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Enttäuschung – Freude – Spannung Oktober 7, 2009, 12:33

Posted by Lila in Land und Leute.
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Enttäuschung: der israelische Kandidat für den Physik-Nobelpreis ist leer ausgegangen.

Freude: die israelische Kandidatin für den Chemie-Nobelpreis hat ihn (mit anderen gemeinsam) bekommen.

Spannung:  morgen wird der Nobelpreis für Literatur bekanntgegeben… unberufen.

Riesenküken Oktober 5, 2009, 11:57

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Ach ja, ich hab ihn für eine Woche zu Hause, meinen Primus.  Wie immer  ist Primus zugänglich, mitteilsam und sitzt gern mit mir zusammen. Er ist in seinem Sanitäterkurs erfolgreich, es macht ihm Spaß, er sieht Sinn in der Aufgabe und zu seiner eigenen Überraschung hat er tatsächlich ein Händchen dafür. (Und nein, er lernt nicht, wie man auf dem Schlachtfeld Nieren und Bindehäute entnimmt und sie dann bei Ebay verkloppt…)

Er versteht sich auch mit den anderen Jungens gut, mit Mädchen ja sowieso. Sobald er hier ist, entsteht um ihn wieder der vertraute Kreis von anderen netten Kerlen, lauter freundliche junge Männer, mit denen ich mich tatsächlich unterhalten kann.  Stetige Freundschaften, über Jahre hinweg.

Ich vermisse Primus aber nach wie vor sehr, sehr, sehr, aber ich verberge das so gut ich kann, warum sollte ich ihn damit belasten?  Aber er kennt mich gut genug und nimmt mich in den Arm, bevor er abends seiner Wege geht: „du mußt dich dran gewöhnen, daß ich nicht mehr dein Küken bin“. Da muß ich lachen. Küken? Ja wahrhaftig, er ist kein Küken mehr, er ist der reinste Kormoran, Albatros, also irgendwas mit gigantischer Spannbreite.

Aber er war doch mal ein Küken, auch wenn er sich daran nicht mehr erinnert. Purim 1991 war er sogar als Küken verkleidet. Das war der Tag, an dem wir die Plastikplanen von den Fenstern reißen konnten, weil der Krieg gegen Saddam Hussein beendet war. Große Erleichterung – wir haben die Gasmasken zwar nicht getragen und Primus´ Zeltchen nicht benutzt, aber angenehm war das Ganze nicht. Alle Babies im Babyhaus waren als Küken verkleidet, die gute Metapelet als Glucke, und es war ein schöner Tag. Primus schiebt sich hier  gerade ein Hamansohr (Hamantasche) in den Mund.

1991 02 purim

Und ich war erleichtert, daß ich nun nicht mehr für den Transport sämtlicher ABC-Zelte von den Häusern der Eltern ins Babyhaus, für deren sachgemäße Aufstellung und den Rücktransport zuständig war. Ja, das war nämlich mein Job während des Kriegs.  Ein besonders netter Tag, als Margalit zur Arbeit nach Haifa fuhr, ihr Baby zwar im Babyhaus ließ, aber ihr Haus abgesperrt war. Ich bin durchs Badezimmerfenster geklettert, um das Zelt von Margalits Söhnchen aus dem Schlafzimmer zu holen. Verrückte Zeiten. Natürlich hat sie mich dafür angeschrieen, als  sie nach Hause kam. (Handies gab es damals noch nicht.)

Und das ist Primus vor ein paar Monaten, mit Quarta (nachdem er sich gerade mit der Brummbrumm-Maschine den Kopf wieder geschoren hat, leider….). Er mag keine Kameras, daher der skeptische Blick.

2009 09

Arik Einstein, Uf gozal (Flieg, kleiner Vogel)

Und ich freue mich, daß ich nun nicht mehr für den Transport sämtlicher ABC-Zelte von den Häusern der Eltern ins Babyhaus, für deren sachgemäße Aufstellung und den Rücktransport zuständig war. Ja, das war nämlich mein Job während des Kriegs.  Ein besonders netter Tag, als Margalit zur Arbeit nach Haifa fuhr, ihr Baby zwar im Babyhaus ließ, aber ihr Haus abgesperrt war. Ich bin durchs Badezimmerfenster geklettert, um das Zelt von Margalits Söhnchen aus dem Schlafzimmer zu holen. Verrückte Zeiten. Natürlich hat sie mich dafür angeschrieen, als  sie nach Hause kam. (Handies gab es damals noch nicht.)

Kleiner Tip für Antisemiten Oktober 5, 2009, 11:42

Posted by Lila in Presseschau.
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In einem Artikel über einen „Ehrenmann“ der deutschen Reformpädagogik, nachdem man nicht umhin kann, seinen Antisemitismus zur Kenntnis zu nehmen.

In Jena hat Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) inzwischen beantragt, den Petersenplatz umzubenennen. Zwar sehe er Petersen sehr differenziert und schätze seine Leistungen als Reformpädagoge, so Schröter. „Aber wenn Antisemitismus so offen wie von Petersen ausgesprochen wird, ist für mich eine Grenze erreicht.“

Ja, liebe Antisemiten, ich hoffe, Ihr habt gemerkt, was der Oberbürgermeister Euch rät. Pssssst! Einfach nichts anmerken lassen, und schon ist alles gut, und Schulen und Plätze werden nach Euch benannt.

Fehler kommen in den besten Familien vor Oktober 3, 2009, 16:21

Posted by Lila in Presseschau.
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Nur daß die Schweden keine UNO-Kommission und allgemeine öffentliche Verurteilung zu fürchten haben.

Während eines Manövers im mittelschwedischen Ort Röjdåfors kamen Elitesoldaten vom Weg ab, als sie ein Gebäude einnehmen sollten. Die Folgen waren fatal. Sie zerstörten ein Haus, das mehrere hundert Meter vom Zielobjekt entfernt lag.

Auf die Frage, wie es zu dem fatalen Fehler kommen konnte, halten sich die Husaren bedeckt. „Vielleicht war’s der GPS-Navigator, vielleicht ein Problem mit dem Kompass – wir untersuchen das noch,“ so Presseoffizier Ramhöj. In jedem Fall aber seien die kleinen roten Sommerhäuschen mit ihren weißen Giebeln einander zum Verwechseln ähnlich. Und es sei ja auch keiner zu Hause gewesen. „Anklopfen und fragen konnte man also auch nicht.“ Ramhöj lacht etwas verlegen.

„Was, wenn die Soldaten noch weiter vom Weg abgekommen wären? Hinterm Wald liegt Norwegen“, sagt Svea. Doch darüber machen sich die schwedischen Husaren keine Sorgen. Offizier Ramhöj: „Natürlich ist so was schon mal passiert. Das gibt dann einen diplomatischen Zwischenfall. Nicht schlimm, wir sind befreundet. Aber Norwegen gehört zu den Ländern, in die wir eher selten einrücken. Eher in Länder im Mittleren Osten. Afghanistan.“

Und wenn dabei Menschen ums Leben gekommen wären? Ja dann….  Aber sowas würde Schweden nie passieren, sowas passiert immer nur anderen. Darum kann der leicht amüsierte Ton beibehalten werden.

Wir werden uns das eine Lehre sein lassen. Das nächste Mal, wenn bei einem Einsatz etwas schiefgeht, werden wir auch nur verlegen kichernd sagen: ach Gott, die Häuser im Gazastreifen sehen sich alle so ähnlich…

Zu Gilad Shalit und der „Videocassette“ Oktober 3, 2009, 4:28

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.
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Ich bin  nicht sicher,w ieso die Medien hier darauf bestehen, von einer „Videocassette“ zu sprechen, wo es sich doch um eine DVD handelt – aber einer hat damit angefangen und jetzt reicht es, „ha-kaletet“ zu sagen, DIE Cassette, und alle wissen, was gemeint ist. Die Medien haben auch einen Zirkus darum gemacht, das Haus der Familie belagert und jeden Fußgänger im Örtchen Mitzpe Hila zur Lage befragt.

Die israelischen Medien spielen überhaupt eine große Rolle im psychologischen Krieg zwischen der Hamas und uns, der auf dem Rücken dieses mageren jungen Manns ausgetragen wird. Ob sie Gilads Interessen damit dienen oder nicht, ist eine heiß diskutierte Frage – ich verstehe zu wenig davon, um mitzudiskutieren, neige aber zu Rami Igras Einschätzung, daß wir damit den Preis immer höher treiben.

Aber: der Knabe lebt. Wir wußten das zwar mit ziemlicher Sicherheit, und die Hamas hat sich im Vergleich mit Nasrallahs ekelhafter Zweideutigkeit („ihr werdet eine Überraschung erleben“ – und dann die zwei Särge – wo war da bitte die Überraschung?) halbwegs menschlich und berechenbar verhalten und immer wieder Informationen durchsickern lassen, mehrere Briefe und eine Audio-Aufnahme. Aber nur im Vergleich mit der Hisbollah kann die Hamas Anspruch auf das Prädikat menschlich erheben.

Ist Gilad Kriegsgefangener? Dann müßte das Rote Kreuz Zutritt zu ihm haben, er hätte bestimmte Rechte und würde gegen andere Kriegsgefangene ausgetauscht. Aber niemand hat ihn besuchen dürfen, seine Rechte sind vollkommen ungeklärt und der Austausch geht vollkommen unsymmetrisch vor sich – wenn überhaupt. Hoffen wir, daß der hochgeschätzte, tüchtige deutsche Vermittler seine Arbeit weiter so gut leistet. Der ungenannte Mann setzt eine Tradition deutscher tätiger Hilfe im Nahen Osten fort, was hier sehr dankbar anerkannt wird.

Gilad soll gegen ca. 450 Palästinenser ausgetauscht werden, die in isaelischen Gefängnissen sitzen. Auf dieser Liste sind etwa 40 Namen strittig, weil es sich bei den Gefangenen um verurteilte Massenmörder handelt. Der erste Instinkt sagt: alle freilassen, Hauptsache, die Geschichte ist aus der Welt – wir wollen keinen zweiten Ron Arad, für den nie ein Deal zustande kam, und der elend und allein sterben mußte, wer weiß nach wie viel Leid. Das Bild Arads aus der Gefangenschaft jedenfalls sieht einen aus Augen an, die sich tief in die schuldbewußte Seele brennen.

Beim Nachdenken dann fragt man sich,  wie wir uns fühlen werden, wenn diese freigelassenen Terroristen Anschläge mit Todesopfern verüben – wie einige von ihnen versichert haben, werden sie sich sofort wieder ihrer Art von „Widerstand“ widmen, ganz egal, wie die politische Landschaft aussieht. Im Gegensatz zu weit verbreiteten Vorurteilen in westlichen Ländern hat der Terror nämlich nicht dann geblüht, wenn keine Verhandlungen laufen, also die armen Terroristen vor lauter Verzweiflung gerade dazu gezwungen sind, ihre Frustration an Schulbussen und Falafelständen und Pizzerien abzureagieren… im Gegensatz zu dieser Vorstellung also zeigt ein Blick in die Geschichte, daß der Terror gerade dann blüht, wenn Verhandlungen Zukunftsaussichten eröffnen. Weil nämlich die Extremisten unter den Palästinensern alles andere lieber sähen als einen Kompromiß, und sich dagegen mit allen Mitteln wehren.

Im Moment ist es still, dank Shabak, dank Apartheidsmauer und dank stiller Zusammenarbeit von Abu Mazens und unseren Sicherheitskräften in der Westbank, aber wenn 400 hochmotivierte Terroristen nach Hause kommen, kann sich das Gleichgewicht leicht wieder ändern. Ich würde ja schon ein paar Shekel für Abu Mazens ehrliche Gedanken zu diesem Thema hören, aber er kann natürlich nicht ehrlich sagen, daß ihm Hamas-Terroristen fehlen wie ein Kropf. Fatah-Terroristen, das ist natürlich was anderes….

Jedenfalls ist dieser Deal nicht so einfach. Ich weiß nicht, wie sich Deutsche dazu stellen würden, wenn eine Massenentlassung aus deutschen Gefängnissen anstünde, und verurteilte mehrfache Massenmörder sich nun 30 km von ihrem Wohnort entfernt niederließen. Vielleicht würden sie doch ein paarmal heftig schlucken. Vielleicht würden sie auch bei der Vorstellung, daß diese Mörder mit Jubel und Festreden und Kamelle-Schmeißen empfangen werden, sich mit Grauen abwenden. Das Theater um Samir Kuntar war ekelhaft genug. Man denke sich die Mörder der kleinen Spreebergs als Volkshelden, oder dieses Trio – und frage sich, ob man da so schnell einschlagen würde. Die Terroristen auf der Liste der Hamas sind kein bißchen „besser“ als diese Männer – Abschaum der Menschheit. Und ich greife selten genug zu so starken Worten.

Während wir von Gilad Shalit nichts sehen können als einen abgemagerten, elend blassen, aber kohärent sprechenden und sogar verlegen lächelnden jungen Mann auf 2,42 Minuten Video, können die palästinensischen Gefangenen im Gefängnis ihre Familie und Ehefrauen bzw -männer empfangen, können akademische Grade erwerben, Berufe erlernen, ihre Religion ausüben und haben alle Rechte, die verurteilten Kriminellen in jeder Demokratie zustehen. Das Rote Kreuz würde uns das Fell über die Ohren ziehen, wenn wir unsererseits Druck auf die Hamas ausüben und diese Rechte einschränken wollten.

Es ist immer dasselbe: wir spielen Romme nach den Regeln, die andere Seite spielt Räuberromme. Seit wann müssen sich Terroristen an Spielregeln halten? Als die Repräsentantinnen des Roten Kreuz die palästinensischen Gefangenen vor ihrer Freilassung besuchen, machen sie die folgende bemerkenswerte Aussage:

Marc Linning, who oversees the Red Cross division charged with the welfare of Palestinian prisoners held in Israel, told Ynet that the visit is expected to last about two hours and is meant to ensure that none of the women fear persecution upon returning to their homes.

The Red Cross, he added, must ensure that they do not fear for their safety and that they return to their townships of their own accord. Released prisoners, he said, „Sometimes experience harsher things outside of prison.“

Wieder mal ein Aspekt, der europäischen Beobachtern vermutlich gänzlich entgeht. Für manche Frauen mag das israelische Gefängnis sogar ein Ort der Geborgenheit sein. Das klingt einleuchtend, wenn man weiß, welche Gründe es sind, die Frauen zu terroristischen Aktivitäten treiben – sehr oft persönliche „Schande“ oder „Familienschande“. Ich denke, deutsche Leser haben schon genügend Fälle islamischer „Familienehre“ kennengelernt und können sich vorstellen, wie „entehrte“ Töchter dazu getrieben werden, sich als Terroristinnen zu opfern. Damit ist die „Ehre“ wiederhergestellt und der Schandfleck verborgen. Dazu gibt es ein paar interessante Studien.

Seltsamerweise haben sich prominente Feministinnen öfter der Verteidigung der Burqa als Ausdruck weiblicher Autonomie gewidmet, als dem Kampf gegen die Rekrutierung „entehrter“ Frauen durch terroristische Aktionen. Vielleicht sehen sie ja auch einen Terrorangriff als Ausdruck weiblicher Autonomie? Es gibt natürlich auch Fälle, in denen die Frauen tatsächlich aus freiem Willen zu Waffe oder Bombe griffen. Und die 21 entlassenenen Frauen waren alle keine Terroristinnen großen Kalibers, sie wären ohnehin im Laufe der nächsten anderthalb bis zwei Jahre freigelassen worden.

Denn im Gegensatz zu Gilad Shalit sind sie ordentlich angeklagt und verurteilt worden. Sie haben also, was Gilad nicht hat: einen Entlassungstermin.

Veränderungen Oktober 2, 2009, 22:01

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Es ist nicht so, als hätte ich zum Goldstone-Repot nichts zu sagen (obwohl dazu schon eh zu viel gesagt worden ist), oder zu dem Video von Gilad Shalit – ich hätte schon, aber vielleicht ein andermal. Aber heute geht mir etwas aus meinem kleinen Kreise durch den Sinn.

Heute abend war hier im Kibbuz Sukkot-Feier, von den Schulkindern gestaltet. Die unglaublich tüchtige und engagierte Tänzerin, Tanztherapeutin und Kulturfrau für Alles, die seit Jahrzehnten diese Art Abende auf die Beine stellt, hat sich mal wieder selbst übertroffen. Die Kinder haben gesungen, getanzt, vorgelesen, es war ein rundherum schöner kleiner Event. Meine Tochter Quarta war beim Regenschirm-Tanz dabei, ich wieder idiotisch stolz im Publikum, überzeugt davon, daß aller Jubel nur ihr galt.

Und als ich mir die Kinder anguckte, fiel mir auf: ganz viele von denen kenn ich gar nicht. Ich fragte Y. verstört: sag mal, haben die Leute hier so viele Kinder in die Welt gesetzt, die mir gänzlich entgangen sind, oder was ist hier los? Y. meinte aber auch, er erkennt nur einen Teil der Kinder und Eltern. Die gute Hälfte des Publikums waren Leute von draußen.  Entweder Familien, die im Kibbuz eine Wohnung haben und Miete zahlen, oder Familien, die in der Umgebung wohnen, aber ihre Kinder in unsere Schule und in die Nachmittagsbetreuung schicken.

Einige der Eltern waren auch auf der Bühne – die kannte ich sogar, aber meine Schwiegermutter guckte mich verwirrt an und meinte: kenn ich die?

Und da fiel mir wieder auf, wie sehr der Kibbuz sich verändert hat. Einerseits ist diese Öffnung ja positiv, andererseits tut es mir in solchen Momenten leid um die Identität des Kibbuz, sein Profil – das verwischt nämlich zusehends. Die Eltern aus der Stadt haben andere Ansprüche und Vorstellungen, und da sie aktiv mitarbeiten an solchen Feiern und sich einsetzen, bringen sie diese Vorstellungen mit. Wie gesagt, einerseits schön, daß auch ein Kibbuz vom Shomer haZair (kurz Shmutz genannt) nicht mehr wie durch eine Membran von der Außenwelt getrennt ist – aber da die Welt so groß ist und der Kibbuz so klein, geht sehr viel verloren, das nirgends absorbiert wird.

Und mir fiel auch auf, wie sehr ich mich seit der halbherzigen Privatisierung innerlich vom Kibbuz entfernt habe. Ich bin noch Kibbuznikit, aber der Kibbuz ist nicht mehr Kibbuz. Und wieder hat das zwei Seiten: wir können heute viel freier gestalten, wie wir leben. Es gibt keinen sadran avoda mehr, einen Arbeitslisten-Ersteller, der mir sagt: okay, jetzt kann ich dir zwei Sachen anbieten, Babyhaus oder Kindergarten, such dir eins aus… die brauchen dich bis nächsten Februar, dann meld dich wieder… und das ist für mich nur gut, denn das wäre auf die Dauer nichts für mich gewesen. Aber um das Gefühl der Zugehörigkeit, der Zusammengehörigkeit, darum tut es mir leid.

An solchen Abenden leuchtet es noch einmal auf, wenn alle zusammen eretz savat chalav-ve-dvash singen, das Land, wo Milch und Honig fließen…  übrigens ein armes Land, in dem Ziegen und Bienen sich von Disteln und Distelblüten ernähren… aber es ist nur der Widerschein des Verlorenen. Man sieht es uns nicht an, wir sehen von außen noch immer aus wie eine Gemeinschaft, wo einer viel über den anderen weiß und einer dem anderen hilft. Ich habe wieder die Leute begrüßt, die ich hoch schätze – alles Repräsentanten des Kibbuz, wie er mal war, Salz der Erde, die tüchtigsten und sozial gewissenhaftesten Menschen der Welt. Vielleicht bin ich es ja nur, die sich innerlich jetzt abtrennen muß von einem Kibbuz, den andere schon vor Jahren abgeschrieben haben. Vielleicht bin ich ja zu langsam, zu unaufmerksam für andere, zu sehr in meiner Welt versunken.

Immerhin, ich bin froh, daß ich meinen Kindern diese Kindheit geschenkt habe, diese geschützte Umgebung, dieser Stolz auf die eigene Identität als shmutznikim, diese Mischung aus Freiheit und Geborgenheit – das war eine gute Entscheidung.  Ich wünschte, ich könnte mit der Entwicklung des Kibbuz so zufrieden sein wie andere Menschen, die alles ganz toll finden, und meine Phantomschmerzen überwinden. Veränderungen fallen mir so schwer.

Trotzdem, frohes Fest wünsche ich allen. Sukkot ist eines der schönsten Feste im jüdischen Jahreskreis, vermutlich mein liebstes – mit Tu-bi-shvat und Shavuot, die ich auch besonders gern mag.

…………………………

Übrigens, kommt es mir nur so vor, oder werden in Deutschland wirklich weniger Feste gefeiert? Erinnert mich bitte mal daran, was außer Weihnachten und Ostern noch festlich begangen wird. Oh, dumme Frage, der Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung ist morgen, dazu noch einmal was extra… aber so traditionelle Feste? Was macht man zu Pfingsten? Christi Himmelfahrt? Fronleichnam (wenn man nicht katholisch ist)?  Oh, Advent, Nikolaus, St. Martin, und neuerdings wohl auch Halloween. Trotzdem – es kommt mir so vor, als gäbe es hier andauernd ein Fest, das mich überrascht, und außerdem wird hier zu jedem Fest ein besonderes Essen assoziiert. Und das durchgehender als in Deutschland – ich meine, Weihnachtsessen variieren doch von Familie zu Familie, oder? Helft meiner Erinnerung auf die Sprünge, bitte.