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Chaos Oktober 15, 2010, 18:26

Posted by Lila in Kinder, Land und Leute, Uncategorized.
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Ein anderes Wort finde ich nicht für den gestrigen Tag. Bei Primus´ Gelöbnis vor fast zwei Jahren waren  gute Sicht und Ordnung selbstverständlich.  Luftabwehr ist ja eine kleine Truppe, und alle hatten reichlich Platz auf dem Bereich vor der Klagemauer. Wir konnten Primus die ganze Zeit sehen und hören. Nahal dagegen, das ist ein riesenhafter Verein, ich glaube, das ganze Land war auf den Beinen. Es war drängend voll, überhaupt war die ganze Stadt verstopft. Noch dazu ist das Wetter von herbstlich-frisch auf sharav-heiß-staubig gewechselt, und das mit solcher Heftigkeit, daß mein Kreislauf protestiert.

Alles dauerte Stunden – die Fahrt nach Jerusalem, die Suche nach einem Parkplatz, die Suche nach Secundus, die Suche nach einem Plätzchen, auf dem man auch was sieht… Das war zwecklos, und wir konnten nur die Leinwände anstarren, auf denen die Aufnahmen eines hektischen, nicht sehr kompetenten Kameramanns zu sehen war. Quarta: „Mama, warum filmt der denn immer nur den Boden?“ Ein paar Armeefritzen hielten Reden, wie man sie schon dutzende Male gehört hat (Quarta: „Mama, der buddelt aber“ – „buddeln“ ist der Schüler-Ausdruck für langweiliges pointenloses Gerede).

Hinter uns ließen sich Touristen aus Kanada und Rußland mit Soldaten photographieren, vor uns standen andere Eltern. Alle zischten einander an: ihr steht mir im Weg! ich seh nichts! Y. und ich guckten uns nur an und da wir keine Schlägerei anfangen wollten, zogen wir uns auf den Fuß einer Treppe zurück. Primus hielt Quarta auf den Schultern, und so sah sie als einzige was. Aber nicht Secundus, der war mitten im Gewimmel der grünen Barette nicht auffindbar. Er bekam wohl Bibel und Gewehr ausgehändigt, aber gesehen haben wir davon nichts. Der einzig schöne Moment war das Singen der HaTikva.

Wir haben massenhaft Bekannte getroffen, „ach seid ihr auch hier?“, es dauerte eine weitere Ewigkeit, bis wir, Secundus und Secundus´ Ausrüstung an einem Ort versammelt waren, bis wir das Auto wiedergefunden hatten, und als wir schließlich aus Jerusalem raus waren, ging es wacker auf zehn Uhr zu. Da waren wir schon fast zwölf Stunden unterwegs. Aber die Jungens unterhielten sich prächtig, indem sie Erlebnisse aus der Sani-Ausbildung verglichen. Am unterhaltsamsten sind wohl die Stunden über Hygiene und Gesundheitspflege, denn da werden Gruselgeschichten wie aus dem Struwwelpeter erzählt, um den zukünftigen Sanis eindrücklichst klarzumachen, wie wichtig ihre Aufgabe ist. Sie kontrollieren ja Wasserqualität und Einhaltung der Hygienevorschriften in allen Armeelagern.

Im Chor konnten Primus und Secundus die Geschichten aufsagen. So die Moritat von Dudu, dem Koch, der sich nach dem Gang zur Toilette die Hände nicht wusch und Salat zubereitete. „Und jedes einzelne Salatblatt war mit Dudus Colibakterien verseucht!“ Oder die von Daniel, der ein Steak zu oft auftaute und wieder aufwärmte. „Und als man ihn fand, waren die Wände des Zelts von Erbrochenem und Durchfall bespritzt!“ Und natürlich die Geschichte von dem dehydrierten Kameraden in der Wüste. „Und sein letztes Wort war: WASSER!“

So verging wenigstens die Rückfahrt schnell. Natürlich lernt Secundus jetzt Leute kennen, die Primus längst kennt, und er verliert auch seine Scheu vor Nadeln – anders geht es nicht, denn die Sanis üben aneinander „Fang die Vene“. Secundus hat sich, wie sein Vater,  nie gern pieksen lassen, im Gegensatz zu Primus, der mehr auf mich kommt. Ich würden den Jungens gern meine Arme zur Verfügung stellen, sie können mir venöse Zugänge legen, so viel sie wollen, aber natürlich brauchen sie dafür auch die entsprechenden Kanülen.  Secundus ließ sich von Primus erzählen, wie man das Gelernte dann anwendet, denn Primus hat ja schon recht viel Erfahrung, auch wenn er uns vieles davon nicht erzählen darf.

Puh, das war ein anstrengender Tag. Das drückend heiße Wetter laugt uns förmlich aus. Dabei hatte ich mich schon so gefreut, als es kühler wurde. Außerdem finde ich Ansammlungen von so vielen Menschen zunehmend schrecklicher, je älter ich werde.

Wie vollgestopft ist das Land besiedelt! Ein einziges Ruhrgebiet. Überall Lampen, Häuser, Kreuzungen, Straßen, Parkhäuser, Einkaufszentren, Fabriken, Bürogebäude, riesige Werbeflächen, Eisenbahnlinien und Haltestellen. Der Weg hoch von Tel Aviv bis weit hinter Haifa ist auch nachts taghell beleuchtet, und kein einsames Fleckchen in Sicht. Eigentlich ist auch der Norden schon ziemlich dicht besiedelt. Erst wenn wir in das kleine Sträßchen zu unserem Moshav einbiegen, wo die Straßenbeleuchtung aufhört und man erstmal durchs Gestrüpp muß, habe ich das Gefühl, „endlich allein“. Natürlich auch nur eine Illusion, denn auch hier sind wir von Nachbarn umgeben. Was für die Kinder ja auch gut so ist.

Tatsächlich bekomme ich mit zunehmendem Alter einsiedlerische Anwandlungen. Meinen Kindheitstraum von einem Häuschen im Wald wie bei Brüderchen und Schwesterchen habe ich nie vergessen. Ich habe als Kind nie verstanden, warum Schwesterchen den König heiratet – bestimmt hat es immer Sehnsucht nach dem Häuschen im Wald gehabt, denn was ist ein Schloß, verglichen mit so einem Häuschen!

 

Ach ja, ob Osten oder Westen, zu Hause ist´s am besten…

Kommentare»

1. Peter - Oktober 16, 2010, 2:56

Vielleicht ein Häuschen im Negev?
Unterirdisch gebaut mit oberirdischer Terrasse für die kalten Nächte mit dem leuchtenden Sternenhimmel.
Umgeben von einem Ring aus stachligem Dornengestrüpp und einem Wald aus Euphorbien.
Himmlische Ruhe mit niedlichen Wüstenfüchsen und ab und an schaurig-schönes Schakalgeheul und vielleicht ein Käuzchen.
Keine Menschenmassen. Nur Joseph und seine Brüder ziehen gelegentlich schemenhaft vorbei.
Vielleicht ein aufgegebener Bunker zum Schleuderpreis.

Träum…

2. mibu - Oktober 16, 2010, 8:36

Es gibt einige Strassen, die am östlichen und westlichen Rand unseres Tales entlang führen. Abends kann man dann das Schussental als ein grosses Lichtermeer bewundern. In den sechziger Jahren gab es die Vermutung, dass bis zum Jahr 2000 ein durchgehender Streifen von Friedrichshafen bis Ulm durchgehend besiedelt sein werde. Das ist zwar noch nicht eingetreten, aber es gibt praktisch keine Stelle, von der aus nicht mindestens ein durch Neubaugebiete aufgeblasenes Dorf nachts sichtbar ist. Selbst kleinere Städte sind inzwischen von 10 bis 15 Kilometern aus erkennbar, weil sie den Nachthimmel so stark von unten beleuchten.
Seit es keinen sozialen Wohnungsbau mehr gibt, fressen sich die Einfamilienhaussiedlungen immer tiefer in die Landschaft. Eine entsprechende Bahninfrastruktur ist hier nicht einmal angedacht. Also wälzen sich die fleissigen Massen nicht mehr nur morgens und abends durch die verkehrsberuhigten Tempo-30- und Tempo-40-Zonen. Die Hauptverkehrswege werden konsequent so mit Ampeln bestückt, dass man spätestens nach 200 m vor der nächsten Ampel steht, die zumeist konkurrierend nach Mondphasen, nach dem Wetter, nach der Größe der Frühstücksbrötchen für den Herrn Landrat programmiert sind. Womöglich spielt auch Anzahl von Wildschweinen im Landkreis eine Rolle. Wahrscheinlich nimmt auch Einfluss, welche Kommune gerade den Rekord bei der Haushaltsverschuldung hält.
Weil seit einigen Jahrzehnten unsere Politiker vom Gütertransport auf der Strasse rasend, naja – eigentlich eher kriechend, begeistert sind, quälen sich neben den Pendlern und dem allgemeinen Kurz- und Mittelstreckenverkehr auch sämtliche Sattelzüge durch unsere Städte. Zwischen zwei Ampeln passen so etwa drei bis vier davon. Nicht selten erlebe ich morgens, dass ich zusehen darf, wie die nächste Ampel mindestens zweimal von rot nach grün und zurück nach rot wechselt. Ich bruach und kann nix machen – es geht weder vor noch zurück. Hoffentlich muss kein Rettungdienst durch.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Bevölkerung unseres Landes inzwischen mehr Zeit in Verkehrsstaus und auf der Strasse als vor dem Fernseher zubringt. Manche wahrscheinlich sogar mehr als sie sich überhaupt zu hause aufhalten. Die Arbeitsvermittlung darf einen Arbeitsplatz in 80 km Entfernung bzw. mit zwei Stunden Fahrzeit als zumutbar annehmen.

Secundus Gelöbnis hätte wahrscheinlich etwas schöner sein können. Andererseits wär’s vielleicht auch ein bisschen langweilig, wenn’s genau gleich abgelaufen wäre. Auf jeden Fall wünsch‘ ich euch alles Gute, insbesondere keine Kriege, eine sichere Heimat und einen guten und möglichst gerechten Frieden für eine glückliche Zukunft.

3. Lila - Oktober 16, 2010, 9:42

Mibu, immerhin hat Israel seiner Isolation zu verdanken, daß hier keine Sattelzüge aus aller Herren Länder durchbrettern. Man sieht eigentlich nie andere Nummernschilder als israelische. Die Kinder freuen sich immer, wenn sie in Deutschland LKWs aus Lettland oder Tschechien oder Italien sehen, sowas gibt es in Israel nicht. Wir haben in besseren Zeiten ein paarmal jordanische Autos gesehen, denen haben die Kinder (die damals noch kleiner waren) begeistert zugewinkt. Manchmal sieht man ein CD-Nummernschild.

Aber der Verkehr, der sich über unsere Straßen wälzt, ist fast ausschließlich „hausgemacht“. Die Sitten auf der Straße sind dementsprechend unglaublich, auch der sanfteste Mensch kommt irgendwann ins Fluchen. Jeder schubst, drängelt, pfuscht sich seitlich in Lücken, schnibbelt sich irgendwie durch, hopst in Kreuzungen und blockiert andere, wo er kann.

In Jerusalem rennen dauernd fromme Idioten ohne rechts oder links zu gucken einfach über die Straße, der Herr wird sie schon sicher zur anderen Seite geloben. Die Flüche der Fahrer folgen ihnen. Die Steigerung des ohnehin schon aggressiven israelischen Fahrers sind die arabischen jungen Männer, die ich am Fahrstil aus kilometerweiter Entfernung erkenne.

Der öffentliche Nahverkehr, der mal billig und ausgezeichnet war, ist inzwischen teurer geworden und gleichzeitig ausgedünnt. Bahn gibt es nur in Nord-Süd-Richtung, Busse zwischen größeren Städten fahren regelmäßig und auch recht flott (Busspuren, endlich!), aber abgelegene Örtchen wie unseres sind schwer zu erreichen.

Monatskarten sind regional begrenzt und wie ich finde recht teuer. Einziger Vorteil: Soldaten und Zivildienstleistende fahren umsonst.

Dieser verflixte Autoverkehr hat sich über Landschaften und Ortschaften wie Pandoras Fluch ergossen. Wieso wir das hinnehmen, ist mir vollkommen schleierhaft. Mobilität schön und gut, aber es gibt auch noch andere Werte, die man in die Waagschale werfen sollte. Vielleicht ändert sich ja irgendwann nochmal was.

Als ich in den Kibbuz kam, war eine der Errungenschaften, die mir am besten gefielen, der völlige Mangel an privaten Autos. Der Kibbuz besaß eine ganze Flotte von Autos in allen Größen, die sich jeder ausleihen konnte, sobald er sie brauchte. Dafür schrieb der Fahrer seinen Namen in die Autoliste und nahm den Schlüssel vom Haken.

„Auto Nr. 21, Subaru, Datum, Uhrzeit, Ziel oder Strecke“. Wer nach Tel Aviv oder Haifa wollte, guckte erstmal in die Liste und rief dann den FAhrer an. „Hast du noch Platz im Auto?“ Jeder Kibbuznik war verpflichtet, andere mitzunehmen.

Irgendwann wurde das System auf elektronisch umgestellt, jeder hatte eine Magnetkarte, und so wußte man immer, wer gerade wo unterwegs war. Das reduzierte die Arbeit der Autolisten-Königin, die vorher jahrelang die Autos nach einem genialen System verteilt hatte.

Die Autos wurden gewartet, von der kibbuzeigenen Werkstatt, an der Kibbuz-Tankstelle billig betankt, und niemand brauchte ein eigenes Auto. Es war einfach wunderbar. Autos waren kein Statussymbol, sondern ein geteilter Gebrauchsgegenstand. Für eine Fahrt nach Tel Aviv nahm man den Getz, für den Familienausflug den Transit, für eine Dienstfahrt den Octavia.

Alles lang vorbei. Der Kibbuz hat wohl noch Autos und Liste, aber die meisten Leute haben längst eigene Autos. Viele israelische Firmen geben Dienstwagen, damit fing es auch im Kibbuz an. Heute hat jede Familie ein Auto neben dem Haus stehen, und das ist in den engen Sträßchen des Kibbuz extrem lästig und häßlich und auch gefährlich. Früher machte man alle Wege im Kibbuz mit dem Rad oder Tustus, heute fahren die meisten.

Nein, ich weiß nicht, was den Menschen so zum Auto zieht, ich habe nicht den geringsten Sinn für Autos, fahre selbst nicht Auto und mache höchst ungern lange Fahrten mit. Wenn ich sehe, wie Autoverkehr die Städte und Landschaften kaputtmacht, würde ich am liebsten die Uhr zurückdrehen und die ganze Frage nach der Integration des Autos in die Lebenswelten neu stellen.

4. Marlin - Oktober 16, 2010, 11:21

Lila, ich glaube, je weiter südlich das Land, desto bekloppter werden die Autofahrer. Schätze, auch mit ausländischen Fahrern würde es nicht angenehmer. 😀

Und wenn ich dann mir den Berliner Verkehr angucke.. 😛 Soooviel fehlt dann auch nicht mehr.

5. mibu - Oktober 16, 2010, 12:10

Ich denke, dass die Individualisierung des Wohnens und die Individualisierung des Verkehrs sich zum Teil gegenseitig bedingen und auch so gewollt sind. Sie machen einen beträchtlichen Teil der Wirtschaftsleistungen aus, angefangen von der Finanzwirtschaft bis zu Bau- und Fahrzeugindustrie. Rationalisierungspotentiale und Synergien in diesem Bereich sind gar nicht gefragt, weil immense Gewinne und eine große Zahl von Arbeitsplätzen und Unternehmen vom verschwenderischen Umgang mit Raum und Umwelt abhängen. Würden unsere Architekten soviel Grips in lebenswerte Architektur für Mehrfamilienhäuser stecken wie sie dies in Prestigeobjekte wie Kulturtempel, Banken- und Versicherungsgebäude, Verwaltungs und Regierungspaläste tun, wäre es durchaus denkbar, mehrere Probleme auf einmal zu lösen – einschließlich Umwelt- und Verkehrsprobleme. Aber wer will das schon. Irgendwie denkt man doch lieber in Speer’schen Dimensionen. Die Massenware ist in nullkommanix schnell hingefrickelt.
Der Idealfall ist immer noch das Häuschen im Grünen, selbst wenn’s logistisch noch so umständlich werden kann.
Die Dörfer, die dadurch z.T. explosionsartig anwachsen, werden damit nur selten attraktiver. Eher führt es dazu, dass am Rand oder zwischen zwei Dörfern ein Gewerbegebiet ausgeschrieben wird, in dem sich die üblichen Discounter treffen. Der Ortskern bleibt bestenfalls als dekorative Staffage für’s Rathaus und die Kirche erhalten – nicht selten verfällt er und wird durch Gewerbeimmobilien für Ärzte, Anwälte, Banken, Versicherungen oder Verwaltungsbauten, oder Spielhallen und Solarien ersetzt. Man kann froh sein, wenn noch eine Bäckerei oder eine Metzgerei überleben. In einigen Dörfern und kleinen Städten kann man auch beobachten, dass sich ein Teil des Altbaubestands in ein Wohnghetto für Ausländer und Übersiedler verwandelt hat. Gelegentlich lässt man diese Bauten dann abwohnen, bis sie schliesslich beginnen teilweise einzubrechen und die Kommune nicht mehr anders kann, als eine Abrissgenehmigung zu erteilen.
Was im Osten Deutschland aufgrund von allgemeiner Misswirtschaft verfiel, stürzt im Westen nicht selten wegen Spekulation in sich zusammen.
Welche Bedeutung der ganze Bereich Bauen für eine Volkswirtschaft haben kann, haben in jüngster Zeit verschiedene Immobilienkrisen in Japan, USA, Spanien, Großbritannien und Irland vor Augen geführt.

6. mibu - Oktober 16, 2010, 12:28

Bis vor einiger Zeit war das Autofahren in Italien und Frankreich für mich noch nachvollziehbar: wer’s eilig hat muss mehr aufpassen. Ich hatte bei meinen Fahrten häufig den Eindruck, dass zwar rasant aber rücksichtsvoll gefahren wird. Im Mailänder Stoßverkehr braucht man Augenmass im Milimeterbereich, aber es funktioniert.
Dem gegenüber fahren wir in Deutschland eher Panzer als Auto, solange man im Recht ist oder zumindest glaubt im Recht zu sein, rollt man über alles, egal ob langsam oder schnell.
In Frankreich habe ich es schon öfter erlebt, dass mein Vordermann noch bevor ich dazu angesetzt habe bemerkte, dass ich womöglich überholen will: er fuhr näher am rechten Strassenrand und gab sogar mit dem Blinker Zeichen, ob ein Überholen möglich oder zu gefährlich sei.(OK, franz. Transporterfahrer muss man dabei ausdrücklich ausnehmen, die kennen wirklich nur Stillstand oder Vollgas)
Bei uns muss man nicht selten beim Überholen inzwischen damit rechnen, dass der Überholte dabei sogar noch Gas gibt. Bei uns scheinen sich weder langsame noch schnelle Fahrer irgendwie bewusst zu sein, dass sie auf andere Verkehrteilnehmer Rücksicht nehmen sollten – und zwar aktive Rücksicht (z.B. erst Schauen, dann Blinken, dann Spur wechseln; möglichst rechts fahren). Es könnte auf unseren Strassen so einfach und stressfrei sein, …

7. Silke - Oktober 16, 2010, 13:39

Seit es keinen sozialen Wohnungsbau mehr gibt, fressen sich die Einfamilienhaussiedlungen immer tiefer in die Landschaft.

Dieser (mibu) Satz macht mich rätseln. Entweder sind die „Unterschichtler“, die Anspruch auf sozialen Wohnraum hatten, mittlerweile so gut dran, daß sie das Geld für’s Eigenheim aufbringen können. Das ist allerdings eine äußerst bedenkliche Entwicklung, der unbedingt Einhalt geboten werden muß, sagt eine, die den Siedlungsbrei rund um Dörfer, die einst mitten im Nirgendwo lagen, auch nicht gerade für das NonPlusUltra an Schönheit hält.

In der Gegend, an die ich bei dieser „kühnen“ Behauptung denke, kam der Ausbau der Autobahn nach Frankfurt dem Bauboom zu Pass.

Daher meine Frage, sollten jene, die sich nach wie vor durch alte Straßen zur Arbeit quälen, nicht dafür beten, daß ihnen der Dauerstau erhalten bleiben möge, weil sonst noch mehr Häusle gebaut werden? sagte die Katze und biß sich in den Schwanz …

Silke - Oktober 16, 2010, 13:44

Lila
was sind Tustus – Google erhellt mich nicht

8. Silke - Oktober 16, 2010, 13:54

Ich hab mal an nem Brainstorming teilgenommen, in dem es darum ging, Ideen zu entwickeln, wie man den Bau von Parkplätzen einsparen könne, in dem man Firmenangehörige dazu bewege, auf Fahrgemeinschaften umzusteigen.

Naiv, wie ich nun mal bin, machte ich den Vorschlag, man solle Leuten die wahren Kosten jedes einzelnen Kilometers incl. Abschreibung etc bewußt machen. Entsetztes Aufheulen der anwesenden Hohen Herren, nein das ginge auf keinen Fall, das hieße ja, den Leuten das Auto vermiesen.

Ich hatte selbst lange Zeit ne Zweierfahrgemeinschaft – die Kilometerersparnis war geringst, denn wenn ich ihn abgesetzt hatte, fuhr ich die halbe Strecke zurück zum Supermarkt, um einzukaufen oder ich kaute Nägel in seinem Auto während er mal schnell einen Wasserhahn fürs Bauprojekt „einlud“. Ich hielt aber durch, weil der Info-Tausch Spaß gemacht hat und nützlich war.

Silke - Oktober 16, 2010, 14:02

ich vergaß:
die Hohen Herren hatten natürlich recht mit ihrem Protest, so frau in Betracht zieht, wie unendlich viele Arbeitsplätze an der Auto-Industrie hängen.

Rummaulen läßt sich an allem und jedem mit Hochgenuss immer sehr sehr einfach, doch wenn man wirklich irgendwo dran drehen will, dann gerät man ganz schnell in Zwickmühlen ohne Ende.

Zum Sharing in weitestem Sinn. Ich glaube Paris hat schon lange Fahrräder, die jeder überall nehmen und überall wieder abgeben kann und ich meine, gelesen zu haben, daß das jetzt auch mit Autos probiert wird.

London hat wohl ne inner-city-tax, zu der ich aber noch keine Tiefenanalysen gelesen habe, will sagen, wird jemand durch das System privilegiert? und wenn ja, wer? Ist das unterm Strich gut oder schlecht?

9. grenzgaenge - Oktober 16, 2010, 18:12

@Lila: Stimmt. Israel ist wirklich sehr stark besiedelt. Diese Suche nach einem ruhigen Ort kenne ich. Eigentlich ist es selbst im Negev nicht wirklich ruhig. Auf der anderen Seite liebe ich aber auch die Umtriebigkeit und Lebensfreude in Tel Aviv. Bis es mir zu viel wird. Auch die Flucht vor Menschenmassen kann ich gut verstehen. Ich finde es total schwierig von Menschen „eingeschlossen“ zu sein. Ich sehne mich mit der Zeit immer mehr nach Einsamkeit und Ruhe. Vielleicht hat das auch mit meiner Krankheit zu tun. Keine Ahnung.Das Problem mit dem ÖPNV sehe ich ähnlich. Die Verbindungen in den israelischen Städten finde ich sehr gut. Auch die grossen Städte sind mit EGGED und Israel Railways gut verbunden. Aber wehe wenn der Ort abgelegen ist. Das ist allerdings in Deutschland auch nicht anders. Nur wird in Deutschland regelmässig über Umweltschutz geschwafelt. In Israel scheint man, in dieser Beziehung, etwas wenig pathologisch zu sein.

10. Lila - Oktober 16, 2010, 18:29

Tustus: das ist ein Mofa. Im Kibbuz fahren viele Leute mit dem Tustus, natürlich ohne Helm und ohne Fahrerlaubnis (obwohl man die Leute immer mal wieder zu Kursen schickt), und meist mit einem großen Korb voll Gemüse oder Kindern hinten und vorne. Y. hat zu den Zeiten, als er noch in der Fabrik des Kibbuz arbeitete, ein klappriges altes Tustus zur Verfügung gestellt bekommen. Da sind immer alle drauf mitgefahren, die Kinder und ich auch. Hier ist ein altes Bild, Y. mit Secundus und Quarta auf dem Tustus.

Y. Secundus Quarta

Eines Tages hielten wir in Schweden neben der Straße an und genossen die Aussicht auf die Schären. Neben uns beendete gerade eine Gruppe echter Harley-Davidson-Fans in schwarzem Leder, mit wallenden blonden Mähnen, ihre Pause. So richtig echte Wikinger mit schweren chromglänzenden Maschinen. Quarta blickte verzückt auf die Motorräder und rief: tustus, tustus! Papa, die haben auch ein Tustus! 😀

11. Silke - Oktober 16, 2010, 18:57

Danke – die Dinger kenne ich gut. In der Position von Secundus bin ich häufiger über „meine“ griechische Insel transportiert worden, jammernd und fluchend, weil ich Todensängste auf Gefährten ausstehe, die keine Wände haben und auf denen man nicht mal die Illusion von Bodenkontakt hat.

Was die Umwelt anlangt, kann sein, daß Deutsche da rumpathologisieren, aber wenn’s ans Machen geht, scheinen wir mit den Israelis was gemeinsam zu haben, nämlich Top of the Charts 🙂

http://yaacovlozowick.blogspot.com/2010/10/oy-oy-oy-shame-of-cleantech.html

12. Peelia - Oktober 16, 2010, 19:10

Vielleicht habe ich per Webcam zu spät reingeschaltet, aber chaotisch wirkte das Ganze da wirklich. Ehrlich gesagt war nicht wirklich was zu erkennen.. 🙂

13. Dorothee - Oktober 16, 2010, 20:04

Da ich es selbst ständig mache: es geht wunderbar ohne EIGENES Auto,per Fahrrad & ÖPNV und Bahn, vor allem die langen Strecken, vor Ort dann ‚carsharing‘ – dazu bietet die Bahn die deutschlandweite Mitgliedschaft. Alles kann man online zu suchen & buchen..
Man muß es nur wollen. Allerdings ist das berufsbedingte Pendeln je nach Strecke sehr mühsam.

14. mibu - Oktober 16, 2010, 20:16

Ich kenne einige Leute die Fahrgemeinschaften bilden oder nach Möglichkeit mit dem Fahrrad fahren. Wenn ich nicht gerade Besorgungen machen muss, nehme ich auch gern das Fahrrad. Allerdings geht’s hier ziemlich rauf und runter, so dass man nur die Wahl hat, durch sehr gemütliches Fahren und möglicherweise absteigen den Puls unten zu halten, oder dass man eben ziemlich verschwitzt ankommt.
Bei uns scheinen inzwischen Motorroller wieder im Kommen zu sein – nicht nur bei Jugendlichen. Ist Tustus ein israelisches Fabrikat ?
Auf die schnelle habe ich jedenfalls ein nanach tustus gefunden (Dank R.C.Schneider weiss ich auch was das na nach bedeutet). Das sieht jedenfalls verdächtig nach den hier beliebten Rollern aus. Aber vielleicht ist’s ja gar kein echtes Tustus ?

15. Lila - Oktober 16, 2010, 20:29

Soweit ich weiß, ist Tustus kein Fabrikat, sondern ein generisches Wort für ein lahmes motorisiertes Ding auf zwei Rädern. So wie ein Tuktuk im Fernen Osten alle möglichen Fabrikate bezeichnet.

Ein hübsch altmodisches Wort für die Elektro-Karren, mit denen alte Leute durch Kibbuzim, aber auch Nahariya peesen (tatsächlich, die sieht man auch auf der Straße!) ist Cacameica.Meist nennt man sie nach der Firma Kal-Noit oder Kalnoa, also leicht-mobil, aber manche älteren Herrschaften nennen des Cacameica. Keine Ahnung, wo das Wort herkommt…

16. Jack - Oktober 16, 2010, 20:55

Ich will ja nichts sagen,
aber die Österreicher fahren noch ’schlimmer‘ Auto, wenn Ihr mich fragt. Da kann man schon lachen.

17. mibu - Oktober 16, 2010, 20:56

Silke, was ist für dich Unterschicht ? Ingenieure ? Facharbeiter ? Handwerker ? Ist ein Friseur/Friseuse für dich Unterschicht ? Ist ein Bankberater, der täglich Kunden mit miesen Produkten über den Tisch zieht aber nur im Anzug herumläuft auch Unterschicht ? Ein Unternehmer, der seine Leute nicht nur miserabel bezahlt sondern auch miserabel behandelt ? Ein Politiker, der laufend irgendwelche Dinger hintenherum dreht, und zur Rede gestellt sich dann auf die repräsentative Demokratie beruft, obwohl er und seine Freunderl alles dafür getan haben, den Entscheidungsprozess so intransparent zu halten wie es nur geht – ist das keine Unterschicht ? Die Pharma- und Medizinerlobbyisten, die so im Geld schwimmen, dass sich keine bürgerliche Partei traut, irgendein Gesetz zu verabschieden, das deren Allmacht, insbesondere zum Abkassieren, einschränken könnte – keine Unterschicht ?
Oder hängt der Begriff einfach nur am verfügbaren Einkommen und Vermögen ? Oder am Titel ? Am Beruf ? Ich habe in der Tat den Eindruck, dass wir uns wieder auf eine Ständegesellschaft vordemokratischen Zuschnitts zubewegen.
Vielleicht übertünchen wir mit Events und Shoppingerlebnissen einfach nur, dass es in unserem Land keine Stadtkultur mehr gibt. Aber vielleicht habe ich bisher auch nur das Glück gehabt, mit dem Wohnen in der Stadt, egal ob groß oder klein, recht gute Erfahrungen gemacht zu haben.

18. Jack - Oktober 16, 2010, 20:56

Äh,
hier ist der Film.

19. Silke - Oktober 16, 2010, 21:02

also bei Modell 1 von Kal Noit werd ich ja gleich ganz gierig, leider habe ich so was hier noch nie gesehen, dabei wäre das ein ideales Gefährt für meine jetzigen altersangepaßten Bedürfnisse, der Polo ist im Verhältnis zu dem wofür ich ihn als Trasnportmittel nun mal haben muß, ein mit Kanonen auf Spatzen Schießer

20. mibu - Oktober 16, 2010, 21:25

Dass man öffentliche Infrastruktur ausbaut, muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass man Arbeitsplätze vernichtet. Schliesslich erfordert eine solche Infrastruktur auch einen gewissen Aufwand an Wartung und Instandhaltung. Zudem muss es nicht automatisch bedeuten, dass individualistische Lösungen beseitigt werden. Ich denke, dass es immer Bereiche geben wird, in denen der Individualverkehr sinnvoll ist. Bei uns ist es jedoch eher so, dass es dazu kaum Alternativen gibt. Andererseits werden durch die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Strassen die Kosten immens erhöht, sowohl für die Instandhaltung, die unser Staat fast nicht mehr bezahlen kann, als auch durch Stauzeiten, Unfallhäufigkeit und Umweltschäden. Hier vergeht bald kein Tag, an dem nicht mindestens ein längerer Stau (mehr als 5 Kilometer) wegen eines schweren Unfalls mit einem Schwerlaster gemeldet wird (man beachte: im Sommer, bei guten Strassenverhältnissen). Dabei fahren bei uns noch gar keine Jumbotrucks, über deren Erprobung unsere Politiker aber schon nachdenken.
Was ein guter Nahverkehr bringt kann man leicht in München und Karlsruhe erleben. Es ist wirklich ein Gewinn für die Lebensqualität.

21. Lila - Oktober 17, 2010, 10:19

Mibu, absolut meine Meinung.

Silke, diese Kalnoit-Dinger sind absolut genial, das finde ich auch. Sie sind wendig, stabil, fahren flott, aber nicht gefährlich schnell, man kann sie mit Plane auch bei Regen gebrauchen, man hat Stauraum und für Einkäufe etc gibt es nichts Praktischeres. Im Kibbuz fahren viele Leute damit rum. Als ich in der Altenpflege gearbeitet habe, habe ich jeden Nachmittag Menschen, die nicht mehr mobil waren, damit auf Spazierfahrten mitgenommen. Man kommt praktisch überall hin mit den Dingern, es ist auch ein besseres Gefühl als mit einem Rollstuhl, und man fühlt den Fahrtwind ein bißchen, nicht so wie im Auto. Und man kann mit allen Leuten sprechen, die man trifft.

Im Straßenverkehr so wie in Nahariya halte ich sie aber für gefährlich bzw für gefährdet. Gäbe es ein vernünftiges System von Radwegen, könnte man sie dort benutzen, aber das gibt es hier ja nicht. Wenn ich so ein Kalnoit auf einer großen Kreuzung sehe so wie gestern abend, mit einem gebrechlichen älteren Herrn und einer zierlichen Pflegerin darauf, dann bete ich, daß sie heil zuhause ankommen.

In wirklich verkehrsberuhigten Wohnvierteln aber kann man sie benutzen. Und im Kibbuz sind sie ideal. So kann auch die Uroma ihre Urenkelchen herumfahren, man weiß nicht, wer stolzer ist.

Kalnoit und Ställchen auf Rädern als Kinderwagen (agalul), das sind die beiden Transportmittel, die den Kibbuz charakterisieren und die ich beide für unschlagbar praktisch befunden habe.

22. Karl Eduard - Oktober 17, 2010, 11:10

Brüderchen und Schwesterchen. Könige waren damals die Fußballstars von Heute, dafür muß man auch schon mal das kleine Haus am Wald opfern.

23. Mikado - Oktober 17, 2010, 11:50

Das einsame Haus im Wald erinnert mich eher an Hinterkaifeck. (http://www.hinterkaifeck.net/)

Und der Romantiktick (TikTak) der Deutschen muss wohl doch genetisch sein. 🙂

Silke - Oktober 17, 2010, 14:04

Lila
Ställchen auf Rädern wie genial, schlägt die hierzulande im Sommer beliebten Bollerwagen um Längen http://www.mcspielwaren.ch/images/bollerwagen.jpg

Was dieses Traumgefährt Kal Noit anlangt so gibt es hier zwar reichlich Radwege, aber das Herrenmenschengehabe, das die einheimischen und touristischen Zweirädrigen gegenüber Fußgängern an den Tag legen, läßt mich vermuten, daß die Karl Noits auf der Straße vergleichsweise wenig bis nahezu nix zu befürchten hätten.

Ehrlich ich übertreibe nicht und ich spreche nicht von Jugendlichen sondern von im meiner Altersklasse und aufwärts. Wer oben ist, hat Vorrang und wer unten ist, wage es nicht, mir in die Quere zu kommen.

Fußgänger haben auch auf für Radfahrer verbotenen Wegen unter allen Umständen streng in der Spur zu bleiben, falls nicht, selbst schuld, wenn ich sie umfahre.
Freie Fahrt für freie Bürger, insbesondere wenn ich ökologisch PC bin.

Die stadteigenen Politessen schreiben in Windeseile Knöllchen für jede minimale Parksünde (was ich voll unterstütze), sind von mir aber noch nie dabei beobachtet worden, daß sie einem durch die Fußgängerzone rasenden Oldster mit dem Finger gedroht hätten. Von dem was im Park und sonstwo normal ist, ganz zu schweigen. Gefahr von Autofahrern ist hingegen, falls überhaupt, nur auf klar ausgeschildertem Gelände zu erwarten.

24. Silke - Oktober 17, 2010, 14:18

betr.: öffentliche Infrastruktur versus Auto-Industrie

als sie anfingen uns zu erzählen, daß nun die glücklichen Zeiten begönnen und wir vorwärt schreiten dürften von ner Industriegesellschaft zu ner Servicegesellschaft, verschwiegen sie uns standhaft, daß Produktionsjobs besser bezahlt wurden als McJobs. Natürlich gilt das nicht für den „gut ausgebildeten“ Teil der Bevölkerung (Jung-Akademiker haben mir das zwar anders geschildert, aber was wissen die denn schon ;-(

Daß Wandel Leute produziert, die profitieren und andere, die die Rechnung bezahlen müssen und daß das gelegentlich sehr zu Ungunsten der Zahlenden ausfällt, ist ein vermutlich unabänderliches Fact of Life und das einzige Gegenmittel ist zur rechten Zeit am rechten Platz zu sein.

Doch das als schlimmstenfalls ein Nullsummenspiel anzupreisen, macht mir denn doch einen etwas dicken Hals.

25. Silke - Oktober 17, 2010, 18:31

noch ne kleine Ergänzung zu Fahrgemeinschaften:

daß meine überhaupt geklappt hat und unterm Strich menschlich sogar ein Gewinn war, lag daran, daß wir beide dank privater Gegebenheiten so flexibel sein konnten, daß wenn einer von uns anrief und sagte, Du ich muß noch zu dem Meeting, der andere im Geiste blitzschnell alles Geplante über den Haufen warf und sagte: „Kein Problem“. (öffentliche Verkehrsverbindung, auf die wir hätten ausweichen können, vergiß es). Er hatte zwar nen Doktor, war aber gerade eben mal Laborleiter und ich war Sachbearbeiterin mit unterster Stufe Unterschriftserlaubnis.

Da wo ich gearbeitet habe, wird das Insistieren auf festen Feierabendzeiten auch auf noch tieferen Ebenen schon längst nicht mehr goutiert, was das Leben für alleinerziehende und Wochenend-Mütter ungeheuer süß macht, sofern man sie überhaupt toleriert. (wer hätte je gedacht, daß die von uns damals bejubelte Einführung von Gleitzeit mal solche Zwänge nach sich ziehen würde)

Aber vermutlich ist alles, was ich hier erzähle, Schnee von gestern, denn der Arbeitnehmer, so wie ich ihn kenne, ist ja wohl ein Auslaufmodell – wie Frauen ohne genug Geld für ne Nanny das mit den Gören dann allerdings überhaupt noch hinkriegen sollen, ist mir unklar, aber das geht denen, die sie als unwillig und konsumorientiert beschimpfen sowas von am A… vorbei, die Mütter haben’s schließlich auch hingekriegt, nur hat von denen keiner verlangt, daß sie immerzu wie frisch vom Beauty-Salon aussehen müssen oder sie hatten sonstwas in der Hinterhand und außerdem waren Schlüsselkinder lange Zeit OK.

aber Fordern statt Fördern oder so wird’s schon bringen.

26. mibu - Oktober 17, 2010, 22:51

„Fordern statt Fördern“ … oh je, der Spruch kommt ja ausgerechnet von denen, von denen man besser nix fordert, weil sie zuvor nach dem Peter-Prinzip gefördert wurden. Könnte es sein, Silke, dass wir mal zu einem Thema recht ähnliche Ansichten haben ?

27. mibu - Oktober 18, 2010, 9:44

Apropos lautmalerische Bezeichnungen für motorisierte fahrende Vehikel:
in der benachbarten Schweiz bezeichnet das Töffli ein Mofa;
in meiner Familie ist die Bezeichnung Töfftöff vor allem für’s Auto gängig.

28. Silke - Oktober 18, 2010, 13:08

mibu

Könnte es sein, Silke, dass wir mal zu einem Thema recht ähnliche Ansichten haben ?

kaum, denn ich finde das Konzept hat durchaus bedenkenswerte Komponenten.

Ich protestiere gegen den Zynismus, mit dem es rumposaunt wird, gegen die naserümpfende Herablassung und da ist es mir vollkommen wurscht, wie die Posaunisten zu ihrem Titel gekommen sind. Es gibt hoch kompetente bestens qualifizierte Menschenverachter und es gibt Mitmenschliche unter den nach dem Peter-Prinzip aus dem Weg Geräumten.

Silke - Oktober 18, 2010, 13:11

ich versuche mich beim Urteilen möglichst nah an Zuckmayer’s Haushälterin zu halten, die gegen Ende von „als wär’s ein Stück von mir“ in etwa sagte „es gibt Anständige und nicht so Anständige (und in schlimmen Zeiten werden die Anständigen eben a bisserl anständiger …)“


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