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Im Museum Oktober 22, 2010, 22:25

Posted by Lila in Kunst, Uncategorized.
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Unser Hochzeitstag begann am frühen Morgen – ich öffnete wie jeden Tag Fenster und Rolläden, und die ekelhafte Hitze und der Sand waren so übel, daß ich mir dachte: das muß ich mal all denen zeigen, die denken, fast das ganze Jahr lang heiß und sonnig, das ist toll. Bitte sehr. So sieht es am frühen Morgen aus, wenn im Osten die Sonnenstrahlen kaum durch den Staub dringen, und im Westen unsere ganze Aussicht verschwunden ist.

Im Laufe des Tages wurde es so heiß, daß die Klimaanlage im Auto nicht mehr damit fertigwurde. Draußen ging es auf 42 Grad hoch, und das in den Jerusalemer Bergen! Wir tranken Mengen von Wasser und ich war froh, daß ich meine Dose mit Prickly Heat dabei hatte. Das ist wirklich ein Wundermittel bei Hitze, es erfrischt wirklich, zumindest für einige Zeit.

Tatsächlich, das renovierte Museum ist eine Reise nach Jerusalem wert. Wir waren einen halben Tag lang beschäftigt und hätten noch lange weiterstöbern können. Es ist eine ziemlich verwegene Reise durch diverse Zeiten und Gebiete.

Was hat mir gefallen? Wir sind ziemlich chronologisch vorgegangen. Griechische Vasen und römische Skulpturen gefallen mir immer, Y. zieht es mehr zu den Ägyptern. Die Aphrodite aus Bet Shean, ein eleganter Sarg für eine elegante Katze. Ich fand den Saal sehr gelungen, in dem frühe Kirche und Synagoge zu sehen waren, besonders die Mosaikböden waren so schön. Am schönsten der aus Kissufim.

Erstaunlich, wie einheitlich die Kunst im römischen Reich war – auf den ersten Blick. Dann fallen einem östliche Einflüsse auf, und ich habe mir hinterher sofort notiert, womit ich die Sachen vergleichen will, die ich gesehen habe. Die Tiere – sehen die nicht aus wie in San Clemente…?  Gut, daß ich mir den Katalog gekauft habe! Ich hätte am liebsten alle Bücher aufgekauft.  Oh, der Raum mit dem Glas war so interessant, Glas ist ein wunderbares Material.

Die ganze klassische Abteilung hat mir also gut gefallen, ebenso die islamische. Wunderschöne Miniaturen aus dem Buch Shachname – Keramik mit kufischen Inschriften –  ein herrlicher Michrab aus Isfahan – alles klar präsentiert, und mit genügend Luft und Platz drumherum.  Das alles ist in der archäologischen Abteilung. Erstaunlich viele Funde aus Israel – egal wo man hier die Schüpp ansetzt, man findet etwas.

Einfach phantastisch ist die gesamte jüdische Abteilung, kein Wunder. Das absolute Highlight des Besuchs war für mich, vollkommen unerwartet, der runde, dunkle Raum mit den Handschriften. Ich liebe mittelalterliche illuminierte Manuskripte und plane seit Jahren, ein Proseminar zum Thema anzubieten – leider hält niemand außer mir das für eine gute Idee.  Aber daß sie mich so umhauen würden, das hätte ich nicht erwartet.

Mir sind tatsächlich vor lauter Ergriffenheit die Tränen gekommen, so wunderbar haben mich diese Manuskripte berührt. Ich sah die Schreiber und Maler vor mir, wie sie in hingebungsvoller Arbeit über Jahre hinweg auf ihren unbequemen Bänken sitzen, ihre Augen überanstrengen, in unendlicher Disziplin jedes Häkchen und Pünktchen richtig setzen, um das heilige Wort nur ja richtig zu überliefern – und das alles auf den Häuten von ganzen Kuh- oder Schafherden. Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen – zu der gemeinsten Bosheit und Brutalität fähig, gleichzeitig aber auch bereit, Leben und Gesundheit für einen heiligen Text dranzugeben. Die Schönheit dieser Bücher strahlte geradezu aus den Vitrinen und traf mich mitten in mein armes Herz. Selbst Y., der aller religiös inspirierten Kunst mit mildem Desinteresse gegenübersteht, mußte zugeben, daß diese Bücher gut gemacht sind.

Ja, dann die Abteilung mit den Kleidern, dem Schmuck. Die Synagogen – da war noch einiges an Arbeit im Gange, Arbeiter standen auf Leitern und klebten Buchstaben auf die Türen über den Synagogen.  Da wäre eine Führung wohl interessant.

Ein besonders eindrucksvoller Raum enthielt nicht nur traditionelle jüdische Kunst zu Festen und Jahreskreis, sondern auch zwei moderne Video-Arbeiten. Sie waren sehr gut präsentiert, in einer Art H, also zwei offene Buchten, die man betreten kann. Beide Videos werden auf dieselbe Wand projiziert, nur eben jeweils von der anderen Seite.

Auf der einen Seite des H sieht man eine Arbeit von Doron Salomons zum Thema Unabhängigkeitstag – schnell und immer schneller geschnitten Bilder von der Staatsgründung, Paraden, wilden Festen, Horatänzern, grillenden und feiernden Menschenmengen, alles, was zu diesem Tag in Israel gehört. Gegen Ende wird einem richtig schwindlig und man möchte rufen: aufhören mit der Feierei!

Auf der anderen Seite eine Arbeit von Yael Bartana, die ich in meinem Kurs über Kunst und Holocaust zeige – sie war auch in Berlin zu sehen bei der großen Ausstellung vor zwei Jahren im Gropiusbau. Trembling time.  Sie spielt mit der Minute, die es dauert, wenn am Gedenktag (für den Holocaust, für die Gefallenen) die Sirene heult. Sie filmt eine belebte Straße von oben, in einem Tunnel, die herankommenden Autos halten langsam an, die Türen öffnen sich, die Menschen steigen aus, hören der Sirene zu, steigen wieder ein, das Leben geht weiter. Eigentlich erstaunlich, daß die Israelis, die sich sonst gar nicht gern was vorgeben oder sagen lassen, und denen Geschwindigkeit so wichtig ist, diese Minute einfach ehren.  Sechs Minuten dauert Trembling time, auf den ersten Blick ereignet sich gar nichts, aber Bartana hat dieses Innehalten sehr genau eingefangen. Die Lichter der Autos, die Schatten.

Überhaupt ist die Abteilung für israelische Kunst geradezu überwältigend gut. Von den Klassikern wie Reuven Rubin und Nachum Gutmann über die Abstrakten („Streichmatzky“), von denen mir Arie Aroch der Liebste ist (ansonsten, verratet es meinen alten Lehrern nicht, kann ich mit den Hohepriestern der „Neuen Horizonte“ nicht viel anfangen), Raffi Lavie, Ori Reisman, und die jungen Genies – der sanfte Gal Weinstein mit seinem Nahalal-Teppich, Yehudit Sasportas, Sigalit Landaus Installation mit den Melonen im Toten Meer (von der nur der Video übrig ist – auf den Boden projiziert)…

Ich habe ja durch meine jahrelange Tätigkeit an einem Brennpunkt israelischer Kunst und auch mein Studium wirklich viel Berührung mit israelischer Kunst. Einige meiner Lehrer waren wirkliche Größen, Michael Sgan Cohen, Yehezkel Yardeni, Dani Zak, Dalia Meiri, Ami Levy, der Photograph Gilad Ophir. Ich habe bei Galeriebesuchen und Ausstellungseröffnungen auch noch Leah Nikel gehört und gesehen, später Philipp Rantzer, Deganit Brest, Yehudit Sasportas, Smadar Eliasaf, Tumarkin, Tsibi Geva, Ezra Orion (von dem ich weniger begeistert war, ehrlich gesagt), neulich Tamar Getter… und habe mich immer wieder mit israelischer Kunst auseinandergesetzt. Es ist wirklich ein Privileg, beruflich mit Kunst zu tun zu haben und jeden Galeriebesuch als Arbeit zu deklarieren.

Während ich von Arbeit zu Arbeit ging, feuerten meine Synapsen wie wild, leider wortlos, aber irgendwann wird hoffentlich aus den vielen Assoziationen auch mal Konkretes rauskommen. Israelische Kunst stellt sich quer, verweigert sich, fordert heraus, ist immer umstritten. Sie bezieht Kraft aus dem Zionismus, untergräbt ihn, stellt ihn in Frage, schlägt sich mit der Frage herum: was ist das Land? was der Staat? was tun wir? was sollten wir tun? warum tun wir, was wir tun? Adam, adama, Mensch, Erde. Aber auch jüdische Identität, Text, Symbole, Gitter, Verletzungen und Narben – alles taucht in den Arbeiten auf.

Ich war ja neulich in der ausgezeichneten Ausstellung über Sammeln und Sammlungen in Haifa, und in meinem Kopf traten die Motten von Carlos Amorales (Black Cloud) mit Hirsts Schmetterlingen zusammen… diese Räume mit den schwarzen Motten waren in Jerusalem in der Ausstellung Still Moving. Auch die Ausstellung über Fenster war gut. Ich habe das Thema mal unterrichtet, allerdings mehr von Alberti über C.D. Friedrich bis Matisse, da waren mir die zeitgenössischen Arbeiten in Jerusalem sehr willkommen.

Die Alten Meister, die ich immer so gern sehe, sind in Jerusalem eher spärlich vertreten, und wenn, dann meist Bilder mit jüdischen Motiven bzw Motiven aus der Hebräischen Bibel. Poussins reichlich bombastische Zerstörung Jerusalems ist ein Beispiel (interessant: ich vergleiche im Unterricht gern die Darstellungen von Kaulbach und Roberts – nächstes Mal nehme ich vielleicht den Poussin noch dazu) . Eine Ausnahme bildet Rembrandts Petrus im Gefängnis, mir das liebste Bild in der Abteilung, auch wenn er kleinteiliger gemalt ist als mir sonst bei Rembrandt lieb – aber wie er so verloren im Licht sitzt und neben ihm die Schlüssel so beinahe aufdringlich glänzen, das hat mich berührt.  Außerdem natürlich eine kleine Ruysdaelsche Landschaft, die mich freundlich grüßte.

Auch die Abteilung Klassische Moderne ist kein wirklicher Schwerpunkt. Als Sammlung einer Familie höchst eindrucksvoll, aber als Abteilung in einem Museum hält das kleine Hecht-Museum in Haifa damit glatt mit. Ein paar allzu pastellig-grelle Pointillisten, eine Nymphee-Version, die etwas hingehuscht aussieht (sorry aber ich habe schon bessere Monets gesehen), ein wunderschöner, knalliger Derain, mehrere Delaunays, auch von Sonia Delaunay, und für mich automatisch der Blickfang: Cezanne. Es mag daran liegen, daß ich mit einer Reproduktion von Cezannes Mühle im Wohnzimmer meiner Eltern aufgewachsen bin – auch eine Feininger-Reproduktion hing damals bei uns, und auch der kleine, aber leuchtende Feininger gestern gefiel mir. Aber insgesamt, so lieb mir das 19. und 20. Jahrhundert sind, ist die Sammlung in Jerusalem dünner als die in Tel Aviv oder meinetwegen auch Wuppertal. Wo war ich neulich noch in einer sehr guten Sammlung? Es wird mir einfallen, es muß mir einfallen…

Ich habe in Jerusalem gute Ausstellungen gesehen, zu Pont Aven und dann die Sammlung Merzbacher, wo ich zweimal drin war – aber die Sammlung im Haus ist nicht genug.

Ein weiteres Highlight für mich war der von Yinka Shonibare gestaltete Raum zu den vier Elementen, die ja ein Lieblingsthema von mir sind. Als ich Shonibares Arbeit von weitem sah, erkannte ich ihn sofort: er hatte in Berlin, in der Friedrichswerderschen Kirche, einige meiner Studenten in große Verwirrung gestürzt mit seinen kopflosen Figuren in grellen Stoffen.  Shonibare hat in einem großen Saal vier Bereiche geschaffen, jeder davon ist einem Element gewidmet. Er aus den Sammlungen und Magazinen des Museums herausgegriffen und arrangiert, was ihm passend schien, und die Assoziationen stellen sich ein, während man die einzelnen Werke ansieht und dann die ganze Plattform des jeweiligen Elements.

Das gefiel auch Y., denn diese Installation regt zum Denken an und hat auch einen gewissen Humor. Wir sind lange in diesem Saal herumgegangen und haben uns zugemurmelt, was wir sehen und verstehen. Es ist doch schön, wenn man sich so gut kennt und ein Brumm und Knurr schon reicht, damit man gemeinsam lächeln oder den Kopf wiegen kann. Y. ist überhaupt immer witzig, besonders vor Kunstwerken, die ihm nicht gefallen und bei denen er gern zynisch wird.

Die Photographien-Sammlung ist wunderbar, dafür allein lohnt sich die Reise. Dann ganz oben eine Sammlung von Graphiken – darunter Zeichnungen und Skizzen von Werken, die unten vollendet hängen. Und Klees Angelus Novus. Er wurde vom Ehepaar Scholem gestiftet – ich wr eine Zeitlang im Nebenhaus in der Abarbanel street in Rehavia zu Gast und habe die alte Frau Scholem noch gesehen. Scholems hatten den Angelus Novus natürlich von Walter Benjamin, und jeder kennt wohl den Engel der Geschichte, der vom Wind aus dem Paradies geblasen wird… und es war ein wundersamer Moment, als ich ihm so von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand.

Ja, es war ein langer Tag, aber wir sind durch alle Abteilungen getrappt, durch manche schneller, durch manche langsamer. Zwischendurch haben wir gerastet, haben was gegessen und getrunken, immer auf der Hut vor dem visual overload, wenn man gar nichts mehr sieht. So lang wie der Tag war, ist auch dieser Eintrag geworden…. dann waren die Straßen verstopft, weil der Rabin-Gedenktag auf dem Herzl-Berg begangen wurde, und der Heimweg dauerte ewig.

Als wir nach Hause kamen, hatten die Mädchen unser Schlaf- und Badezimmer schön geschmückt, mit gemalten Glückwünschen. Das war wirklich lieb. Ich weiß nicht, was andere Leute an ihrem Hochzeitstag so tun, aber für mich war das tatsächlich ein idealer Tag. Danke an meinen lieben Mann, der zwar auch gern Kunst sieht, dem es aber zwei Stunden bestimmt auch getan hätten. Nächstes Jahr werde ich vielleicht mal gucken, ob es irgendwo eine Ausstellung von Maschinen gibt… wo ich dann beweisen kann, daß ich schon so viel von industriellen Rührwerken verstehe wie Y. von Installationen und Druckgraphik.

(Ich kann im Moment keine Bilder hier bei WordPress reinstellen, drum die vielen Links…)

Kommentare»

1. Opa W. - Oktober 23, 2010, 0:42

Doch noch ein Bericht!

Nur das Wundermittel wundert mich etwas.

2. Lila - Oktober 23, 2010, 8:20

Da fehlte natürlich der Link:

http://grocerythai.com/prickly-heat-powder-gram-p-622.html

Geniales Zeug, da ist Kampfer drin oder so. Es kühlt wirklich, zumindest eine Zeitlang. Ich bestell mir das per Internet aus Thailand. Anders halte ich den Sommer hier nicht aus, besonders nachts.

3. Opa W. - Oktober 23, 2010, 10:56

Ach so!

4. Dorothee - Oktober 24, 2010, 12:46

Ich war schon lange nicht mehr in Jerusalem und freue mich über die ausführliche Beschreibung des Museums in seinem neuen
Zustand! Man möchte gleich einen ganzen Tag dort verbringen.

5. Robert - Oktober 25, 2010, 13:03

Hallo Lila,

Du schreibst ja ganz interessante Sachen hier, aber leider kann ich sie nur schwer lesen, weil hellgrau auf weiß für mich nicht das ideale Kontrasterlebnis ist. Hat es künstlerische Gründe, dass beim Lesen Deines Blogs die Augen so schnell ermüden müssen?

Ansonsten kann ich nur sagen: Superblog.

6. Lila - Oktober 25, 2010, 14:47

Komisch, bei mir kommt das dunkelgrau auf weiß raus. Hilft es nicht, die Seite einfach zu vergrößern?


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