraft beeinträchtigt, Secundus´ Profil war so hoch wie möglich – 97. Kein israelischer Mann erreicht die 100, denn sie sind alle beschnitten (auch die Drusen und Beduinen, soweit ich weiß) und dafür gehen 3 Punkte ab. Die Kaba-Note weiß ich nicht mehr, oder vielleicht erfahren sie gar nicht, aber sie haben beide wohl gute Zahlen erreicht, denn sie sind in guten, wenn auch nicht Elite-Einheiten.

 

Bei den Jungen, das weiß ich noch genau, war es mehr die Frage: in welche Einheit sollen wir gehen? welche nimmt uns?, die sie beschäftigte. Artillerie oder Luftabwehr, Duvdevan oder Shaldag, U-Boote oder Sayeret Matkal? Was sie dann da mal tun sollten, hat sie weniger beschäftigt, das würde sich dann schon ergeben.

 

Y.s Versuche, sie dafür zu interessieren, welche Aufgaben es denn nun konkret in der Armee gibt und welche davon zu ihnen passen würden, die stießen bei beiden Jungens nicht auf viel Gehör. Jetzt natürlich desto mehr, jetzt auf einmal fragen sie ihren Vater (der die Armee wirklich gründlich kennt, besonders durch ein paar echte Insider-Kurse in seiner Zeit bei der Aufklärung, wo die Armee sich selbst reflektiert) und richten sich sogar nach seinen Tips.

 

Aber bei Tertia ist das alles ganz anders. Sie hat ein exzellentes Profil, trotz ihrer schwierigen Ausgangsbedingungen als geborene ziflona (Winzling) und Asthma-überschatteter früher Kindheit. Für mich eine Erleichterung, für sie vollkommen irrelevant. Der Kaba interessiert sie mehr, und sie hat nun mehrere solcher Treffen hinter sich, bei denen sie stundenlang getestet und interviewt wurde.

 

Und jetzt hat die Armee ihr ein Heftchen geschickt, das voll ist mit Beschreibungen von zukünftigen Aufgabenbereichen. Es ist extra für die Mädchen geschrieben und die einzelnen Einheiten spielen dabei kaum eine Rolle. Die meisten Aufgaben, die dort beschrieben werden, sind in allen Einheiten vertreten – überall gibt es eine Ansprechpartnerin für Soldaten, alle Einheiten beschäftigen Offizierinnen, die Eignungsprüfungen für Führungsaufgaben durchführen, und jede Einheit hat Büros. Denn sehr viele Jobs, die den Mädchen angeboten werden, sind administrative Arbeiten.

 

Über eine Beschreibung hat sich Tertia richtig aufgeregt: eine interessante und nicht ungefährliche Eiheit, wo die Soldatinnen aus dem Büro  die Arbeit der männlichen Kollegen unterstützen und begleiten. Gefahr ist nur für die Männer dabei. Frechheit!, meinte Tertia, wenn sie schon in so eine Einheit ginge, dann würde sie auch „vor Ort“ tätig werden und sich in Gefahr bringen. Aber ansonsten spielt die Frage der Gefahr, bei den Jungen solch ein Ehrenpunkt, überhaupt keine Rolle. Sie ist bereit dazu, aber sie nimmt die Frage nicht weiter wichtig.

 

Kämpfende Einheiten, die auch Mädchen nehmen, gibt es natürlich auch, aber für meine Tertia ist das nichts (während Quarta schon ihre Karriere bei Caracal plant… oder Kampfpilotin, das würde sie schon gern werden *ächz*). Schon eher zieht sie die Tätigkeit einer Ausbilderin in Betracht. In der Artillerie und bei den Panzern zum Beispiel sind es meist junge Frauen, die die Rekruten im Umgang mit Waffen und Panzern schulen – sie haben gründliche technische Kenntnisse und geben die weiter. Dabei müssen sie sich natürlich von den Jungens auch auf die Probe stellen lassen – Secundus hat inzwischen großen Respekt vor den Ausbilderinnen, die er schon getroffen hat.

 

Eine ihrer Cousinen macht eine Ausbildung zur Fernmeldetechnikerin, eine andere war Einsatzleiterin bei der Luftwaffe an der Grenze zum Gazastreifen. Während „Cast lead“ war das besonders stressig. Sie kann nicht viel darüber erzählen. Y. empfiehlt ihr Aufklärung, die ja so viele Aufgaben bietet, oder aber Armeesprecher – die Armee hat ja jede Menge Leute, die für die Kontakte mit Medien, ausländischen Besuchern und so weiter zuständig sind. Sie erfüllen uns nicht immer mit hymnischer Begeisterung, hrr-hm, was ein guter Grund wäre, meine Tochter dort hinzuschicken, damit sie mit ihren kritischen Augen und messerscharfen Formulierungen das Amt von Grund auf umkrempelt… Y. würde sie glaube ich gern vor einer Meute von Journalisten sehen, denen sie logisch und klar erklären kann, warum die Armee dies oder jenes getan oder nicht getan hat.

 

Aber schließlich tendiert Tertia doch mehr zu einer Aufgabe, die sie auch „im zivilen Leben“ interessiert. Sie hat ihren LK Psychologie-Soziologie geliebt (und war sehr enttäuscht, daß es ihn an der neuen Schule nicht gibt). Ihr Traum ist, einmal Psychologie und Soziologie zu studieren. Die vielen Aufgaben in dieser Richtung, die die Armee anbietet, faszinieren sie. Die Armee beschäftigt ja ein kleines Heer von Psychologen und Mitarbeitern, die sich um das seelische Wohl der Armee kümmern, um Auswahlkriterien für bestimmte Aufgaben, um das Auffangen von Trauma und Depression, um Soldaten mit speziellen Problemen (Neueinwanderer, Schulabbrecher, Kriminelle), die alle in der Armee eine gelungene Integration lernen sollen.

 

Es gibt eine besondere Einheit für die Begleitung von Verwundeten und ihren Familien, einschließlich Gefallenen. Diese Einheit besteht zu einem großen Teil aus Frauen, viele von ihnen auch verpflichtet zu längerem Dienst und Offizierslaufbahn. Sie begleiten die Betroffenen bzw die betroffenen Familien über Jahre hinweg. Sie sind vielleicht das menschlichste Gesicht der Armee. Tertia weiß, daß dieser Dienst besonders schwierig ist – zu einem Team zu gehören, daß an fremden Türen klingelt, um dort die schlimmste Nachricht von allen zu überbringen, ist nicht leicht. Sie zieht es in Erwägung, sich dafür zu melden.

 

(Ich weiß, daß das meine erste Wahl wäre, wenn ich zur Armee eingezogen worden wäre – aber ob Tertia dafür geeignet ist, weiß ich nicht, das kann ich nicht beurteilen. Es ist zweifellos sehr schwierig.)

 

Sie hat mir in den letzten Tagen große Teile des Büchleins vorgelesen und sich ernsthafte Gedanken gemacht: paßt das zu mir? passe ich zu der Aufgabe? Sie wird auf einer Liste ihre drei bevorzugten Aufgaben ankreuzen müssen, und dann werden die Fachleute für Eignung und Auwahl (von denen sie selbst gern eine wäre) diese Vorlieben mit ihren Testergebnissen vergleichen und entscheiden, wofür sie sich besonders gut eignet.

 

Es ist ein spannender Prozeß, meine Tochter dabei zu beobachten. Das ist nicht viel anders als die Wahl eines Studienfachs, in gewisser Weise aber verbindlicher (viel wechseln geht nicht) und auch unverbindlicher, denn es gibt viele Jobs, die man nur während der Armeezeit macht und dann nicht mehr. Andere hingegen sind ein Sprungbrett für Berufswahl und – ausbildung.

 

Wie bei den Jungen ist mir weniger wichtig, WAS sie am Ende machen wird. Wichtig ist mir, daß sie eine Aufgabe findet, die ihren Begabungen entspricht und die sie mit gutem Gewissen und Freude an der Arbeit ausüben kann. Bei beiden Jungen, tfu tfu tfu, ist es gutgegangen, sie leisten gute, wichtige Arbeit. Die Zufriedenheit in Primus´ Gesicht, wenn er mir von den Menschen erzählt, denen er das Leben retten konnte, macht mich glücklich. Ich weiß, daß im Fall eines Kriegs die combat medics eine gefährliche Aufgabe haben, und auch jetzt ist die Arbeit schwer und auf den ersten Blick undankbar. Aber dann eben doch dankbar, viellleicht dankbarer als alles andere.

 

Hoffen wir, daß Tertia ihre zwei Jahre nicht lustlos in einem Büro vertrauern muß, sondern eine konstruktive Aufgabe findet.

Kommentare»

1. Anne - November 23, 2010, 1:09

Ich würde mich wundern, wenn Tertias Fähigkeiten so verschwendet werden würden. Ich glaube, dazu ist Eure Armee viel zu sehr auf gute Leute angewiesen – sie hat ja schließlich nur eine begrenzte Menge von jungen Leuten zur Auswahl. Daher denke ich, dass die Chancen ziemlich groß sein müssten, dass sie etwas findet, was sie als sinnvoll und einigermaßen befriedigend empfindet – denn immer befriedigend ist wohl kein Job.

2. Silke - November 23, 2010, 1:18

OT
aber dafür echt gute Nachrichten

die IDF meldet für gestern und Montag nur je EINE SteinSchmeißAttacke

3. Heimo - November 23, 2010, 2:48

„Kein israelischer Mann erreicht die 100, denn sie sind alle beschnitten (auch die Drusen und Beduinen, soweit ich weiß) und dafür gehen 3 Punkte ab.“

das kling schon a bissala absurd – ausgerechnet die Beschneidung, fundamentales Merkmal jüdischer Identität gibt 3 Punkte Abzug – also nur ein Goj könnte die 100 Punkte erreichen.. – oder sind die 3 Punkte Abzug Ausdruck einer Bescheidenheit, vor einer körperlichen 100%igkeit, die lieber nicht erreicht werden sollte, um nicht vermessen zu werden..

4. Lila - November 23, 2010, 9:52

Ach, ist ja bloß eine Zahl. 97 ist doch nicht häßlicher als 100, als höchste erreichbare Punktzahl. Auch die weiteren Profilzahlen sind krumm: 82, 77…

http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/122298

5. Marlin - November 23, 2010, 15:36

Können denn dann nur Frauen die 100 erreichen?

6. Frau Irgendwas ist immer - November 23, 2010, 16:01

Also wenn es deine Tochter interessiert kann ich nur zu einem technischen ‚Beruf‘ raten. Es ist toll als Frau ’sowas‘ zu können, stärkt das Selbstbewußtsein, Frau sieht sofort einen Erfolg (Papier kann soooo geduldig sein) und kein ‚Kerl‘ kann sie je wieder mit Technik-Bla-Bla schocken.

Vll ist ja ein Kontrastprogramm zum angestebten Studium ganz erfrischend.

*sagt die Frau die LKW, Traktor und Mähdrescher fahren kann, sich auf Kläranlagen und in Wasserwerken auskennt und auch Gewinde schneiden kann und Pumpen reparieren*

7. Jakobo - November 23, 2010, 23:26

„Kein israelischer Mann erreicht die 100, denn sie sind alle beschnitten (auch die Drusen und Beduinen, soweit ich weiß) und dafür gehen 3 Punkte ab.“

Ich habs erst fuer einen Witz gehalten und musste lachen 🙂

So wie letztens zum tema uebertritt.. „und dann wird noch etwas abgeschnitten… bei manchen etwas mehr weil wir alle gleich sein wollen ;-)“

8. Heimo - November 24, 2010, 0:44

ja ist mir schon klar ;:)

9. willow - November 24, 2010, 10:37

@Frau Irgendwas ist immer

„Also wenn es deine Tochter interessiert kann ich nur zu einem technischen ‘Beruf’ raten.“

Mein Reden! Die intelligente, gewissenhafte Tertia könnte ich mir z.B. gut als Flugzeugmechaniker oder Fluglotse vorstellen… auch „Jobs“ in Richtung Feinmechanik müßten der passionierten Schmuckherstellerin eigentlich gut liegen. 😉

10. Malte S. Sembten - November 24, 2010, 13:59

Ist es nicht ungerecht, dass Frauen in Israel zwei Jahre Dienst an der Waffe leisten müssen, Männer aber drei?

In Deutschland ist es noch ungerechter. Bei uns müssen Frauen gar nicht (dürfen aber).

Wie gerade bei Spiegel Online zu lesen war, verweigern trotz der kürzeren Dienstzeit 45% der weiblichen israelischen Wehrpflichtigen den Dienst aus religiösen Gründen. Viele schieben die Religiosität nur vor. Denen kommt die Armee zuweilen via Facebook auf die Schliche. SPON bezieht sich auf einen Bericht in der Haaretz.

Sich dem Wehrdienst aus bloßer Unlust zu entziehen, halte ich gerade in Israel, wo das Dasein jedes Einzelnen von der Schlagkraft der Armee abhängt, für extrem asozial.

Die verschiedenen Privilegien der Religiösen sind für arbeitende, steuerzahlende israelische Reservisten gewiss auch ein Ärgernis.

11. Malte S. Sembten - November 24, 2010, 14:28

Ach ja (OT):

In Deutschland ist die erste politische Partei gegründet worden, die sich bereits in ihrem Grundsatzprogramm zu Israel bekennt (zumindest ist mir nicht bewusst, dass irgendeine andere deutsche Partei eine ähnlich klare Polition vorzuweisen hat):

Israel

Israel ist der einzige demokratische Staat im Nahen Osten und damit der Vorposten der westlichen Welt im arabischen Raum. Alle demokratischen Länder müssen höchstes Interesse daran haben, dass Israel in freier Selbstbestimmung und in Sicherheit existieren kann. Wir bekennen uns ausdrücklich zum Existenzrecht Israels, es steht für uns nicht zur Disposition. Für den Friedensprozess in der Region gibt es keine Alternative, deshalb unterstützen wir alle Bemühungen, diesen erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Ebenso unterstützen wir eine Mitgliedschaft Israels in der NATO.

http://www.diefreiheit.org/grundsatzprogramm/europa-und-welt/

12. Lila - November 24, 2010, 14:32

Doch, die PBC hatte das Bekenntnis zu Israel auch in ihrem Grundsatzprogramm, wenn ich mich recht erinnere. Gibt es die überhaupt noch?

ETA: Jawohl.

13. Ralf - November 24, 2010, 14:39

Ich möchte Tertia keinen technischen Beruf anraten, wenn sie anscheinend doch in eine ganz andere Richtung will, die zudem persönlich sehr bereichernd sein kann. Ich finde es dabei gut, wenn Soziologie und Psychologie zusammengedacht werden, denn was bleibt vom Sozialen, wenn man das Psychische ausschneidet, und was ist die Psyche eigentlich ohne soziales Bezogensein? Was war zuerst, Individuum oder Gesellschaft, Psyche oder Beziehung?
Eine mikrosoziologische Literaturempfehlung übrigens.

14. Lila - November 24, 2010, 14:50

Ist es nicht ungerecht, dass Frauen in Israel zwei Jahre Dienst an der Waffe leisten müssen, Männer aber drei?

Nein, das halte ich nicht für ungerecht. Frauen haben weitaus weniger Optionen, ihren Wehrdienst interessant zu gestalten – die meisten Mädchen landen doch noch in Bürojobs und verschwenden ihre Zeit.

Während Männer auf dem Arbeitsmarkt mit dem Wehrdienst oft punkten können, gilt das für Frauen in viel geringerem Maße – normalerweise haben sie weniger Aufstiegschancen. Ich hoffe, das ändert sich langsam. Dann wäre eine Anpassung an die Zeiten der Männer zu bedenken.

Die Armee braucht die Frauen auch weniger als die Männer, das haben ein paarmal hohe Offiziere brutal gesagt: wer braucht noch Frauen in der Armee, seit es Fax und Email gibt? Da kam zwar sofort Protest, aber es gibt vermutlich genügend Leute in der Armee, die noch so denken und die jungen Frauen nur als Büroschmuck sehen.

Ezer Weizman war berüchtigt für Aussprüche wie „die Natur hat Frauen zum Stricken befähigt, nicht zum Steuern eines Flugzeugs“ – und das, wo er mit einer Frau verheiratet war, die weitaus mehr konnte als nur stricken. (Wobei ich auch nicht verstehe, woher die Arroganz dem Stricken gegenüber kommt – verschiedene Fähigkeiten schließen einander ja auch nicht automatisch aus.)

Unverheiratete junge Frauen in wichtigen Positionen machen Reservedienst wie Männer, und es gibt zunehmend Frauen, die sich auch nach der Eheschließung nicht von der Armee befreien lassen, obwohl sie könnten. Da kommt dann auch einiges an Zeit zusammen.

Allerdings gehen Frauen im Laufe ihrer Biographie meist genügend Jahre für Schwangerschaft, Geburt und Kleinkindbetreuung drauf. Ich finde es fair vom Gesetzgeber, daß er das in Betracht zieht und den Frauen das eine Jahr erläßt. In Israel wollen ja die meisten Frauen Kinder, so merkwürdig Deutschen das vorkommen mag 😀

Drei Jahre allerdings sind sehr lang, und mir wäre es lieber, wenn auch die Männer nur zwei oder zweieinhalb Jahre zur Armee müßten, und wenn der Reservedienst nicht so viel Zeit in Anspruch nähme.

Meine älteste Nichte hat sich übrigens für 7 Jahre verpflichtet, und ich kenne mehrere Frauen, die die Offizierslaufbahn gewählt haben. Dann sind sie natürlich auch länger dabei. Fürviele interessante Jobs müssen sich auch Frauen länger verpflichten.

Oh, und natürlich machen viele junge Frauen ein freiwilliges soziales Jahr, dann sind es auch drei. Allerdings: auch junge Männer machen das, und dann sind es für sie vier Jahre – eine ganze Menge.

15. Silke - November 24, 2010, 15:07

Lila
wie kannst Du es wagen Stricken gleichzusetzen mit der Fähigkeit z.B. einen Schraubenzieher zu halten?

In meiner Jugend hieß es, daß Jungs in Waldorfschulen Stricken lernten, weil es ideal ist, um eine koordinierte Bewegung beider Hände zu trainieren, was wiederum gut für die Koordinierung beider Hirnhälften sein sollte.

Aber heute ist die Wissenschaft natürlich viel weiter 😉

16. Lila - November 24, 2010, 15:12

Am besten ist wohl beides zu können. Im Kibbuz haben früher die Jungen und Mädchen gemeinsam Werken und Handarbeiten gelernt – finde ich ideal.

Das mit den beiden Hirnhälften habe ich auch schon gehört – alles, was man beidhändig tut, soll sehr gut fürs Hirnchen sein. Ich häkele aber lieber 🙂

17. Silke - November 24, 2010, 15:38

mein bevorzugter Handwerker ist ein ex-Ossi Aparatchik und hat erzählt, daß er Handarbeitsunterricht in der Schule und da Sticken besonders gern mochte.

Nebenbei ist er ein erstklassiger Schraubenzieherbediener, dem zu jedem noch so trickreichen Problem ne bessere Lösung als Wegwerfen einfällt.

18. Malte S. Sembten - November 24, 2010, 19:00

12. Lila – November 24, 2010, 14:32

Doch, die PBC hatte das Bekenntnis zu Israel auch in ihrem Grundsatzprogramm, wenn ich mich recht erinnere. Gibt es die überhaupt noch?

Ja, die „Partei bibeltreuer Christen“ gibt es noch. Aber deren Israel-Affinität ist religiös begründet, sie sehen Israel als das gelobte Land, wo der Messias wiedererscheinen wird. Ich fürchte, wenn sie annähmen, der Messias erschiene im Iran wieder, wären sie Iran-Fans.

Die Gründe, die die Partei „Die Freiheit“ für ihr Bekenntnis zu Israel nennt, überzeugen mich eher.

Aber ob Israel in die NATO will? Ich wäre unbedingt dafür – aber sind auch die Israelis dafür?

19. Malte S. Sembten - November 24, 2010, 19:14

14. Lila – November 24, 2010, 14:50

Allerdings gehen Frauen im Laufe ihrer Biographie meist genügend Jahre für Schwangerschaft, Geburt und Kleinkindbetreuung drauf. Ich finde es fair vom Gesetzgeber, daß er das in Betracht zieht und den Frauen das eine Jahr erläßt. In Israel wollen ja die meisten Frauen Kinder, so merkwürdig Deutschen das vorkommen mag.

Das alte Arbeitsteilungsprinzip: Männer wehren, Frauen gebären.

Unter israelischen Bedingungen scheint das in der Tat fair zu sein.

Aber nachdem Frauen in Deutschland kaum noch gebären wollen, sollen meiner Meinung nach zum Ausgleich deutsche Frauen wie die Männer wehren (wobei allerdings der Wehrdienst generell in Deutschland derzeit auf der Kippe steht). Umgekehrt geht es leider nicht – Männer können nicht wählen zwischen Wehren und Gebären.

Auch weil das Durchschnittslebensalter von Männern geringer ist als das von Frauen, ist es unter den genannten Bedingungen unfair, nur den deutschen Männern eineinhalb Jahre vom Leben abzuzwacken. Zumindest, seit neuerdings Konsens ist, dass Frauen für den Waffendienst generell geeignet sind und daher im Gegensatz zu früher wehren dürfen, so sie es denn wollen.

20. Mikado - November 24, 2010, 19:34

Wie der ganze Gender-Irrsinn endet kann man gerade ganz aktuell über den Unglücksfall auf der „Gorch Fock“, dem Segelschulschiff der deutschen Marine, nachlesen:

„14 500 „Blaue Jungs“ haben ihre Ausbildung auf der „Gorch Fock“ absolviert, 14 500, die sich vor den Fahrten auf den Weltmeeren tränenreich verabschiedeten und Monate später mit dem Dreimaster stolz zurückkehrten. Nun mussten erstmals Offiziersanwärter der Marine die Ausbildung auf dem Schiff abbrechen. Nach dem tödlichen Unfall einer 25-Jährigen sollen die rund 70 Lehrgangsteilnehmer am Montag aus Brasilien nach Deutschland zurückkehren – mit dem Flugzeug.“

http://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article11071193/Marine-stoppt-Ausbildung-auf-der-Gorch-Fock.html

21. Lila - November 24, 2010, 19:37

Na ja, hier wehren und gebären sie – in Deutschland weder noch – falls die Zahlen stimmen. Da ich nicht für Gebärdienst statt Wehrdienst bin, und überhaupt nicht weiß, wie die Deutschen es mit dem Wehrdienst in Zukunft halten, kann ich nicht viel dazu sagen. Die faire Lösung wäre mir ein Modell für Frauen und Männer gleichermaßen, das die Wahl zwischen Wehrdienst und Zivildienst läßt.

Die Armee bietet ja auch vielen Dienst ohne Waffen – bei uns übernimmt sie viele Aufgaben und bietet, s.o., ein ziemlich großes Angebot. Und Zivildienst können Frauen auf jeden Fall so gut leisten wie Männer.

Ein Jahr Lebenszeit für das Allgemeinwohl – das scheint mir angemessen. Es gibt viele Menschen, die freiwillige Dienste leisten, ob beim Roten Kreuz oder der Gemeinde oder Krankenhaus-Besuchsdienste. Ein soziales Jahr für beide Geschlechter wäre auf keinen Fall vergeudet. Sinnvoller als eine Reihe elender Praktika in jedem Fall.

Aber ich will niemandem was vorschreiben.

Hier in Israel müssen Moslems und Christen ja nicht zur Armee. Sie können Zivildienst leisten, aber nicht allzuviele wählen diese Option. Leider.

Der Unterschied ist zu Beginn des Semesters immer auffällig. Die arabischen Studenten sind blutjung, verglichen mit den Juden und Drusen. Nach dem Wehrdienst sind die wenigsten sofort in Studien-Stimmung, meist müssen sie erstmal Luft schnappen, verreisen oder erstmal wieder ins zivile Leben finden. Erst in der zweiten Hälfte der Zwanziger fangen die meisten an zu studieren. Da sind die Araber schon fertig – sie können sofort nach dem Abi anfangen.

Ganz zu schweigen von Haredim, die von jedem Dienst an der Gemeinschaft befreit sind. Meine Hochachtung für Nachal Charedi, Zaka und andere freiwillig Dienst leistende Männer dieses Sektors, aber viele tun nie etwas für den Staat, in dem sie leben. Ein ewiger Konflikt…

22. Lila - November 24, 2010, 19:44

Mikado: unterscheide zwischen Nationalreligiösen und Ultra-Orthodoxen. Religiös ist nicht gleich religiös.

Nationalreligiöse („Häkel-Kippas“) sind Zionisten, die Männer gehen zur Armee (meist hochmotiviert und erfolgreich), manche Frauen ebenfalls, und wenn nicht,leisten sie Zivildienst. Ein Rückgrat für viele soziale Einrichtungen.

Ultra-Orthodoxe (Haredim) gehen meist nicht zur Armee, obwohl es für sie die Nachal Charedi gibt, innerhalb der Nachal-Brigade eine extra Abteilung für Ultra-Orthodoxe.

Die Frauen fängt man jetzt erst an vorsichtig für solche Optionen zu interessieren.

Mehr zum Zivildienst, Sherut Leumi, hier. Mehr zu israelischen Arabern und Sherut Leumi hier.

23. yael1 - November 24, 2010, 20:01

Ich hatte das schon mal verlinkt, eine Einheit für Haredim.

http://www.nahalharedi.org/

„In Deutschland ist es noch ungerechter. Bei uns müssen Frauen gar nicht (dürfen aber).“

Naja, es ist wohl ein Unterschied ob ein Land von diktaturischen Ländern umgeben ist, die Israel vernichten wollen oder seinen Hintern im schönen Europa zu haben, wo niemand von Nachbarn bedroht wird. Warum müssen denn Frauen in Israel zum Militätdienst? Wenn die Situation anders wäre, würde es auch keine Pflicht für Frauen geben.

„deutschen Männern eineinhalb Jahre vom Leben abzuzwacken“

Das ist schon so was von alt. Es sind jetzt gerade mal 6! Monate.

Und jetzt bitte weiterjammern. 😀

24. yael1 - November 24, 2010, 20:16

„Die faire Lösung wäre mir ein Modell für Frauen und Männer gleichermaßen, das die Wahl zwischen Wehrdienst und Zivildienst läßt.“

Sehe ich nicht so, denn wir sind nicht mal im Ansatz so gefährdet wie Israel.
Abgesehen davon, dass die Soldaten, die nur die Grundausbildung haben, nie in der Lage wären, in einen Krieg zu ziehen, denn sie sind dazu kaum ausgebildet. Darüber wurde öfter im Fernsehen berichtet und die Wehrdienstleistenden wissen das auch und sagen, dass ihre Ausbildung völlig unzureichend ist. Bei jetzt gerade mal 6 Moanten ist das auch kein Wunder.
Wirklich „fit“ sind nur die, die auf Zeit Soldaten sind.

Es gibt auch sehr viele Frauen, die ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren. Momentan wird darüber nachgedacht, es als Pflicht einzuführen. Ich halte nicht so viel davon, weil ich diese jungen Menschen dann als Vollkräfte z.B. in Krankenhäusern oder Altenheimen eingesetzt werden und man meint, dann schön auf ausgebildetes Personal verzichten zu können. Auch die Zivis bei uns liefen nicht nebenbei, sondern wurden als Vollkraft eingesetzt. Der Missbrauch (ausgebildetes Personal wird nicht mehr eingestellt, sondern durch Hilfen ersetzt) ist da leider viel zu hoch und daher würde ich mich immer dagegen aussprechen. Solange die Arbeit am Menschen so schlecht angesehen, bezahlt und von der der Gesellschaft nicht endlich so honoriert wird, wie es sich woanders gehört, wird es nicht besser. Ich habe mich schon oft gefragt, wozu ich eigentlich eine dreijährige Ausbildung habe, wenn jeder beliebige einfach mal auf die Menschheit losgelassen wird.

25. jakobo - November 24, 2010, 20:25

„Allerdings gehen Frauen im Laufe ihrer Biographie meist genügend Jahre für Schwangerschaft, Geburt und Kleinkindbetreuung drauf. Ich finde es fair vom Gesetzgeber, daß er das in Betracht zieht und den Frauen das eine Jahr erläßt.“

Man darf auch nicht vergessen das es fuer einen mann im leben meistens keinen unterschied macht zum beispiel 5 jahre hin oder her es fuer eine frau aber ein riesen unterschied sein kann. vor allem was familie und so betrifft.

ich find es eigentlich auch ok wenn frauen nicht so lange muessen.

26. Lila - November 24, 2010, 20:32

Yael, daß soziale Berufe so hundsmiserabel bezahlt werden, ist in der Tat ein Skandal, und daß man unausgebildeten Kräften Arbeiten zuweist, die sie total überfordern, ebenfalls. Da sind wir uns einig.

Auch wenn Deutschland nicht gefährdet ist, würde ich die Bundeswehr nicht einfach abschaffen. Denn keiner weiß, was in 50 Jahren ist. Aber 6 Monate Wehrdienst sind ein Witz – tja, vielleicht doch eine Armee von Berufssoldaten?

27. willow - November 24, 2010, 21:08

Ja Lila, deshalb finde ich es auch völlig richtig, daß der Wehrdienst ausgesetzt wird und nicht abgeschafft. Im Moment ist das tatsächlich albern, nur ein lächerlich geringer Teil der jungen Männer wird für paar Monate eingezogen – sinnlos, teuer und ungerecht.

28. Silke - November 24, 2010, 23:00

also ich wäre für gleichen Wehrdienst für Frauen, wenn ja wenn die Privatwirtschaft sich verpflichten würde, Schwangerschaft, drohende, erwünschte, geplante, erträumte nicht selbst in dem geradezu vorbildlichen Konzern, in dem ich mein Brot verdiente, als übelstes Karrierehindernis auszubeuten.

was die Gebärwilligkeit von Frauen anlangt, ich glaube, es gibt da irgendwo Statistiken, daß auch ein Mangel an potentiellen Vätern herrscht, ich meine jenen, die nach vollbrachter Zeugung auch gern Papa sein wollen.

aber jetzt ham wir ja Sarrazin, der Frauen mit staatlichem Intelligenzzertifikat per Gebärprämie motivieren will
[audio src="http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2010/10/08/drk_20101008_1402_f04ce4ab.mp3" /]

yael
ich hatte eine einzige real-life Begegnung mit nem Zivi als mich der DRK-Wagen mit nem Bandscheibenvorfall zu Hause abholte und zum Arzt brachte. Der arme DRK-Mann mußte mich allein die Treppe runterschaffen, weil der Bubi noch nich mal so viel Normalität in den Knochen hatte, daß er sich meinen zweiten Arm um die Schulter legen konnte. Mich auf ner Bahre zusammen mit dem DRK-Mann durchs Treppenhaus bugsieren? ausgeschlossen! Also ich glaube jeder martialisch gesinnte Zeitsoldat hätte sich der Lage locker gewachsen gezeigt. (ich muß allerdings furchtbar gestunken haben, da ich die Nacht davor in meinen Klamotten angst- und schmerzschweißabsondernd verbracht hatte. (der DRK Mann war hingegen so wie frau sich einen Sani wünscht)

29. Malte S. Sembten - November 25, 2010, 1:53

21. Lila – November 24, 2010, 19:37

Da ich nicht für Gebärdienst statt Wehrdienst bin, und überhaupt nicht weiß, wie die Deutschen es mit dem Wehrdienst in Zukunft halten, kann ich nicht viel dazu sagen.

Auch ich bin nicht für weiblichen Gebärdienst. Aber der war nun mal lange Zeit Inhalt des Deals, vom Cro-Magnon-Menschen bis in die 60er Jahre hinein. Das heute kein Gebärdienst mehr verlangt wird, halte ich durchaus für einen zivilisatorischen Fortschritt. Aber dann sollten auch beim Wehrdienst gleiche Bedingungen herrschen.

Die faire Lösung wäre mir ein Modell für Frauen und Männer gleichermaßen, das die Wahl zwischen Wehrdienst und Zivildienst läßt.

Genau!

Hier in Israel müssen Moslems und Christen ja nicht zur Armee. Sie können Zivildienst leisten, aber nicht allzuviele wählen diese Option. Leider.

Das war mir neu! Das ist wirklich ungerecht. Traut die israelische Armee muslimischen Soldaten nicht im Kampf gegen arabische Feinde? Aber warum müssen Christen nicht zur Armee?
Dürfen denn Araber und Christen zur Armee, wenn sie wollen?

In Deutschland müssen Juden nicht zur Bundeswehr. Weil man ihnen nicht zumuten will, in der Nachfolgeorganisation der Wehrmacht mitzumischen. Juden sind bei uns auch vom Ersatzdienst befreit. Das ist bei uns „historisch bedingt“ (wie man so sagt) und absolut verständlich.

@ Yael:

Natürlich erkenne ich den Unterschied in der Bedeutung, die die jeweiligen Armeen Israels und Deutschlands für ihr Land haben.

Vor kurzem sprach ich mit einem Krankenpfleger und Ex-Berufssoldaten der Bundeswehr. Der hatte den Dienst beim Heer quittiert und auf Krankenpfleger umgeschult, weil er die BW für eine Kasperarmee hält. Was ja auch stimmt, im Vergleich zu anderen Armeen, z. B. der Zahal. Bei uns wird jeder Soldat auch von Staats wegen für einen potentiellen Mörder gehalten. Ich befürworte auch sehr die Abschaffung des Wehrdienstes in Deutschland. Aber nicht die Abschaffung der Bundeswehr. Sie sollte aber in eine Berufsarmee umgewandelt werden.
Eine Armee brauchen wir schon deshalb, im als NATO-Partner politisch mitmischen zu können.

30. Lila - November 25, 2010, 9:31

Christen in Israel SIND Araber. Die Minderheiten in Israel umfassen Moslems und Christen (beides Araber), die vom Armeedienst befreit sind, und von denen viele sich auch empört weigern würden, wenn es denn verlangt würde. Außerdem aus Beduinen, Tscherkessen und Drusen (die zur Armee gehen, aber nur die Männer – und bei den Beduinen ist der Dienst freiwillig), die zwar Arabisch sprechen, aber eine ganz andere Tradition und Kultur haben als moslemische oder christliche Araber.

Jede dieser Minderheiten hat ihre eigenen Probleme, aber nur die arabischen Moslems und ein Teil der Christen fühlt sich wirklich vom Staat Israel entfremdet und wartet auf sein Ableben. Oh, es ist so schwierig, ich habe leider keine Zeit, darauf näher einzugehen.

Drusen und Beduinen werden, meiner Meinung nach, trotz ihrer enorm wichtigen Leistungen für Armee und Staat benachteiligt. Darüber habe ich schon öfter geschrieben. Aber zu einem großen Teil liegt die Misere beduinischer Dörfer und Schulen auch an Mißwirtschaft, Korruption, mangelnder Kommunalsteuern-Moral und ähnlichen Aspekten, die die beduinische Bevölkerung selbst in der Hand hat.

Denn Bürgermeister und Verwaltung in arabischen Orten liegen natürlich in arabischer Hand.

Der Bürgermeister von Nazareth zB ist Araber. Er hat angeordnet, daß die Sirenen in Nazareth vom landesweiten automatischen System abgekoppelt werden, weil er weder die Sirene zum Holocaust-Gedenktag noch die zum Soldaten-Gedenktag in Nazareth hören wollte.

Was geschah? Als im Krieg vor 4 Jahren Raketen auf Nazareth fielen, war keine Sirene zu hören. Das weltweite Geschrei war groß: Diskriminierung! sollen die Araber in Israel geopfert werden?

Jedoch es lag in der Hand des Bürgermeisters, bei Kriegsausbruch die Sirene wieder anzuschalten. Er tat es nicht, weil er sicher war, daß die Hisbollah eine arabische Stadt nicht angreift. Ein Fehlschluß, auch Iblin und Mrar wurden angegriffen und MEnschen starben dort.

Kurz, es ist alles viel zu verzwickt und differenziert für die einfachen Urteile, die ich von Ahnungslosen immer wieder höre.

Unter den Arabern in Israel herrschen riesige Spannungen. Die Christen fühlen sich von den Moslems bedroht und unterdrückt. Die Drusen mißtrauen allen anderen. Die Beduinen fühlen sich mißachtet, die Tscherkessen übersehen. Und die Moslems fühlen sich als Palästinenser…

Es kommt immer wieder zu Auseinandersetzungen, so in Pekiin, wo Drusen und Christen (so ich mich recht erinnere) aufeinander losgegangen sind. Auch in anderen Orten, wo Moslems und Drusen zusammenwohnen, kracht es schon mal.

Der Staat Israel bemüht sich, einen schmalen Grat zu balancieren zwischen Kontrolle und Loslassen.

Ich könnte viel zu dem Thema sagen, habe das auch schon, weil es mir wirklich sehr wichtig ist und auch sehr nah.

Ich sehe bei meinen Studenten natürlich heutzutage, im Zeitalter der Verschleierung, sofort, wer Moslem ist und wer Christ. Die Vornamen sind oft anders. Moslems nennen ihre Kinder Fida, Entessar, Mahmoud, Ibrahim. Christen Violette, Christine oder Dawoud. Den Christen aus unserer Gegend, Nazareth zB, sieht man oft an, daß sie wohlhabend sind und viel gereist. In meinen Kursen zB sind es natürlich die Christen, die sich auskennen – sie waren zB auf Schulen, die von italienischen oder französischen Orden geleitet wurden, und kennen christliche Kunst der Renaissance.

Alles Verallgemeinerungen, aber es ist was dran. Arabische Moslems aus kleinen Dörfern haben einen ganz anderen Hintergrund.

Bei den Drusen ist das Militärische unheimlich wichtig. Ich habe doch oft erzählt, wie man am Eltensprechtag in der Schule die drusischen Väter sofort erkennt – Uniform, aber schnieke und nicht so schlampig wie die jüdischen Soldaten!, Schnurrbart, meist hohe Offiziere, stolzer Blick.

Mein drusischer Freund erzählt kopfschüttelnd, daß die Frauen im Laden der mit dem höchsten Offizier verheirateten Nachbarin den Vortritt lassen. Das Ethos des Kämpfers ist sehr wichtig.

Und die Beduinen spielen in der Armee eine einzigartige Rolle. Beide Söhne arbeiten mit beduinischen Trackern und Spurenlesern zusammen und sagen, es ist unglaublich, was diese Männer alles wissen. Ohne sie wären unsere Grenzen nicht sicher. Was sie können, bringen sie schon mit – die Armee kann es weiter ausbilden, aber Spurenlesen lernt man als Kind. Secundus war total beeindruckt, als er von der ägyptischen Grenze wiederkam – er sagte, der Spurenleser steckt Aragorn spielend in die Tasche.

Kurz, die Minderheiten in Israel sind keine monolitische, feindselige Masse, sondern sehr vielfältig und interessant. Ich bin froh, daß ich in meinem Leben so viele verschiedene Menschen kennenlerne. Und zu meinen christlich-arabischen Studenten habe ich einen instinktiven Draht – wie zu den Kibbuzniks.

Aber natürlich lasse ich auch die anderen sich so frei entfalten wie möglich. Ich habe schon Hausarbeiten eingereicht bekommen über scharfe anti-israelische Karikaturisten, über kalligraphische Mosaiken in Moscheen, über traditionelle Stickereien in beduinischen Dörfern… wo immer es möglich ist, freie Themenwahl zu geben, lasse ich den Studenten die Freiheit, ihre eigene Tradition mitzubringen.

Genug, ich muß arbeiten!

31. mibu - November 25, 2010, 9:34

Die Dienstpflicht stellt eine informelle zusätzliche Kontrolle der Bundeswehr als staatliche Institution neben den parlamentarischen und anderen institutionellen Kontrollen dar. Dies auch einer der Gründe für die Einführung der Wehrpflicht – dass man auf diese Weise der Entstehung eines Staates im Staate entgegenwirken wollte. Eine Lehre aus der Weimarer Zeit.
Vielleicht ist es nicht mehr zeitgemäß, darauf hinzuweisen. Aber es sind ja auch noch andere Ideen in Umlauf, wie beispielsweise die Diskussion um den Einsatz der Bundeswehr innerhalb unseres Landes. Und ob Aktionen, wie jene, die schließlich zur Bombardierung der Tanklastzüge in Kundus geführt haben in Zukunft besser vermeidbar werden, wenn die BW in eine Berufsarmee umgewandelt wird, daran habe ich doch eher Zweifel.

32. Malte S. Sembten - November 25, 2010, 21:03

30. Lila – November 25, 2010, 9:31

Christen in Israel SIND Araber. Die Minderheiten in Israel umfassen Moslems und Christen (beides Araber), die vom Armeedienst befreit sind, und von denen viele sich auch empört weigern würden, wenn es denn verlangt würde. Außerdem aus Beduinen, Tscherkessen und Drusen (die zur Armee gehen, aber nur die Männer – und bei den Beduinen ist der Dienst freiwillig), die zwar Arabisch sprechen, aber eine ganz andere Tradition und Kultur haben als moslemische oder christliche Araber.

Ach du Schreck …!

(Aber sind die arabischen Muslime & Christen auch vom Ersatzdienst befreit? Dann dürften sie sich nicht beschweren, wenn mancher Isreli sie als Bürger 2. Klasse betrachtet.)

Kurz, es ist alles viel zu verzwickt und differenziert für die einfachen Urteile, die ich von Ahnungslosen immer wieder höre.

Fürwahr!

Was derartig verzwickt ist, verführt natürlich per se zur Bildung einfacher Sichtweisen auf den betreffenden Gegenstand. Desto mehr muss man Israel dafür bewundern, dass es unter diesen Bedingungen plus Terror von außen als demokratischer Rechtsstaat funktioniert. Dafür gibt es unter den Staaten der Welt kein Beispiel.


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