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Danke, Jane Austen August 24, 2010, 10:49

Posted by Lila in Kinder, Uncategorized.
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Heute vor 17 Jahren lag ich mit einer schweren Eklampsie im Intensivbereich des Kreißsaals in einem mir unbekannten Krankenhaus (Nahariya). Ich war in der 32. Woche schwanger, ich wußte, daß das Kind in meinem Bauch schon länger nicht mehr wuchs, und ich wußte, daß der Kaiserschnitt nur eine Sache von Stunden ist.  Ich wußte, daß ich in das unbekannte Krankenhaus gebracht worden war, weil in Haifa kein Platz mehr für Frühgeburten war – alle Plätze in der Neonatologischen Intensivstation waren belegt. Seit zwei Wochen lag ich flach auf dem Rücken, an allerlei Kabeln und Schläuchen, während zuhause Primus (3 Jahre) und Secundus (1,5 Jahre alt, noch in Windeln) Sehnsucht nach ihrer plötzlich verschwundenen Mama hatten.

Trotzdem habe ich es nicht als schlimm in Erinnerung. Die Ärzte flößten mir Vertrauen ein und die Hebamme kümmerte sich so rührend um mich, daß ich Tertia ihren Namen gab (den ich immer schon schön fand). Ich habe gern die vielen Laute um mich herum mitangehört, konnte viele Geburten akustisch mitverfolgen und mich freuen, wenn dieser unbeschreibliche Erstschrei wieder und wieder durch den Kreißsaal ging. Außerdem hatte ich meine sämtlichen Bände Jane Austen dabei, und das hat mich gerettet. Niemand kann sich hängen lassen, wenn er Anne Elliot oder Fanny Price mit den Augen folgt. Ich war vergnügt und optimistisch und habe noch mit dem Anästhesisten über deutsches Bier gesprochen (wovon ich ja nichts verstehe), während sie mir den Bauch einpinselten und abdeckten.

Wir haben Glück gehabt. Unsere Tertia wurde per Kaiserschnitt heute vor 17 Jahren geboren, klein und mager, aber ansonsten gesund und munter. Sie wog zwar nur 1200 gr, hatte aber einen Apgar von 9 und verbrachte problemlose sechs Wochen unter der Obhut des wunderbarsten medizinischen Teams, das man sich nur vorstellen konnte. Es war nicht leicht, Stillen und Bindung und Geborgenheit und alles andere in Gang zu kriegen, aber wir haben es geschafft. Heute sieht man ihr nichts mehr an von den Problemen, die sich später einstellten, und alle  ärztlichen Untersuchungen haben ihr gute Gesundheit bestätigt. Sie war ein spatzenmageres Kind und ist jetzt eine sehr schlanke junge Dame, aber gesund dabei und von gutem Appetit. Es ist nicht mehr zu erkennen, daß ihr Start ins Leben außerhalb der Gebärmutter  weniger idyllisch und einfach war als der anderer Kinder. Eher ist sie ein bißchen zäher und härter im Nehmen als andere.

Auch ich habe mich von Eklampsie und  Kaiserschnitt gut erholt – das Photoalbum zeigt, daß ich bereits zwei Wochen nach der OP meine Jungens hochheben konnte.  Die vierte Geburt ist auch wieder normal verlaufen, ich brauchte keinen zweiten Kaiserschnitt.

Ja, wir haben Glück gehabt und ich danke den Menschen und himmlischen Mächten, die uns geholfen haben, und Jane Austen ganz besonders.

Und ich kann gut nachfühlen, wie schlimm die Angst und Trauer der Eltern sein müssen, die in Mainz um ihre Frühgeborenen bangen oder sie begraben müssen. Ich weiß nicht, inwieweit sich andere das vorstellen können – viele meinen ja, eine Frühgeburt ist noch kein vollwertiger Mensch, braucht keinen Namen und keine Ansprache und wird bedauernd, aber resigniert begraben. Aber für die Mutter, die noch wund ist von der Geburt und unter Schuldgefühlen leidet, daß ihr Körper dem Kind die natürliche Umgebung versagt hat, ist nichts qualvoller anzusehen als Babys Kampf um jeden Atemzug, jedes Tröpfchen Nahrung. Man hat ja in dem Stadium noch gar nicht mit der Abtrennung begonnen, die sich schrittweise über Monate und teilweise über Jahre hinzieht – und die wohl nie vollständig gelingt (also mir zumindest nicht, weder mutter- noch kindseits!). Ich denke an alle Beteiligten.

Und herzlichen Glückwunsch, Tertia!

Kommentare»

1. Noga - August 24, 2010, 11:03

Mein Eindruck ist, daß sich in Deutschland in den letzten Jahren das Bewußtsein sehr geändert hat, was die Wahrnehmung von Frühgeborenen betrifft. Es gibt inzwischen vielerorts für verstorbene Frühgeborene Gedenkgottesdienste und auch die Möglichkeit der Bestattung. Unter dem Begriff „Sternenkinder“ (also Kinder die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind) findet man auch einiges im Netz.
Neonathalie hat dazu erst vor einigen Tagen etwas in ihrem Blog geschrieben:
http://neonatalie.wordpress.com/2010/05/31/wenn-kinder-sterben/

2. Marlin - August 24, 2010, 11:33

Von mir auch. Der Mutter und dem Kinde. 😉

Hoffe, ihr habt weiterhin Glück.

3. willow - August 24, 2010, 12:31

Rührend… möchte euch von ganzem Herzen alles Gute wünschen! Grüße Tertia ganzganz lieb, bitte!

4. Anne - August 24, 2010, 16:46

Herzlichen Glückwunsch Euch allen, dass Ihr eine gesunde und wirklich putzmuntere Tertia habt!
Wie schön, dass alle erfolgreich um Tertias Leben gekämpft haben, inklusive sie selbst.
Dass der Kummer um ein Frühchen, das es nicht geschafft hat, genauso schlimm ist wie um ein anderes verstorbenes Kind habe ich mehrmals miterlebt. Zumindest von den Eltern wird das Kind nicht vergessen…
Vielleicht hat es Tertia ja auch geholfen, dass Du Dich so geborgen und wohl fühltest – das wird bei ihr ja auch angekommen sein.
Dann ist sie also jetzt wieder an ihrem Geburtsort – er soll ihr Glück bringen in allem, was die nächsten Jahre so bringen.

5. Georg - August 25, 2010, 4:14

Dein Blick über den Tellerrand hinaus, deine Empathie für alle Menschen, gleich welcher Gruppe/Religion/Ethnie ist so voller Liebe und Verständnis, dass einem schwindlig werden kann vor Glaube an das Gute. Es ist gut, dass es dich gibt. Und ich freue mich immer, hier von Zeit zu Zeit zu lesen – das macht mich in meinen Ansichten und Meinungen menschlicher. Danke dafür!

6. mona lisa - August 25, 2010, 8:56

Das ist doch eine liebevolle Geburts-Geschichte! Ich höre zu jedem meiner Geburtstage die Eklampsie-Horrorgeschichte meiner Mutter, aber noch nicht einmal habe ich gehört, dass sie dankbar und froh ist, dass wir beide die Geburt gut überlebt haben, um so anteilnehmender habe ich deine Darstellung gelesen.


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