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Secundus´ Abschlußarbeit Oktober 15, 2009, 16:43

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
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Einer von Secundus´ Leistungskursen ist ja Video und Film, sowohl theoretisch als auch praktisch. Er arbeitet jetzt an seinem praktischen Abschlußprojekt und hat sich als Thema den internationalen Flughafen Megiddo gewählt. Flughafen Megiddo? Niemand kennt ihn? Nein, noch nicht, denn er ist noch nicht gebaut. Bisher existiert nur ein kleines Flugfeld, das niemand mehr nutzt. Aber Pläne, die gibt es.

Seit der Bewilligung des Baus eines neuen internationalen Flughafens tobt ein erbitterter Streit darum.  Mitten in diese landwirtschaftlich geprägte Gegend einen Flughaften zu klotzen – nachdem gerade der wahnsinnig Neubau von Ben Gurion in Betrieb genommen wurde, mit jahrelanger Verspätung und dem Argument, daß nun alle Bedürfnisse der Luftfahrt erfüllt sind – wirklich eine unverständliche Entscheidung. Dagegen wäre es mal an der Zeit, die Eisenbahnlinien innerhalb von Israel weiter auszubauen, oder überhaupt was für den öffentlichen Transport zu tun – das wäre doch mal ein Projekt für einen Verkehrsminister, eine Straßenbahn in Tel Aviv oder Haifa oder Jerusalem.

Ich bin etwas in Sorge um unsere Gegend, die früher mal am Ende der Welt lag, nur erreichbar über eine schmale, rumpelige Straße. Inzwischen ist Eliakim zu einer Riesen-Kreuzung ausgebaut, Yokneam zu einer Hi-Tech-Stadt voll neuer Stadtviertel geworden,und  gar nicht weit von uns entfernt (Gott sei Dank nicht zu hören) die Straße Nr. 6 (eine Maut-Autobahn), die nur durch den Einsatz hiesiger Umweltgruppen halbwegs vertretbar gebaut wurde – immerhin ist hier Biosphärengebiet.

Israel ist sowieso schon so überfüllt, daß unzählbar viele unwiederbringliche Gebiete unter hastig geplanten und schlampig ausgeführten Projekten verschwunden sind. Straßen, gigantische Kreuzungen, noch gigantischere Einkaufszentren, gesichtslose Kaninchenstall-Wohnsiedlungen – einfach irgendwo reingesetzt. Das Land beraubt sich seiner Naturschönheiten – für ein Land, das unter andrem auch auf Tourismus setzt, keine Erfolgsstrategie. Kann man nicht EINmal aus den Fehlern lernen, die andere Länder in den 60er und 70er Jahren gemacht haben?

megiddo and jezreel valley

Das Jezreel-Tal: unten rechts Kibbuz Megiddo mit den Ausgrabungen (heller Hügel), gegenüber von r. nach l.: Nazareth, der Berg Tabor, Afula mit dem  Givat Moreh. Von rechts die schnurgerade „Lineal-Straße“ (kvish ha-sargel) von Hadera nach Afula („wie findet man Afula?“ „es ist das Loch am Ende des Lineals“). Die Straße, die das Bild von links nach rechts durchschneidet, führt weiter nach Jenin.

Ich bin also, wie nicht anders zu erwarten,  dagegen, Secundus dagegen findet die Idee eigentlich sehr cool, einen internationalen Flughafen ein paar Minuten von zuhause zu haben. Er will für seinen Film Leute interviewen, die dafür oder dagegen sind, und mehr über den ganzen Plan herausfinden. Es war also ein Glücksfall für ihn, daß heute eine Demo stattfand.

Verkehrsminister Katz weiht heute eine neue Umgehungsstraße um Afula ein, und ganz in der Nähe des festlichen Ereignisses war die Demonstration angesagt. Viele Leute kamen wohl nicht, aber Secundus konnte eine Menge von ihnen interviewen, und sie hatten ganz gute Gründe gegen den Flughafenbau. Dann kamen der Minister und der Knesset-Abgeordnete Aflalo, und Secundus wollte ganz nah an sie dran. Er sah einen hochrangigen Polizeioffizier aus unserem Kibbuz, der die Sicherheitskräfte leitete, und rief ihm zu:  hey, Giora! Und Giora erkannte ihn, winkte ihn durch, ließ ihn ganz vorn an die Rednerbühne und hinterher an die Begleitgruppe der Politiker dran. Secundus konnte jetzt auch die ganze Demo „von gegenüber“ filmen und er meint zufrieden, daß er ein paar gute Bilder bekommen hat.

Der Kampf gegen denFlughafen jedenfalls geht weiter. Jetzt sagt mir mal ehrlich – wer würde schon gern in Armageddon landen?

armageddon

Kommentare»

1. zimtapfel - Oktober 15, 2009, 17:10

Ich kann es natürlich nur von ganz weit weg beurteilen, aber wenn ich mich an meinen Israel-Aufenthalt erinnere – 2 Wochen, Mitte der 90er -, dann erinnere ich mich an Israel als ein Land der kurzen Wege. Wir waren damals eine Woche lang in einem Küstenstädtchem im Norden und haben von da in bequemen Tagesausflügen vieles abgeklappert was es im nördlichen Teil des Landes zu sehen gibt. Und in der zweiten Woche waren wir in Jerusalem und dort natürlich hauptsächlich die Stadt selbst kennengelern aber auch einige Ausflüge zu Zielen in der Umgebung gemacht. Und Umgebung hieß in dem Fall: Alles, was in der Mitte des Landes ist. Lediglich der Süden blieb außen vor. Aber es waren halt nur zwei Wochen.
Was ich damit sagen will: Das Land ist so klein, ich kann mich an keine Fahrt von über zwei Stunden erinnern, die meisten waren deutlich kürzer, wozu braucht es da einen zusätzlichen Flughafen? Mit dem man auch noch viel zu viel für andere Dinge wie die Landwirtschaft weitaus wertvollere Fläche zubauen würde.
Kurz gesagt: Ich drücke meine Daumen für die Flughafengegner.
🙂

(Eine ähnliche Situation hatten wir auch hier in Kiel, wir wohnen quasi direkt neben dem örtlichen Flughafen, der bis vor wenigen Jahren – allerdings bevor ich hierher zog – auch einiges an Linien- und Charterflugbetrieb hatte. Vor wenigen Jahren wurde dann nach heftigen Debatten entschieden, den Flughafen nicht noch weiter auszubauen sondern im Gegenteil, den Betrieb zurückzufahren, so das heute nur noch Sportflugzeuge und die ein oder andere Privatmaschine hier starten und landen. Und es fährt stündlich ein recht günstiger und schneller Linienbus zum Flughafen Hamburg. Völlig ausreichend, wie ich finde. Mir genügt es, wenn ich in einer Stunde am nächsten Flughafen bin.)

2. willow - Oktober 15, 2009, 18:06

Ich will doch seeeehr hoffen, daß es sich um ein rein fiktives Projekt für eine Abschlußarbeit handelt!? Nein? Wirklich nicht? International Airport Meggido/Armageddon ?

Wobei, dieses Airfield gibt es scheinbar wirklich… bittebitte, sage, daß es sich nicht um ein weiteres Projekt in der Tradition des Blaumilchkanals oder des Straßenbahnbaus zu Jerusalem handelt! 😉

PS: Kennst du die Gepardenforelle?

3. Yoav Sapir - Oktober 15, 2009, 20:05

Naja, vielleicht damit man nicht solange zum Flughafen hin- bzw. nachhause fahren müsste, wenn man in Haifa u. nordwärts lebt? Außerdem: Nur einen int. Flughafen zu haben, das ist doch ein unglaublich großes strategisches Risiko. Wenn in BG sicherheitsmäßig was schief läuft, kommt der ganze int. Verkehrt zum Erliegen, weil es keine Alternative gibt, auf die man notfalls ausweichen könnte.

4. akru - Oktober 20, 2009, 18:58

Mein erster Gedanke war ein ganz anderer: Video und Film als Leistungskurs? Wie geht das und wie sieht dann das isr. Schulsystem aus?

5. Lila - Oktober 20, 2009, 19:15

Naja, „Leistungskurs“ ist nur eine ungefähre Übersetzung, natürlich ist hier nicht das deutsche Schulsystem, sondern das israelische. Es ähnelt mehr dem finnischen als dem deutschen, also Gesamtschulen mit Differenzierung und Förderung sowohl für schwache als auch für hochbegabte Schüler. (Alle Schüler werden routinemäßig auf Hochbegabung und Lernprobleme getestet).

Die Schüler wählen Schwerpunktfächer. Secundus hat Naturwissenschaften gewählt und außerdem Film und Video. Dazu gehören Stunden in Filmtheorie (die nicht weniger theoretisch anspruchsvoll ist als Literaturtheorie – Secundus hat dieselbe Lehrerin in beiden Fächern und ist auf einmal begeistert für Literatur, weil er sie durch Film-Augen sieht) und außerdem praktische Arbeit. Sie haben ausgezeichnete Ausrüstung, ein Studio, Schneideplätze…

Sie fahren zu Filmfestivals, Vorführungen israelischer und internationaler Filme, haben Treffen mit Regisseuren und lernen eine ganze Menge. Es ist ein Vergnügen, mit Secundus Filme zu sehen, er sieht jede Kleinigkeit, jeden Winkel, die Beleuchtung, Farbe, Bearbeitung, Führung der Schauspieler, das ganze Konzept.

Das Schulsystem in Israel hat problematische und sehr gute Seiten. Die Grundeinstellung ist nicht, daß die Schule Leistung verlangt und Schüler, die diese Leistung nicht erbringen, an „niedere “ Schulformen abgeschoben werden. (Und ich weiß ja, daß auch in Deutschland nicht alle Gymnasien so funktionieren.) In Israel geht die Schule davon aus, daß jedes Kind ein bestimmtes Potential hat, und die Schule hilft ihm, das zu verwirklichen. Um jeden Schüler wird gekämpft, es gibt extra Lehrer für Schulverweigerer und Problemfälle, und an jeder Schule arbeitet ein ganzes Team von Beratungslehrern, die jede Klasse begleiten.

Das ist notwendig, weil hier ja so heterogene Klassen sind, so viele Neueinwanderer und Leute, die Integration brauchen.

In der Zeitung wird jedes Jahr veröffentlicht, wie hoch der Prozentsatz der Schüler an jeder Schule ist, die das Abitur (Zentralabi) geschafft haben. Die Schule, die die meisten Schüler erfolgreich zum Abitur führt, gilt als die beste.

Natürlich kann nicht jede Schule diese hehren Grundsätze umsetzen. Viele Schulen in Israel leiden unter Geldknappheit, Lehrer verdienen viel zu wenig und darum gehen viele gute junge Leute in andere Berufe, und zu viele Bildungsminister haben neue Besen ausprobiert, bis die Schulen jede klare Linie verloren haben.

Wir haben Glück – Kibbuzschulen sind ausgezeichnet und ich bin sehr, sehr zufrieden mit der Schule meiner Kinder. Es ist eine experimentelle Schule mit einer ganz besonderen Organisation, die ich schon öfter beschrieben habe.

6. akru - Oktober 20, 2009, 21:39

Die Grundeinstellung gefällt mir.
Also unterrichten die gleichen Lehrer sowohl diejenigen, die später Abitur machen, als auch alle anderen. Wo ich mir gleich eine zweite Frage stelle(sry): Wie sieht es bei dem System dann mit Klassen aus? Ich meine, dt. Gymnasiasten haben ganz andere Lehrpläne als zum Beispiel Sekundarschüler. Demensprechend könnten sie nicht in eine Klasse gehen.
„und an jeder Schule arbeitet ein ganzes Team von Beratungslehrern, die jede Klasse begleiten. “ Hört sich nach einem Paradies für Sozialpädagogen an 🙂 !

Jede klare Linie haben leider auch deutsche Schulen verloren; wer das ganze verfolgt, der kommt gar nicht mehr hinterher mit den ganzen Oberstufenrichtlinien- und Schulsystemänderungen. Aber eigentlich wollte ich nicht auf diese deutschen Schulsysteme eingehen.

Da das ein echt großes Thema ist, wollt ich mal fragen, ob es darüber irgendetwas schriftliches gibt (also englisch oder deutsch…), was sich zu lesen lohnt?

7. Stuff - Oktober 21, 2009, 4:09

Hmmm – In Armageddon landen?
Ich weiss schon, dass dies ein verlockendes Anbot auf einem Hochglanzprospekt wäre…

Und besten Dank für eine so klare Routenbeschreibung!

Und als Dankeschön etwas Lektüre:

Klicke, um auf preussen.pdf zuzugreifen

Stuff


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