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Bilder erklären Juli 7, 2010, 1:50

Posted by Lila in Kunst.
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Um Pessach herum habe ich mich einer Studienfahrt der Studenten angeschlossen, auch mehrere Kollegen waren dabei, davon ein paar ganz bekannte und sehr kluge Künstler.  Zuerst waren wir in der Galerie in Um el Fachm, sehr interessant. Said Abu Shakra führte uns rum und wir hatten ein interessantes Gespräch. Sein Bruder Farid, unser Kollege, war leider nicht da.

Dann in Tel Aviv, in der Ausstellung von Tamar Getter, die auch selbst kam und sich mit uns unterhielt. Während Tamar mit den Studenten und Dozenten auf dem Boden saß, im Saal mit ihren Arbeiten, kam eine der russischen Museumsangestellten auf mich zugepirscht – ich muß ihr wohl russisch vorgekommen sein. In gebrochenem Hebräisch fragte sie mich ehrfürchtig: das ist Künstlerin selbst? und ich nickte. Zehn Minuten später waren wie durch ein Wunder weitere Museumswächterinnen im Raum und drängten sich neugierig an der Tür. Außer mir ist das wohl niemandem aufgefallen.

Am schönsten war aber für meine konservative Seele die Sammlung kleiner Skulpturen von Degas.

Auch hier hatte ich Glück – die Kollegin, die uns durch diese Ausstellung führte, ist selbst bekannte Bildhauerin, war auch meine Lehrerin und hat unglaublich viel Ahnung. Die Pferde wurden immer lebendiger, ich konnte mich kaum von ihnen trennen.

Im Untergeschoß, wo ich allein herumschlenderte, um Rubens und Salvator Rosa zu begrüßen,  fand ich dann eine kleine Arbeit von Erez Israeli.

Ob die ernsthafte Interpretation hier die richtige ist, weiß ich nicht – „Israeli doesn’t want to ‘explain pictures’ to Beuys, but to make sure that he remembers again and again how his country behaved towards its Jews.“ Ich hatte es eigentlich mehr als eine Umkehrung des Autoritätsverhältnisses zwischen dem toten, unwissenden Hasen und dem großen erklärenden Meister Künstler gesehen, der das Unmögliche versucht, nämlich Bilder zu erklären.

Den meisten Studenten war Beuys´ „Wie man einem toten Hasen die Bilder erklärt“ unbekannt. Ich nutze jede Gelegenheit, ihnen zu zeigen, wie nützlich, relevant und aktuell mein Fach doch ist 🙂 und habe die Wissenslücke in einer späteren Stunde gefüllt.

Für mich war der Tag einfach unglaublich anregend. Ich weiß nicht, ob die Studenten spüren, wie gut sie es haben, und was für innerlich reiche Menschen sie innerhalb weniger Stunden getroffen haben. Ich war froh, daß ich einen langen Heimweg hatte, und habe auf der Bahnfahrt nach Hause aus dem Fenster geguckt und nachgedacht.  Wie schwierig ist doch der Lernprozeß – man hat vom Lernen eigentlich erst was, wenn man schon eine Menge gelernt hat. Die Anfänge sind immer furchtbar mühsam. Ich gebe zwei Einführungskurse und weiß, WIE mühsam.

Zu Anfang des Semesters gibt es regelmäßig Studenten, die ganz aggressiv davon werden, daß sie so viel Fundamente legen müssen. Leider bereitet das israelische Schulsystem ja in Richtung Kunst und Geisteswissenschaften auf gar nichts vor, die armen Studenten haben nicht die geringste Ahnung, und dann fallen sie bei mir aus allen Wolken. Eine Studentin hat mich nach der dritten Stunde richtig angemotzt: „wozu soll das gut sein, diese ganze Kunstgeschichte – nur Kram auswendig lernen, der mit uns gar nichts zu tun hat?“

Ich war ihr dankbar für die Gelegenheit, den Studenten zu versichern, daß das, was sie lernen, überhaupt noch nicht Kunstgeschichte ist, sondern überhaupt nur die allereinfachste Grundlage für spätere Arbeit, wo es dann durchaus kreativ wird. Ich lege mich sehr ins Zeug, damit sie bis Ende des Semesters einen ungefähren Begriff davon haben, wozu das Fach nützlich ist und welche Horizonte sich auftun, aber manchmal beneide ich die Kollegen von den praktischen Fächern. Wer arbeitet nicht gern in der Werkstatt, mit Gips oder Kupferplatte? Das ist viel unmittelbarer einsichtig.

Ja, von dem Tag habe ich eine Weile gezehrt.

Kommentare»

1. grenzgaenge - Juli 7, 2010, 13:43

Ach, so eine Lehrerin hätte ich gerne gehabt. Leider hat sich mir das Universum der Kunstgeschichte noch nicht eröffnet. Dafür hatte ich eine ganz tolle Lehrerin im Leistungskurs Literatur. Das war wirklich ein LEISTUNGSkurs. Aber dort ist mir die Liebe zur Literatur vermittelt worden. Dafür werde ich der Lehrerin immer dankbar sein.


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