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Der Herr des Rings September 8, 2010, 13:42

Posted by Lila in Uncategorized.
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I.

Wie wir unsere Trauringe kauften. Aus  einem alten Eintrag:

Ich habe schon öfter erzählt, wie die Juweliers-Verkäuferin uns anstarrte, weil wir Englisch sprachen. „Ja ist Ihr Verlobter en Engländer?“, fragte sie in diesem herrlichen rheinischen Singsang. „Nein, ein Israeli“. Und sie, mit großen Augen: „DAS ist der Israeli? oh, wir haben Ihre Anzeige in der Zeitung gesehen und uns gefragt… Gabi, komm doch mal, hier ist der Israeli!“ Und sie staunten ihn an. „DEN“ Israeli.

Wir haben dann ganz einfache goldene Ringe genommen, und ich habe auch die deutsche Sitte, Namen und Hochzeitstag eingravieren zu lassen, übernommen – auch wenn das in Israel gar nicht üblich ist. (Ist sogar unerwünscht, Gravierungen im Ehering, glaube ich). Aber ich habe als Kind gern die Eheringe meiner Eltern angeguckt, und tatsächlich, auch meine Kinder haben das alle gern gemacht und wie ich früher gerätselt, warum nicht jeder seinen eigenen Namen am Finger trägt. Wenn wir die Ringe abnehmen, was wir selten tun, sieht man, wo sie hingehören. Wir können sie also gar nicht richtig abnehmen, unsere Finger sind auch ohne Ring beringt.

II.

Tatsächlich nahmen wir unsere Ringe nur selten vom Finger. Ich nur, wenn meine bei starker Hitze auftretenden Ödeme es unmöglich machen, etwas an den Fingern zu ertragen, und Y. nur, wenn er eine Arbeit in Angriff nimmt, bei der ein Ring gefährlich wäre. Und so geschah es vor  etwa anderthalb Jahren, daß Y. mich verzweifelt anrief. Er war bei der Arbeit und auf einmal fiel ihm auf, beim Händewaschen, daß sein Ring weg war.  Er suchte überall, seine Kollegen ebenfalls, doch der Ring blieb verschwunden. Inzwischen war er auf dem Weg nach Hause, und dort wollte er weitersuchen. Er wußte nicht mehr, wann und wo er ihn abgenommen hatte.

Ich saß gerade mit einer unverheirateten und gänzlich an Beziehungen uninteressierten Freundin im Auto, die etwas spöttisch lächelte, daß ich den armen Y. so beruhigen und trösten  mußte. Sie fragte, ob er wirklich so traurig ist über den Verlust des Rings, oder ob er nicht eher Angst vor meiner Reaktion hat.  Ich weiß nicht mehr, was ich ihr darauf geantwortet habe – so ein Ring ist ein greifbares Symbol für das unlogische Konzept „Ehe“ und gleichzeitig ein sentimentaler Gegenstand, der einen über Jahre hinweg begleitet. Aber beides sagt ihr nichts, und darum habe ich vermutlich gar nichts weiter erklärt.

Wir waren traurig und haben das Haus um und um gekrempelt. Nichts. Wir haben uns dann getröstet und gesagt, na gut, wir kaufen einen neuen Ring, wenn wir wieder in Deutschland sind und zu Woltz auf der Kölnstraße gehen können. Es ist ja nur ein Symbol. Und mein Ring ist ja noch da.

III.

Vor ein paar Tagen haben wir endlich, endlich, endlich unsere alte Wohnung im Kibbuz leergeräumt. Es waren zwar nur noch der Hängeboden und die kleine Kammer voll, aber WIE voll hatten wir die gestopft! Ein paar alte Regale waren auch noch da, außerdem Bilder, ein paar Regale und Lampen. Meine immer noch unverbandelte Freundin half mir beim Saubermachen, und wir waren gerade in der schönsten Schaffensfreude, als wir einen erstickten Juchzer aus dem ehemaligen Jungenszimmer hörten. Mit einem unbeschreiblichen Strahlen kam Y. angeschossen – auf der flachen Hand hielt er mir den Ehering entgegen. Der hatte sich auf dem obersten Regal versteckt, wo die Jungens früher ihren Tenniskram aufbewahrten. Weiß der Himmel, wie der Ring dorthin geraten ist, und wie die Jungen ihn übersehen haben, als sie ihr Zimmer leerräumten.

Meine skeptische Freundin fand den Zufall auch lustig, daß sie wohl Verlust als auch Fund des Rings miterlebt hatte und betrachtete uns mit einem nachsichtigen Lächeln. Und Y. trägt ihn seitdem ununterbrochen.

Kommentare»

1. Silke - September 8, 2010, 13:59

meine Mutter hatte einen klugen Rat zum zeitweise Ringe abnehmen, wenn man sie nicht dahin tun kann, wo sie hingehören:

In den Mund stecken

ich mache das derzeit mit der Fernbedienung der Tiefgaragentür, weil ich aus irgendeinem Grund dazu übergegangen bin, das Schließen nach dem Rausfahren lästig zu finden.

und wo Unfallverhütung angesagt ist, sollte Y. ihn unbedingt weiterhin abnehmen, UNBEDINGT!!!

2. Lila - September 8, 2010, 14:06

Das macht er auch. In den Mund stecke ich ihn ungern, weil ich dabei immer an Michel aus Lönneberga und sein Fünförestück denke… aber ich habe einen festen Platz für meinen Ring, wenn ich ihn abnehme, und versuche, auch Y. dahingehend zu erziehen 😀

Ich habe als Kind entsetzt mitangesehen, wie meine Mutter beim Fensterputzen mit dem Ring an einem Haken hängenblieb und dabei fast den Finger verlor. Ich sehe sie noch mit blutender Hand, wie sie mich bei den Nachbarn abgab und ins Krankenhaus fuhr. Seither trägt meine Mutter keine Ringe mehr, und auch ich nur höchst ungern – bis auf den Ehering trage ich praktisch nie einen.

3. Malte S. Sembten - September 8, 2010, 14:46

>>Wir haben dann ganz einfache goldene Ringe genommen, und ich habe auch die deutsche Sitte, Namen und Hochzeitstag eingravieren zu lassen, übernommen – auch wenn das in Israel gar nicht üblich ist. (Ist sogar unerwünscht, Gravierungen im Ehering, glaube ich)<<

Nur weil ich vor kurzem aus gegebenem Anlass (nein, ich bin ledig) darüber recherchiert habe:
Bei jüdischen Eheschließungen gibt es nur einen Trauring – für die Frau. Dieser hat keinerlei Verzierung oder Gravur.

Der jüdische Ehemann trägt traditionellerweise keinen Ehering. Vielleicht hat Y.’s Ring sich deshalb versteckt.

4. Christian - September 8, 2010, 15:08

Ich verliere meinen auch dauernd, meistens findet meine Frau ihn dann an unmöglichen Stellen wieder. Und dabei sind wir erst zwei Jahre verheiratet…

5. willow - September 8, 2010, 15:32

Ein Albtraum… immerhin hat Y. seinen Ring ja wieder. In den Mund scheidet völlig aus – seit eines der Kinder mal bei solch einer Gelegenheit eine Wäscheklammer verschluckt hat ist das bei uns Tabu.

Erzählst du uns, wo und wie ihr heute feiert?


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