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Grenzerfahrungen, traumatisch Oktober 30, 2010, 17:57

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
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Secundus war vorgestern für kurze Zeit zuhause, nur wenige Stunden. Da konnte er dann auch erzählen, was am Telefon nicht zu erzählen ist. Die furchtbaren Schreie der verletzten Sudanesen, die sich über die Grenze retten wollen und die von ägyptischen Soldaten (bzw deren Hilfstruppen, zumeist entlassenen Sträflingen) beschossen werden, nur wenige Meter von Israel entfernt. An der Grenze patrouillieren ständig Jeeps, die die Flüchtlinge aufnehmen und weiterleiten.

War es vielleicht dieser Vorfall, den Secundus mit angehört hat? Viel kann und will er nicht erzählen, aber die Grenze ist porös und unruhig, und die israelische Armee kann nichts tun, wenn auf der ägyptischen Seite Menschen erschossen oder festgenommen werden.

Das Schicksal der sudanesischen Flüchtlinge, die ausgerechnet im jüdischen Staat Zuflucht und Asyl suchen, ist der Welt anscheinend recht egal. Niemand möchte die Ägypter boykottieren, niemand protestiert, niemand hält Mahnwachen, organisiert sich. Es werden keine Anti-Ägypten-Wochen an Unis organisiert, und ägyptische Beiträge zu Filmfestivals und Buchmessen werden ohne Probleme akzeptiert. Niemand weigert sich, gegen ägyptische Sportler anzutreten, und niemand beschimpft Mubarak. Meine Güte, was sind schon ein paar tote Sudanesen?

Die israelische Regierung weiß nicht, was sie mit den Flüchtlingen anfangen soll. Sicherheitsrisiken bestehen – mit Leichtigkeit können sich Islamisten unter die Flüchtlinge mischen. Die Zahlen sind inzwischen so groß, daß sich die Flüchtlinge zu einem Problem auswachsen.

Die Flüchtlinge haben es keineswegs leicht in Israel.  Jedes demokratische und wohlhabende Land hat mit der Frage der Asylpolitik zu kämpfen, auch wir. Die Zahlen steigen anscheinend rapide an. Mitleid allein reicht nicht. Was soll und kann Israel tun, um diesen Menschen tatsächlich zu helfen?

Diese Flüchtlinge haben inzwischen sogar ihre eigene Facebook-Seite…

 

(Die UNO, die seit Jahrzehnten per UNRWA palästinensische Flüchtlinge alimentiert und ihren Flüchtlingsstatus damit zementiert, hat für andere Flüchtlinge, inklusive Sudanesen, ebenfalls ein Hilfswerk auf die Beine gestellt – ein Vergleich der beiden Organisationen schlagwortartig hier, ganz interessant auch die Gegenüberstellung hier.)

Kommentare»

1. Karl Eduard - Oktober 30, 2010, 18:15

Ja. Das gehört zum Dienst als Soldat nun einmal dazu. Nicht? Und kein Schwein interessieren von Ägyptern totgeschossene Sudanesen. Ja, wenn Israel die totgeschossen hätte, ja dann … . Hat es aber nicht und deshalb werden auch weiterhin Sudanesen an der Grenze erschossen werden. Es geht da ja nicht um Recht oder Menschlichkeit, es geht nur darum, daß der Staat der Juden wegmuss.

Da gibt es einen IDF – Kanal aber glaube mal nicht, daß der so etwas bringt. Der Feind nutzt alle Propagandamittel und Israel verzichtet wohl bewußt darauf. Kriege werden aber zuerst im Kopf gewonnen und Israel legt es darauf an, zu verlieren. Ohne die Welt als Rückhalt, kräht kein Hahn danach, ob der Iran Atombomben schmeisst oder nicht. Klar, es wird im Westen dann etwas geweint werden aber das war es dann auch.

2. Silke - Oktober 30, 2010, 19:44

Klar, es wird im Westen dann etwas geweint werden aber das war es dann auch

nö, glaube ich nich, es wird Heulen und Zähneklappern ausbrechen, denn dann werden „wir“ endlich kapieren, daß wir die Nächsten sein werden.

eine Fraktion wird vermutlich versuchen, sich aus der Sch..e rauszuphantasieren, indem sie irgendwelche Schuld bei den Israelis erschnüffelt.

aber Atombombe wäre so ein Riesendingens, das man kaum was vorhersagen können wird. Wer von den unsrigen hierzulande fällt zu Japan in WW2 mehr ein als die Schrecken von Hiroshima und Nagasaki?

3. willow - Oktober 30, 2010, 20:36

OhOh… ich fürchte, dein „Kleiner“ wird da mit Situationen konfrontiert, die auch für wesentlich Ältere und Abgeklärtere ein Horror wären. Weiah…

(und hier im ach so selbstgerechten Westen würde man ihn wohl anspucken, weil er bei „Zahal“ dient – komische Welt)

4. Karl Eduard - Oktober 30, 2010, 21:24

@Silke

Ich glaube, Du machst Dir da Illusionen. Die Mehrheit der Leute hält Israel für das Hauptproblem und ich würde auch Israel für das Hauptproblem halten, wäre ich vor Jahren nicht auf Widersprüche in den Meldungen der MSM gestoßen.

5. Lila - Oktober 30, 2010, 21:30

Liebe Silke, glaubst Du wirklich, in Deutschland fühlt sich jemand wirklich bedroht? Wenn es Terrorwarnungen gibt, guck ich manchmal in deutsche Foren und überfliege die Leserkommentare in Zeitungen. Tenor: ho ho ho, wer will uns denn da wieder einen Schrecken einjagen, wollen die Amis mal wieder in ein Land einfallen oder soll der Wehretat erhöht werden, daß hier jemand uns so einen Bären aufbinden will?

Merke: Terror gibt es nur als hohle Drohung oder aber natürliche Reaktion auf westliche Unmenschlichkeit, ebenso wie der Antisemitismus nur in Keulenform bekannt ist.

6. Silke - Oktober 30, 2010, 22:51

Liebe Lila,
das war der Versuch einer Antwort auf das Hypothetical was nach einer Atombombe auf Israel wäre

Ob und wer sich derzeit einer bedroht und/oder solidarisch fühlt, keine Ahnung. Ich rede hauptsächlich mit Kassiererinnen, Handwerkern, Friseurinnen und dergleichen und die finden die Sderot-Bombardierung alle ganz unerhört.

Der Deutsche an sich hat was gegen Vandalismus. Wir sind ein Volk von Kleingärtnern und Rasen-Nicht-Betretern. Ich meine das nicht abwertend. Das Zeug hat Geld gekostet, also soll man pfleglich damit umgehen.

Wenn ich das Marmara Thema aufgebracht habe, habe ich z.B. damit angefangen, daß die die Reling kaputt gesägt haben, da gingen die Türen weit auf, denn so etwas tut man nicht. Ich quatsche immer nur auf dieser Ebene und dabei verstelle ich mich nicht, denn daß ist die Ebene auf der ich auch urteile.

Aber die publizierende Klasse erreicht „uns“ da unten schon lange nicht mehr. Ich bin nur deswegen erreichbar, weil mein Hobby das Lesen ist und schon immer war.

Und daß diese KlassenSprachKluft ständig größer zu werden scheint, lehrt mich das Fürchten. und nein, ich meine nicht Denglisch, mit cool hat keiner Probleme und mit blue-tooth auch nicht. Ich meine, daß all diese halbgebildeten BSE-Quatscher in den Medien und sonst wo zu faul sind, wenn sie Deutsch reden, ordentlich zu übersetzen, sondern damit protzen, daß sie ihre Englischvokabeln auf Latein rumposaunen. (Ich würde Hypothese nie in nem Gespräch beim Bäcker benutzen – es ist auch im eigenen Land in der eigenen Sprache zumutbar, sich mehrsprachig mitzuteilen.

Wenn ich mein Bürovokabular auf’m Land benutzt habe im Umgang mit meinen äußerst ausgeschlafenen und geschäftstüchtigen bäuerlichen Nachbarn schalteten die Augen ab, was bedeutet, die kriegen von der Tagesschau nur noch die Bilder mit.

Energisch zu fragen, was bedeutet das, hat man ihnen in der Schule abtrainiert, denn das ist ja der Beweis, daß sie dumm sind.

Ach ich mach Schluß, darüber kann ich mich endlos erregen.

Noch nach meiner Generation wurde Kindern in den Schulen der Dialekt als minderwertig abtrainiert anstatt ihn als Vorsprung beim Fremdsprachenerwerb zu nutzen, denn angeblich ist nur die erste Sprache wirklich schwer.

7. Lila - Oktober 30, 2010, 23:16

Silke, das ist hochinteressant und ermutigend. Du hast natürlich Zugang zu Leuten, die ich nicht treffe. Ich erinnere mich vor ein paar Jahren an ein zufällig entstandenes Gespräch mit einer schwäbischen Frau vom Lande, der zu Israel nicht viel mehr einfiel außer der Warnung vor Juden und der stillen, aber entschiedenen Bemerkung: den Sharon, den haß i.

Inzwischen haben mir Schwaben erklärt, daß hassen im Schwäbischen nicht so kräftig klingt wie in meinen Ohren, aber ermutigend fand ich es nicht.

Auch viele Bauern im Dorf, in dem ich aufgewachsen bin und oft die Ferien verbringe (und in dem unsere Familie natürlich stets Fremdkörper blieb, weil meine Eltern keine Bauern sind), haben negativ auf meine Partnerwahl reagiert, die wildesten Gerüchte liefen um.

Ich habe eigentlich immer den Eindruck, daß die meisten Tagesschau-Gucker (und in wie vielen Häusern gehört die Tagesschau doch einfach zum Leben dazu) die Nachrichten so gläubig verfolgen, als wären sie in der Kirche. Es kann einfach nicht sein, daß die Tagesschau oder die FAZ nicht die ganze Wahrheit sprechen.

Aber ich bin in den letzten Jahren sehr pessimistisch geworden, was meine guten Deutschen angeht. Das war ich früher eigentlich nicht. Bloggen tut nicht gut, glaube ich.

Die Kreise jedenfalls, aus denen ich komme, Lehrer, Pfarrer, Ingenieure, Professoren…. dieses ganze protestantisch-säkular-humanistische, pflichtbewußte Bildungsbürgertum, ist besonders anfällig für stets gutgemeinte politische Korrektheit, instinktive Parteinahme für die als schwächer wahrgenommene Seite, illusorische Ausgewogenheit und ähnliche Denkgewohnheiten. Damit ist man ganz schnell in einer dezidiert anti-israelischen Position.

Selbstverständlich nicht alle, sonst könnte ich ja gar nicht mehr nach Hause fahren 🙂

Und um die deutschen Dialekte trauere ich wie um lokale Sitten (Halloween, wie gräßlich, ist das nicht heute? sagt mir nicht, daß jetzt St. Martin abgeschafft wird!!!) und Eigenheiten. Jammerschade, denn was weg ist, ist weg.

8. Silke - Oktober 31, 2010, 0:22

Lila
derzeit hause ich in einer Provinzstadt in ner Gegend, die praktisch immer nur mit Hilfe des Tourismus über die Runden gekommen ist (ich habe nen Stalker an den Hacken) und dort sind die Leute sich einigst gegen Vandalismus.

Meine ländlichen Nachbarn in Hessisch-Sibirien waren das Verwirrendste und Widersprüchlichste, was Du Dir überhaupt nur denken kannst. Einerseits habe ich bei Dorffesten die gräßlichsten fremdenfeindlichen und wir sind die MasterRace Sprüche gehört, andererseits haben die sich gegenüber den Russlandaussiedlern wie wahre Christenmenschen benommen, jeder einzelne ein Sozialarbeiter während sie sie gleichzeitig ganz selbstverständlich doch irgendwie überhaupt und so … (ich habe mich da ferngehalten, weil da zu viele an der Flasche hingen)

Eine junge Frau hatte ein uneheliches Kind mit einem schwarzen US-Soldaten – der haben sie (junge? Kerle), als sie mal weg war, die Wohnung so zugesaut, daß man es gar nicht weitererzählen mag.

Jedenfalls habe ich mir angewöhnt, das Thema Israel/Juden/Anti-Semitismus ganz weiträumig zu umfahren (Theorie und -ismus und so langweilt mich ziemlich und vermutlich bin ich deswegen auch so schlecht darin), was eben auch wieder meiner Wahrnehmung entspricht. Ihr seid ein Staat, dessen Wort ich vertrauen würde, also rede ich über Euch genauso wie ich über von Vandalen Geplagte im Nachbarort reden würde. Ich empfinde Euch nicht als so besonders exotisch. Ihr sitzt in ner verdammten Klemme und da ist Solidarität angesagt. Punkt Schluß aus. und was zu meckern gibt’s immer und überall reichlich, doch mit dem sich da Austoben kann man sich Zeit lassen, bis der Frieden ausgebrochen ist und da ich Deutsche bin, gehört es sich schon mal ganz und gar nicht, daß ich versuche, ausgerechnet Israelis gegenüber den Bewährungshelfer zu mimen.

Übrigens einige meiner Doktor-garnierten Kollegen kriegten immer das Kichern, wenn ich von Feldenkrais erzählte, weil der Mann Moshe heißt. Das fanden sie endlos komisch, der eine Beamtensohn, so mittlere Laufbahn denke ich, der andere Bauernsohn. Auch mit denen habe ich back to basics Argumente gefahren. Aber insgesamt war da ein unterschwellig viel gepflegteres Vorurteil zu finden, so eine gewisse Reserviertheit.

Gestern habe ich nach nem Video mit ner Papa Heuss Ansprache gesucht (nix gefunden) doch bin auf nem Stückchen Adenauer gelandet, der meinte, man müsse bedenken, daß die Juden auch heute noch in Amerika viel Macht hätten und deshalb ….
da habe ich weggeklickt, das Sodbrennen davon habe ich jetzt noch, da hilft kein Bullrich-Salz

9. mibu - Oktober 31, 2010, 0:32

Lila, meinst du, die deutschen Dialekte wären gefährdet ? Zumindest für den Süden glaube ich das nicht.
Bei den Schlichtungsverhandlungen zu Stuttgart 21 hört man nicht nur der Ministerin Gönner deutlich ihre schwäbische Herkunft an. Und auch bei den Nichtschwaben kann man zumindest ungefähr ihre Herkunft gelegentlich heraushören (z.B. sächsisch, hessisch).

10. Marlin - Oktober 31, 2010, 0:47

„dieses ganze protestantisch-säkular-humanistische, pflichtbewußte Bildungsbürgertum“

Lila, diese Leute haben auch im 1000jährigen Reich gut funktioniert.. Da kommt auch ein Himmler her, etc.

Denen traue ich also nicht viel zu. Im positiven Sinne.

Aber Silkes Ansatz hat was. 😀 Von wegen Garten und Vandalismus.

11. mibu - Oktober 31, 2010, 10:42

Marlin, es kommt darauf an was man unter humanistisch versteht. Als Haltung, die z.B. die Freiheit und Individualität jedes einzelnen Menschen achtet, würde ich der oben stehenden These zumindest, was den Humanismus angeht, nicht zustimmen.
Wenn man unter Humanismus nur das Absolvieren eines humanistischen Gymnasiums bzw. eines als humanistisch bezeichneten Bildungskanons (Griechisch, Latein, Geschichte, Recht), dann trifft die oben gemachte Behauptung durch aus zu. Allerdings würde ich sagen, dass auch eine deutliche Mehrheit von Katholiken mit dem dritten Reich keinerlei Probleme hatten und zumindest anfangs eher eine Erlösung darin sahen. Aus Berichten in meiner Familie weiss ich, dass keineswegs nur in protestantischen Kirchen für einen politischen Sieg Hilters gebetet und gepredigt wurde.
Und schliesslich: eine solche Massenmobilisierung für eine politische Bewegung, wie sie 1933 stattfand wäre ohne die Beteiligung aller Bevölkerungsteile nicht möglich gewesen.
Es war leider das enorme Geschick der NS-Propagandisten aber auch die finanziellen Mittel, die sie von Industriellen und dem Großbürgertum erhielten, womit es der NSDAP gelang, für nahezu jeden Teil der Bevölkerung attraktive Perspektiven und sogar z.T. effektive Verbesserungen anzubieten, die es dem jeweils angesprochenen Teil leichter machten, über die schon damals bekannten Schattenseiten dieser Politreligion hinwegzusehen. Ich habe hier schon einmal auf dieses Buch (Martynkewicz, „Salon Deutschland“, Aufbau-Verlag) hingewiesen. Es schildert u.a., wie Hitler und andere NS-Größen mit einem bestimmten großbürgerlichen Kreis in Kontakt kam, und welche Vorgeschichte und Voraussetzungen dazu geführt haben.
Einfach pauschal über ein „protestantisch-säkular-humanistisches“ Großbürgertum herzuziehen, stellt nur einen Sündenbock heraus, erklärt aber m.E. nix.

12. mibu - Oktober 31, 2010, 11:03

„Inzwischen haben mir Schwaben erklärt, daß hassen im Schwäbischen nicht so kräftig klingt wie in meinen Ohren, aber ermutigend fand ich es nicht.“
Muss leider darauf eingehen:
es *ist* nicht ermutigend, denn es ist so pauschal ausgedrückt falsch.
Im schwäbischen kommt es sehr darauf an, wie etwas gesagt wird. „Du bisch’n Grasdackel“ kann sehr anerkennend gemeint sein, wenn jemand einen gute Witz erzählt, einen lustigen Streich gespielt oder z.B. mich auf sehr lustige Weise auf die Schippe genommen hat. Es kann aber auch heissen, dass jegliche Auseinandersetzung mit dem „Grassdackel“ als zwecklos erachtet wird, weil er entweder für zu stur oder für zu dumm gehalten wird, um überhaupt Zeit in eine Diskussion mit ihm zu investieren. Mit solchen Schimpfwörtern wird im schwäbischen gerne gespielt. Der Ausdruck, „den kammer was heisse“, deutet an, dass der Gemeinte offenbar gut versteht, wann was wie gemeint ist, und das o.g. Spiel durchschaut.
Tendenziell neigen Schwaben nicht unbedingt zu starken emotionalen Aussagen. Daher kann hassen tatsächlich nur in dem Sinn gemeint sein, dass man etwas nicht so leiden kann. Es kann aber auch bedeuten, dass womöglich nicht nur Sharon gemeint war und tatsächlich eine starke Ablehnung nicht nur gegen Sharon sondern zumindest gegen Israels Politik besteht. Sharon war und ist für manche eine Symbolfigur für eine recht harte, gewalttätige Politik gegenüber den Palästinensern.

13. Lila - Oktober 31, 2010, 11:32

Kannst Du Dir vorstellen, daß diese einfache schwäbische Bäurin im Rentenalter über einen anderen Regierungschef eines ihr unbekannten Landes mit so verhaltenem Groll gesagt hätte: den haß i?

Ich nicht. Der Haß auf Israel ist tief verwurzelt. Es gibt jede Menge Politiker, die eine harte, gewalttätige Politik machen. Wenn das Land nur weit genug weg ist, kennen Fernsehnachricht-Konsumenten (egal wo) nicht mal ihre Namen. Wen kümmert es, wie viele Menschenleben Putin auf dem Gewissen hat (so er eines hat)? Den findet man vielleicht nicht gut, aber hassen?

Warum ist es immer wieder Israel, für das Brachial-Vokabular reserviert wird, incl. NS-Vergleiche aller Tonarten? Oh, und die USA natürlich, die sind ja unter Israels Fuchtel, darum kann man die auch hassen.

Die Palästinenser sind ja nun ebenfalls nicht für ihre Gewaltfreiheit bekannt – werden sie gehaßt? Nein, sie werden geliebt und umschmeichelt und hofiert.

Frag mich warum – no idea.

PS: Natürlich werden sie gehaßt – von anderen Arabern, aber heftig.

14. mibu - Oktober 31, 2010, 12:16

Lila, wann war das ? Zu Zeiten des kalten Krieges waren die Regierungschefs des Ostblock in Teilen unseres Volkes keineswegs beliebter. Und so sehr Arafat von manchen Friedensbewegten und Linken geliebt gewesen sein mag, so sehr war er dem Großteil des rechten politischen Spektrums verhasst. Somoza, Mugabe (inzwischen), Ahmadinedjad, Breschnjew, Gromyko, Honnecker, etc. Castro, Ortega, Videla und Galtieri, Thatcher, die Mörderbande der roten Khmer, …
Man weiss nicht was man von Putin halten soll. Aber seine Reaktion im Georgienkonflikt, der Umgang mit ermordeten Journalisten, das Vorgehen in Tschetschenien kommen hier immer wieder in die öffentliche Diskussion und lösen nicht weniger heftige Reaktionen wie gewaltsame Auseinandersetzungen im nahen Osten aus.
Der nahe Osten taucht häufiger in den Nachrichten auf. Daraus sollte man aber m.E. nicht schliessen, dass emotionale Reaktionen auf dortige Ereignisse und Personen stärker konzentriert wären als bezüglich anderer Regionen.
NS-Vergleiche werden derart häufig bemüht, dass ich sie schon eher als stumpfsinnige Folklore erachte. Sie sind keinesfalls für den Nahostkonflikt reserviert.
Kann es sein, dass in deiner Sicht ebenfalls ein Narrativ im Spiel ist ? Vielleicht ist es auch nur deine Konzentration auf die hiesige Berichterstattung über den nahen Osten.
Ich finde diese Berichterstattung häufig unausgewogen, aber in anderen Bereichen ist es nicht wirklich anders (die Berichte über das erste Schlichtungsgespräch zu Stuttgart 21 haben mir gezeigt, dass unsere Tageszeitungen kein Problem damit haben, als technische Analphabeten und Faulpelze, die zu bequem sind, sich mit der Materie eingehender auseinanderzusetzen, hinterher beliebigen Quatsch zu berichten, weil sie die meisten Argumente gar nicht verstanden haben; insofern ist diese Auseinandersetzung mehr als nur eine Prüfung der politischen Praxis unserer staatlichen demokratischen Institutionen).

15. Silke - Oktober 31, 2010, 13:05

Danke Marlin

aber mein Ansatz funktioniert leider nur bei den „unteren“ Schichten
Für die von deren Standpunkt aus „besseren“ Leute habe ich Totschlagsargumente gefunden wie „Opfer haben das Recht zu schreien“ aber nix, was zum wahrnehmbaren Einsetzen von Nachdenklichkeit anregen würde.

Es scheint, formale Erziehung fördert eine Neigung zu Gewißheiten, und zwar im Guten wie im Bösen.

(ich bin als Aufstiegsverweigerin irgendwie hybrid, will sagen, ich kann mich unter „Besseren“ bewegen und nicht auffallen, so ich das will und ich kann mich mit „unteren“ unter der Fahne der ehrlich empfundenen Arbeitnehmersolidarität jederzeit gemein machen, ohne als herablassend empfunden zu werden.)

16. Silke - Oktober 31, 2010, 13:16

richtige Dialekte, von Ort zu Ort verschiedene, für Außenstehende unverstehbare Dialekte sind im Schwinden begriffen und leider leider damit viel viel Farbe.

meine jetzt 90-jährigen Nachbarn in Hessisch-Sibirien sagten:

„Sie sei‘ aber stolz heut'“ = Sie sind heute aber schön angezogen (‚ steht fürs Nasale in der Aussprache)

Solche Dialekteigenheiten verschwinden. Vermutlich eine Folge von erst Radio, dann Fernsehen – wenn keine Dorfgröße mehr als nachahmenswert empfunden wird, dann kommt „Wo wist’n Dei Ha hi ho?“ (Heu hin haben) aus der Mode.

Das Beibehalten von Akzenten iss eine davon in meiner Wahrnehmung komplett unabhängige Entwicklung.

17. yael1 - Oktober 31, 2010, 18:22
18. yael1 - November 1, 2010, 0:27

Es hat sicher etwas damit zu tun:

Tendenz in Deutschland, Israel zu „delegitimieren“

http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/israel-tendenz-in-deutschland-israel-zu-delegitimieren_aid_567575.html

Mit keinem anderen Land wird so verfahren.

19. Jack - November 1, 2010, 6:32

„Die Kreise jedenfalls, aus denen ich komme, Lehrer, Pfarrer, Ingenieure, Professoren…. dieses ganze protestantisch-säkular-humanistische, pflichtbewußte Bildungsbürgertum, ist besonders anfällig für stets gutgemeinte politische Korrektheit, instinktive Parteinahme für die als schwächer wahrgenommene Seite, illusorische Ausgewogenheit und ähnliche Denkgewohnheiten.“

Mensch Lila,
ich muß echt Tränen lachen wenn ich das lese. Voll der Volltreffer, genau meine Meinung. Ausnahmen gibt’s kaum. Zufall ist das nicht, ich sag’ Dir das.
Ich hab’ früher als Kind mit meinen Kumpels (und heute leider nur noch gelegentlich, aber immer noch mit den Kumpels) schon aus Prinzip Lehrerkinder verdroschen. Also nicht richtig, aber so ungefähr, vor allen Dingen mit dem Mund.
Und das Geilste daran: Sie haben’s immer eingesehen, es hat sich eigentlich nie jemand gewehrt. Sie schämten sich sicherlich für ihr schlimmes Schicksal.
Aber, und nun kommt’s: Sie wurden später (fast alle) genau wie ihre Eltern auch LehrerInnen.
Das hält’s im Kopf nicht aus. Seitdem wundert mich gar nichts mehr. Echt jetzt.
🙂

Lila - November 1, 2010, 8:23

Aha, Du warst das also. Schäm Dich was. Ich bin Lehrerskind und selbst Lehrerin. Vielen Dank für die Blumen… 🙄

Lila - November 1, 2010, 8:30

Richtig, ich sehe auch, daß Dialektfärbung (Singsang, Tonlage, bestimmte Ausdrücke) bleiben, die eigentliche Sprache aber verschwindet.

Wer von der jungen Generation spricht denn noch richtiges Ripuarisch? Man hört den Abiturienten von meiner alten Schule vielleicht noch an, daß sie aus dem Rheinland kommen. Aber die ripuarische Sprache mit ihren eigenen Gesetzen, die ihre Großeltern untereinander noch sprechen, die verschwindet doch.

Ich spreche keinen Dialekt, aber meine Oma hat als Kind noch einen Dialekt gelernt, dessen Namen ich nicht mal kenne (Ecke Mühlheim, Oberhausen). Sie hat manchmal Sprichwörter und Lieder im Dialekt gebraucht, aber wir Enkel haben die Sprache nie gelernt und das meiste nicht verstanden. Meine Oma hatte, wenn sie Hochdeutsch sprach (was sie meist tat), nur eine winzige Färbung (Mi´ch statt Milch), aber woher die genau kam, ist für uns Enkel glatt verloren.

In manchen Gegenden mag das anders sein. Aber Dialektfärbung und richtiger Dialekt, das sind doch zwei ganz verschiedene Dinger. Wer die Schule bis zum Abi durchläuft, lernt nichts darüber, außer, sich für Oma und Opa zu schämen, wenn die kein Hochdeutsch können.

Ich habe dazu mal was geschrieben, mal gucken, ob ich es finde…

Lila - November 1, 2010, 8:35

Sehe ich ganz genauso. Danke für die Links.

Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich mir zweifelsfrei sicher war, wer will schon gern paranoid klingen?, aber tatsächlich sind die unterschwelligen Ressentiments und die juchzende Freude an jedem Ausrutscher Israels beispiellos.

Es ist geradezu lächerlich, wenn man daran denkt, was die meisten Europäer selbst am Stecken haben. Wenn ein Goldstone-Bericht über andere Armeen dieselben Maßstäbe anlegte, sähen sie alle traurig aus, die heute so lustvoll über uns zu Gericht sitzen. Aber diese Maßstäbe sind für uns reserviert. Nicht als ob ich was dagegen hätte – was uns helfen kann, die Latte noch höher zu legen, adraba. Aber warum liegt sie für andere auf Bodenhöhe?

Ich hoffe, die Geschichte wird richten, und die Nachwelt wird sich schämen für ihre Doppelmoral und Doppelzüngigkeit. Aber wie sagt Aussie Dave immer? Don’t hold your breath…

20. mibu - November 1, 2010, 10:25

yael1, ich kann in den Zahlen des GMF Survey 2004 (erster Link) keinen überzeugenden Beleg für die These des zweiten Links finden. Zumal zu klären wäre, was man unter delegitimieren hier versteht. Ich bezweifle, dass in Deutschland eine Mehrheit die Legitimität des Staates Israel in Frage stellt. Meinungen zur Siedlungspoltik in den besetzten Gebieten wie auch zu der ein oder anderen Militäraktion bzw. Details dazu sollte man m.E. nicht einfach damit vermischen.
Ich muss gestehen, dass ich es auch etwas bedenklich finde, wie schnell einzelne Personen als zumindest tendenziell antisemitisch abgestempelt werden wie z.B. M.Walser oder, gerade aktuell, A.Grosser (wobei ich zu beiden eine eher distanzierte Haltung habe).

21. mibu - November 1, 2010, 10:33

Tja, Jack, „ich muß echt Tränen lachen wenn ich das lese. Voll der Volltreffer …“ … so hat halt jede sein Beuteschema. Als erwachsener Mensch sollte man allerdings auch mal darüber nachgedacht haben, was das konsequent weitergedacht bedeutet.
Solche Stories kenne wahrscheinlich nicht nur ich leider auch mit anderen Bezugspersonen.

22. mibu - November 1, 2010, 11:02

Zu Dialekten: kann es sein, dass der Druck, Dialekt auch im alltäglichen Gebrauch zu meiden, von Süden nach Norden in D zunimmt ?
Bei unserem südlichen Nachbarn Schweiz hat man ein anderes Problem: ein ETHZ-Prof nannte in einem Zeitungsartikel Standarddeutsch (schweizer Version des Hochdeutschen) als zweite Muttersprache dar. Eines seiner Argumente dafür war, dass manche deutschschweizer Dialekte untereinander so unverständlich sind, dass ihre Sprecher zwangsläufig gewisse Grundkenntnisse des Standarddeutschen benötigen, um sich mit anderen vollständig verständigen zu können. Das gilt erst recht für die Kommunikation mit Leuten aus der italienischen und der französischen Schweiz. Wenn ich’s richtig verstanden habe, wandte er sich damit gegen die Neigung, die deutschschweizer Identifikation ausschliesslich am Sprechen des schwizerdütschen Dialekts festzumachen.
Das wurde von einigen sogleich wieder als Verächtlichmachen des Schwizerdütschen verstanden und entsprechend kritisiert.
Einer meiner Schullehrer war davon überzeugt, dass kein anderer Teil der deutschen Bevölkerung derart hartnäckig im Dialekt sprechen sei wie die Schwaben und Badener, „schlimmer als die Bayern“. Andererseits wurde vor kurzem erst die schriftliche Wiedergabe von Plattdeutsch auf einem Kongress weiter vereinheitlicht. Davon sind die süddeutschen Dialekte noch ziemlich entfernt.
Von Israel habe ich nur erfahren, dass es einen Unterschied zwischen europäischer und orientalischer Aussprache, z.B. R gerollt oder kehlig ausgesprochen, gibt. Einerseits ist das Land nicht sehr groß, so dass gewachsene regionale Differenzierungen nicht unbedingt zu erwarten sind. Andererseits hätten sich z.B. in den älteren Kibbuz und Moschavs lokale Dialektzellen bilden können. Oder auch in grösseren Städten wie Jerusalem, Haifa, Tel Aviv, Ashkelon, …

23. Piet - November 1, 2010, 11:50

#Jack (19): Und das Geilste daran: Sie haben’s immer eingesehen, es hat sich eigentlich nie jemand gewehrt.

Genau. Die Kinder haben das bestimmt gewollt, verdroschen und verspottet zu werden für die Bildung ihrer Eltern. http://s2.wp.com/wp-includes/images/smilies/icon_rolleyes.gif Bildung(sbürgertum) ist verwerflich, nur „echte“ Arbeit adelt. So „authentisches“ Proletariat, nä?

Voll der Volltreffer, genau meine Meinung.

Noch immer? Du meinst, weder haben deine Eltern, Freunde, andere Respektspersonen dich zum Reflektieren deines Handelns angehalten, noch hast du gelernt, das heute zu tun?

Übrigens halte ich das Einstehen für Schwächere sehr wohl für eine Tugend, prinzipiell. Die Frage ist nur, wie man 1. ’stark‘ und ’schwach‘ definiert, ob man 2. die Argumente der als schwach Definierten für richtig hält, um sie sich selbst zu eigen zu machen und wie man 3. Ausgangslage, historische Entwicklung, Ziele und eingesetzte Mittel zur Durchsetzung dieser beurteilt.

24. Lila - November 1, 2010, 12:22

Ich hab vor Ewigkeiten mal was zu Sinus-Milieus geschrieben, hier: https://rungholt.wordpress.com/2006/11/15/ein-fund/ Natürlich gefällt mir sowas wie ein Kartoffel-Diagramm sehr gut 🙂

http://www.sinus-institut.de/loesungen/sinus-milieus.html

Ich komme aus dem intellektuell-liberalen Milieu und fühle mich dort automatisch heimisch. Berührungspunkte habe ich natürlich auch mit anderen Milieus (besonders der Performern und Ökologen, aber auch der kreativen Avantgarde), ich könnte meine eigene Kartoffel malen, wie viele Anteile mit anderen Milieus ich so in meinem Leben vorfinde.

Ich finde an diesem Milieu vieles schätzenswert, und daß ich politisch oft mit ihm zusammenrassele, weil dieses Milieu nun mal tendenziell „mit den Schwächeren hält“ und Israel als stärker wahrnimmt, ist nicht ganz einfach.

Aber daß meine Eltern, um mal in die Kindheit zurückzublickenn… daß also meine Eltern nicht automatisch immer meinen Standpunkt einnahmen, sondern auch bei Streitigkeiten mit anderen Kindern nicht instinktiv, sondern reflektiert reagierten, hat mich zwar damals oft geärgert – dafür waren meine Eltern aber auch in Fällen, in denen mir Unrecht geschah, absolut zuverlässig. Da habe ich ein paar schöne Erinnerungen dran.

Ich mache es auch selbst so und versuche immer, eine faire Haltung einzunehmen, auch anderen Kindern gegenüber, die in Streit mit meinen Goldkindern liegen. Ich finde, die Fähigkeit, einen Konflikt, und sei er im Sandkasten, mit möglichst objektiven Augen anzusehen, muß von früh auf eingeübt werden. Sonst bleibt man ewig Gefangener des eigenen Überlegenheitsgefühls.

Und da fällt mir auch was ein…

Neulich sprach ich mit einer Freundin, und die erzählte mir voller Wut, daß ihr Töchterchen im Kindergarten immer von Michali gebissen wird. Ich habe sie gefragt: und was hast du getan? Sie sagte stolz: ich habe meiner Tochter gesagt, daß Michali pfuia ist, und daß sie zurückbeißen soll.

Ich war so schockiert, daß mir die Sprache wegblieb und ich die Freundin seither nicht mehr angerufen habe. Das hätte ich nie von ihr erwartet. Das ist für mich ein Beispiel für eine miserable Erziehung, die letztendlich dem Kind mehr Streß als Klarheit bringt.

Ich überlege mir immer noch, ob ich es auf mich nehmen soll, dieser Frau klarzumachen, wie man solche Konflikte löst, ohne weitere Beißattacken zu ermutigen.

25. yael1 - November 1, 2010, 14:48

Es gibt auch aktuelles:

http://www.usinger-anzeiger.de/lokales/schmitten/9566038.htm

Insgesamt seien die Ergebnisse der seit 2002 laufenden Studie, die 2011 abgeschlossen werde, „alarmierend“. Besonders tief sitze der sogenannte „sekundäre Antisemitismus“, der über Umwege kommuniziere. So stimmten im Schnitt etwa 40 bis 50 Prozent der Befragten der Aussage zu „Was der Staat Israel mit den Palästinensern macht, ist nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben“.

26. mibu - November 1, 2010, 15:16

„Ich überlege mir immer noch, ob ich es auf mich nehmen soll, …“ Etwas heikel, braucht man gutes Fingerspitzengefühl … wer hätte das, wenn nicht du, Lila ?
Das Problem ist mir auch schon über den Weg gelaufen. Die Kleinen können manchmal recht wilde Tierchen sein. Und umgekehrt stehen zurückhaltendere Kinder manchmal erstaunlich hilflos solchen Angriffen gegenüber.

27. Silke - November 1, 2010, 15:21

wie man solche Konflikte löst, ohne weitere Beißattacken zu ermutigen.

die von mir durch alle Jahrzehnte am höchsten geschätzte und bewunderte Kollegin löste solch einen Konflikt meisterhaft. Sie ging den unteren Weg!

Auch wenn uns andere das um den ersehnten Genuss brachte, eine hochkompetente Büroleiterin mit anbetungswürdiger Ethik zu bekommen, kann ich ihr ihre Beißhemmung nicht übel nehmen. Um „unsere“ Beißerin aus dem Verkehr zu ziehen, hätte sie ein Gebiss voller Giftzähne zum Einsatz bringen müssen.

Ob dann die Kollegin nach der Beißerei uns noch so rundum liebenswert erschienen wäre, bezweifle ich, doch Arbeiten unter ihrer kompetenten Leitung wäre für mich zumindest den Verlust an ethischer Reinheit wert gewesen. Außerdem hätte ich die damit verbundene erhebliche Erhöhung ihres Einkommens als sehr gerecht empfunden.

28. mibu - November 1, 2010, 15:42

yael1, ich finde den Ausdruck „sekundärer Antsemitismus“ in Zusammenhang mit der zitierten Aussage problematisch, ungeachtet der Tatsache, dass diese Aussage schlichtweg falsch und die relativ hohe Zustimmung ernsthaft bedenklich ist. Sie zeigt, wie wenig sich die Zustimmenden mit den Umständen und Folgen der Verfolgung, insbesondere der Juden im 3.Reich befasst haben.
Ich bin mir manchmal nicht so sicher, wie viel solche Filme wie z.B. „Schindlers Liste“ wirklich bringen. Mein Verdacht ist der, dass womöglich für viele das Thema Holocaust und Verfolgung in der NS-Zeit im wesentlich erledigt ist. Dabei thematisieren die meisten dieser Filme nur einen kleinen Ausschnitt des gesamten Ausmasses, den diese Verbrechen sowohl hinsichtlich des Umfangs als auch der Grausamkeit tatsächlich hatten. Saul Friedländers „Die Juden und das dritte Reich“ müsste eigentlich Pflichtlektüre sein, und selbst dieses Buch liefert vor allem einen Überblick.
Tatsächlich würde ich mir wünschen, dass Politiker und andere öffentliche Personen häufiger darauf hinweisen, dass solche Gleichsetzungen völlig abwegig sind, wie sehr man auch über die eine oder andere Aktion Israels empört sein kann. Es ist, dies nebenbei, nicht nur eine inakzeptable Missachtung jüdischer Opfer der NS-Herrschaft.

29. yael1 - November 1, 2010, 16:05

Wie würdest du es denn bezeichnen?

30. mibu - November 1, 2010, 17:16

yael1, es kann ein Hinweis auf Antisemitismus sein, wenn jemand nicht nur einer solchen sondern einer eindeutig antisemitischen Aussage (ohne Bezug zu Israel) ebenfalls zustimmt. M.a.W. wenn sein Zustimmung mit der Zustimmung zu antisemitischen Aussagen bestätigend korreliert.

Die Aussage als solche ist deswegen nicht weniger problematisch; ich würde sie als volksverhetzend erachten. Falsch ist sie allemal.

31. grenzgaenge - November 1, 2010, 17:17

@mibu: Die von Yael zitierte Quelle ist keinesfalls abwegig. Die Hetze gegen Israel ist durchaus zu vergleichen mit der Hetze gegen die Juden vor dem Beginn der Deportationen. Die Hetze ist die gleiche, die Quellen sind die gleichen. Zum Leidwesen der Antisemiten (= Antizionisten, Antijudaisten) gibt es nun aber einen Staat Israel als Fluchtburg für die Juden und Jüdinnen aus aller Welt. Das ist der Kern des Anti – Israel – Bashing. Da wagen es, Juedinnen und Juden, doch glatt sich zu verteidigen. Nix mehr mit dem braven Einordnen in die Selektion, mit dem – bis auf Ausnahmen – ohnmächtigen, weil hilflosen, Gang in die Vernichtung. Für den Staat Israel, das ist beruhigend, wird es keine verlogenen Gedenkstunden und widerwärtigen Krokodilstränen gehen. Weil dieser Staat sich auch weiterhin verteidigen wird. Auch wenn das den weichgespülten, linken, Heulern in Deutschland und anderswo nicht gefällt.

32. grenzgaenge - November 1, 2010, 17:42
33. Jack - November 1, 2010, 18:28

„Aha, Du warst das also. Schäm Dich was. Ich bin Lehrerskind und selbst Lehrerin. Vielen Dank für die Blumen…“

Oh, äh,
Lila,
das wußte ich nicht. Hätt’ mich ja mal jemand warnen können.

Du … seid Ihr eigentlich deswegen aus’m Kibbuz (vielleicht geflogen)?
Ich will ja nichts sagen, aber freiwillig gegangen … das könnte (wenn man so will) nach dieser Faktenlage dann doch einen Tick zu sehr ausgedacht klingen. Vielleicht sollt’ man mal besser Deine Kinder fragen oder wie Woody Allen einst in dem wunderschönen Film Manhattan sagte: „Es ist immer wieder erstaunlich, wie subjektiv man die Dinge betrachten kann.“ Ja.
🙂

Nicht, daß Du jetzt in echt auch noch Mrs. McConnel bist ….

34. Lila - November 1, 2010, 18:31

In Wirklichkeit sind wir aus dem Kibbuz weggegangen, weil das nächste Cafe Aroma einfach zu weit weg war… das kannst Du doch bestimmt gut verstehen.

35. yael1 - November 1, 2010, 20:24

@mibu

ich gehe hierbei von der Definition der European Union Agency for Fundamental Rights aus.

http://honestlyconcerned.info/was_ist_antisemitismus.html

Ich sehe das durchaus als eine antisemitische Aussage, denn nicht nur dass sie die Naziverbrechen relativiert, sondern dass sie als entlastend wirkt, wenn man so etwas aussagt, denn dann können die Nazis ja nicht so schlimm gewesen sein, wenn Juden dasselbe machen.
Das und anderes sind das Wesen des sekundären Antisemitismusses, wobei ich nicht unterscheiden mag, denn Antisemitismus ist Antisemitismus, ob sekundär oder nicht, macht für die Opfer keinen Unterschied.

36. yael1 - November 1, 2010, 20:26
Silke - November 1, 2010, 20:31

beim Elder of Ziyon
jüdischer Friedhof in Frankreich verwüstet
http://elderofziyon.blogspot.com/2010/11/49-jewish-graves-desecrated-in-france.html
weiter Links im Comment-Teil

ob das nu primär oder sekundär or tertiär oder hundert-är iss, iss mir wurscht, es ist eine Schande und sie hat tiefe tiefe Wurzeln

37. Jack - November 1, 2010, 22:36

Ja ja, Lila
das könnte ich gut verstehen,
aber jetzt flunkerst Du. Das merk’ ich, was glaubst Du denn?
Außerdem,
das Thema Cafe Aroma ist viel zu kostbar, als das man dies ins Lächerliche zieht. Gewisse Dinge sollte man nicht vermischen. Als Pädagoge sollte man dies eigentlich wissen, wenn ich das kritisch betrachtet so anmerken darf.

Zurück zum Thema, okay, wenn Du so willst, kombiniertem Thema: Tatsache ist jedenfalls, daß ich so gut wie noch nie (deutsche) LehrerInnen in einem der vielen Aroma-Cafes gesehen habe. Die verirren sich soundso so gut wie nie nach Israel, wie Du ja schon treffend-schön analysierst hast.

Andererseits …
… man trifft diesen speziellen von Dir angesprochenen Kreis dafür aber um so mehr, ich sag’ mal, z.B. irgendwo in der wilden Natur Süd-Chiles. Und immer, aber auch immer schön expeditionsmäßig-eingekleidet in ihren Jack Wolfskin-, Globetrotter- oder Columbia-Klamotten. Das ist dann oft besonders lustig anzuschauen, wenn sie dort auf die einheimischen Chilenen in ihren lockeren Jeansjacken und anderen ’Entgegensetzt-Klamotten’ treffen.
Insofern, auch hier treffen viele Vorurteile bzgl. der Volksgruppe LeherInnen einmal mehr zu. Ist doch so.
🙂

Da fällt mir ein,
„Your’re living a fantasy world“ hat vor ungefähr fünfzehn Jahren oder so einmal Julia Roberts zu US Late Show-Talker David Letterman gesagt. Den Augenblick hab’ ich nie vergessen.
Ich will ja nichts sagen, aber das ist mit Abstand so einer der pädagogisch wertvollsten Sätze, die ich jemals gehört habe (nur nicht in der Schule). Manchmal, also ganz selten, bildet Fernsehen doch.
Was es alles gibt …
🙂

Aber, hm, wenn man den Satz mal in Sachen Nahost-Konflikt heranziehen würde, wär’s schnell politisch-brisant. Aber in Sachen (Selbst)Reflexion einiger der dortigen Involvierten vielleicht gar nicht so verkehrt. Und das soll jetzt nicht zynisch-makaber klingen …

38. mibu - November 1, 2010, 22:47

yael1, erstmal vielen Dank für die Links. Mit vielem stimme ich überein. Bei der DASH-Seite gehen bei mir allerdings ebenso ein paar Warnlampen auf wie bei der bisher diskutierten Aussage.
Ob nun Kriterien für sekundären Antisemitismus oder eben jene Aussage – prinzipiell werde auch ich bei solchen Anzeichen misstrauisch. Spätestens dann höre ich unter dem Aspekten Volksverhetzung und auch Antisemitismus sehr genau auf alles weitere, was jemand sagt.
Aber ich habe Zweifel, ob manche Ansätze von DASH bzw. „honestly concerned“ nicht mehr Schwierigkeiten erzeugen als beseitigen.

39. mibu - November 1, 2010, 22:51

grenzgaenger, hoffentlich ist dein Glaube an den Allmächtigen so fest wie dein Glaube an „weichgespülte linke Heuler in Deutschland“ 😉


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